Anders verdrahtet und trotzdem im selben Team: Wenn Neurodiversität und Neurotypikalität aufeinandertreffen

Neurodiversität: Zwischen Harmonie und Reibung

Es gibt Begegnungen, die sich anfühlen, als würde man zum ersten Mal ein neues Land betreten. Die Sprache ist vertraut, und doch klingen die Sätze anders. Die Gesten wirken bekannt, aber die Bedeutung dahinter scheint nicht immer dieselbe zu sein.

So kann es sein, wenn neurodiverse und neurotypische Menschen aufeinandertreffen – im Büro, im Freundeskreis oder in der Familie.

Dieser Artikel lädt dazu ein, dieses Spannungsfeld liebevoll, aber auch ehrlich zu betrachten. Denn es gibt viel Potenzial – aber auch echte Reibungspunkte.

Was Neurodiversität bedeutet – und was nicht

Neurodiversität beschreibt die Vielfalt neurologischer Funktionsweisen. Dazu zählen unter anderem das Autismus-Spektrum, ADHS, Legasthenie, Hochsensibilität, Tic-Störungen und andere Unterschiede in Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und Kommunikation.

Das Konzept macht deutlich: Diese Unterschiede sind nicht automatisch ein Defizit, sondern Teil der menschlichen Vielfalt. Möchtest du mehr über das Potenzial und die Ressourcen unterschiedlicher neurodiverser Ausprägungen erfahren, findest du dazu mehr in meinem letzten Artikel.

Zurück zur Vielfalt! Denn:

Das bedeutet nicht, dass jede Form neurodiverser Ausprägung im beruflichen oder privaten Alltag reibungslos integriert werden kann – und auch nicht, dass Herausforderungen nur durch „mehr Toleranz“ verschwinden. Es geht nicht darum, Unterschiede zu romantisieren, sondern darum, sie realistisch und wertschätzend zu verstehen.

Wo es leicht harmoniert

In manchen Bereichen ergänzen sich neurodiverse und neurotypische Menschen wunderbar:

Vielfalt der Perspektiven: Neurodiverse Kolleg:innen bringen oft unkonventionelle Lösungen, detailgenaue Analysen oder kreative Ideen ein, die im Team einen echten Unterschied machen.

Fokus und Tiefe: Manche neurodiverse Menschen tauchen mit beeindruckender Ausdauer in Themen ein – eine Stärke, die bei Projekten mit hoher Komplexität Gold wert ist.

Ehrlichkeit und Direktheit: Vor allem im Autismus-Spektrum wird oft geschätzt, dass Kommunikation klar und unverblümt ist.

Wenn diese Stärken in einem Umfeld eingesetzt werden, das sie wertschätzt, entsteht nicht selten ein gegenseitiges Staunen: „So habe ich das noch nie gesehen – spannend!“

Wo es knirscht

Doch so wie kulturelle Unterschiede Missverständnisse erzeugen können, geschieht das auch hier:

Kommunikationsstile prallen aufeinander: Neurotypische Menschen lesen zwischen den Zeilen, während neurodiverse Menschen häufig direkter sprechen – und umgekehrt subtile Andeutungen überhören. Irritationen und Missverständnisse sind geradezu vorprogrammiert.

Unterschiedliche Reizempfindlichkeit: Ein Großraumbüro kann für manche neurodiverse Menschen eine tägliche Herausforderung sein – während andere darin aufblühen. Diese Reizempfindlichkeit kann schon im Kindergarten beginnen. Alle Kinder schreien, rennen, spielen und sind dabei glücklich und unbeschwert. Nur dem kleinen Tim ist alles zu viel. Er ist überfordert und wünscht sich Ruhe. Viele Kindergärten und auch Grundschulen haben inzwischen spezielle reizarme Ruheräume eingerichtet, um diesen Kindern eine Insel der Sicherheit zu bieten. Denn den anderen das Toben zu untersagen, ist ja auch nicht zielführend.

Abweichende Zeit- und Prioritätenlogik: Wer anders plant oder Aufgaben in anderer Reihenfolge angeht, kann schnell als „unstrukturiert“ oder „rigide“ missverstanden werden.

Diese Reibungen sind nicht Ausdruck von „schlechter Absicht“, sondern von unterschiedlichen neurologischen Landkarten.

Im Berufsalltag: Zwischen Integration und Überforderung

Unternehmen stehen vor der Aufgabe, Strukturen zu schaffen, die Vielfalt ermöglichen, ohne dabei einzelne Gruppen zu überfordern. Und mit diesen Gruppen meine ich nicht nur Menschen aus dem breiten Bereich der Neurodiversität, sondern auch die Gruppe der Neurotypischen, also jene, die wir als „normal“ bezeichnen – was auch immer das sein soll.

Das bedeutet:

Realistische Erwartungen: Nicht jede Aufgabe passt für jede Person – und das ist okay.

Klare Absprachen: Eindeutige Kommunikation über Ziele, Prozesse und Zuständigkeiten entlastet alle Beteiligten.

Individuelle Anpassungen: Flexible Arbeitsumgebungen, Ruheräume oder klare Feedbackstrukturen können Brücken bauen.

Gegenseitiges Verständnis und beiderseitige Großzügigkeit sind wichtig. Integration funktioniert nur, wenn sie in alle Richtungen aktiv vorangetrieben wird: Ich integriere mich selbst – und andere gleichzeitig.

Was auf jeden Fall vermieden werden sollte, ist, Neurodiversität nur als „Innovationstreiber“ zu vermarkten. Denn das erzeugt Druck, ständig außergewöhnliche Leistungen bringen zu müssen – und blendet die alltäglichen Herausforderungen aus. Es schiebt Menschen in eine Richtung, in der sie sich geradezu gezwungen fühlen, anders zu sein.

Privat: Zwischen Nähe und Distanz

Nicht nur im beruflichen Umfeld, sondern auch im Freundes- und Familienkreis gilt: Nähe entsteht oft dann, wenn man bereit ist, Unterschiede nicht nur zu akzeptieren, sondern auch zu verstehen.

Das kann heißen:

Nachfragen, statt zu interpretieren.

Zuhören, ohne sofort Lösungen vorzuschlagen.

Respektieren, dass Rückzug kein Desinteresse ist.

Gleichzeitig ist es wichtig, die eigenen Bedürfnisse nicht zu verleugnen. Beziehungen – ob beruflich oder privat – sind keine Einbahnstraßen. Auch neurotypische Menschen dürfen Grenzen setzen, wenn etwas dauerhaft belastend wird.

Ein Miteinander, das beide Seiten trägt

Das Ziel ist nicht, dass alle gleich werden, sondern dass man sich gegenseitig so versteht, dass die Zusammenarbeit – oder das Zusammenleben – für beide Seiten funktioniert.

Das erfordert Geduld, Lernbereitschaft und die Einsicht, dass Missverständnisse nicht das Ende, sondern oft der Beginn von echtem Verständnis sind.

Wenn neurodiverse und neurotypische Menschen einander mit echtem Interesse begegnen, können neue Räume entstehen – Räume, in denen nicht nur Leistung zählt, sondern auch das Gefühl, gesehen und verstanden zu werden. Eine wichtige Voraussetzung hierfür ist, dass wir aufhören, in „richtig“ und „falsch“ zu denken. Mit Blick auf Neurodiversität gibt es kein „normal“ und „unnormal“. Es gibt nur anders – wertfrei anders.

Fazit

Neurodiversität ist weder ein Allheilmittel noch ein Problem, das es „wegzutrainieren“ gilt. Sie ist Realität.

Wer bereit ist, Unterschiede als Einladung zum Dialog zu begreifen, statt als Störung des Gewohnten, legt den Grundstein für ein Miteinander, das nicht perfekt ist – aber lebendig, kreativ und menschlich.

Weiter geht die Reise

Und weil Neurodiversität ein so breites und wichtiges Thema ist, werde ich in den nächsten Wochen einige Ausprägungen neurologischer Funktionsweisen etwas ausführlicher vorstellen. In zwei Wochen starte ich mit dem sogenannten Autismus-Spektrum. Seid gespannt und lasst mir bis dahin gerne euer Feedback, eigene Erfahrungen oder Fragen rund um das Thema da. Gerne dürft ihr euch auch wünschen, in welche Bereiche ihr tiefer einsteigen möchtet.

Eure Constance

Gemeinsam stark…

Manchmal leichter gesagt als getan!