Psychische Erkrankung

Wenn die Seele leise zum Körper spricht - meine ganz persönliche Geschichte

„Die Seele leis’ zum Körper spricht: sag du es ihm. Mich hört er nicht.“

Mit diesem Zitat von Christian Morgenstern habe ich vor einiger Zeit meine Artikelserie über psychische Leiden begonnen, die sich über unseren Körper Ausdruck verleihen. Und mit genau diesen Worten möchte ich diese Serie nun auch beenden.

Einigen ist vielleicht aufgefallen, dass dieser Artikel – meiner bisherigen Frequenz folgend – eigentlich schon in der letzten Woche hätte erscheinen sollen. Zum Abschluss dieser Reihe wollte ich meine ganz persönliche Geschichte teilen. Und ehrlich gesagt: Dafür brauchte ich mehr Zeit, als ich zunächst gedacht hatte.

Es ist leicht, aus der Distanz zu schreiben. Über Themen, über andere Menschen, über Zusammenhänge. Wenn es jedoch um mich selbst geht, fällt es mir deutlich schwerer, die richtigen Worte zu finden. Worte, die ehrlich sind. Und liebevoll. Und wahr.

Lasst uns gemeinsam in die Vergangenheit reisen

Es ist lange her – und doch sind die Tage, in denen ich zum ersten Mal, ohne es zu wissen, mit einer dissoziativen Störung in Berührung gekommen bin, noch immer sehr präsent in meiner Erinnerung.

Du erinnerst dich vielleicht, dass dissoziative Krankheitsbilder häufig dann auftreten, wenn die Seele besonders schwer getroffen wurde – oft im Zusammenhang mit einem Trauma. Um das Unbegreifliche erträglich zu machen, spaltet sie Erlebtes ab. Das, was nicht gefühlt oder verstanden werden kann, sucht sich andere Wege: über den Körper. Über Bewegungseinschränkungen, Lähmungen, verändertes Bewusstsein oder – in besonders schweren Fällen – über das Entstehen zusätzlicher Persönlichkeiten, der dissoziativen Identitätsstörung.

Dissoziation ist kein „Versagen“. Sie ist ein Schutzmechanismus der Seele. – Ein verzweifelter, aber kluger Versuch, sich vor etwas zu bewahren, das sie sonst zerbrechen würde.

Zurück zu meiner Geschichte:

Damals arbeitete ich noch als Stewardess. Ich war frisch verheiratet und befand mich auf meinem ersten Langstreckenflug nach der Hochzeit. Eigentlich hätte der Himmel voller Geigen hängen sollen. Doch meiner Mutter ging es schon vor meiner Abreise nicht gut. Sie hatte Verdauungsprobleme, war häufig müde, hatte Gewicht verloren. Während ich in Calgary beim Frühstück in meinem Lieblingscafé neben dem Hotel saß, erreichte mich die Nachricht, sie sei „vorsorglich“ für weitere Untersuchungen im Krankenhaus. Ich solle mir keine Sorgen machen. Natürlich machte ich mir Sorgen. Unaufhörlich. Nach einem anstrengenden Nachtflug kam ich zu Hause an und wollte mich noch kurz hinlegen, bevor ich ins Krankenhaus fahren würde. Da kam der Anruf. Krebs.

Mein Körper ging in den Schock. Meine Seele begann zu funktionieren.

Ich organisierte, informierte, sagte eine kleine, für den nächsten Tag geplante Feier ab. Ich kümmerte mich. Ich regelte. Ich funktionierte – perfekt. So wie ich es immer tat, wenn es brenzlig wurde.

Am nächsten Tag folgte mehr Klarheit: mutmaßlich Darmkrebs. Bereits metastasiert, unter anderem in die Leber. Nach erster Einschätzung nicht heilbar. Ich hätte in diesem Moment so sehr den Austausch mit meiner Mutter gebraucht. Ein Gespräch. Eine Umarmung. Die Erlaubnis, für einen kurzen Moment einfach nur ein tieftrauriges Kind zu sein. Doch meine Mutter war nicht mehr dieselbe. Sie war da – und doch nicht erreichbar.

Ihr Blick war nicht leer, aber auf etwas gerichtet, das ich nicht sehen konnte. Ihr Gesichtsausdruck war fremd, fast beängstigend. Eine Freundin meiner Mutter und deren Tochter waren ebenfalls zu Besuch – beide sichtlich schockiert von ihrem Zustand. Ich versuchte zu beschwichtigen, zu erklären, zu relativieren – und war gleichzeitig so hilflos.

Tief in mir wusste ich an diesem Tag: Ich habe meine Mutter verloren. Nicht körperlich – aber seelisch. Ein Teil von mir glaubte, der Krebs habe ihr Wesen, ihre Persönlichkeit angegriffen. Ich hatte Angst, dass wir nie wieder so miteinander sprechen würden wie früher.

Ich blieb bis abends bei ihr im Krankenhaus. Am nächsten Tag sollte eine Darmspiegelung stattfinden. Zur Vorbereitung musste sie am Vorabend Abführmittel trinken. Ich weiß noch, wie verzweifelt ich versuchte, sie dazu zu bewegen. Doch ich konnte sie nicht erreichen.

Meine Mutter war weg – obwohl sie da war.

Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, steigen mir noch immer die Tränen in die Augen. Die Verzweiflung, die Angst, die Hilflosigkeit sind noch immer spürbar.

Was ich erst viel später verstand

Erst Jahre später konnte ich begreifen, was damals geschah: Die Seele meiner Mutter reagierte völlig normal auf eine zutiefst traumatisierende Diagnose. Sie befand sich in einem dissoziativen Zustand – um sich zu schützen, um das Unfassbare langsam und in ihrem eigenen Tempo zu verarbeiten.

Wie sehr hätte mir damals eine Erklärung geholfen. Ein Arzt, der gesagt hätte: „Geben Sie ihr Zeit.“ Oder: „Dieser Zustand ist vorübergehend.“

Stattdessen hörte ich den Satz, ich sei ja frisch verheiratet und könne meiner Mutter vielleicht noch schnell den Wunsch nach einem Enkelkind erfüllen – das würde ihr sicher neuen Lebensmut und Kraft geben.

Ich bin überzeugt, dass dieser Arzt es gut meinte. Er wollte trösten. Und doch fühlte es sich für mich unglaublich übergriffig an – zumal das Thema Kinder kein Thema für meinen Mann und mich war.

In einer idealen Welt hätten insbesondere Ärzt:innen ein solides Verständnis für psychische Dynamiken – und die Zeit und den Raum, dieses Wissen auch empathisch einzusetzen. Es gibt sie, diese Ärzt:innen, ja, aber vielleicht zu selten. Ich wünschte mir, unser Gesundheitssystem würde Sorge tragen, dass es sie häufiger gibt, dass Ärzt:innen entsprechend geschult werden, nicht nur fachlich, sondern auch in Gesprächsführung – noch ausführlicher, als es aktuell der Fall ist. Und verpflichtend!

Es folgte eine lange und intensive Reise, während der ich noch all die Gespräche mit meiner Mutter führen konnte, die ich an diesem Tag in der Klinik dachte verloren zu haben. Gestern hat sich ihr Todestag einmal mehr gejährt, und auch nach all den Jahren bin ich erstaunt, wie konsequent die Zeit vergeht, wie unaufhaltsam das Leben immer weiter passiert und wie präsent doch dieses Gefühl der Liebe bleibt – und der Dankbarkeit für die Jahre, die ich meine Mutter an meiner Seite hatte.

Zurück in die Gegenwart

Einer der Onkologen meiner Mutter sagte mir damals sehr eindringlich, dass es bei Darmkrebs familiäre Häufungen gebe. Ich solle bitte früher und regelmäßiger zur Vorsorge gehen. Damals war ich fest entschlossen, genau das zu tun. Wie so oft im Leben verblasst ein Vorsatz mit den Jahren. Bis mich die Geschichte meiner Mutter Ende letzten Jahres wieder einholte.

Im Sommer begann es mit gelegentlichem Sodbrennen. Dann kam es täglich. Dazu Völlegefühl, Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme jeder Art. Ich dachte an Stress. An Unverträglichkeiten. Doch egal, was ich aß oder nicht aß – die Symptome wurden stärker.

Als mein Hausarzt dringend zu einer Magen- und Darmspiegelung riet, traf mich dieser Satz ins Mark: „Bei deiner familiären Vorbelastung müssen wir das Schlimmste sicher ausschließen.“

Das Schlimmste. Richtig. Da war ja etwas. Ich zeigte nahezu dieselben Symptome wie meine Mutter vor ihrer Diagnose. Und auch bei mir war das Blutbild unauffällig.

Der nächste freie Untersuchungstermin: Ende Mai. Es war Januar. Besser als nichts. Und sicher ist es nur Stress. Die Seele leis’ zum Körper spricht …

Doch dann spitzte sich alles zu. Ich begann Gewicht zu verlieren, konnte nur noch kleine Portionen essen, schlief nicht mehr. Die Angst verstärkte die Symptome – die Symptome verstärkten die Angst. Ich war gefangen in einem Kreislauf, aus dem ich mich kaum noch selbst befreien konnte.

Zum Glück fand ich schließlich eine Praxis, die mir kurzfristig einen Notfalltermin anbot.

Zwischen Angst und Hoffnung

Am Tag der Untersuchung war ich erleichtert – und gleichzeitig voller Angst. Angst davor, aus der Narkose aufzuwachen und im Gesicht des Arztes die Antwort zu lesen. Als ich erwachte, sah ich zuerst in das Gesicht einer freundlichen Krankenschwester. Sie brachte mir Kaffee. Draußen schien die Sonne. Einer dieser ersten Frühlingstage.

„Der Arzt kommt gleich.“

Dieses „gleich“ dehnte sich endlos. Und irgendwann beschloss ich, diesen Moment bewusst zu genießen. Der Kaffee schmeckte gut. Ich hatte Kekse dabei. Die Sonne wärmte.

Vielleicht, dachte ich, ist dies der letzte Moment unbeschwerter Normalität.

Dann kam der Arzt, der mir meine Sorge wohl schon von Weitem ansah. Noch ehe er sich setzte, sagte er diesen wunderbaren Satz: „Alles gut. Es ist nichts Schlimmes.“

Kein Krebs. Stattdessen Reflux, eine Magenschleimhautentzündung, ein gereizter Darm. „Hatten Sie viel Stress?“ – psychosomatisch, wie so oft.

Wenn er wüsste.

Und dann ist alles gut – oder?

Die Sonne schien heller, als ich die Praxis verließ. Seit drei Wochen helfen die Medikamente nun sehr gut. Und die Gewissheit, dass es kein Krebs ist, ist unbeschreiblich.

Was bleibt, ist die Frage, die sich viele Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen stellen: Was jetzt?

Denn „Achte besser auf dich“ ist leichter gesagt als gelebt.

Seit Jahren begleite ich im Rahmen meiner Arbeit andere Menschen dabei, ihre Stressmuster zu erkennen und zu bearbeiten. Nun bin ich selbst auf dieser Reise. Und ich merke: Es geht bei mir weniger um Arbeitsbelastung als um innere Haltungen, um Sorgen und Ängste, Versagensängste, denen ich manchmal zu viel Raum gebe.

Psychosomatische Erkrankungen sind allgegenwärtig. Und doch werden sie selten wirklich verstanden. Der erste Weg führt immer zum Arzt – der zweite sollte zur Ursache führen. Denn auch die besten Medikamente helfen bei psychosomatischen Erkrankungen nur temporär. Auch ein Teil von mir fragt sich, wie es wird, wenn ich meine Tabletten fertig genommen haben werde. An dieser Stelle beginnt auch mein Weg zur Ursache – und zum Musterbruch!

Wenn auch du dich auf diesen Weg machen möchtest, begleite ich dich von Herzen gern. Nicht nur, weil ich es professionell kann und Erfahrung in dieser Begleitung habe. Sondern nun auch, weil ich weiß, wie sich dieser Weg anfühlt. Wenn du möchtest, vereinbare gerne ein kostenfreies und unverbindliches Erstgespräch.

Ich wünsche dir schöne Osterfeiertage. Ich gönne mir einen kurzen Urlaub, und mein Blog ist am 26. April mit einem neuen Artikel zurück. Ein Thema dafür habe ich übrigens noch nicht. Aber vielleicht hast du ja eine Idee, worüber du gerne lesen möchtest. Ich freue mich über Input!

Constance

Der hypnosystemische Ansatz - Integratives Arbeiten mit Körper und Psyche

In den letzten Wochen habe ich unterschiedliche psychische Krankheitsbilder vorgestellt, die alle gemeinsam haben, dass sie sich über körperliches Leiden Ausdruck verleihen. Du erinnerst dich vielleicht an die dissoziativen Störungen, einen Schutzmechanismus, der unser Bewusstsein vor oft schweren Traumata schützt, die somatoformen Störungen, bei denen die Seele über unterschiedliche Schmerzen und Erkrankungen über den Körper spricht, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann, und schließlich die psychosomatischen Erkrankungen, bei denen der Körper mit einer Erkrankung reagiert, die im Kontext längerer Be- oder Überlastung steht.

Wenn Menschen mit entsprechenden Beschwerden in eine Therapie kommen, bringen sie oft eine lange Geschichte mit. Viele Arztbesuche. Untersuchungen. Medikamente. Vielleicht sogar die Erfahrung, nicht wirklich ernst genommen zu werden. „Organisch ist nichts zu finden.“ Dieser Satz kann für Betroffene gleichzeitig erleichternd und zutiefst frustrierend sein. Denn die Schmerzen sind real. Die Erschöpfung ist real. Das Herzrasen, die Magenkrämpfe, die Verspannungen, der Schwindel – all das ist spürbar, belastend und oft lebensbestimmend.

Der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt eröffnet hier eine spannende Perspektive. Eine Perspektive, die weder Körper noch Psyche gegeneinander ausspielt, sondern beide als Teile eines intelligenten, miteinander kommunizierenden Systems versteht. Und genau dort beginnt eine Form von Therapie, die nicht gegen Symptome kämpft – sondern versucht zu verstehen, wofür sie stehen.

Körper und Psyche: Zwei Sprachen desselben Systems

In vielen medizinischen und therapeutischen Modellen wird noch immer unterschieden zwischen „körperlich“ und „psychisch“. Der hypnosystemische Ansatz stellt diese Trennung infrage.

Gunther Schmidt verbindet zwei große therapeutische Traditionen:

  • Systemische Therapie

  • Hypnotherapie nach Milton Erickson

Aus dieser Verbindung entsteht ein Verständnis des Menschen als komplexes Selbstorganisationssystem. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Körperempfindungen, Beziehungserfahrungen und Verhaltensmuster wirken darin ununterbrochen zusammen. Der Körper ist in diesem Modell nicht einfach ein „Ort von Symptomen“. Er ist ein hochsensibles Resonanzsystem, das Erfahrungen speichert, bewertet und kommuniziert. Gerade bei psychosomatischen, somatoformen oder dissoziativen Symptomen zeigt sich das besonders deutlich. Was sich im Körper ausdrückt, ist oft eine Form von innerer Kommunikation, für die bislang keine andere Sprache gefunden wurde.

Symptome als sinnvolle Lösungsversuche

Ein zentraler Gedanke in Gunther Schmidts Arbeit ist zunächst irritierend – und zugleich zutiefst entlastend: Symptome sind keine Fehler. Sie sind Versuche des Organismus, mit Belastungen umzugehen. Das bedeutet nicht, dass Symptome angenehm oder hilfreich sind. Aber sie erfüllen häufig eine wertvolle und wichtige Funktion innerhalb des Systems.

Ein Beispiel:

Ein Mensch erlebt über lange Zeit starke innere Spannungen oder ungelöste Konflikte. Der Körper reagiert vielleicht mit chronischen Muskelverspannungen, Magenbeschwerden oder Herzrasen. Aus hypnosystemischer Sicht ist das kein „Defekt“. Es ist ein Regulationsversuch des Nervensystems. Der Körper versucht, mit den verfügbaren Mitteln Stabilität herzustellen.

Wenn Therapeut:innen beginnen, Symptome nicht als Gegner zu betrachten, verändert sich sofort die Haltung in der Therapie. Statt zu fragen: „Wie bekommen wir das weg?“ entsteht eine andere Frage: „Wofür könnte dieses Symptom eine Lösung sein?“ Allein diese Perspektivverschiebung kann für Betroffene eine enorme Entlastung sein. Denn plötzlich wird ihr Erleben nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als Teil einer intelligenten Selbstorganisation.

Die Sprache des Körpers verstehen

Gunther Schmidt arbeitet in der Therapie häufig damit, die Aufmerksamkeit der Patient:innen behutsam auf ihre körperlichen Erfahrungen zu lenken. Nicht analysierend. Nicht bewertend. Sondern neugierig.

Der Körper wird zu einer Art Landkarte innerer Prozesse.

  • Spannung im Brustraum

  • Enge im Hals

  • Druck im Magen

  • Schwere in den Schultern

All diese Empfindungen können Hinweise darauf sein, wie das innere System gerade organisiert ist. Viele Menschen haben jedoch gelernt, diese Signale zu übergehen. Der Alltag fordert Funktionieren. Leistung. Anpassung. Die Fähigkeit, die eigene Körperwahrnehmung ernst zu nehmen, geht dabei oft verloren. In der hypnosystemischen Arbeit wird sie wieder vorsichtig aktiviert. Nicht, um Symptome zu verstärken – sondern um Zugang zu den dahinterliegenden inneren Prozessen zu bekommen.

Hypnotherapie als Zugang zu inneren Ressourcen

Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist die hypnotherapeutische Nutzung von Aufmerksamkeit und inneren Bildern. Dabei geht es nicht um Showhypnose oder Kontrollverlust. Im Gegenteil. Die hypnosystemische Hypnotherapie arbeitet mit einem sehr respektvollen Verständnis von Trance. Trance wird als natürlicher Aufmerksamkeitszustand betrachtet.

Wir kennen solche Zustände aus dem Alltag:

  • wenn wir völlig in Musik versinken

  • beim Tagträumen

  • beim intensiven Nachdenken

  • oder beim Autofahren auf einer vertrauten Strecke

In diesen Zuständen wird der Zugang zu inneren Bildern, Erinnerungen und Körperempfindungen oft besonders klar. Therapeutisch kann das genutzt werden, um neue Erfahrungen im inneren System zu ermöglichen. Beispielsweise kann ein Patient eingeladen werden, die körperliche Erfahrung eines Symptoms bewusst wahrzunehmen – und gleichzeitig nach inneren Bildern oder Erinnerungen zu suchen, die mit dieser Empfindung verbunden sind. Oft zeigen sich dabei überraschende Zusammenhänge. Ein Druck im Brustkorb kann plötzlich mit einem Gefühl von Überforderung verbunden sein. Eine Spannung im Nacken mit dem inneren Anspruch, immer stark sein zu müssen. Der Körper wird so zum Wegweiser in die innere Erlebniswelt und eröffnet oft ganz neue Ansätze in der Arbeit mit dem Symptom.

Achtsamkeit statt Kampf gegen Symptome

Was Gunther Schmidts Ansatz besonders auszeichnet, ist die grundlegend wertschätzende Haltung gegenüber dem inneren System eines Menschen. Selbst Symptome, die sehr belastend sind, werden nicht abgewertet. Sie werden als Teil eines Schutzmechanismus betrachtet.

Gerade bei psychosomatischen, somatoformen und dissoziativen Störungen ist diese Haltung oft hilfreich. Viele Betroffene haben über Jahre erlebt, dass ihre Beschwerden bagatellisiert oder missverstanden wurden. Wenn ein Therapeut stattdessen sagt: „Ihr Körper versucht offensichtlich sehr intensiv, auf etwas aufmerksam zu machen“, entsteht oft zum ersten Mal ein Gefühl von verstanden werden – und sich selbst zu verstehen. Diese Form der therapeutischen Beziehung ist im hypnosystemischen Ansatz zentral. Veränderung entsteht nicht durch Druck oder Konfrontation. Sie entsteht durch Sicherheit, Würdigung und neue Erfahrungsmöglichkeiten.

Neue Kooperation zwischen Körper und Psyche

Ein wichtiges Ziel der hypnosystemischen Therapie ist es, eine neue Zusammenarbeit innerhalb des eigenen Systems zu ermöglichen. Viele Menschen erleben ihre Symptome wie einen inneren Gegner. Der Körper „macht Probleme“. Die Psyche „funktioniert nicht richtig“. Der hypnosystemische Ansatz lädt dazu ein, diese Beziehung neu zu gestalten. Statt Kampf entsteht Kooperation. Der Körper wird wieder als Verbündeter betrachtet. Ein Signal wie Herzrasen kann dann nicht nur als Angst erlebt werden, sondern auch als Hinweis: Vielleicht ist gerade eine Grenze überschritten. Vielleicht braucht es eine Pause. Vielleicht eine Entscheidung. In diesem Sinne wird der Körper zu einem Frühwarnsystem für das eigene Wohlbefinden.

Warum dieser Ansatz gerade bei psychosomatischen Erkrankungen so wertvoll ist

Psychosomatische, somatoforme und dissoziative Symptome entstehen häufig in Situationen, in denen emotionale Erfahrungen nicht ausreichend verarbeitet werden konnten. Der Körper übernimmt dann gewissermaßen eine Übersetzungsfunktion. Gefühle, Erinnerungen oder innere Konflikte finden Ausdruck in körperlichen Prozessen. Der hypnosystemische Ansatz ermöglicht es, diese Ausdrucksformen ernst zu nehmen – ohne sie vorschnell zu pathologisieren.

Statt Symptome zu unterdrücken, entsteht ein Raum, in dem ihre Bedeutung verstanden werden kann. Und oft zeigt sich dann etwas sehr Berührendes: Der Körper hat über lange Zeit versucht, für das innere Gleichgewicht zu sorgen. Auch wenn die Form dieses Versuchs manchmal sehr schmerzhaft war.

Ein zutiefst menschlicher Blick auf Heilung

Was Gunther Schmidts Arbeit so besonders macht, ist letztlich nicht nur die Methode. Es ist die Haltung. Eine Haltung, die davon ausgeht, dass Menschen – selbst in schwierigen Symptomen – über erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstorganisation verfügen. Die Aufgabe der Therapie besteht nicht darin, Menschen zu „reparieren“. Sondern darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen diese Fähigkeiten wieder zugänglich werden. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle. Er erinnert uns daran, dass Psyche und Körper nie getrennt waren. Sie waren immer Teil desselben lebendigen Systems. Und manchmal beginnt Heilung genau in dem Moment, in dem wir beginnen, diesem System wieder zuzuhören.

Ich selbst habe den hypnosystemischen Ansatz vor fünf Jahren kennengelernt. Seitdem ist diese Art zu arbeiten – und vor allem auch diese Perspektive auf Menschen, Themen und vermeintliche Probleme – elementarer Bestandteil meiner Arbeit als Coach und Berater. Die hypnosystemische Methode nach Gunther Schmidt eignet sich nicht nur ganz hervorragend für therapeutisches Arbeiten, sondern lässt sich auch wunderbar in meine Arbeit als Coach, Mediator und Organisationsberater übertragen.

Ich bin zum großen Fan geworden, und wenn du jetzt neugierig auf hypnosystemisches Arbeiten geworden bist, kontaktiere mich gerne. Gerne können wir schauen, ob du deine Perspektive auf ein Thema, das du aktuell als problematisch erlebst, mit Hilfe des hypnosystemischen Ansatzes neu gestalten kannst, um dir so einen anderen, hilfreicheren Zugang zu erarbeiten.

Constance

Der Weg zur Heilung

Therapie - aber wie?

Wenn die Krankheit selbst zum Symptom wird - Das weite Feld der Psychosomatik

Über psychosomatische Erkrankungen und die Sprache zwischen Körper und Seele

Es beginnt oft schleichend. Ein Druck im Magen, der nicht nachlässt. Verspannungen im Nacken, die trotz Physiotherapie immer wieder kommen. Herzrasen. Die Alltagsbelastung, der Stress oder auch einschneidende Erlebnisse wirken sich auf den Körper aus, manchmal langsam, manchmal plötzlich und kraftvoll.

Viele dieser typischen „Stresserkrankungen“ kennen wir inzwischen, können erklären, wie genau Stress oder psychische Belastung unser Nervensystem triggert und wie genau sich das auswirkt. Und trotzdem ist der Weg der Betroffenen kein leichter. „Dann entspann dich halt mal!“ „Stress dich einfach nicht so!“ – Klar, gerne! – Aber wie? Da ist der Weg zu Schmerzmitteln gegen den verspannten Rücken oder die Kopfschmerzen oder diese feinen Gels gegen Sodbrennen oder Reizmagen oft die einfachere Variante. Helfen sie doch so wunderbar gegen das Symptom und schaffen schnelle Erleichterung. Ja, Medikamente helfen! – Aber eben nur kurzfristig.

Körper und Seele – keine Gegensätze, sondern ein System

Die Vorstellung, psychische Prozesse könnten körperliche Symptome hervorrufen, wirkt für manche noch immer fremd. Dabei ist der Zusammenhang längst wissenschaftlich gut belegt.

Stress verändert die Aktivität des Nervensystems. Gefühle beeinflussen Hormone, Muskelspannung, Immunsystem und Schmerzverarbeitung. Dauerhafte seelische Belastung kann so zu realen, messbaren körperlichen Beschwerden führen – nicht eingebildet, nicht simuliert, sondern tatsächlich erlebt.

Psychosomatische Erkrankungen sind deshalb kein „weniger echtes“ Leiden. Sie sind Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Der Körper spricht – oft dort, wo Worte fehlen oder Belastungen zu lange getragen wurden.

Was psychosomatische Erkrankungen kennzeichnet

Von psychosomatischen Erkrankungen spricht man, wenn psychische Belastungen wesentlich an der Entstehung, Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung körperlicher Symptome beteiligt sind. Häufig bestehen dabei sowohl körperliche als auch seelische Anteile, die sich gegenseitig beeinflussen.

Typische Beispiele sind:

  • Reizdarmsyndrom mit Schmerzen, Durchfällen oder Verstopfung ohne klare organische Ursache

  • Chronische Schmerzstörungen, etwa Rücken- oder Kopfschmerzen

  • Migräne, die stark durch Stress oder emotionale Belastung getriggert wird

  • Neurodermitis oder Psoriasis, deren Schübe eng mit psychischer Anspannung verbunden sein können

  • Herz-Kreislauf-Beschwerden wie funktionelles Herzrasen oder Brustenge ohne strukturelle Herzerkrankung

Gemeinsam ist diesen Krankheitsbildern, dass medizinische Faktoren eine Rolle spielen – die seelische Dimension jedoch entscheidend mitwirkt.

Abgrenzung zu somatoformen Störungen (siehe meinen Artikel vom 08.02.26)

Wichtig ist die Unterscheidung zu somatoformen Störungen (heute oft als somatische Belastungsstörung bezeichnet). Hier stehen anhaltende körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung im Vordergrund – verbunden mit starkem Leiden, Sorgen um die Gesundheit und intensiver Beschäftigung mit den Symptomen.

Der zentrale Unterschied:

  • Psychosomatische Erkrankungen: Es gibt eine medizinisch beschreibbare körperliche Erkrankung, die jedoch stark durch psychische Faktoren beeinflusst wird.

  • Somatoforme Störungen: Die körperlichen Symptome bestehen, ohne dass eine ausreichende organische Ursache gefunden wird. Entscheidend ist hier vor allem die Art, wie der Körper wahrgenommen und interpretiert wird.

  • Beide Bereiche überschneiden sich in der Realität teilweise – doch die therapeutischen Zugänge können unterschiedlich sein. Deshalb ist eine sorgfältige diagnostische Einordnung wichtig.

Abgrenzung zu dissoziativen Störungen (siehe meinen Artikel vom 25.01.26)

Noch einmal anders gelagert sind dissoziative Störungen. Hier geht es weniger um körperliche Erkrankung im engeren Sinn, sondern um Abspaltungs- oder Schutzreaktionen der Psyche – etwa:

  • Erinnerungslücken

  • Depersonalisation (Gefühl, nicht wirklich im eigenen Körper zu sein)

  • funktionelle Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen ohne neurologischen Befund

Dissoziation ist oft mit traumatischen Erfahrungen verbunden und dient ursprünglich dem psychischen Schutz. Während psychosomatische Erkrankungen also die Verbindung zwischen Körper und Seele zeigen, spiegeln dissoziative Störungen eher eine Trennung oder Unterbrechung dieser Verbindung.

Die Perspektive der Betroffenen – ein zentraler Schlüssel

Wer psychosomatische Erkrankungen verstehen will, muss vor allem zuhören. Viele Betroffene berichten von einem langen Weg durch das Gesundheitssystem: zahlreiche Arzttermine, wechselnde Diagnosen, gut gemeinte, aber verletzende Aussagen wie „Da ist nichts“ oder „Das ist nur psychisch“. Solche Erfahrungen können den Leidensdruck verstärken. Denn das eigentliche Problem ist nicht nur das Symptom – sondern auch das Gefühl, damit allein zu sein.

Eine wertschätzende Haltung bedeutet deshalb:

  • Beschwerden ernst zu nehmen, unabhängig vom Befund

  • körperliche und seelische Dimension gemeinsam zu betrachten

  • Betroffene als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Erfahrung zu sehen

  • Heilung beginnt im Moment des Verstehens und des Verstandenwerdens.

Ein Fallbeispiel: Wenn der Körper stoppt, was die Seele nicht sagen kann

Frau M., 42 Jahre, arbeitet seit vielen Jahren in einer verantwortungsvollen Position. Sie gilt als zuverlässig, engagiert und belastbar. Über Monate hinweg entwickeln sich jedoch zunehmende Bauchschmerzen, Durchfälle und Erschöpfung. Zahlreiche medizinische Untersuchungen bleiben ohne klaren Befund. Schließlich wird ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert. Medikamente bringen nur begrenzte Linderung. Die Symptome kommen immer wieder, sobald die Medikamente niedriger dosiert oder abgesetzt werden.

Erst in einer psychosomatischen Behandlung zeigt sich ein tieferer Zusammenhang:

  • Hoher beruflicher Druck

  • Permanente Selbstüberforderung

  • Kaum Raum für eigene Bedürfnisse

  • Eine biografische Prägung, „stark sein zu müssen“

  • Der Körper übernimmt gewissermaßen die Funktion einer Notbremse.

Im therapeutischen Prozess lernt Frau M., Belastungsgrenzen wahrzunehmen, Gefühle auszudrücken und ihr Leben schrittweise neu auszurichten. Ergänzend helfen Entspannungsverfahren, achtsamkeitsbasierte Methoden und eine angepasste medizinische Begleitung. Die Beschwerden verschwinden nicht sofort – doch sie verändern sich. Vor allem entsteht etwas Neues: ein Gefühl von Einfluss, Verständnis und Selbstfürsorge.

Wege der Behandlung – mehrdimensional statt eindimensional

Psychosomatische Erkrankungen brauchen selten nur eine Maßnahme. Erfolgreiche Behandlung verbindet meist mehrere Ebenen:

Medizinisch

  • sorgfältige Diagnostik

  • symptomlindernde Therapie

  • Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen

Psychotherapeutisch

  • Verstehen innerer Konflikte und Belastungen

  • Entwicklung neuer Bewältigungsstrategien

  • Bearbeitung biografischer Erfahrungen

Körperorientiert

  • Entspannungsverfahren

  • Achtsamkeit

  • Bewegungstherapie

  • Regulation des Nervensystems

Entscheidend ist nicht die perfekte Methode, sondern das Zusammenspiel – und eine tragfähige therapeutische Beziehung.

Wenn Symptome Sinn ergeben

Ein ungewohnter, aber hilfreicher Perspektivwechsel besteht darin, Symptome nicht nur als Störung zu sehen, sondern auch als Signal. Nicht im Sinne einer Schuldzuweisung. Sondern als Hinweis darauf, dass etwas im Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Manchmal zeigt der Körper Grenzen, bevor wir sie bewusst wahrnehmen. Manchmal drückt er Gefühle aus, für die es noch keine Worte gibt. Und manchmal zwingt er zu einer Pause, die wir uns selbst nie erlaubt hätten. Diese Sichtweise verändert nicht die Realität des Leidens – aber sie kann einen Weg eröffnen, der über reine Symptombekämpfung hinausführt.

Fazit: Heilung beginnt mit Verbindung

Psychosomatische Erkrankungen machen sichtbar, was im Alltag leicht verloren geht: die untrennbare Verbindung zwischen Körper und Seele. Sie erinnern daran, dass Gesundheit mehr ist als das Fehlen eines Befunds. Und dass echte Heilung dort beginnt, wo Menschen in ihrer ganzen Erfahrung gesehen werden. Wenn die Krankheit ein Symptom ist, stellt sich nicht nur die Frage „Was fehlt dem Körper?“, sondern auch „Was braucht der Mensch?“

Soweit meine Reise durch unterschiedliche Krankheitsbilder, in denen sich die Seele durch den Körper „Luft macht“. In meinen nächsten Artikeln stelle ich dir einige Coaching- oder Therapiemethoden vor, die das Zusammenspiel von Körper und Seele bewusst als Katalysator für Entwicklung nutzen. Bis dahin freue ich mich wie immer über Feedback, eigene Erfahrungen, Fragen oder Anmerkungen.

Constance

Wenn Medikamente Linderung verschaffen

… aber nur kurzfristig!