Psychotherapie

Soziale Ängste - Wenn die Angst sich in den Augen der anderen versteckt

Stell dir vor, du sitzt in einem Meeting. Du hast eine Idee. Eine gute Idee sogar. Mehrfach hast du sie bereits im Kopf formuliert. Du kennst die Argumente. Du weißt, dass sie zum Thema passt. Und trotzdem sagst du nichts. Nicht weil du die Antwort nicht kennst. Sondern weil plötzlich andere Fragen auftauchen. Was, wenn das eine dumme Idee ist? Was, wenn ich mich verspreche? Was, wenn jemand merkt, dass ich gar nicht so kompetent bin, wie ich wirke?

Während die Diskussion weitergeht, wächst die Anspannung. Am Ende verlässt du das Meeting mit einem vertrauten Gedanken: "Ich hätte etwas sagen sollen." So oder ähnlich erleben viele Menschen soziale Ängste. Nicht als Angst vor Menschen. Sondern als Angst vor der Bewertung durch Menschen.

Was sind soziale Ängste oder eine soziale Angststörung?

Fast jeder Mensch kennt Unsicherheit in sozialen Situationen. Vor einer Präsentation nervös zu sein, bei einem Vorstellungsgespräch angespannt zu wirken oder vor einem wichtigen Gespräch schlecht zu schlafen, gehört zum normalen Leben. Bei einer sozialen Angststörung geht die Belastung jedoch deutlich darüber hinaus.

Betroffene fürchten sich stark davor, negativ bewertet zu werden, sich zu blamieren, peinlich aufzufallen, Fehler zu machen, abgelehnt zu werden. Die Angst kann sich auf einzelne Situationen beziehen, zum Beispiel Vorträge oder Meetings. Bei manchen Menschen erfasst sie jedoch nahezu alle sozialen Kontakte.

Die Folge: Vermeidung. Nicht weil andere Menschen bedrohlich sind. Sondern weil die erwartete Bewertung bedrohlich erscheint.

Was soziale Angst so besonders macht

Im Unterschied zu vielen anderen Angststörungen liegt die Quelle der Angst scheinbar außerhalb der eigenen Person. Die Gefahr kommt nicht von einer Spinne. Nicht von einer Krankheit. Nicht von einer möglichen Katastrophe. Die Gefahr scheint in den Augen der anderen zu liegen. Und genau deshalb wirkt die Angst oft so real. Denn anders als bei vielen Phobien gibt es keine einfache Gegenprobe. Man kann nie vollständig kontrollieren, was andere denken.

Der hypnosystemische Blick: Aufmerksamkeit erschafft Erleben

Wie bei allen Angststörungen liefert auch hier der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt eine faszinierende Perspektive. Eine seiner zentralen Grundannahmen lautet: Erleben entsteht durch Aufmerksamkeitsfokussierung.

Menschen mit sozialen Ängsten richten ihre Aufmerksamkeit häufig auf eine ganz bestimmte Frage: "Wie wirke ich gerade auf andere?" Das Problem beginnt dabei nicht erst im Kontakt. Oft startet die innere Beobachtung bereits Stunden oder Tage vorher. Vor dem Meeting. Vor der Präsentation. Vor der Feier. Vor dem Gespräch.

Das Gehirn erstellt dann eine Art inneren Film möglicher Katastrophen:

  • Ich werde rot.

  • Ich werde nervös.

  • Ich verliere den Faden.

  • Alle merken meine Unsicherheit.

  • Ich blamiere mich.

Je intensiver diese Bilder werden, desto realer erscheint die Gefahr.

Wenn wir anfangen, uns selbst von außen zu beobachten

Ein besonders spannender Mechanismus sozialer Angst besteht darin, dass die Aufmerksamkeit nach innen wandert. Menschen mit sozialen Ängsten beobachten sich häufig permanent selbst. Sie achten auf ihre Stimme, ihre Körperhaltung, ihren Blickkontakt, ihre Atmung, mögliche Anzeichen von Nervosität.

Aus hypnosystemischer Sicht entsteht dadurch eine Art Problemtrance. Der Fokus verschiebt sich weg vom Kontakt. Hin zur Selbstüberwachung. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr auf das Gespräch. Sondern auf die Frage: "Wirke ich gerade normal?"

Das Paradoxe: Je stärker die Selbstbeobachtung wird, desto unsicherer fühlt sich die Person.

Wenn die Angst vor Ablehnung größer wird als der Wunsch nach Verbindung

Eine der tragischsten Seiten sozialer Ängste ist, dass sie häufig genau das verhindern, wonach sich Menschen eigentlich sehnen. Verbindung. Nähe. Zugehörigkeit. Anerkennung. Viele Betroffene wirken nach außen zurückhaltend oder distanziert. Innerlich wünschen sie sich jedoch oft nichts mehr, als entspannt auf andere Menschen zuzugehen.

Die Vermeidung dient dabei einem nachvollziehbaren Ziel: Sie soll vor Verletzung schützen. Wenn ich mich nicht zeige, kann ich nicht kritisiert werden. Wenn ich nichts sage, kann ich nichts Falsches sagen. Wenn ich auf Abstand bleibe, kann ich nicht zurückgewiesen werden. Das System verfolgt also eine gute Absicht. Es schützt. Allerdings um einen hohen Preis.

Die eigentliche Bedrohung ist oft nicht die Situation

Viele Menschen glauben zunächst: "Ich habe Angst vor Präsentationen." "Ich habe Angst vor Meetings." "Ich habe Angst vor fremden Menschen."

Doch aus hypnosystemischer Sicht liegt die eigentliche Angst häufig tiefer. Oft geht es um Fragen wie:

  • Bin ich gut genug?

  • Darf ich Fehler machen?

  • Bin ich wertvoll, wenn ich nicht perfekt bin?

  • Bin ich willkommen, so wie ich bin?

Die soziale Situation wird dadurch zum Spiegel einer Beziehung, die Menschen zu sich selbst entwickelt haben. Und genau deshalb reicht es häufig nicht aus, lediglich Präsentationstechniken zu lernen.

Warum Vermeidung die Angst stärker macht

Wie bei Phobien und Gesundheitsängsten entsteht auch hier ein bekannter Kreislauf: Soziale Situation → Angst → Vermeidung → kurzfristige Erleichterung → langfristige Verstärkung. Jedes Mal, wenn eine Situation vermieden wird, erfährt das Gehirn: "Gut, dass wir dort nicht hingegangen sind. Es muss gefährlich gewesen sein." Die Angst bleibt dadurch bestehen. Oder wächst sogar.

Die verborgene Ressource sozial ängstlicher Menschen

Ein Gedanke von Gunther Schmidt lautet: Hinter jedem Symptom steckt häufig eine Kompetenz. Menschen mit sozialen Ängsten besitzen oft erstaunliche Fähigkeiten:

  • hohe Selbstreflexion,

  • großes Einfühlungsvermögen,

  • soziale Sensibilität,

  • gute Wahrnehmung von Stimmungen,

  • Verantwortungsbewusstsein.

Diese Fähigkeiten sind an sich wertvoll. Problematisch wird es erst, wenn sie ausschließlich zur Suche nach möglichen Ablehnungen eingesetzt werden. Dann wird aus Sensibilität ein Frühwarnsystem. Aus Aufmerksamkeit wird Selbstkritik. Aus Einfühlungsvermögen wird Selbstzweifel.

Der hypnosystemische Weg

Hypnosystemische Arbeit versucht deshalb nicht in erster Linie, Angst zu beseitigen. Sie versucht, neue Erfahrungen möglich zu machen.

1. Die Aufmerksamkeit neu ausrichten

Anstatt ständig zu prüfen: "Wie wirke ich?" kann die Aufmerksamkeit auf andere Fragen gelenkt werden:

  • Wofür bin ich hier?

  • Was möchte ich beitragen?

  • Was interessiert mich an den anderen?

  • Was möchte ich erleben?

Die Aufmerksamkeit wandert dadurch vom Selbstmonitoring zurück in den Kontakt.

2. Die innere Beziehung verändern

Viele Menschen mit sozialen Ängsten sprechen innerlich mit sich, wie sie niemals mit einem guten Freund sprechen würden. Hypnosystemische Arbeit lädt deshalb dazu ein, eine andere innere Haltung zu entwickeln. Weniger Richter. Mehr Verbündeter. Weniger Bewertung. Mehr Interesse. Weniger Perfektion. Mehr Menschlichkeit.

3. Neue Erfahrungen ermöglichen

Veränderung entsteht selten durch Einsicht allein. Sie entsteht durch Erleben. Durch kleine Situationen, in denen Menschen entdecken:

  • Ich darf unsicher sein.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich darf sichtbar sein.

  • Ich werde trotzdem akzeptiert.

Nicht jede Begegnung wird positiv verlaufen. Aber das muss sie auch nicht. Denn psychische Freiheit entsteht nicht dadurch, dass Ablehnung unmöglich wird. Sondern dadurch, dass sie nicht mehr das gesamte Selbstwertgefühl bestimmt.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht ist die größte Illusion sozialer Ängste die Vorstellung, dass andere Menschen uns ständig beobachten. Tatsächlich sind die meisten Menschen überraschend beschäftigt. Vor allem mit sich selbst. Mit ihren eigenen Sorgen. Ihren eigenen Unsicherheiten. Ihren eigenen Fragen.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören, uns selbst durch die Augen eines imaginären Publikums zu betrachten. Denn das Leben ist keine permanente Prüfung. Und Begegnungen sind keine Bewertungsgespräche. Menschen verbinden sich selten über Perfektion. Sie verbinden sich über Echtheit. Vielleicht ist deshalb Mut nicht die Abwesenheit von Angst. Vielleicht ist Mut die Bereitschaft, sich trotz Angst zu zeigen. Genau so, wie man ist.

Mit diesem Artikel möchte ich meine gut dreimonatige Reise durch das Thema Angst und Angststörungen beenden. In zwei Woche geht es mit einem Thema weiter, dass sehr nah an den Angststörungen verortet ist. - Sogar so nah, dass es im deutschen Diagnosekatalog für psychische Erkrankungen, dem ICD 10, sogar unter die gleiche übergeordnete Kennzahl fällt. Ich möchte in zwei Wochen einen Überblick über die sogenannte Zwangsstörung geben, die sich in Zwangsgedanken und und Zwangshandlungen aufteilt. - Ein offensichtlich sehr schambehaftetes Krankheitsbild. Viele Betroffene holen sich erst nach Jahren des Leidens Hilfe und Unterstützung.

Ich freu mich, wenn du auch in zwei Wochen wieder dabei bist!

Constance

Wenn Angst kein Ereignis mehr braucht - Generalisierte Angststörung und ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung

Vielleicht kennst du diesen Menschen: Nach außen wirkt alles relativ normal. Er geht zur Arbeit. Er erledigt seine Aufgaben. Er funktioniert. Und trotzdem läuft im Hintergrund ununterbrochen ein Programm:

Habe ich etwas vergessen?
Was, wenn etwas schiefgeht?
Was, wenn ich krank werde?
Was, wenn andere merken, dass ich nicht gut genug bin?
Was, wenn ich mich blamiere?

Während Phobien laut sind und Panikattacken dramatisch erscheinen können, gibt es Angstformen, die deutlich leiser auftreten. Sie schreien nicht. Sie begleiten. Zwei dieser weniger bekannten Erkrankungen sind die Generalisierte Angststörung (GAS) und die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS). Beide können das Leben massiv einschränken – und beide werden oft erst spät erkannt.

Wenn Angst ihr Ziel verliert

Im letzten Artikel haben wir uns mit gerichteten Phobien beschäftigt. Dort richtet sich die Angst auf ein bestimmtes Objekt oder eine konkrete Situation. Bei einer Spinnenphobie ist die Angst klar definiert. Bei einer Flugangst ebenso. Bei der Generalisierten Angststörung passiert etwas anderes: Die Angst löst sich von einem konkreten Objekt. Sie wird zu einem Dauerzustand. Betroffene sorgen sich um Gesundheit, Familie, Arbeit, Finanzen, Beziehungen, die Zukunft oder Dinge, die möglicherweise niemals eintreten werden.

Die zentrale Frage lautet hier nicht: "Ist das gefährlich?" Sondern: "Was könnte gefährlich werden?" Die Angst richtet sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf eine vorgestellte Zukunft.

Wenn nicht nur Situationen, sondern ganze Beziehungen vermieden werden

Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung steht ein anderes Thema im Zentrum. Hier geht es weniger um die Angst vor Katastrophen als um die Angst vor Ablehnung. Menschen mit diesem Muster sehnen sich meist sehr nach Nähe, Zugehörigkeit und Kontakt. Gleichzeitig erwarten sie jedoch Kritik, Zurückweisung oder Bloßstellung. Dadurch entsteht ein schmerzhafter innerer Konflikt: Ich möchte dazugehören – aber ich glaube nicht, dass ich akzeptiert werde. Das führt häufig dazu, dass soziale Situationen vermieden werden, obwohl eigentlich ein starker Wunsch nach Verbindung vorhanden ist.

Im Gegensatz zur Schüchternheit handelt es sich dabei nicht um eine vorübergehende Eigenschaft, sondern um ein tief verankertes Beziehungsmuster.

Was beide Störungen gemeinsam haben

Auf den ersten Blick wirken die beiden Krankheitsbilder sehr unterschiedlich. Die eine Person macht sich ständig Sorgen. Die andere zieht sich eher zurück. Aus hypnosystemischer Perspektive zeigen sich jedoch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.

1. Aufmerksamkeit richtet sich auf Bedrohung

Dr. Gunther Schmidt beschreibt, dass Erleben durch Aufmerksamkeitsfokussierung entsteht. Bei beiden Störungsbildern ist die Aufmerksamkeit dauerhaft auf mögliche Gefahren ausgerichtet. Bei der Generalisierten Angststörung lautet die Frage: Was könnte passieren? Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung lautet die Frage: Wie könnten andere mich bewerten?

In beiden Fällen entsteht ein hochaktives Suchsystem für Risiken. Und Suchsysteme finden bekanntlich genau das, wonach sie suchen.

2. Problemtrancen werden zur Lebensrealität

Menschen mit diesen Mustern befinden sich häufig in einer chronischen Problemtrance. Sie erleben ihre Sorgen oder Selbstzweifel nicht als eine mögliche Perspektive von vielen. Sie erleben sie als Wahrheit. Die innere Aufmerksamkeit kreist immer wieder um dieselben Szenarien: Ich schaffe das nicht. Die werden mich ablehnen. Etwas wird schiefgehen. Ich muss vorbereitet sein.

Dadurch entstehen stabile neuronale Netzwerke, die sich durch Wiederholung immer weiter verstärken.

3. Vermeidung hält das Muster aufrecht

Sowohl bei der GAS als auch bei der ÄVPS spielt Vermeidung eine zentrale Rolle. Allerdings zeigt sie sich unterschiedlich. Bei der GAS wird häufig Unsicherheit vermieden. Menschen versuchen, alles zu kontrollieren, abzusichern oder gedanklich vorzubereiten. Das permanente Sorgen wirkt paradoxerweise wie ein Versuch, Sicherheit herzustellen. Bei der ÄVPS werden häufig Situationen vermieden, in denen Bewertung oder Verletzung möglich erscheinen. Die kurzfristige Erleichterung verstärkt beide Muster langfristig. - Genau wie bei Phobien.

Die entscheidenden Unterschiede

Trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es wichtige Unterschiede.

Generalisierte Angststörung: Die Zukunft ist das Problem

Das Kernthema lautet: Kontrollverlust gegenüber einer unsicheren Zukunft. Das Sorgen wird zu einer Art innerem Sicherheitsprogramm. Unbewusst entsteht häufig die Überzeugung: "Wenn ich ausreichend nachdenke, kann ich verhindern, dass etwas Schlimmes passiert." Das Problem ist nur: Die Zukunft lässt sich nicht kontrollieren. Und sie interessiert sich herzlich wenig für unsere Gedankenspiele. Deshalb produziert das System immer neue Sorgen.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Die Beziehung ist das Problem

Hier steht häufig eine andere Grundüberzeugung im Zentrum: "Mit mir stimmt etwas nicht." Die Angst richtet sich weniger auf Ereignisse als auf die eigene Person. Nicht die Zukunft wird als gefährlich erlebt. Sondern die Begegnung mit anderen Menschen. Die Frage lautet nicht: "Was könnte passieren?" Sondern: "Was werden andere über mich denken?"

Der hypnosystemische Blick: Was versucht das Symptom zu lösen?

Eine der kraftvollsten Fragen der Hypnosystemik lautet: Wofür ist dieses Muster möglicherweise nützlich Das bedeutet nicht, dass die Symptome angenehm sind. Sondern dass sie oft eine wichtige Schutzfunktion erfüllen.

Die Funktion der Generalisierten Angst

Das Sorgen soll häufig helfen,

  • Kontrolle herzustellen,

  • Überraschungen zu vermeiden,

  • Risiken vorherzusehen,

  • Handlungsfähigkeit zu sichern.

Das System versucht, Sicherheit zu schaffen. Nur leider auf eine Weise, die Sicherheit niemals erreicht.

Die Funktion der Vermeidung

Bei Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstruktur schützt die Vermeidung oft vor emotionalem Schmerz. Wenn ich mich nicht zeige, kann ich auch nicht verletzt werden. Wenn ich keine Beziehung eingehe, kann ich auch nicht zurückgewiesen werden. Das System opfert Zugehörigkeit zugunsten von Sicherheit. Eine nachvollziehbare, aber langfristig sehr teure Strategie.

Therapeutische Hebel – hypnosystemisch gedacht

Die spannende Frage hier lautet nicht: "Wie bekomme ich die Angst weg?" Sondern: "Welche Erfahrungen fehlen dem System noch?"

1. Aufmerksamkeit bewusst umlenken: Wenn Erleben durch Aufmerksamkeit entsteht, entsteht Veränderung durch neue Aufmerksamkeitsfokussierungen. Statt immer wieder zu fragen:"Was könnte schiefgehen?" kann die Aufmerksamkeit schrittweise auf andere Fragen gelenkt werden:

  • Was gelingt bereits?

  • Wann ist die Angst weniger stark?

  • Welche Kompetenzen habe ich in schwierigen Situationen bereits gezeigt?

  • Wer unterstützt mich?

Das klingt simpel, verändert aber die Aktivierung im Gehirn fundamental.

2. Die Kompetenz hinter dem Symptom würdigen: Menschen mit GAS verfügen oft über eine enorme Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und vorauszudenken. Menschen mit ÄVPS besitzen häufig eine hohe Sensibilität für zwischenmenschliche Dynamiken. Hypnosystemisch betrachtet werden diese Fähigkeiten nicht bekämpft. Sie werden vom Problemkontext gelöst und für neue Zwecke nutzbar gemacht. Die Frage wird dann: "Wie kann ich diese Fähigkeit hilfreich einsetzen?" statt "Wie werde ich sie los?"

3. Neue Beziehungserfahrungen ermöglichen: Besonders bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung liegt ein zentraler Hebel in korrigierenden Beziehungserfahrungen.

Der Mensch erlebt Schritt für Schritt:

  • Ich darf sichtbar sein.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich werde nicht automatisch abgelehnt.

  • Ich bin mehr als mein innerer Kritiker.

Nicht Einsicht verändert das Muster. Sondern neue Erfahrungen.

4. Sicherheit nicht mehr vor der Angst suchen: Vielleicht ist das der wichtigste Punkt. Viele Betroffene verbringen ihr Leben damit, die Angst zu vermeiden. Langfristige Veränderung entsteht jedoch häufig genau dann, wenn Menschen lernen, auch mit Unsicherheit, Verletzlichkeit und Unvollkommenheit in Kontakt zu bleiben. Nicht weil diese angenehm wären. Sondern weil Leben genau dort stattfindet.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht erscheint die Generalisierte Angststörung wie ein Zuviel an Sorgen. Und die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung wie ein Zuviel an Rückzug. Hypnosystemisch betrachtet könnte man es auch anders formulieren: Beides sind hochentwickelte Versuche eines Systems, Sicherheit herzustellen. Das Problem ist nicht, dass diese Systeme versagen. Das Problem ist, dass sie ihren Auftrag zu ernst nehmen. Sie schützen – auch dann noch, wenn Schutz längst zum Gefängnis geworden ist. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo Menschen aufhören, ihre Angst als Feind zu betrachten. Denn oft ist Angst nicht die Ursache des Problems. Sie ist die Spur, die zu dem Problem hinführt, das verstanden werden möchte.

In zwei Wochen geht unsere Reise durch die Welt der Angst weiter. Dann werfen wir einen Blick auf ein Phänomen, das viele Menschen kennen, aber nur wenige richtig einordnen können: die Gesundheitsangst, oder hypochondrische Störung – und warum die Suche nach Beruhigung die Angst manchmal sogar verstärkt.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Der hypnosystemische Ansatz - Integratives Arbeiten mit Körper und Psyche

In den letzten Wochen habe ich unterschiedliche psychische Krankheitsbilder vorgestellt, die alle gemeinsam haben, dass sie sich über körperliches Leiden Ausdruck verleihen. Du erinnerst dich vielleicht an die dissoziativen Störungen, einen Schutzmechanismus, der unser Bewusstsein vor oft schweren Traumata schützt, die somatoformen Störungen, bei denen die Seele über unterschiedliche Schmerzen und Erkrankungen über den Körper spricht, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann, und schließlich die psychosomatischen Erkrankungen, bei denen der Körper mit einer Erkrankung reagiert, die im Kontext längerer Be- oder Überlastung steht.

Wenn Menschen mit entsprechenden Beschwerden in eine Therapie kommen, bringen sie oft eine lange Geschichte mit. Viele Arztbesuche. Untersuchungen. Medikamente. Vielleicht sogar die Erfahrung, nicht wirklich ernst genommen zu werden. „Organisch ist nichts zu finden.“ Dieser Satz kann für Betroffene gleichzeitig erleichternd und zutiefst frustrierend sein. Denn die Schmerzen sind real. Die Erschöpfung ist real. Das Herzrasen, die Magenkrämpfe, die Verspannungen, der Schwindel – all das ist spürbar, belastend und oft lebensbestimmend.

Der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt eröffnet hier eine spannende Perspektive. Eine Perspektive, die weder Körper noch Psyche gegeneinander ausspielt, sondern beide als Teile eines intelligenten, miteinander kommunizierenden Systems versteht. Und genau dort beginnt eine Form von Therapie, die nicht gegen Symptome kämpft – sondern versucht zu verstehen, wofür sie stehen.

Körper und Psyche: Zwei Sprachen desselben Systems

In vielen medizinischen und therapeutischen Modellen wird noch immer unterschieden zwischen „körperlich“ und „psychisch“. Der hypnosystemische Ansatz stellt diese Trennung infrage.

Gunther Schmidt verbindet zwei große therapeutische Traditionen:

  • Systemische Therapie

  • Hypnotherapie nach Milton Erickson

Aus dieser Verbindung entsteht ein Verständnis des Menschen als komplexes Selbstorganisationssystem. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Körperempfindungen, Beziehungserfahrungen und Verhaltensmuster wirken darin ununterbrochen zusammen. Der Körper ist in diesem Modell nicht einfach ein „Ort von Symptomen“. Er ist ein hochsensibles Resonanzsystem, das Erfahrungen speichert, bewertet und kommuniziert. Gerade bei psychosomatischen, somatoformen oder dissoziativen Symptomen zeigt sich das besonders deutlich. Was sich im Körper ausdrückt, ist oft eine Form von innerer Kommunikation, für die bislang keine andere Sprache gefunden wurde.

Symptome als sinnvolle Lösungsversuche

Ein zentraler Gedanke in Gunther Schmidts Arbeit ist zunächst irritierend – und zugleich zutiefst entlastend: Symptome sind keine Fehler. Sie sind Versuche des Organismus, mit Belastungen umzugehen. Das bedeutet nicht, dass Symptome angenehm oder hilfreich sind. Aber sie erfüllen häufig eine wertvolle und wichtige Funktion innerhalb des Systems.

Ein Beispiel:

Ein Mensch erlebt über lange Zeit starke innere Spannungen oder ungelöste Konflikte. Der Körper reagiert vielleicht mit chronischen Muskelverspannungen, Magenbeschwerden oder Herzrasen. Aus hypnosystemischer Sicht ist das kein „Defekt“. Es ist ein Regulationsversuch des Nervensystems. Der Körper versucht, mit den verfügbaren Mitteln Stabilität herzustellen.

Wenn Therapeut:innen beginnen, Symptome nicht als Gegner zu betrachten, verändert sich sofort die Haltung in der Therapie. Statt zu fragen: „Wie bekommen wir das weg?“ entsteht eine andere Frage: „Wofür könnte dieses Symptom eine Lösung sein?“ Allein diese Perspektivverschiebung kann für Betroffene eine enorme Entlastung sein. Denn plötzlich wird ihr Erleben nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als Teil einer intelligenten Selbstorganisation.

Die Sprache des Körpers verstehen

Gunther Schmidt arbeitet in der Therapie häufig damit, die Aufmerksamkeit der Patient:innen behutsam auf ihre körperlichen Erfahrungen zu lenken. Nicht analysierend. Nicht bewertend. Sondern neugierig.

Der Körper wird zu einer Art Landkarte innerer Prozesse.

  • Spannung im Brustraum

  • Enge im Hals

  • Druck im Magen

  • Schwere in den Schultern

All diese Empfindungen können Hinweise darauf sein, wie das innere System gerade organisiert ist. Viele Menschen haben jedoch gelernt, diese Signale zu übergehen. Der Alltag fordert Funktionieren. Leistung. Anpassung. Die Fähigkeit, die eigene Körperwahrnehmung ernst zu nehmen, geht dabei oft verloren. In der hypnosystemischen Arbeit wird sie wieder vorsichtig aktiviert. Nicht, um Symptome zu verstärken – sondern um Zugang zu den dahinterliegenden inneren Prozessen zu bekommen.

Hypnotherapie als Zugang zu inneren Ressourcen

Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist die hypnotherapeutische Nutzung von Aufmerksamkeit und inneren Bildern. Dabei geht es nicht um Showhypnose oder Kontrollverlust. Im Gegenteil. Die hypnosystemische Hypnotherapie arbeitet mit einem sehr respektvollen Verständnis von Trance. Trance wird als natürlicher Aufmerksamkeitszustand betrachtet.

Wir kennen solche Zustände aus dem Alltag:

  • wenn wir völlig in Musik versinken

  • beim Tagträumen

  • beim intensiven Nachdenken

  • oder beim Autofahren auf einer vertrauten Strecke

In diesen Zuständen wird der Zugang zu inneren Bildern, Erinnerungen und Körperempfindungen oft besonders klar. Therapeutisch kann das genutzt werden, um neue Erfahrungen im inneren System zu ermöglichen. Beispielsweise kann ein Patient eingeladen werden, die körperliche Erfahrung eines Symptoms bewusst wahrzunehmen – und gleichzeitig nach inneren Bildern oder Erinnerungen zu suchen, die mit dieser Empfindung verbunden sind. Oft zeigen sich dabei überraschende Zusammenhänge. Ein Druck im Brustkorb kann plötzlich mit einem Gefühl von Überforderung verbunden sein. Eine Spannung im Nacken mit dem inneren Anspruch, immer stark sein zu müssen. Der Körper wird so zum Wegweiser in die innere Erlebniswelt und eröffnet oft ganz neue Ansätze in der Arbeit mit dem Symptom.

Achtsamkeit statt Kampf gegen Symptome

Was Gunther Schmidts Ansatz besonders auszeichnet, ist die grundlegend wertschätzende Haltung gegenüber dem inneren System eines Menschen. Selbst Symptome, die sehr belastend sind, werden nicht abgewertet. Sie werden als Teil eines Schutzmechanismus betrachtet.

Gerade bei psychosomatischen, somatoformen und dissoziativen Störungen ist diese Haltung oft hilfreich. Viele Betroffene haben über Jahre erlebt, dass ihre Beschwerden bagatellisiert oder missverstanden wurden. Wenn ein Therapeut stattdessen sagt: „Ihr Körper versucht offensichtlich sehr intensiv, auf etwas aufmerksam zu machen“, entsteht oft zum ersten Mal ein Gefühl von verstanden werden – und sich selbst zu verstehen. Diese Form der therapeutischen Beziehung ist im hypnosystemischen Ansatz zentral. Veränderung entsteht nicht durch Druck oder Konfrontation. Sie entsteht durch Sicherheit, Würdigung und neue Erfahrungsmöglichkeiten.

Neue Kooperation zwischen Körper und Psyche

Ein wichtiges Ziel der hypnosystemischen Therapie ist es, eine neue Zusammenarbeit innerhalb des eigenen Systems zu ermöglichen. Viele Menschen erleben ihre Symptome wie einen inneren Gegner. Der Körper „macht Probleme“. Die Psyche „funktioniert nicht richtig“. Der hypnosystemische Ansatz lädt dazu ein, diese Beziehung neu zu gestalten. Statt Kampf entsteht Kooperation. Der Körper wird wieder als Verbündeter betrachtet. Ein Signal wie Herzrasen kann dann nicht nur als Angst erlebt werden, sondern auch als Hinweis: Vielleicht ist gerade eine Grenze überschritten. Vielleicht braucht es eine Pause. Vielleicht eine Entscheidung. In diesem Sinne wird der Körper zu einem Frühwarnsystem für das eigene Wohlbefinden.

Warum dieser Ansatz gerade bei psychosomatischen Erkrankungen so wertvoll ist

Psychosomatische, somatoforme und dissoziative Symptome entstehen häufig in Situationen, in denen emotionale Erfahrungen nicht ausreichend verarbeitet werden konnten. Der Körper übernimmt dann gewissermaßen eine Übersetzungsfunktion. Gefühle, Erinnerungen oder innere Konflikte finden Ausdruck in körperlichen Prozessen. Der hypnosystemische Ansatz ermöglicht es, diese Ausdrucksformen ernst zu nehmen – ohne sie vorschnell zu pathologisieren.

Statt Symptome zu unterdrücken, entsteht ein Raum, in dem ihre Bedeutung verstanden werden kann. Und oft zeigt sich dann etwas sehr Berührendes: Der Körper hat über lange Zeit versucht, für das innere Gleichgewicht zu sorgen. Auch wenn die Form dieses Versuchs manchmal sehr schmerzhaft war.

Ein zutiefst menschlicher Blick auf Heilung

Was Gunther Schmidts Arbeit so besonders macht, ist letztlich nicht nur die Methode. Es ist die Haltung. Eine Haltung, die davon ausgeht, dass Menschen – selbst in schwierigen Symptomen – über erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstorganisation verfügen. Die Aufgabe der Therapie besteht nicht darin, Menschen zu „reparieren“. Sondern darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen diese Fähigkeiten wieder zugänglich werden. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle. Er erinnert uns daran, dass Psyche und Körper nie getrennt waren. Sie waren immer Teil desselben lebendigen Systems. Und manchmal beginnt Heilung genau in dem Moment, in dem wir beginnen, diesem System wieder zuzuhören.

Ich selbst habe den hypnosystemischen Ansatz vor fünf Jahren kennengelernt. Seitdem ist diese Art zu arbeiten – und vor allem auch diese Perspektive auf Menschen, Themen und vermeintliche Probleme – elementarer Bestandteil meiner Arbeit als Coach und Berater. Die hypnosystemische Methode nach Gunther Schmidt eignet sich nicht nur ganz hervorragend für therapeutisches Arbeiten, sondern lässt sich auch wunderbar in meine Arbeit als Coach, Mediator und Organisationsberater übertragen.

Ich bin zum großen Fan geworden, und wenn du jetzt neugierig auf hypnosystemisches Arbeiten geworden bist, kontaktiere mich gerne. Gerne können wir schauen, ob du deine Perspektive auf ein Thema, das du aktuell als problematisch erlebst, mit Hilfe des hypnosystemischen Ansatzes neu gestalten kannst, um dir so einen anderen, hilfreicheren Zugang zu erarbeiten.

Constance

Der Weg zur Heilung

Therapie - aber wie?