Ode an den Freud! - Dissoziative Krankheitsbilder und die Revolution der Psychiatrie

Eine Würdigung des Unbequemen, das bis heute wirkt

Wenn wir heute über dissoziative Störungen sprechen, über traumabedingte Abspaltungen, körperliche Symptome ohne organische Ursache oder über das „Eigenleben“ des Nervensystems, dann stehen wir – ob wir es wollen oder nicht – auf den Schultern eines Mannes, der die Medizin seiner Zeit nachhaltig irritiert hat: Sigmund Freud. Freud war nicht der Erste, der sich mit Hysterie, Konversion oder seelisch bedingten Lähmungen beschäftigte. Aber er war derjenige, der es wagte, bis dahin zwei radikale Thesen auszusprechen:

  • Der Körper kann Träger unbewusster seelischer Konflikte sein.

  • (Körperliche) Symptome haben eine tiefere Bedeutung.

Damit stellte er nicht weniger infrage als das Selbstverständnis einer Medizin, die sich gerade erst mühsam aus metaphysischen Erklärungen befreit hatte – und nun erneut mit etwas Unsichtbarem konfrontiert wurde: dem Unbewussten.

Freud und der Bruch mit der rein somatischen oder körperlichen Medizin

Ende des 19. Jahrhunderts galt: Was sich nicht anatomisch erklären ließ, war entweder Simulation oder weibliche Übertreibung. Hysterische Lähmungen, Blindheit ohne Läsion, Krampfanfälle ohne Epilepsie – all das passte nicht ins medizinische Weltbild. Die Betonung lag hierbei auf „weiblich“. Hysterie kommt von dem griechischen Wort „Hystera“, das auf Deutsch Gebärmutter heißt. Die Gebärmutter, das Ur-Weibliche, als Quelle irrationalen Verhaltens. - Eine Perspektive, die Weiblichkeit eindeutig herabgewürdigt hat. So wurde Freud trotz all seiner patriarchalen Allüren vielleicht zu einem der ersten Feministen, weil er das Weibliche durch seine Arbeit aus einem herabwürdigenden Käfig befreit hat.

Freud, zunächst selbst Neurologe, erkannte etwas Entscheidendes: Diese (hysterischen) Symptome folgten keiner neurologischen Logik, aber sehr wohl einer psychischen, und diese war keineswegs „geschlechtsgebunden“ und hing natürlich nicht mit dem Vorhandensein einer Gebärmutter zusammen.

Er beobachtete, dass Symptome symbolisch mit biografischen Konflikten verknüpft waren und oft nach emotionalen Überforderungen auftraten. Außerdem veränderten sich die Symptome unter bestimmten Bedingungen oder verschwanden einfach. Damit öffnete er den Raum für eine neue Sicht: Krankheit nicht nur als Defekt, sondern als Ausdruck innerer Dynamiken.

Das Instanzenmodell: Ich, Es und Über-Ich

Um diese Dynamiken beschreibbar zu machen, entwickelte Freud sein berühmtes Instanzenmodell.

Das Es steht für:

  • Triebimpulse

  • Affekte

  • unbewusste Bedürfnisse

  • unmittelbare Spannungsabfuhr

Es folgt dem Lustprinzip. Es kennt keine Moral, keine Zeit, keine Rücksicht.

Das Über-Ich ist die verinnerlichte moralische Instanz:

  • elterlicher Forderungen

  • gesellschaftlicher Normen

  • Verbote, Gebote, Ideale

Es ist streng, oft unbarmherzig und operiert mit Schuld, Scham und Angst vor Liebesverlust. Ein oft gnadenloser innerer Kritiker …

Das Ich steht zwischen beiden – und zwischen Innen- und Außenwelt.

Seine Aufgabe:

  • vermitteln

  • regulieren

  • Konflikte lösen

  • Realitätsanforderungen berücksichtigen

Dissoziative Symptome entstehen dort, wo das Ich überfordert ist. Wo Konflikte zwischen Es und Über-Ich weder bewusst verarbeitet noch psychisch integriert werden können.

Konversionsneurosen – wenn der Körper übernimmt

Ein zentrales Konzept Freuds ist die Konversionsneurose. Der Begriff wirkt heute antiquiert, doch das dahinterliegende Phänomen ist hochaktuell. Konversion bedeutet: Ein seelischer Konflikt wird in ein körperliches Symptom „übersetzt“, das heißt, er verleiht sich körperlich Ausdruck. Beispiele hierfür sind:

  • Lähmungen ohne neurologische Verletzungen oder Defekte

  • Sprachverlust ohne organische Ursache

  • Blindheit oder Taubheit ohne Befund

  • Krampfanfälle ohne epileptische Aktivität

Das Symptom erfüllt dabei mehrere Funktionen:

  1. Es hält den inneren Konflikt aus dem Bewusstsein fern.

  2. Es entlastet das Ich, den Vermittler zwischen Es und Über-Ich.

  3. Es verschafft dem inneren System Stabilität.

Wichtig ist zu verstehen, dass das Symptom keine Simulation ist. Es ist vielmehr eine unbewusste Lösung eines unlösbaren Problems.

Dissoziation als Schutz – nicht als Störung

Aus heutiger traumatherapeutischer Sicht würden wir viele dieser Phänomene als dissoziativ beschreiben.

Dissoziation bedeutet in diesem Kontext:

  • Abspaltung von Wahrnehmung

  • Trennung von Gefühl und Körper

  • Unterbrechung von Erinnerung

  • Fragmentierung des Erlebens

Sie tritt dann auf, wenn Flucht oder Kampf nicht möglich sind, Überforderung chronisch wird, Bindung und Bedrohung zusammenfallen. Das lässt Dissoziation zu einem hochwirksamen Schutzmechanismus werden.

Freud hatte dafür noch nicht die neurobiologischen Erklärungen, die wir heute haben. Aber seine klinische Beobachtung war präzise: Der Körper und das Unbewusste arbeiten zusammen, um Überleben zu sichern.

Der sekundäre Krankheitsgewinn – ein missverstandenes Konzept

Was hat der Organismus von seinem Krankheitsbild? Kaum ein Begriff wurde so häufig missbraucht wie der des sekundären Krankheitsgewinns.

Freud unterschied zwischen:

  • Primären Krankheitsgewinn: Die innere Entlastung durch das Symptom (Konflikt bleibt unbewusst)

  • Sekundären Krankheitsgewinn: Äußere Vorteile, die sich nachträglich aus der Krankheit ergeben

Dazu können gehören:

  • Zuwendung

  • Schonung

  • Entlastung von Pflichten

  • klare Rollen

Wichtig – und oft übersehen: Der sekundäre Krankheitsgewinn ist nicht bewusst gewählt! Er ist nicht die Ursache, sondern ein stabilisierender Faktor, der einen unbewussten Anreiz setzt, UNBEWUSST an der Symptomatik festzuhalten, obgleich das Bewusste das Symptom sehr gerne los wäre.

Wenn Symptome bleiben, dann nicht, weil jemand „nicht gesund werden will“, sondern weil das Symptom eine tragende Funktion im inneren Gleichgewicht übernommen hat. Dieses Missverständnis hat unzählige Betroffene zusätzlich beschämt und pathologisiert – obwohl Freud selbst ausdrücklich vor moralischen Zuschreibungen warnte.

Moderne dissoziative Störungsbilder – Freuds Erbe heute

Heute sprechen wir von:

  • Dissoziativer Identitätsstörung, die sich in dem zeigt, was wir häufig als multiple Persönlichkeit bezeichnen

  • Dissoziativer Amnesie

  • Depersonalisation und Derealisation, also dem Gefühl der Unwirklichkeit

  • Funktionellen neurologischen Störungen, das heißt Bewegungsstörungen und Störungen der sensorischen Wahrnehmung

Was sie eint:

  • eine Geschichte überwältigender Erfahrung

  • ein Nervensystem im Dauer-Überlebensmodus

  • Symptome, die sinnvoll sind, wenn man ihre Entstehung versteht.

Freuds Verdienst liegt hierbei nicht darin, alles abschließend erklärt zu haben, sondern darin, den Sinn in der jeweiligen Symptomatik gesucht zu haben.

Kritik – und warum sie Freud nicht entwertet

Natürlich ist Freud kritisiert worden, wird Freud bis heute kritisiert: für seine Triebtheorie, für patriarchale Deutungsmuster, für fehlende empirische Methodik. Vieles davon ist berechtigt. Aber es wäre ein fataler Fehler, Freud auf diese Kritikpunkte zu reduzieren. Er hat dem Kranken seine Würde zurückgegeben, Symptome ernst genommen, Leiden als Ausdruck innerer Logik verstanden. Ohne Freud gäbe es keine Traumatherapie in heutiger Form, kein Verständnis für Abwehrmechanismen, keine Sprache für das Unbewusste.

Eine Ode – nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt und Dankbarkeit

Diese „Ode an den Freud“ ist kein unkritischer Lobgesang. Sie ist ein Dank an jemanden, der den Mut hatte, dem Körper zuzuhören – und ihm Bedeutung zuzutrauen. Dissoziative Krankheitsbilder fordern uns bis heute heraus: diagnostisch, therapeutisch, menschlich. Sie zwingen uns, Komplexität auszuhalten und einfache Schuldzuweisungen aufzugeben. Und vielleicht ist genau das Freuds bleibendes Vermächtnis: Dass Heilung oft nicht im Wegmachen von Symptomen liegt, sondern im Verstehen dessen, wofür sie stehen.

Fortsetzung folgt

In meinem nächsten Artikel lade ich dich, mit mir in die Welt der sogenannten somatoformen Störungsbilder einzusteigen. Auch diese zeigen sich körperlich und auch hier sind Betroffene häufig verzweifelt auf der Suche nach einer Diagnose, einer Erklärung, nach Heilung. Allerdings sind sie anders gelagert, sind keine Schutzmechanismen der Seele mit Blick auf diesen einen inneren Konflikt, den das Ich nicht lösen kann. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass 20 Prozent aller Patienten in Hausarztpraxen eigentlich an einer somatoformen Belastungsstörung leiden und verzweifelt beim Arzt ihres Vertrauens nach Diagnose und Heilung suchen. - Dabei liegt der Schlüssel zu Heilung an anderer Stelle.

Ich freue mich, wenn du in zwei Wochen auch wieder dabei bist.

Constance

Richtung erkennen - Mit Freud beginnen wir Seele zu verstehen

"Die Seele leis zum Körper spricht: sag du es ihm, mich hört er nicht." C. Morgenstern

Wenn die Seele spricht – und der Körper antwortet! Über die Trennung von Psyche und Körper, ihre Folgen und die leisen Botschaften des Leidens

Die westliche Medizin ist eine Erfolgsgeschichte. Sie hat Infektionen besiegt, chirurgische Wunder vollbracht und das Leben von Millionen Menschen verlängert. Und doch, so meine Überzeugung, trägt sie einen grundlegenden Konstruktionsfehler in sich – einen, der besonders dort schmerzhaft sichtbar wird, wo Menschen leiden, ohne dass sich das Leiden eindeutig „messen“ oder „lokalisieren“ lässt.

Die strikte Trennung von Körper und Psyche ist aus meiner Sicht der Sündenfall der westlichen Medizin. Sie hat uns enorme Präzision beschert, aber auch eine gefährliche Blindheit für das Zusammenspiel, für Übergänge, für Bedeutungen. Für das, was Christian Morgenstern in seinem Vers so treffend beschreibt – dass die Seele oft nur über den Körper Gehör findet.

Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer Serie, in der ich mich vertieft mit dissoziativen Störungen, somatoformen Störungsbildern und psychosomatischen Erkrankungen auseinandersetzen werde. Mit all jenen Krankheitsbildern, in denen die Seele sich über den Körper Gehör oder Ausdruck verschafft. Heute soll es zunächst um Orientierung gehen: um Begriffe, Unterschiede, Gemeinsamkeiten – und um ein grundsätzlich anderes Verständnis von Krankheit.

Der Körper als Bühne – und als Übersetzer

Kaum ein Mensch zweifelt daran, dass seelische Belastungen körperliche Auswirkungen haben können. „Stress schlägt auf den Magen“, „das geht mir an die Nieren“, „mir liegt etwas schwer auf dem Herzen“ – unsere Alltagssprache ist voll von psychosomatischen Metaphern. Und doch beginnt das Problem oft genau dort, wo diese Metaphern in den klinischen Raum übersetzt werden sollen.

Denn dort gilt meist noch immer eine implizite Logik:

  • entweder ist etwas körperlich – dann ist es „real“.

  • oder es ist psychisch – dann ist es „eigentlich nichts“.

Für Betroffene ist das nicht nur theoretisch problematisch, sondern praktisch existenziell. Wer Schmerzen hat, aber keinen eindeutigen organischen Befund, erlebt nicht selten subtile (oder offene) Abwertung: als überempfindlich, als schwierig, als „psychisch“. Die Trennung von Körper und Psyche wird so nicht nur zu einem Denkmodell, sondern zu einer sozialen Realität.

Psychosomatische Erkrankungen – wenn (innere) Konflikte körperlich werden

Der Begriff Psychosomatik ist vermutlich der bekannteste – und zugleich der missverständlichste.

Psychosomatische Erkrankungen sind körperliche Erkrankungen, bei denen psychische Faktoren nachweislich Entstehung, Verlauf oder Schweregrad beeinflussen.

Wichtig ist: Das Organ ist real betroffen!

Klassische Beispiele sind:

  • Asthma bronchiale

  • Neurodermitis

  • Bluthochdruck

  • Reizdarmsyndrom

  • Magengeschwüre

  • bestimmte Autoimmunerkrankungen

Hier gibt es organische Veränderungen, Entzündungen, Funktionsstörungen – aber sie stehen in enger Wechselwirkung mit Stress, Beziehungsmustern, inneren Konflikten oder traumatischen Erfahrungen.

Die Psychosomatik ist dabei kein „Ersatzmodell“, sondern eigentlich eine Erweiterung der Medizin. Sie sagt nicht: Das ist nur psychisch, sondern: Der Körper reagiert auf das Leben, das er führt.

Somatoforme Störungen – Leiden ohne erklärenden Befund

Anders gelagert sind somatoforme Störungen (in neueren Klassifikationen oft als Somatische Belastungsstörungen bezeichnet). Hier erleben Betroffene intensive körperliche Symptome, für die sich keine ausreichende organische Erklärung finden lässt – zumindest keine, die Art, Stärke oder Dauer der Beschwerden plausibel erklärt. Die Folge sind oft verzweifeltes „Doctors-Hopping“ und Selbstmedikation, die nicht selten Suchtproblematiken nach sich ziehen kann.

Typisch sind:

  • chronische Schmerzen

  • Magen-Darm-Beschwerden

  • Herzsymptome

  • neurologisch anmutende Symptome wie Kribbeln, Schwindel, Lähmungsgefühle

Entscheidend ist: Die Symptome sind real! Das Leiden ist real!

Was fehlt, ist nicht die Krankheit – sondern ein Befund, der in das klassische medizinische Raster passt. Genau hier wird die Trennung von Körper und Psyche besonders problematisch. Denn was nicht „messbar“ ist, wird schnell als weniger wirklich erlebt. Somatoforme Störungen lassen sich nicht verstehen, wenn man Körper und Psyche getrennt betrachtet. Sie sind Anzeichen einer verkörperten seelischen Not, die keinen anderen Ausdruck gefunden hat.

Dissoziative Störungen – wenn das System sich schützt

Noch einmal anders gelagert sind dissoziative Störungen. Sie entstehen häufig im Kontext von früher, überwältigender oder chronischer Traumatisierung und sind primär Schutzmechanismen. Dissoziation bedeutet vereinfacht gesagt: Bestimmte Erfahrungen, Empfindungen oder Funktionen werden vom bewussten Erleben abgespalten.

Das kann sich auf körperlicher Ebene zeigen als:

  • Erinnerungslücken

  • motorische Störungen bis hin zu kompletten Lähmungserscheinungen oder dem Verlust der Sprache

  • sensorische Störungen bis hin zu kompletten Seh- oder Hörverlusten

  • dissoziative Krampfanfälle, die von außen wie eine Epilepsie anmuten können

  • wechselnde Bewusstseins- oder Ich-Zustände

Hier ist der Körper nicht nur Ausdruck, sondern Teil des Schutzsystems. Er „übernimmt“, wenn bewusste Verarbeitung nicht möglich oder zu gefährlich bzw. schmerzhaft wäre. Dissoziative Symptome sind daher nicht „Fehlfunktionen“, sondern hochgradig sinnvolle Anpassungen an extreme Bedingungen. Gerade bei dissoziativen Störungsbildern wird deutlich, wie unzureichend eine rein organische oder rein psychische Sichtweise ist. Das Nervensystem, der Körper, das Erleben – alles greift ineinander.

Abgrenzung – und warum sie trotzdem unscharf bleibt

Zusammengefasst lassen sich die drei Bereiche grob unterscheiden:

  • Psychosomatisch: organische Erkrankung mit psychischer Mitverursachung

  • Somatoform: körperliche Symptome ohne ausreichenden organischen Befund

  • Dissoziativ: Schutzreaktionen des Systems, oft traumabezogen

Und doch: In der Realität sind diese Kategorien keine sauberen Schubladen. Viele Menschen bewegen sich zwischen ihnen oder erleben im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Ausdrucksformen desselben inneren Leidens. Die Klassifikationen helfen der Diagnostik – aber sie dürfen nicht den Blick auf das Ganze verstellen.

Der westliche Blick – und seine Grenzen

Die Trennung von Körper und Psyche hat philosophische Wurzeln, etwa bei Descartes. Sie war notwendig, um Medizin naturwissenschaftlich betreiben zu können. Doch sie hat einen Preis: Sie macht Sinn unsichtbar. Wenn Symptome nur als Defekte gesehen werden, verlieren wir die Fähigkeit zu fragen:

  • Wozu dient dieses Symptom?

  • Was hält es aufrecht?

  • Was wäre ohne es nicht möglich?

Gerade bei chronischen, funktionellen oder traumabezogenen Erkrankungen führt diese Blindheit oft zu jahrelangen Odysseen durch das Gesundheitssystem – voller Untersuchungen, Frustration und impliziter Schuldzuweisungen.

Fernöstliche Perspektiven – Krankheit als Ungleichgewicht

Ein Blick in fernöstliche Medizinsysteme – etwa die Traditionelle Chinesische Medizin oder Ayurveda – zeigt ein radikal anderes Verständnis. Dort ist Krankheit kein isolierter Defekt, sondern Ausdruck eines Ungleichgewichts im Energiefluss, im Lebensstil, in Beziehungen, im emotionalen Erleben. Körperliche und seelische Prozesse sind nicht getrennt, sondern unterschiedliche Ebenen desselben Systems. Symptome gelten als Botschaften, nicht als Störungen, die möglichst schnell beseitigt werden müssen. Das bedeutet nicht, diese Systeme unkritisch zu idealisieren. Aber sie erinnern uns an etwas, das der westlichen Medizin oft verloren gegangen ist: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Befunde.

Ausblick – eine Einladung zum differenzierten Hinsehen

Dieser Artikel versteht sich als Einstieg. In den folgenden Beiträgen dieser Serie werde ich die einzelnen Störungsbilder vertiefen:

  • ihre Entstehung

  • ihre innere Logik

  • therapeutische Zugänge

  • und vor allem: ihren Sinn im Leben der Betroffenen

Nicht, um Leiden zu romantisieren. Sondern um ihm seine Würde zurückzugeben. Denn vielleicht ist es genau so, wie Morgenstern schreibt: Die Seele spricht leise. Und der Körper wird laut – wenn niemand zuhört.

Fortsetzung folgt und ich freue mich, wenn du dabei bist.

Constance

“Der Körper leis zur Seele spricht: sag du es ihm, mich hört er nicht.”

Wenn die Seele flüstert und der Körper schreit

Das Glück - ein scheuer, leiser Begleiter

Wenn das Jahr sich seinem Ende zuneigt, werden viele von uns stiller. Die Tage sind kürzer, die Nächte länger, und irgendwo zwischen Glühweinduft, Kerzenschein, Atemwolken in der kalten Luft und dem leisen Rieseln der ersten Schneeflocken beginnen wir zu reflektieren. Wir denken darüber nach, was war, was bleibt und was vielleicht erst noch kommen darf. In dieser Zeit drängt sich vielleicht auch bei dir die eine Frage immer wieder vorsichtig ins Bewusstsein: Bin ich glücklich? Glück ist ein scheues Konzept. Es lässt sich nicht herbeizwingen, es folgt keiner klaren Formel – und manchmal erkennt man es erst, wenn man innehält. Vielleicht ist gerade deshalb die Weihnachtszeit ein guter Moment, um dem Glück einmal ganz bewusst nachzuspüren.

Was ist Glück eigentlich? Ein Blick auf verschiedene Theorien

Glück begleitet die Menschheit, seit sie denken kann. Doch je nachdem, wen man fragt, zeigt es sich in ganz unterschiedlichen Farben. Hier sind vier unterschiedliche Herangehensweisen an das Glück:

1. Das hedonistische Glück – Freude im Moment

Die älteste Vorstellung von Glück findet sich in der Lebensfreude selbst. Epikur sprach davon, dass Glück aus Lust resultiere – nicht aus ausschweifendem Genuss, sondern aus innerem Frieden, aus den kleinen Freuden des Lebens: ein warmes Getränk, ein vertrautes Lächeln, der Duft nach frisch gebackenen Plätzchen. In dieser Sichtweise ist Glück etwas, das man spürt, unmittelbar und körperlich. Ein Moment, der im Herzen aufleuchtet.

2. Eudaimonia – Glück als gelingendes Leben

Aristoteles hingegen sah Glück weniger als Gefühl, sondern als Zustand des Gelingens. Für ihn war Glück das Ergebnis eines tugendhaften Lebens – eines Lebens, in dem wir das tun, was unserem inneren Wesen entspricht. Wir werden glücklich, wenn wir wachsen, sinnvoll handeln, unsere Potenziale entfalten und Verbundenheit erleben. Es ist das Glück, das sich nicht in Sekunden misst, sondern in Jahren. Es ist die Sinnhaftigkeit des eigenen Seins.

3. Positive Psychologie – Glück als Zusammenspiel

Die moderne Forschung sieht Glück heute als ein Zusammenspiel verschiedener Faktoren:

  • positive Emotionen

  • Engagement

  • Beziehungen

  • Sinn

  • Erfolge und Zielerreichung

Glück entsteht demnach nicht aus einer Quelle, sondern aus einem harmonischen Zusammenspiel vieler Lebensbereiche – wie ein Chor, der nur dann berührt, wenn alle Stimmen zusammenklingen.

4. Glück als Balance – das ostasiatische Verständnis

In vielen östlichen Philosophien gilt Glück als Zustand der inneren und äußeren Balance. Nicht das Streben nach mehr macht glücklich, sondern das Loslassen – das Akzeptieren, was ist. Glück entsteht aus Harmonie: mit anderen, mit der Natur, mit sich selbst. Hier geht es nicht darum, Glück festzuhalten, sondern ihm Raum zu geben, damit es sich zeigen kann. Eine Vorstellung, die mit mir persönlich ganz besonders resoniert. Loslassen, Raum geben, Leichtigkeit…

Warum wir Glück oft dort suchen, wo es gar nicht wohnt

Vielleicht liegt die größte Herausforderung darin, dass wir Glück häufig mit etwas verwechseln, das viel lauter und glänzender wirkt: Erfolg, Besitz, Status, perfekte Lebensumstände. Besonders in der Vorweihnachtszeit, wenn Werbung und Erwartungen sich über uns legen wie eine glitzernde Decke, kann leicht der Eindruck entstehen: Wenn nur dieses oder jenes eintritt … dann wäre ich glücklich. Doch Glück ist selten ein Ergebnis von „Wenn-dann“-Konstellationen. Oft ist es eher wie ein kleiner Vogel, der sich in unsere Nähe setzt, während wir gerade mit etwas ganz anderem beschäftigt sind. Glück geschieht. Überraschend, leise, unaufgeregt.

Der vielleicht wichtigste Schlüssel: Zufriedenheit

Je mehr man sich mit Glück beschäftigt, desto klarer wird etwas: Glück ist weniger ein Gipfel, den man besteigt, sondern ein Boden, auf dem man steht. Zufriedenheit ist das Fundament dieses Bodens. Sie entsteht, wenn wir annehmen können, was ist – nicht resigniert, sondern friedlich. Wenn wir nicht ständig gegen das Leben anrennen. Wenn wir uns erlauben, auch im Unvollkommenen etwas Gutes zu sehen. Zufriedenheit bedeutet nicht, keine Ziele zu haben. Aber sie gibt uns die Freiheit, nicht ständig im Mangel zu leben. Sie schenkt Ruhe statt Rastlosigkeit. Und aus dieser Ruhe erwächst oft das, was wir Glück nennen.

Und dann ist da noch die Dankbarkeit

Vielleicht ist Dankbarkeit die zärtlichste Form von Glück. Dankbarkeit öffnet den Blick für das, was schon da ist, statt für das, was fehlt. Sie verwandelt Selbstverständliches in ein Geschenk:

  • ein vertrautes Gespräch

  • ein Dach über dem Kopf

  • Menschen, die uns wichtig sind

  • ein Moment der Stille

  • ein Ziel, das wir erreicht haben – oder eins, das uns noch trägt

Psychologische Studien zeigen immer wieder: Menschen, die Dankbarkeit bewusst praktizieren, sind nicht nur glücklicher, sondern auch resilienter, optimistischer und ausgeglichener. Doch auch ohne Studien spüren wir intuitiv: Dankbarkeit macht das Herz weich. Vielleicht ist sie sogar der leise Kern von Weihnachten selbst.

Glück in der Weihnachtszeit – ein persönlicher Gedanke

Gerade jetzt, am Ende des Jahres, dürfen wir uns bewusst machen, dass Glück nicht laut sein muss. Es muss nichts Spektakuläres passieren. Vielleicht zeigt sich Glück in genau diesen Momenten: in der Wärme eines Raums, in dem Menschen zusammenkommen. In einem Licht, das wir entzünden. Im Gedanken an jemanden, der uns wichtig ist. In der Erkenntnis, dass wir vieles nicht perfekt gemacht haben – aber das meiste mit ehrlichem Herzen. In der stillen Hoffnung, dass das kommende Jahr uns wieder Möglichkeiten schenkt, zu wachsen und zu lieben.

Und vielleicht – ganz vielleicht – liegt das größte Glück darin, dass wir nie aufhören müssen, es zu suchen.

Wenn wir uns für einen Moment erlauben, nicht höher, schneller, weiter zu wollen, sondern einfach da zu sein, dann öffnet sich manchmal ein warmes Fenster im Herzen. Dort sitzt das Glück. Ganz still. Ganz einfach.

Denn allzu oft finden wir das Glück unterwegs, nicht am Ziel…

Zum Abschluss

Vielleicht darf mein letzter Artikel vor Weihnachten ein kleines Geschenk an dich selbst sein: eine Erinnerung daran, dass Glück nicht irgendwo draußen wartet – sondern in den Momenten, in denen wir die Welt nicht verbessern wollen, sondern nur wahrnehmen. Ich wünsche dir, dass du in den kommenden Adventswochen genau solche Momente findest: Momente der Ruhe, der Nähe, der Dankbarkeit. Momente, in denen das Glück sich zeigt, ohne dass du es suchst.

Frohe Weihnachten – und einen Jahreswechsel voller warmer Augenblicke und Dankbarkeit. 🎄✨

Ich gehe jetzt in meine kleine Weihnachtspause, um mir Zeit zu nehmen, meinem ganz persönlichen Glück nachzuspüren. Ab dem 11. Januar bin ich wieder mit meinem Blog zurück. Ich freue mich, wenn du dann auch wieder dabei bist. Danke für ein verrücktes, anstrengendes, lehrreiches, erfolgreiches, glückliches Jahr, in dem mich – und vielleicht auch dich – dieser Blog begleitet hat.

Deine Constance

Glück…

Ein leiser, schüchterner Begleiter, der sich gerne versteckt und doch so oft präsent ist.