Psychotherapie

Der hypnosystemische Ansatz - Integratives Arbeiten mit Körper und Psyche

In den letzten Wochen habe ich unterschiedliche psychische Krankheitsbilder vorgestellt, die alle gemeinsam haben, dass sie sich über körperliches Leiden Ausdruck verleihen. Du erinnerst dich vielleicht an die dissoziativen Störungen, einen Schutzmechanismus, der unser Bewusstsein vor oft schweren Traumata schützt, die somatoformen Störungen, bei denen die Seele über unterschiedliche Schmerzen und Erkrankungen über den Körper spricht, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann, und schließlich die psychosomatischen Erkrankungen, bei denen der Körper mit einer Erkrankung reagiert, die im Kontext längerer Be- oder Überlastung steht.

Wenn Menschen mit entsprechenden Beschwerden in eine Therapie kommen, bringen sie oft eine lange Geschichte mit. Viele Arztbesuche. Untersuchungen. Medikamente. Vielleicht sogar die Erfahrung, nicht wirklich ernst genommen zu werden. „Organisch ist nichts zu finden.“ Dieser Satz kann für Betroffene gleichzeitig erleichternd und zutiefst frustrierend sein. Denn die Schmerzen sind real. Die Erschöpfung ist real. Das Herzrasen, die Magenkrämpfe, die Verspannungen, der Schwindel – all das ist spürbar, belastend und oft lebensbestimmend.

Der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt eröffnet hier eine spannende Perspektive. Eine Perspektive, die weder Körper noch Psyche gegeneinander ausspielt, sondern beide als Teile eines intelligenten, miteinander kommunizierenden Systems versteht. Und genau dort beginnt eine Form von Therapie, die nicht gegen Symptome kämpft – sondern versucht zu verstehen, wofür sie stehen.

Körper und Psyche: Zwei Sprachen desselben Systems

In vielen medizinischen und therapeutischen Modellen wird noch immer unterschieden zwischen „körperlich“ und „psychisch“. Der hypnosystemische Ansatz stellt diese Trennung infrage.

Gunther Schmidt verbindet zwei große therapeutische Traditionen:

  • Systemische Therapie

  • Hypnotherapie nach Milton Erickson

Aus dieser Verbindung entsteht ein Verständnis des Menschen als komplexes Selbstorganisationssystem. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Körperempfindungen, Beziehungserfahrungen und Verhaltensmuster wirken darin ununterbrochen zusammen. Der Körper ist in diesem Modell nicht einfach ein „Ort von Symptomen“. Er ist ein hochsensibles Resonanzsystem, das Erfahrungen speichert, bewertet und kommuniziert. Gerade bei psychosomatischen, somatoformen oder dissoziativen Symptomen zeigt sich das besonders deutlich. Was sich im Körper ausdrückt, ist oft eine Form von innerer Kommunikation, für die bislang keine andere Sprache gefunden wurde.

Symptome als sinnvolle Lösungsversuche

Ein zentraler Gedanke in Gunther Schmidts Arbeit ist zunächst irritierend – und zugleich zutiefst entlastend: Symptome sind keine Fehler. Sie sind Versuche des Organismus, mit Belastungen umzugehen. Das bedeutet nicht, dass Symptome angenehm oder hilfreich sind. Aber sie erfüllen häufig eine wertvolle und wichtige Funktion innerhalb des Systems.

Ein Beispiel:

Ein Mensch erlebt über lange Zeit starke innere Spannungen oder ungelöste Konflikte. Der Körper reagiert vielleicht mit chronischen Muskelverspannungen, Magenbeschwerden oder Herzrasen. Aus hypnosystemischer Sicht ist das kein „Defekt“. Es ist ein Regulationsversuch des Nervensystems. Der Körper versucht, mit den verfügbaren Mitteln Stabilität herzustellen.

Wenn Therapeut:innen beginnen, Symptome nicht als Gegner zu betrachten, verändert sich sofort die Haltung in der Therapie. Statt zu fragen: „Wie bekommen wir das weg?“ entsteht eine andere Frage: „Wofür könnte dieses Symptom eine Lösung sein?“ Allein diese Perspektivverschiebung kann für Betroffene eine enorme Entlastung sein. Denn plötzlich wird ihr Erleben nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als Teil einer intelligenten Selbstorganisation.

Die Sprache des Körpers verstehen

Gunther Schmidt arbeitet in der Therapie häufig damit, die Aufmerksamkeit der Patient:innen behutsam auf ihre körperlichen Erfahrungen zu lenken. Nicht analysierend. Nicht bewertend. Sondern neugierig.

Der Körper wird zu einer Art Landkarte innerer Prozesse.

  • Spannung im Brustraum

  • Enge im Hals

  • Druck im Magen

  • Schwere in den Schultern

All diese Empfindungen können Hinweise darauf sein, wie das innere System gerade organisiert ist. Viele Menschen haben jedoch gelernt, diese Signale zu übergehen. Der Alltag fordert Funktionieren. Leistung. Anpassung. Die Fähigkeit, die eigene Körperwahrnehmung ernst zu nehmen, geht dabei oft verloren. In der hypnosystemischen Arbeit wird sie wieder vorsichtig aktiviert. Nicht, um Symptome zu verstärken – sondern um Zugang zu den dahinterliegenden inneren Prozessen zu bekommen.

Hypnotherapie als Zugang zu inneren Ressourcen

Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist die hypnotherapeutische Nutzung von Aufmerksamkeit und inneren Bildern. Dabei geht es nicht um Showhypnose oder Kontrollverlust. Im Gegenteil. Die hypnosystemische Hypnotherapie arbeitet mit einem sehr respektvollen Verständnis von Trance. Trance wird als natürlicher Aufmerksamkeitszustand betrachtet.

Wir kennen solche Zustände aus dem Alltag:

  • wenn wir völlig in Musik versinken

  • beim Tagträumen

  • beim intensiven Nachdenken

  • oder beim Autofahren auf einer vertrauten Strecke

In diesen Zuständen wird der Zugang zu inneren Bildern, Erinnerungen und Körperempfindungen oft besonders klar. Therapeutisch kann das genutzt werden, um neue Erfahrungen im inneren System zu ermöglichen. Beispielsweise kann ein Patient eingeladen werden, die körperliche Erfahrung eines Symptoms bewusst wahrzunehmen – und gleichzeitig nach inneren Bildern oder Erinnerungen zu suchen, die mit dieser Empfindung verbunden sind. Oft zeigen sich dabei überraschende Zusammenhänge. Ein Druck im Brustkorb kann plötzlich mit einem Gefühl von Überforderung verbunden sein. Eine Spannung im Nacken mit dem inneren Anspruch, immer stark sein zu müssen. Der Körper wird so zum Wegweiser in die innere Erlebniswelt und eröffnet oft ganz neue Ansätze in der Arbeit mit dem Symptom.

Achtsamkeit statt Kampf gegen Symptome

Was Gunther Schmidts Ansatz besonders auszeichnet, ist die grundlegend wertschätzende Haltung gegenüber dem inneren System eines Menschen. Selbst Symptome, die sehr belastend sind, werden nicht abgewertet. Sie werden als Teil eines Schutzmechanismus betrachtet.

Gerade bei psychosomatischen, somatoformen und dissoziativen Störungen ist diese Haltung oft hilfreich. Viele Betroffene haben über Jahre erlebt, dass ihre Beschwerden bagatellisiert oder missverstanden wurden. Wenn ein Therapeut stattdessen sagt: „Ihr Körper versucht offensichtlich sehr intensiv, auf etwas aufmerksam zu machen“, entsteht oft zum ersten Mal ein Gefühl von verstanden werden – und sich selbst zu verstehen. Diese Form der therapeutischen Beziehung ist im hypnosystemischen Ansatz zentral. Veränderung entsteht nicht durch Druck oder Konfrontation. Sie entsteht durch Sicherheit, Würdigung und neue Erfahrungsmöglichkeiten.

Neue Kooperation zwischen Körper und Psyche

Ein wichtiges Ziel der hypnosystemischen Therapie ist es, eine neue Zusammenarbeit innerhalb des eigenen Systems zu ermöglichen. Viele Menschen erleben ihre Symptome wie einen inneren Gegner. Der Körper „macht Probleme“. Die Psyche „funktioniert nicht richtig“. Der hypnosystemische Ansatz lädt dazu ein, diese Beziehung neu zu gestalten. Statt Kampf entsteht Kooperation. Der Körper wird wieder als Verbündeter betrachtet. Ein Signal wie Herzrasen kann dann nicht nur als Angst erlebt werden, sondern auch als Hinweis: Vielleicht ist gerade eine Grenze überschritten. Vielleicht braucht es eine Pause. Vielleicht eine Entscheidung. In diesem Sinne wird der Körper zu einem Frühwarnsystem für das eigene Wohlbefinden.

Warum dieser Ansatz gerade bei psychosomatischen Erkrankungen so wertvoll ist

Psychosomatische, somatoforme und dissoziative Symptome entstehen häufig in Situationen, in denen emotionale Erfahrungen nicht ausreichend verarbeitet werden konnten. Der Körper übernimmt dann gewissermaßen eine Übersetzungsfunktion. Gefühle, Erinnerungen oder innere Konflikte finden Ausdruck in körperlichen Prozessen. Der hypnosystemische Ansatz ermöglicht es, diese Ausdrucksformen ernst zu nehmen – ohne sie vorschnell zu pathologisieren.

Statt Symptome zu unterdrücken, entsteht ein Raum, in dem ihre Bedeutung verstanden werden kann. Und oft zeigt sich dann etwas sehr Berührendes: Der Körper hat über lange Zeit versucht, für das innere Gleichgewicht zu sorgen. Auch wenn die Form dieses Versuchs manchmal sehr schmerzhaft war.

Ein zutiefst menschlicher Blick auf Heilung

Was Gunther Schmidts Arbeit so besonders macht, ist letztlich nicht nur die Methode. Es ist die Haltung. Eine Haltung, die davon ausgeht, dass Menschen – selbst in schwierigen Symptomen – über erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstorganisation verfügen. Die Aufgabe der Therapie besteht nicht darin, Menschen zu „reparieren“. Sondern darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen diese Fähigkeiten wieder zugänglich werden. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle. Er erinnert uns daran, dass Psyche und Körper nie getrennt waren. Sie waren immer Teil desselben lebendigen Systems. Und manchmal beginnt Heilung genau in dem Moment, in dem wir beginnen, diesem System wieder zuzuhören.

Ich selbst habe den hypnosystemischen Ansatz vor fünf Jahren kennengelernt. Seitdem ist diese Art zu arbeiten – und vor allem auch diese Perspektive auf Menschen, Themen und vermeintliche Probleme – elementarer Bestandteil meiner Arbeit als Coach und Berater. Die hypnosystemische Methode nach Gunther Schmidt eignet sich nicht nur ganz hervorragend für therapeutisches Arbeiten, sondern lässt sich auch wunderbar in meine Arbeit als Coach, Mediator und Organisationsberater übertragen.

Ich bin zum großen Fan geworden, und wenn du jetzt neugierig auf hypnosystemisches Arbeiten geworden bist, kontaktiere mich gerne. Gerne können wir schauen, ob du deine Perspektive auf ein Thema, das du aktuell als problematisch erlebst, mit Hilfe des hypnosystemischen Ansatzes neu gestalten kannst, um dir so einen anderen, hilfreicheren Zugang zu erarbeiten.

Constance

Der Weg zur Heilung

Therapie - aber wie?

Wenn der Himmel einstürzt - Anja lebt weiter

Für Anja - für alle Anjas

Resultierend aus dem vielen und vielfältigen Feedback zu meinem letzte Artikel zum Thema Suizid habe ich entschieden, dieses Thema in einem aktuellen Artikel ein weiteres Mal aufzugreifen. Dieses Mal aus der Perspektive derer, die zurück bleiben, die weiterleben, weiterleben müssen. Besonders berührt hat mich Anjas Nachricht, ihre Geschichte, die ich heute mit ihrer Zustimmung mit euch teilen darf. Danke Anja. Dieser Artikel ist für dich und für alle die, die deine Geschichte so oder ähnlich teilen.

Der Tag, an dem alles anders wurde

Anja hatte keine Worte für das, was geschah. Anja trank ihre erste Tasse Kaffee. Er duftete herrlich und sie genoss die Stille um sie herum. Die Kinder schliefen noch und ihr Mann war wie so oft sehr früh zum Sport gegangen. Es war ein Tag wie viele andere – bis zu dem Moment, als das Telefon klingelte. Oder war es ein Klopfen an der Tür? In ihrer Erinnerung verschwimmt alles. Was bleibt, ist ein Bild: ein Polizist mit ernster Miene, der sich räuspert, bevor er spricht. Und dann ist da nur noch ein Satz, der alles zum Stillstand bringt. Ihr Mann hat sich das Leben genommen. Der Himmel stürzt ein…

Anja kann sich erinnern, dass die Kinder noch fest schliefen, als sie wie gelähmt in deren Zimmer ging. Die beiden hatten damals noch ein gemeinsames Schlafzimmer. Sie hörte ihre Kinder atmen. Ein rhythmisches Ein und Aus, das so gar nicht zum Sturm in ihr passte.

Ein Teil von Anja wusste sofort, dass dieser Moment unwiderruflich war. Es war der Moment, in dem alles zerbrach – ihr Leben, ihre Ehe, ihre Hoffnung. Was ist mit den Kindern? Mit ihr? Dem Haus? Nur Fragen, keine Antworten…

 

Ein langer Kampf im Schatten der Depression

Die Depression ihres Mannes war kein Geheimnis. Anja hatte sie kommen sehen – langsam, schleichend, wie Nebel, der sich über alles legt. Zuerst waren es nur Stimmungsschwankungen, dann Rückzüge, das Vermeiden von Gesprächen, das Schweigen in Momenten, in denen sie Nähe suchte. Später kamen die schlaflosen Nächte, die Verzweiflung, die dunklen Gedanken, die Therapien.

Sie war da. Immer. Sie begleitete ihn zu Arztgesprächen, organisierte Klinikaufenthalte, war seine Stütze – auch dann, wenn sie selbst nicht mehr wusste, wie lange sie das noch aushalten konnte. Oft fragte sie sich, ob Liebe allein reicht. Ob Fürsorge, Geduld und Nähe genügen, um einen Menschen aus seiner Dunkelheit zu holen. Sie wollte daran glauben. Sie musste.

Nach dem Suizid: Zwischen Erstarrung und Funktionieren

Die ersten Tage nach dem Suizid fühlten sich an wie ein böser Traum. Anja funktionierte, irgendwie. Es gab so vieles zu tun – die formalen Dinge, die Gespräche mit den Behörden, die Organisation der Beerdigung. Und vor allem: das Gespräch mit den Kindern.

Wie erklärt man einem Kind, dass der Vater sich das Leben genommen hat? Wie spricht man über eine Entscheidung, die so endgültig ist – und so verletzend? Anja fand keine guten Worte. Sie weinte viel, auch vor den Kindern. Sie versuchte nicht, stark zu wirken. Nur ehrlich. „Papa war krank“, sagte sie. „So krank, dass er keinen anderen Ausweg mehr gesehen hat.“ Es fühlte sich falsch an, unvollständig – aber es war alles, was sie hatte. “Papa ist jetzt im Himmel und passt auf uns auf.”

 

Wut, Schuld und Sprachlosigkeit

Anja war nicht nur traurig. Sie war wütend. Auf ihn – weil er gegangen war, weil er sie und die Kinder zurückgelassen hatte. Auf sich – weil sie es nicht verhindern konnte. Auf die Ärzte – weil sie immer gesagt hatten, er sei stabil genug für den Alltag. Auf das System – das so oft an seine Grenzen stößt, wenn Menschen psychisch krank sind. Und manchmal auch auf die Freunde, die in den letzten Monaten so oft gefragt hatten: „Geht’s ihm besser?“ – als ob es eine einfache Antwort darauf gäbe.

Gleichzeitig spürte sie eine lähmende Sprachlosigkeit. In Gesprächen verstummten Menschen, wenn sie vom Tod ihres Mannes erzählte. Manche wechselten das Thema, andere machten einen großen Bogen um sie. Der Tod durch Suizid ist kein Thema, über das man leicht spricht – das wurde ihr schmerzhaft bewusst.

 

Zwischen Trauer und Erleichterung

Was Anja kaum auszusprechen wagte: Es gab Momente, in denen sie Erleichterung spürte. Nicht, weil er tot war – sondern weil der ständige Alarmzustand vorbei war. Kein stundenlanges Grübeln mehr: „Wo ist er? Geht es ihm gut? Hat er wieder einen Rückfall?“ Kein Zittern mehr, wenn das Telefon klingelte. Diese Erleichterung war kein Trost – aber sie war real. Und sie machte ihr zusätzlich Schuldgefühle.

Sie sprach darüber in einer Trauergruppe für Hinterbliebene nach Suizid. Zum ersten Mal fühlte sie sich verstanden. Da waren andere Frauen, andere Partner, erwachsene Kinder, Geschwister – alle mit einer Geschichte, die ähnlich klang. Alle mit diesem zerrissenen Gefühl zwischen Liebe, Wut, Trauer und Ohnmacht.

Ein Leben in Vorwürfen – oder in Würde?

Immer wieder fragte Anja sich: Hätte ich es verhindern können? War sie zu müde gewesen, zu unachtsam, zu spät dran mit dem richtigen Wort? Hatte sie nicht genau genug hingesehen?

Diese Fragen werden bleiben, das weiß sie. Aber sie hat gelernt, dass sie keine Antworten finden muss, um weiterleben zu dürfen. Ihr Mann war krank – und er hat eine Entscheidung getroffen, die niemand für ihn hätte abwenden können, solange er sich nicht helfen lassen wollte. Das anzunehmen, ist schwer. Aber es ist der einzige Weg, nicht selbst daran zu zerbrechen.

Heute: Reden statt Schweigen

Heute spricht Anja offen über den Suizid ihres Mannes. Nicht jeden Tag, nicht immer freiwillig – aber immer dann, wenn sie merkt, dass ihr Schweigen anderen das Gefühl geben würde, allein zu sein. Sie erzählt ihre Geschichte, weil sie weiß, dass viele sich in ihrer Lage schämen. Weil noch immer so viele Menschen glauben, Suizid sei ein Tabu.

Sie will nicht missionieren. Nur erzählen. Vielleicht Mut machen. Vielleicht einen kleinen Raum schaffen, in dem andere sagen können: „So war das bei uns auch.“

 

Der Schmerz bleibt – aber er verändert sich

Anja wird den Schmerz nie ganz loswerden. Sie lebt mit einem Loch in ihrem Leben, einem Riss in ihrer Biografie. Aber sie hat gelernt, dass dieser Schmerz sich wandeln kann. Dass aus der reinen Verzweiflung auch etwas wachsen kann – Mitgefühl, Stärke, Klarheit.

Manchmal sagt sie heute: „Ich liebe ihn noch immer. Aber ich lebe jetzt mein Leben weiter.“ Und das ist kein Widerspruch.

Anja sieht das Strahlen ihres Mannes in den Augen ihres Sohnes. Ole ist inzwischen Teenager und das Ebenbild seines Papas. Manchmal würde Anja alles geben für ein einziges gemeinsames Abendessen, so wie früher. Sie wünscht sich so sehr, dass ihr Mann Ole sehen könnte, stolz darauf sein könnte, wie ähnlich er ihm ist, wie hübsch, wie klug Ole ist. Stine, Oles kleine Schwester, kann sich kaum an ihren Papa erinnern. Anja redet oft von ihm und kämpft dafür, dass er Teil ihres Lebens bleibt, Teil des Lebens seiner Kinder. Und doch bleit Abend für Abend ein Platz leer . Noch immer, nach all den Jahren, ist es ein kleiner Stich in ihrem Herzen, wenn sie nur drei Teller aus dem Schrank holt.

Lasst uns aufeinander aufpassen, auch wenn wir, wie Anja, wissen, dass wir niemanden retten können. Aber wir können Hände reichen. Und hierbei sind wir nicht allein. Hier sind einige Anlaufstellen für euch, die in akuten Krisen ganz professionell und liebevoll unterstützen.

📞 Telefonseelsorge: 0800 111 0 111 (kostenlos, anonym, rund um die Uhr)

📞 Nummer gegen Kummer (für Kinder & Jugendliche): 116 111

🌐 www.suizidprophylaxe.de – Deutsches Bündnis gegen Depression

🌐 www.frnd.de – Freunde fürs Leben

Eure Constance

Anna und Michael: Wenn sich das eigene Kind verliert - psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen

Wie im Märchen

Anna rutscht etwas tiefer in den großen grauen Sessel. Neben ihr sitzt Michael, ihre Jugendliebe. Es war wie im Märchen: Nach dem gemeinsamen Abi wurde gemeinsam studiert. Er Informatik, sie Publizistik. Die ersten Jobs, die erste gemeinsame Wohnung, das erste Kind, Sophie. Ein Reihenmittelhaus in einem ruhigen Teil der Stadt, das zweite Kind, Marie. Anna hat recht schnell nach Maries Geburt wieder angefangen zu arbeiten – in Teilzeit. Ihre Mutter, die ganz in der Nähe wohnt, hat bei der Betreuung unterstützt. Ihre Töchter waren wunderbar, Michael war wunderbar. Anna lebte das Leben, das sie sich immer vorgestellt hatte. Es war perfekt.

Verrückt eigentlich, dass dieses Märchen sie nun in die Praxis eines Paartherapeuten geführt hat. Michael sitzt im grauen Sessel neben Anna. Er sieht müde aus, denkt Anna, als sie zu ihrem Mann schaut.

„Ihre familiäre Situation, die Sorge um Ihre Tochter, stellt natürlich eine besondere Herausforderung für Ihre Paarbeziehung dar“, fasst der Therapeut zusammen und reißt Anna aus ihren Gedanken.

Eigentlich verrückt, dass Märchen so eine Wendung nehmen, denkt Anna, als sie die Praxis verlassen, um zum Auto zu gehen. Draußen scheint die Sonne. Ein wunderschöner Frühsommertag.

Zurück auf Anfang

Was ist passiert, dass aus dem Märchen eine Situation wurde, die Anna und Michael manchmal einfach nicht mehr aushalten können – und sie doch aushalten müssen? Es fühlt sich wie in einem anderen Leben an. Noch sehr gut erinnern sich Anna und Michael an den Tag, als der Brief im Briefkasten lag, der schwarz auf weiß bestätigte, dass ihre wunderhübsche und fröhliche Tochter Sophie hochbegabt ist. Sie waren so stolz und gleichzeitig auch besorgt. Sofort vereinbarten die beiden ein Gespräch mit Sophies Klassenlehrerin, um zu besprechen, was das denn nun bedeutet, wie man Sophie am besten fördern könnte. Zu diesem Termin kam es nie. Plötzlich war Lockdown – und alles war anders. Sophie zog sich immer mehr zurück. „Pubertät“, dachte sich Michael, während Anna wieder und wieder versuchte, an ihre Große ranzukommen. Wieder und wieder prallten ihre Bemühungen an Sophie ab, wie dieser kleine Ball beim Squash an der Wand. Sophie hörte auf zu sprechen, fing wie besessen an, Sport zu machen, zu laufen, Tag für Tag, Kilometer für Kilometer. Beim Essen gab es nur noch Streit, weil Sophie plötzlich eine strenge Diät hielt. Vorbei waren diese typischen Abendessen im Familienkreis, während denen man sich über den Tag austauschte. Es ging nur noch um Sophies Essverhalten – oder eher um ihre Weigerung, Nahrung zu sich zu nehmen. Für gewöhnlich endeten die Abende so, dass die Mädchen sich in ihre Zimmer zurückzogen, Michael saß allein auf der Couch und starrte ins Leere, und Anna weinte heimlich im Bad.

„Sophie ist doch magersüchtig“, sagte Annas Freundin. „Du musst dafür sorgen, dass sie mehr isst. Das kann doch nicht gesund sein. Sie wird ja immer weniger!“

Anna fühlt sich unfähig – als Mutter, als Mensch. Wieso gelingt es ihr nicht, auf ihre Tochter aufzupassen? Was für eine Mutter ist sie, wenn sie nicht verhindert, dass ihre Tochter vor ihren Augen immer kränker wird? Fast jede Nacht liegt Anna wach. Sie spürt, dass auch Michael wach ist. Sie liegen schweigend nebeneinander – zusammen und doch jeder für sich. Auch tagsüber sind sie immer zusammen – und doch bleibt jeder für sich. Sie arbeiten nun beide im Homeoffice, was in deren Fall bedeutet, dass Anna mit dem Laptop im Schlafzimmer sitzt und Michael im Wohnzimmer. Irgendwie ist es schön, diese Nähe, aber irgendwie sorgt sie wieder und wieder für Konflikte – untereinander, aber auch mit Sophie. Vor allem mit Sophie. Marie läuft so mit, macht keinen Ärger, fällt eigentlich nicht auf. Vielleicht ist da auch gar kein Platz mehr für Marie, weil Sophies Schwere und Traurigkeit das ganze Haus füllt. Diese Traurigkeit legt sich wie eine Lehmschicht auf das gesamte Leben der Familie.

Irgendwann dürfen die Mädchen zurück in die Schule. Michael ist erleichtert. Nun wird alles besser. Anna ist besorgt, weil sie nun ja gar nicht mehr mitbekommt, was Sophie noch isst.

Es war an einem Donnerstag, als die Schule bei Anna anrief. Sophie sei zusammengebrochen, man habe einen Krankenwagen gerufen. Anna spürt, wie ihr das Blut in die Beine sackt. Ihr ganzer Körper zittert. Ihr Brustkorb fühlt sich an wie in einem Schraubstock. Sie kann nicht mehr atmen. Anna ist am Boden zerstört, aber sie ist nicht überrascht. Sophie hat sich über Monate geweigert, zu einer Therapie zu gehen. Sie hat gelogen, getrickst, geschummelt. Immer wieder gab es Streit zwischen ihr und Michael, weil sie Sophie doch auch nicht zum Essen zwingen können. Sie waren in einer Beratung für Eltern und haben gelernt, dass es bei Magersucht um Kontrolle geht – dass Sophie das Letzte kontrolliert, was ihr vor dem Hintergrund von Corona und Lockdown gefühlt noch geblieben ist: ihren Körper. Das Wissen um die Ursache verbessert die Situation jedoch nicht.

„Was ist, wenn sie stirbt? Was ist, wenn sie sich zu Tode hungert?“ Michaels Stimme ist fast nicht hörbar. Ihm läuft eine Träne über das Gesicht, während er sich versucht, auf den Verkehr zu konzentrieren.

Im Krankenhaus angekommen gibt es zunächst Diskussionen, ob denn überhaupt beide zu Sophie dürfen – wegen der Corona-Maßnahmen. Michael ist kurz davor zu schreien. Er will doch einfach nur zu seinem kleinen Mädchen. Schließlich kommt die behandelnde Ärztin. „Ihrer Tochter geht es den Umständen entsprechend gut. Sie ist stabil, aber sie ist sehr krank.“ Michael hört jedes einzelne Wort – und ist doch woanders. Er sieht die feinen Muster auf dem Boden und den goldenen Ehering, den die Ärztin an einer Kette um den Hals trägt. Er hört, wie Anna sich versucht zu verteidigen: „Wir haben wirklich alles versucht, alles. Sophie weigert sich zu essen, sie weigert sich, zu einer Therapie zu gehen. Wir können sie doch nicht zwingen.“ Anna bricht in Tränen aus. Die Ärztin streicht ihr liebevoll über die Schultern.

„Kann ich Sophie jetzt sehen?“ Michaels Stimme ist auf einmal ganz fest – und plötzlich steht er vor seiner Kleinen, vor einem Bett mit gelb-weißer Bettwäsche. Sophie sieht unendlich dünn aus, blass. Sie schaut ihn mit leeren Augen an und wirkt dabei unendlich verloren. „Papa, ich will nach Hause. Mir geht’s gut!“

Es ist der Beginn einer scheinbar endlosen Reise durch das Gesundheits- und Therapiesystem Deutschlands. Neben Magersucht und Sportzwang werden zunächst auch mittelschwere Depressionen diagnostiziert. Allerdings haben Magersucht und Sportzwang in der Behandlung Vorrang. Sophie ist zunächst acht Wochen in der Klinik zur akuten Behandlung und danach fast ein halbes Jahr in einer Fachklinik, die auf die Behandlung von Magersucht spezialisiert ist. Sie nimmt langsam zu, ihr Essverhalten normalisiert sich, und auch der Zwang zu laufen wird weniger. Michael ist erleichtert. Anna nicht. Sie sieht, wie ihre Tochter zwar zunimmt, gleichzeitig nimmt sie jedoch auch wahr, dass Sophie mit jedem Kilo trauriger, leerer, hoffnungsloser zu werden scheint. Als sie am Tag der Entlassung zu Hause angekommen sind, hat Marie einen Kuchen gebacken. Sophie geht wortlos an ihr vorbei, verschwindet in ihrem Zimmer und starrt an die Decke.

Einige Monate später steht Sophie gedankenverloren auf dem Balkon ihrer Oma im fünften Stock. Es ist bitterkalt. Als Anna Sophie fragt, ob sie denn nicht reinkommen möchte, schaut Sophie durch sie hindurch und sagt nur: „Ich sollte springen, dann wäre endlich alles vorbei.“ Anna steht da, wie gelähmt …

Die neue Diagnose heißt: schwere Depressionen mit suizidalen Episoden. Michael sitzt auf einem Stuhl im Garten. Es hat geschneit. Er sitzt da und kann den Schmerz in seiner Seele nicht mehr ertragen. Er spürt, wie sein Herz bricht, während er Sophie so leiden sieht. Die Traurigkeit und Verzweiflung seiner Tochter machen auch ihn immer trauriger, verzweifelter. Die neuen Medikamente helfen ein wenig. Die Psychiaterin sagt, dass sie Kindern und Jugendlichen keine stärkeren Präparate verordnen dürfe. So ist Sophie gefangen im Nirgendwo.

Es war Ostern, als Sophies Oma Anna besorgt zur Seite nahm. Sie habe lauter Narben an Sophies Unterarmen gesehen. Ob sie wohl doch noch einmal versucht habe, sich das Leben zu nehmen?

„Schieb die Ärmel hoch, Sophie! Jetzt, sofort!“ Sophie war erschrocken. So hat ihr Papa sie noch nie angeschrien. Also schob sie die Ärmel ihres grünen Wollpullis nach oben, und zum Vorschein kamen zahllose Narben an beiden Unterarmen. „Spinnst du?“ Marie schreit Sophie aus voller Lunge an und rennt weinend in ihr Zimmer. Anna nimmt sie in den Arm und fragt nur leise, warum sie das tue.

„Keine Sorge, ich versuche mir nicht das Leben zu nehmen. Manchmal wird der Druck so groß. Und dann hilft das. Wenn ich schneide und wenn das Blut langsam rausläuft, entspannt das. Es tut irgendwie gut. Ich kann das nicht erklären. Aber ich will nicht sterben. Ich habe das im Griff. Macht euch keine Gedanken.“

In der Selbsthilfegruppe für Angehörige psychisch Kranker bekommen Anna und Michael eine ähnliche Erklärung – ein Ausdruck inneren Schmerzes, kein Ruf nach Aufmerksamkeit, sondern eine Möglichkeit, sehr starke Gefühle wie innere Leere, Wut oder Trauer zu regulieren, keine Suizidabsicht. Aber auch das beruhigt nicht, wenn sich die eigene Tochter wieder und wieder mit Rasierklingen die Unterarme aufritzt.

Die Psychiaterin möchte Sophie gerne wieder einweisen – in die Klinik, die Sophie bereits kennt. Doch dort möchte sie, die inzwischen 17 Jahre alt ist, auf keinen Fall mehr zurück. Jede andere Klinik würde sie ausprobieren, aber nicht noch einmal dorthin. Die Ärztin weigert sich, Sophie an eine andere Klinik zu überweisen. Zu Hause gibt es zunächst Streit, weil Michael nicht versteht, warum Sophie sich so querstellt. Sophies Oma vermittelt schließlich und macht sich gemeinsam mit Anna auf die Suche nach einer anderen Klinik. Tagelang telefonieren sie sich durch Deutschland. Währenddessen scheint es Sophie wenigstens ein bisschen besser zu gehen. Allerdings wird es von Tag zu Tag schwerer, Sophie zu motivieren, in die Schule zu gehen. Insbesondere morgens ist sie sehr erschöpft und müde. Trotz ihrer langen Krankengeschichte sind Sophies Noten nach wie vor gut. Hochbegabung! Da war doch was. Allerdings haben die Fehltage so zugenommen, dass die Schule droht, ihr kein Zeugnis mehr ausstellen zu können.

Für Anna und Michael ist es eine Gratwanderung – zwischen dem Druck, den sie als Eltern in dieser Situation gefühlt auf Sophie ausüben müssen, um ihre Zukunftschancen zu wahren, und der Sorge, dass der Druck so groß sein könnte, dass sie wieder kränker werden, endgültig den Boden unter den Füßen verlieren oder doch Selbstmord begehen könnte.

Es ist Sommer. Anna kann mal wieder nicht einschlafen und geht in die Küche, um etwas zu trinken. Die Terrassentür ist offen. Als Anna sie schließen will, fällt ihr ein süßlicher Geruch auf – und Sophie, die im Schein einer Straßenlaterne in der hintersten Ecke des Gartens hockt. Anna traut ihren Augen nicht. Da hockt ihre Kleine und raucht einen Joint. „Was um alles in der Welt tust du da?“, schreit Anna sie an. „Bist du wahnsinnig? Mit deinen Medikamenten? Du kannst doch nicht kiffen. Das ist gefährlich.“

Vom Geschrei wird Michael wach und kommt ebenfalls in den Garten. Sophie erklärt, dass der Joint vorm Einschlafen die fiesen Stimmen in ihrem Kopf zum Schweigen bringe. Sie könne sich dann endlich entspannen. Die Medikamente wirkten ja nicht mehr, und die „blöde Kuh von Psychiaterin“ wolle ihr ja nichts anderes verschreiben. Seit einem guten halben Jahr rauche sie nun schon Abend für Abend, und es tue ihr gut.

Michael schläft in dieser Nacht gar nicht. Was ist er für ein Vater, der ein halbes Jahr lang nicht mitbekommt, dass seine Tochter kifft? Wieder und wieder versagt er. Er schafft es einfach nicht, auf sein kleines Mädchen aufzupassen.

Seit diesem Tag muss Sophie sich nicht mehr verstecken, wenn sie abends ihren Joint raucht. Anna und Michael fühlen sich hilflos, machtlos. Natürlich sollte Sophie keine Drogen konsumieren, aber sie braucht sie, um die Depressionen im Griff zu behalten. Sollten sie Sophie das verbieten? Und überhaupt – wie sollte man ein Verbot bei einer fast 18-Jährigen durchsetzen? Immerhin scheint es ein wenig bergauf zu gehen. In Norddeutschland gibt es eine Klinik, die Sophie aufnehmen möchte. Man ist bereits in den virtuellen Diagnosegesprächen, als der nächste Rückschlag kommt: Solange Sophie Cannabis konsumiert, kann vor dem Hintergrund dieser Suchterkrankung keine abschließende Diagnose des weiteren Krankheitsbildes durchgeführt werden – und ohne Diagnose keine stationäre Aufnahme. Das sind die Regeln! Das könne man auch aufgrund der Krankenkassen und deren Vorgaben nicht anders machen. Alle sind am Boden zerstört. Sophie hatte langsam angefangen zu hoffen – zu hoffen auf ein normales, gesundes, unabhängiges und vor allem glückliches Leben.

Die Psychiaterin meinte nur, Sophie solle eben einfach aufhören zu kiffen. Aber Sophie kann nicht. Sie braucht die Therapie, um stabil genug zu werden, damit sie dann auch ohne Joint schlafen kann. Warum versteht das denn niemand?

Michael hat über die Jahre gelernt, nicht mehr wütend zu sein. Er hat gelernt, das Leben anzunehmen und im Rahmen seiner Möglichkeiten zu gestalten. Aber es gibt Momente, da wird die Wut so groß, dass er nicht weiß, wohin damit. Seine Tochter, sein kleines Mädchen, hat damals aus Rücksicht auf diese vulnerablen Gruppen auf so viel verzichtet, dass sie daran zerbrochen ist. Heute ist sie vulnerabel – höchst vulnerabel. Wer nimmt denn nun auf sie Rücksicht? Wer hilft Sophie? Wer hilft ihnen?

Anna und Michael sitzen wieder am Telefon. Sie suchen Rat, Hilfe, einen neuen Psychiater – vielleicht auch ein bisschen ein Wunder. Wie schön wäre es, wenn es für betroffene Eltern eine Art Checkliste gäbe. Aber nein, sie müssen sich selbst kümmern, recherchieren, suchen, fragen. Die Antworten sind ähnlich: Ohne „Abstinenznachweis“ keine Therapie. So landen sie schließlich bei der Suchtberatung. Die Dame am Telefon ist nett, verständnisvoll. Sie sucht nach einer Lösung und lädt schließlich zu einem Beratungsgespräch ein und stellt Kontakt zu einer Einrichtung her, in der Sophie direkt ihren Entzug beginnen kann, bei dem parallel ihre Medikamente so angepasst würden, dass der Entzug für sie machbar würde. Ein kleines Leuchten am Horizont.

Die Dame in der Beratungsstelle erklärt, dass es wichtig wäre, Sophie in die Planung und die nächsten Schritte mit einzubeziehen. Man muss ihr das Gefühl der Selbstbestimmung geben – erstens, weil sie ja nun schon fast erwachsen sei, aber auch vor dem Hintergrund der überwundenen Magersucht.

Anna und Michael stehen mal wieder vor Sophies verschlossener Zimmertür und flehen sie an, aufzumachen. Man hätte noch eine Idee, noch eine Möglichkeit. Sophie öffnet und legt sich auf ihr Bett. Sie starrt an die Decke, und eine Träne läuft ihr über die Wange. Ihre Eltern erklären ihr die Möglichkeit einer Suchtberatung und eines Entzugs. Es ist ein letzter Strohhalm, an den sich Anna und Michael verzweifelt klammern.

„Würdest du mitkommen, zu einer ersten Beratung? Du darfst danach auch wirklich selbst entscheiden, wie es weitergeht. Aber lass es uns doch mal probieren. Bitte.“ Annas Stimme klingt fast flehend. Sie kann ihre Tochter nicht aufgeben. Es ist doch ihr Kind. Ihr talentiertes, wundervolles Kind.

Sophie nickt. Anna und Michael sind erleichtert. Dann schaut Sophie sie direkt an, abwechselnd schaut sie ihren Eltern in die Augen und sagt mit fester Stimme:

„Ich lebe doch eh nur noch für euch.“

Anna und Michael wollen nicht aufgeben, aber dieser Satz ist wie ein Stich ins Herz. Gnadenlos, schmerzhaft, entwaffnend und offen.

Zurück im Hier und Jetzt

Der Termin in der Suchtberatung ist in zehn Tagen. Die Beraterin war froh, ihnen ob der Umstände einen so schnellen Termin anbieten zu können. Auch einen neuen Psychiater haben sie gefunden. Zwar etwas weiter weg, aber das ist egal. Der erste Termin ist im September. Früher war nichts mehr frei. Aber hey, die Zeit bis dahin würden sie auch überbrücken. Sie würden das schon schaffen – für Sophie. Und parallel müssen sie aufpassen, sich selbst nicht zu verlieren. Und Marie – was ist eigentlich mit Marie?

Gestern kam noch eine Mail von der Suchtberaterin, die sich freut, dass Sophie sich bereit erklärt hat, mitzukommen. „Ihre Tochter ist ein großartiges Mädchen. Es muss sie viel Kraft und Mut kosten, nicht aufzugeben und sich wieder und wieder ihren Themen zu stellen. Seien Sie stolz auf sie.“

Michael kommen die Tränen, als er das liest. Ja, er darf nicht vergessen, wie stark und mutig Sophie ist. Sie gibt nicht auf. Sie kämpft. Wie hart, wie schwer, wie anstrengend dieser Kampf für seine Tochter sein muss, kann Michael nur erahnen. Depression bedeutet, an einer Krankheit zu leiden, die man nicht sehen kann. So kann man auch Sophies Kampf nicht sehen – und doch findet er statt, Tag für Tag, Minute für Minute, Sekunde für Sekunde.

Solltet auch ihr selbst gegen diesen unsichtbaren Dämon kämpfen – oder gibt es liebe Menschen um euch herum, die diesen Kampf aufgenommen haben –, findet ihr auf der Homepage der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention deutschlandweite Anlaufstellen für Betroffene, Angehörige, Lehrer und Firmen. Keiner muss diesen Kampf allein angehen.

Ich freue mich auch dieses Mal über euer Feedback und eigene Erfahrungen mit diesem Thema.

Eure Constance

Nur nicht loslassen

Nicht aufgeben! Sich nicht verlieren….