Persönlichkeit

Wenn die Kraft nach innen verschwindet - Wie Depressionen entstehen können

Im letzten Artikel ging es um Menschen, die trotz einer Depression lange erstaunlich gut funktionieren. Sie arbeiten, kümmern sich um ihre Familie, übernehmen Verantwortung und halten nach außen vieles aufrecht. Irgendwann stellt sich dabei fast zwangsläufig eine Frage: Wie kann es überhaupt so weit kommen? Warum wird ein Mensch depressiv?

Auf diese Frage wünschen sich Betroffene und Angehörige häufig eine klare Antwort. War es die Arbeit? Die Trennung? Die Kindheit? Eine genetische Veranlagung? Dauerhafter Stress? Oder habe ich schlicht zu lange nicht auf mich aufgepasst?

Die vielleicht unbefriedigende und gleichzeitig entlastende Antwort lautet: Meistens gibt es nicht die eine Ursache. Depressionen entstehen in einem komplexen Zusammenspiel biologischer, psychischer, sozialer und biografischer Faktoren. Und gerade aus hypnosystemischer Perspektive interessiert mich noch eine andere Frage: Was, wenn wir eine Depression nicht nur danach betrachten, woher sie kommt, sondern auch danach, was ein Mensch sehr lange getan hat, bevor sein System irgendwann nicht mehr konnte?

Die Suche nach dem einen Grund

Wenn Menschen depressiv werden, beginnt häufig eine Ursachenforschung. Für Betroffene kann sie quälend werden. Denn manchmal scheint es im eigenen Leben überhaupt keinen ausreichenden Grund zu geben.

„Ich habe doch eigentlich alles.“

„Andere haben viel Schlimmeres erlebt.“

„Warum schaffe ich mein Leben plötzlich nicht mehr?“

Gerade solche Gedanken können das depressive Erleben zusätzlich verstärken. Zur Erschöpfung kommt Selbstkritik. Zur Hoffnungslosigkeit kommt Scham. Und aus der Frage „Warum geht es mir so schlecht?“ wird irgendwann die Schlussfolgerung: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Dabei kann grundsätzlich jeder Mensch an einer Depression erkranken. Belastende Erfahrungen, Verluste oder chronischer Stress können das Risiko erhöhen, erklären aber nicht jede Erkrankung. Manche Depressionen treten nach deutlich erkennbaren Belastungen auf, andere scheinen für Betroffene nahezu aus dem Nichts zu kommen.

Deshalb ist es wichtig, Depressionen nicht als mathematische Gleichung zu verstehen: schwierige Kindheit plus Stress gleich Depression. So einfach funktioniert die menschliche Psyche nicht.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Warum nicht jeder gleich reagiert

Ein hilfreiches Modell zum Verständnis ist das sogenannte Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Vereinfacht gesagt geht es davon aus, dass Menschen unterschiedliche Verletzlichkeiten mitbringen und gleichzeitig unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Man kann sich das vielleicht wie ein persönliches Belastungsgefäß vorstellen. Genetische Faktoren, frühere Erfahrungen, körperliche Erkrankungen, chronischer Schlafmangel oder bestimmte Beziehungserfahrungen können dazu beitragen, dass dieses Gefäß schneller gefüllt ist. Gleichzeitig kommen aktuelle Belastungen hinzu: Konflikte, Verluste, Einsamkeit, beruflicher Druck, Pflege von Angehörigen oder eine lange Phase der Überforderung.

Aber auch das ist nur ein Modell. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und vollkommen unterschiedlich darauf reagieren. Eine Depression ist deshalb weder Ausdruck persönlicher Schwäche noch ein Hinweis darauf, dass jemand weniger belastbar ist als andere.

Wenn Anpassung zur großen Stärke wird

Aus hypnosystemischer Perspektive wird an dieser Stelle etwas besonders interessant. Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens Strategien, mit denen sie Herausforderungen bewältigen. Viele davon sind zunächst ausgesprochen kompetent. Ein Kind, das früh lernt, keine zusätzlichen Probleme zu machen, kann später ausgesprochen zuverlässig sein. Wer gelernt hat, Stimmungen anderer sehr genau wahrzunehmen, kann eine außergewöhnliche soziale Sensibilität entwickeln. Wer Anerkennung vor allem für Leistung erfahren hat, entwickelt möglicherweise enorme Leistungsfähigkeit. Und wer schwierige Situationen lange allein bewältigen musste, wird vielleicht zu einem Menschen, auf den sich alle verlassen können.

Das Problem ist nicht die Kompetenz. Das Problem entsteht dann, wenn aus einer Möglichkeit eine Notwendigkeit wird. Aus „Ich kann Verantwortung übernehmen“ wird „Ich muss Verantwortung übernehmen.“ Aus „Ich kann durchhalten“ wird „Ich darf nicht aufgeben.“ Aus „Ich kann mich auf andere einstellen“ wird „Was ich brauche, ist weniger wichtig.“ Und aus „Ich schaffe das alleine“ wird irgendwann „Ich darf niemanden brauchen.“

Genau hier liegt für mich ein wichtiger hypnosystemischer Gedanke: Manche Probleme entstehen nicht, weil Menschen zu wenig Kompetenzen besitzen, sondern weil sie bestimmte Kompetenzen zu lange und zu ausschließlich einsetzen mussten.

Wenn der Zugang zu den eigenen Bedürfnissen verloren geht

Wer über Jahre funktioniert, merkt möglicherweise irgendwann gar nicht mehr, dass er erschöpft ist. Nicht weil die Erschöpfung nicht da wäre, sondern weil es kaum noch eine innere Erlaubnis gibt, sie wahrzunehmen.

Was brauche ich gerade?

Was tut mir gut?

Worauf habe ich Lust?

Was möchte ich eigentlich?

Für viele depressive Menschen sind genau diese scheinbar einfachen Fragen erstaunlich schwer zu beantworten. Der Blick ist stattdessen häufig darauf gerichtet, was noch erledigt werden muss, was andere erwarten, was man versäumt hat oder worin man nicht gut genug war. Aus hypnosystemischer Sicht können wir hier wieder von einer Problemtrance sprechen. Bestimmte Wahrnehmungs-, Denk- und Bewertungsmuster werden so dominant, dass andere Möglichkeiten immer schwerer zugänglich werden. Das Schwierige daran: Der Mensch bemerkt häufig nicht, dass sich sein Wahrnehmungsraum zunehmend verengt. Für ihn fühlt es sich nicht an wie: „Ich sehe im Moment keine Perspektive.“ Sondern wie: „Es gibt keine Perspektive.“ Das ist ein entscheidender Unterschied.

Warum „Denk doch positiv“ nicht funktioniert

Für Angehörige gehört genau das zu den schmerzhaftesten Erfahrungen im Umgang mit einer Depression. Sie sehen Möglichkeiten, die der Betroffene nicht mehr sehen kann. Der Partner sagt: „Aber wir haben doch auch schöne Momente.“ Die Freundin sagt: „Du hast doch schon so viel geschafft.“ Der Vater sagt: „Es wird bestimmt wieder besser.“ Alles gut gemeinte Versuche, eine andere Wirklichkeit anzubieten. Doch beim betroffenen Menschen kommen sie häufig nicht an. Manchmal machen sie die Situation sogar schwieriger. Denn zusätzlich zur Depression entsteht das Gefühl: „Alle anderen können sehen, dass mein Leben eigentlich gut ist. Warum kann ich es nicht?“

Deshalb hilft es meist wenig, gegen die depressive Wirklichkeit anzudiskutieren. Hypnosystemische Arbeit versucht etwas anderes: Sie nimmt das gegenwärtige Erleben zunächst ernst. Nicht: „Du siehst das zu negativ.“ Sondern: „Wenn sich die Welt für dich gerade so anfühlt, lass uns verstehen, wie dieses Erleben zustande kommt.“ Diese kleine Veränderung nimmt Druck heraus.

Hat eine Depression also einen „Sinn“?

Hier ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig.

Zu fragen, welche Funktion ein Symptom haben könnte, bedeutet nicht, eine Depression zu romantisieren. Eine Depression kann eine schwere Erkrankung sein. Sie kann Beziehungen zerstören, Menschen arbeitsunfähig machen und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden.

Und trotzdem kann therapeutisch die Frage hilfreich sein: „Wovor könnte dieses System versucht haben, dich zu schützen?“ Vielleicht vor weiterer Überforderung. Vielleicht vor einem Konflikt, der lange nicht lösbar erschien. Vielleicht vor der permanenten Überschreitung eigener Grenzen. Vielleicht gibt es darauf aber auch überhaupt keine eindeutige Antwort.

Die therapeutische Aufgabe ist dann nicht, eine möglichst elegante Erklärung für die Vergangenheit zu konstruieren. Entscheidend ist vielmehr, wieder Wahlmöglichkeiten für Gegenwart und Zukunft entstehen zu lassen.

Therapie bedeutet nicht, wieder der Alte zu werden

Viele Betroffene kommen mit einem verständlichen Wunsch in Therapie: „Ich will einfach wieder so sein wie früher.“ Doch manchmal lohnt es sich, bei diesem Satz kurz innezuhalten. Denn vielleicht war genau dieses „Früher“ von sehr viel Funktionieren, Durchhalten, Verantwortungsübernahme und Selbstüberforderung geprägt. Dann wäre eine Therapie, die lediglich das frühere Leistungsniveau wiederherstellt, möglicherweise zu kurz gedacht.

Die interessantere Frage könnte lauten: „Wie möchte ich leben, wenn ich nicht mehr genauso leben muss wie vor meiner Depression?“

Hypnosystemische Therapie versucht deshalb, den Wahrnehmungsraum wieder zu erweitern. Ressourcen und Bedürfnisse sollen wieder zugänglich werden. Menschen können lernen, frühe Warnsignale wahrzunehmen, Grenzen zu erkennen und zwischen unterschiedlichen inneren Bedürfnissen flexibler zu wechseln. Es geht nicht darum, nie wieder traurig, erschöpft oder überfordert zu sein. Es geht darum, wieder mehr Wahlmöglichkeiten zu bekommen.

Vielleicht ist die falsche Frage: „Warum ich?“

Menschen mit Depressionen stellen sich häufig die Frage: „Warum passiert ausgerechnet mir das?“ Vielleicht können wir sie irgendwann vorsichtig durch andere Fragen ergänzen:

„Was habe ich möglicherweise sehr lange geleistet?“

„Was hat mir geholfen, so lange durchzuhalten?“

„Welche Bedürfnisse hatten dabei zu wenig Platz?“

Und vor allem: „Was brauche ich heute, damit mein Leben nicht nur wieder funktioniert, sondern sich auch wieder nach meinem Leben anfühlt?“

Damit verändert sich die Perspektive. Der Betroffene ist nicht länger der defekte Mensch, dessen Psyche plötzlich versagt. Er wird zu einem Menschen, dessen System unter bestimmten Bedingungen bestimmte Strategien entwickelt hat. Manche davon waren lange ausgesprochen hilfreich. Manche sind heute zu teuer geworden. Und genau dort kann Veränderung beginnen. Nicht indem wir die Vergangenheit bekämpfen. Sondern indem wir den Handlungsspielraum für die Zukunft erweitern. Denn vielleicht bedeutet Genesung am Ende nicht einfach, wieder so zu werden, wie man früher einmal war. Vielleicht bedeutet sie, wieder Zugang dazu zu bekommen, wer man sein kann.

Im nächsten Artikel dieser Reihe könnte sich der Blick noch einmal verändern: weg von der Frage, wie Depression entsteht, hin zu einer Erfahrung, die für Betroffene und Angehörige besonders schwer auszuhalten ist: Warum Rückzug, Antriebslosigkeit und scheinbare Passivität bei einer Depression so wenig mit Faulheit oder mangelndem Willen zu tun haben.

Constance

Wie entstehen Depressionen?

Eine Frage ohne DIE eine Antwort

Hochfunktionale Depression - Wenn Funktionieren das Leiden unsichtbar macht

Stell dir einen Menschen vor, der morgens aufsteht, duscht, die Kinder versorgt und pünktlich zur Arbeit kommt. Im Meeting ist er vorbereitet. Die Präsentation gelingt. Auf die Frage „Alles gut?“ folgt ein freundliches „Ja, klar“. Vielleicht wird sogar gelacht.

Von außen betrachtet gibt es wenig Grund zur Sorge.

Am Abend ist derselbe Mensch vollkommen erschöpft. Nicht müde im üblichen Sinne, sondern leer. Dinge, die einmal Freude gemacht haben, fühlen sich bedeutungslos an. Verabredungen werden abgesagt, nicht weil kein Interesse an den Menschen besteht, sondern weil schlicht keine Kraft mehr vorhanden ist. Und am nächsten Morgen klingelt der Wecker. Der Mensch steht auf. Und funktioniert wieder. Genau dieses Phänomen wird häufig als hochfunktionale Depression bezeichnet.

Hochfunktionale Depression ist keine eigene Diagnose

Das ist zunächst wichtig, denn der Begriff kann leicht den Eindruck erwecken, es handele sich um eine besondere Form der Depression. „Hochfunktionale Depression“ ist jedoch keine eigenständige medizinische Diagnose. Der Begriff beschreibt vielmehr ein Erscheinungsbild, bei dem Menschen depressive Symptome haben und trotzdem nach außen lange leistungsfähig bleiben.

Und genau darin liegt die besondere Herausforderung: Wir haben ein bestimmtes Bild von Depressionen im Kopf. Wir denken an Menschen, die morgens nicht mehr aufstehen können, nicht mehr arbeiten gehen, sich vollständig zurückziehen und deren Erkrankung für andere deutlich sichtbar wird.

Aber Depressionen können anders aussehen.

Menschen können arbeiten und depressiv sein. Sie können Verantwortung übernehmen und depressiv sein. Sie können erfolgreich sein, Kinder versorgen, Sport treiben, Freunde treffen und sogar lachen und trotzdem erheblich leiden. Fachleute weisen deshalb darauf hin, dass psychische Gesundheit nicht allein an äußerer Leistungsfähigkeit beurteilt werden kann.

„Aber ich funktioniere doch noch“

Unter Umständen ist genau das einer der tückischsten Sätze bei diesem Erscheinungsbild. Solange wir funktionieren, glauben wir häufig, nicht wirklich krank sein zu können.

Ich gehe doch noch arbeiten.

Andere verlassen sich auf mich.

Ich bekomme doch noch alles hin.

Andere haben viel größere Probleme.

Genau dadurch kann das Funktionieren selbst zu einem Grund werden, keine Hilfe zu suchen. Der Preis dafür bleibt für andere lange unsichtbar. Denn vielleicht gelingt das Meeting noch, aber anschließend ist kaum noch Energie vorhanden. Vielleicht funktioniert der Arbeitstag, während das Wochenende ausschließlich der Regeneration dient. Vielleicht werden Pflichten zuverlässig erledigt, während Freude, Neugier, Spontaneität und soziale Kontakte immer weiter verschwinden. Das äußere Funktionsniveau bleibt erhalten, obwohl die Bewältigung des Alltags immer mehr Kraft kostet.

Die entscheidende Frage lautet deshalb irgendwann nicht mehr: „Funktioniere ich noch?“

Sondern: „Was kostet es mich inzwischen, dieses Funktionieren aufrechtzuerhalten?“

Wenn Leistung Teil des Problems wird

Aus hypnosystemischer Perspektive wird es an dieser Stelle besonders interessant. Gunther Schmidt beschreibt psychische Symptome nicht einfach als Defekte, sondern versucht zu verstehen, in welchen Erlebensmustern Menschen organisiert sind und welche ursprünglich sinnvollen Funktionen diese Muster erfüllen.

Ein Mensch, der gelernt hat, sehr zuverlässig zu funktionieren, verfügt zunächst einmal über enorme Kompetenzen: Disziplin, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen, Verlässlichkeit, Leistungsorientierung und vielleicht die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse zugunsten anderer zurückzustellen.

All das kann ausgesprochen hilfreich sein. Bis diese Kompetenzen alternativlos werden. Aus „Ich kann mich zusammenreißen, wenn es notwendig ist“ wird irgendwann „Ich darf nicht ausfallen“. Aus „Ich übernehme gerne Verantwortung“ wird „Ohne mich funktioniert es nicht“. Und aus „Ich kann viel leisten“ wird „Ich bin nur wertvoll, wenn ich leiste.“

Hypnosystemisch könnte man sagen: Eine Ressource gerät in einen problematischen Kontext. Nicht die Leistungsfähigkeit an sich ist das Problem. Das Problem entsteht, wenn ein Mensch den Zugang zu anderen möglichen Zuständen verliert: Pause. Bedürftigkeit. Hilfe annehmen. Unvollkommenheit. Einfach einmal nicht funktionieren müssen.

Die depressive Problemtrance kann sehr leistungsfähig sein

Das klingt zunächst paradox. In meinem letzten Artikel habe ich Depression als eine Art Problemtrance beschrieben, bei der Aufmerksamkeit immer stärker auf Verlust, Versagen, Mangel oder Hoffnungslosigkeit gerichtet wird. Bei einer hochfunktionalen Depression kann etwas Weiteres hinzukommen: Nach außen läuft ein hochtrainiertes Funktionsprogramm weiter. Der Kalender wird abgearbeitet. Aufgaben werden erledigt. Verpflichtungen werden erfüllt. Innerlich verengt sich das Erleben trotzdem zunehmend. Auf das, was noch erledigt werden muss. Auf das, was man noch schaffen sollte. Auf die Erwartungen anderer. Auf das eigene vermeintliche Ungenügen. Das Leben besteht immer stärker aus Anforderungen und immer weniger aus Erleben. Und genau darin kann ein zentraler Hinweis auf die Depression liegen: Nicht notwendigerweise darin, was ein Mensch noch schafft, sondern darin, was er dabei nicht mehr empfindet.

Warum das Umfeld die Depression häufig nicht erkennt

Für Partner, Freunde und Kollegen ist diese Form besonders schwer zu verstehen. Ein depressiver Mensch, der morgens nicht mehr aufstehen kann, entspricht unserer Vorstellung von Krankheit. Ein Mensch, der eine erfolgreiche Präsentation hält und zwei Stunden später zu Hause weinend auf dem Sofa sitzt, irritiert dieses Bild. Das kann zu gut gemeinten, aber schmerzhaften Reaktionen führen:

„Aber bei dir läuft doch eigentlich alles gut.“

„Du wirkst überhaupt nicht depressiv.“

Oder besonders problematisch:

„Jeder ist doch mal erschöpft.“

Für Betroffene kann genau das ihre eigene Erklärung verstärken: Vielleicht stelle ich mich tatsächlich nur an. Das Umfeld muss deshalb nicht zum Therapeuten werden. Es kann aber etwas unglaublich Wichtiges tun: die Wahrnehmung des Betroffenen ernst nehmen, auch wenn sie nicht zum äußeren Erscheinungsbild passt.

Wenn der Körper irgendwann die Rechnung präsentiert

Funktionieren benötigt Energie. Und dauerhaftes Funktionieren gegen die eigenen Bedürfnisse benötigt besonders viel davon. Erschöpfung, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, innere Leere oder Veränderungen von Appetit und Aktivität können Teil einer Depression sein. Solche Symptome können auch bei Menschen auftreten, die ihre beruflichen und familiären Verpflichtungen weiterhin erfüllen. Deshalb sollte das Ziel nicht sein, möglichst lange weiterzufunktionieren. Sondern möglichst früh wahrzunehmen: Wie geht es mir eigentlich hinter meinem Funktionieren?

Der hypnosystemische Weg: vom Funktionieren wieder zum Erleben

Therapie bedeutet aus dieser Perspektive zunächst nicht, einem leistungsorientierten Menschen seine Leistungsfähigkeit wegzunehmen. Im Gegenteil. Es geht darum, Wahlmöglichkeiten zurückzugewinnen.

Ein wichtiger therapeutischer Schritt kann darin bestehen, zwischen verschiedenen inneren Anteilen oder Bedürfnissen zu unterscheiden: dem Teil, der Verantwortung übernehmen möchte, dem Teil, der Angst vor dem Versagen hat, dem erschöpften Teil und vielleicht einem lange überhörten Teil, der sich nach Ruhe, Beziehung, Freude oder Leichtigkeit sehnt.

Dann verändert sich die therapeutische Frage. Nicht mehr: „Wie bekomme ich mich wieder dazu, besser zu funktionieren?“ Sondern: „Wie möchte ich eigentlich leben, wenn mein Wert nicht permanent davon abhängt, was ich leiste?“

Das kann bedeuten, Aufmerksamkeitsfokussierungen zu verändern, eigene Bedürfnisse wieder wahrnehmbar zu machen, Ressourcen zu reaktivieren und sehr konkret neue Erfahrungen mit Grenzen, Pausen und dem Annehmen von Unterstützung zu ermöglichen. Eine Depression sollte dabei fachlich abgeklärt werden. Je nach Diagnose, Schweregrad und Verlauf kommen insbesondere Psychotherapie und gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung infrage.

Vielleicht ist „hochfunktional“ gar nicht das Gegenteil von krank. Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig mit dem Begriff hochfunktional umgehen. Denn er kann beinahe wie ein Kompliment klingen. Wenigstens funktioniere ich noch. Dabei ist möglicherweise genau dieses Funktionieren ein Teil dessen, was das Leid so lange unsichtbar hält. Eine interessante Frage wäre deshalb nicht nur: „Wie viel schafft dieser Mensch noch?“ Sondern: „Wie viel Leben findet dabei noch statt?“ Gibt es noch Freude, die keinen Zweck erfüllen muss? Gibt es Neugier? Leichtigkeit? Nähe? Momente, in denen nichts geleistet werden muss? Darf jemand erschöpft sein, ohne sich dafür zu verurteilen? Denn psychische Gesundheit bedeutet nicht, unter allen Umständen funktionieren zu können. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, flexibel zwischen Leistung und Erholung, Verantwortung und Unterstützung, Aktivität und Ruhe wechseln zu können.

Zum Schluss ein Perspektivwechsel

Menschen mit einer hochfunktionalen Depression benötigen häufig lange, bis sie sich erlauben, ihr Leiden überhaupt ernst zu nehmen. Vielleicht deshalb zum Abschluss eine einfache Frage:

Wenn du nicht danach beurteilen würdest, was du noch schaffst, sondern danach, wie sich dein Leben für dich anfühlt, würdest du dann zu demselben Ergebnis kommen?

Man muss nicht vollständig zusammenbrechen, um Hilfe verdient zu haben. Man muss nicht arbeitsunfähig sein, um erschöpft sein zu dürfen. Und man muss nicht aufhören zu funktionieren, bevor man anfangen darf, wieder zu leben.

Im nächsten Artikel dieser Reihe möchte ich deshalb genauer auf eine Frage schauen, die bei Depressionen immer wieder auftaucht: Wie entsteht eine Depression eigentlich? Und warum greift die Suche nach „der einen Ursache“ häufig zu kurz?

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Hochfunktional

Wenn das eigene Leben läuft wie ein Uhrwerk

Diagnose Depression - Wenn das Leben an Farbe verliert

Auch Dank eures Feedbacks habe ich mich dazu entschieden, mich in meiner nächsten Artikelserie tiefer mit dem Thema Depressionen zu beschäftigen.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Weltweit leben nach Schätzungen der WHO rund 322 Millionen Menschen mit einer Depression. Gleichzeitig erhält selbst in wohlhabenden Ländern nur ein Teil der Betroffenen eine professionelle Behandlung. Scham, Unsicherheit und gesellschaftliche Vorurteile sorgen noch immer dafür, dass viele Menschen viel zu lange allein mit ihrem Leiden bleiben.

Auch in Deutschland zeigen aktuelle Daten, wie verbreitet depressive Symptome inzwischen sind: Im Jahr 2023 berichtete etwa jede siebte erwachsene Person über eine relevante depressive Symptomatik. Besonders alarmierend ist dabei, dass junge Erwachsene häufiger betroffen sind als ältere Menschen.

Und dennoch fühlen sich viele Betroffene mit ihrer Erkrankung vollkommen allein.

Mehr als nur Traurigkeit

Fast jeder Mensch kennt Tage, an denen alles schwerfällt. Tage, an denen man müde ist, sich zurückziehen möchte oder das Gefühl hat, dass das Leben gerade etwas zu viel verlangt. Die meisten von uns erleben Phasen von Traurigkeit, Enttäuschung oder Erschöpfung. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen solchen Phasen und einer Depression.

Eine Depression ist nicht einfach schlechte Stimmung. Sie ist nicht mangelnde Willenskraft. Sie ist nicht Faulheit. Und sie verschwindet meist auch nicht durch einen Urlaub, ein gutes Gespräch oder die Aufforderung, doch einfach wieder positiver zu denken.

Wer noch nie eine Depression erlebt hat, kann sich oft kaum vorstellen, wie grundlegend sie das Erleben eines Menschen verändert. Viele Betroffene beschreiben, dass nicht nur ihre Stimmung dunkler wird, sondern dass sich die gesamte Beziehung zur Welt verändert. Dinge, die früher Freude gemacht haben, verlieren ihre Bedeutung. Entscheidungen fühlen sich anstrengend an. Selbst einfache Aufgaben können zu scheinbar unüberwindbaren Hürden werden.

Das Leiden der Betroffenen – und die Hilflosigkeit der Angehörigen

Mindestens ebenso belastend ist häufig die Hilflosigkeit der Menschen, die den Betroffenen nahestehen. Partner, Freunde oder Familienmitglieder erleben oft einen Menschen, den sie lieben und kennen, der sich zunehmend zurückzieht und immer weniger erreichbar erscheint. Sie möchten helfen, motivieren, unterstützen und verstehen oftmals nicht, warum ihre Bemühungen scheinbar wirkungslos bleiben.

Nicht selten entsteht auf beiden Seiten ein Gefühl von Ohnmacht. Die Betroffenen leiden darunter, anderen zur Last zu fallen. Die Angehörigen leiden darunter, nicht helfen zu können. Beide Seiten fühlen sich oft allein mit etwas, das sie nicht wirklich verstehen.

Gerade deshalb sind Depressionen häufig nicht nur die Erkrankung einer einzelnen Person. Sie betreffen ganze Beziehungssysteme. Familien, Partnerschaften und Freundschaften geraten unter Druck und suchen gemeinsam nach Erklärungen für etwas, das sich oft weder logisch erklären noch einfach stoppen lässt.

Burnout, hochfunktionale Depression und andere Begriffe

Bereits die vielen Bezeichnungen rund um das Thema Depression sorgen häufig für Verwirrung. Wir lesen von Burnout, hochfunktionaler Depression, Winterdepression, Erschöpfungsdepression oder reaktiver Depression. Diese Begriffe beschreiben oft unterschiedliche Auslöser, Lebenssituationen oder Erscheinungsformen.

Diagnostisch betrachtet sprechen wir jedoch deutlich seltener von unterschiedlichen Erkrankungen, als die öffentliche Diskussion vermuten lässt. Ob die Symptome nach einer Trennung auftreten, im Zusammenhang mit beruflicher Überlastung entstehen oder scheinbar ohne äußeren Anlass beginnen: Das zugrundeliegende Krankheitsbild bleibt häufig dasselbe.

Für Betroffene ist das oft eine entlastende Erkenntnis. Denn sie zeigt, dass es nicht darum geht, ob die Depression „berechtigt“ ist oder ob man „wirklich krank genug“ ist. Entscheidend ist das Ausmaß des Leidens und der Einschränkungen, die damit verbunden sind.

Was aus hypnosystemischer Sicht passiert

Während Menschen mit Angststörungen meist unter einer Überaktivierung ihres inneren Alarmsystems leiden, scheint bei Depressionen häufig etwas anderes zu geschehen. Viele Betroffene berichten nicht von zu viel Aktivität, sondern von zu wenig. Gefühle werden stumpfer. Interessen verblassen. Hoffnung zieht sich zurück. Die Zukunft erscheint nicht mehr offen und gestaltbar, sondern eng, düster und weitgehend vorbestimmt.

Aus hypnosystemischer Perspektive ist dabei ein Gedanke besonders interessant. Gunther Schmidt beschreibt psychisches Erleben als Ergebnis von Aufmerksamkeitsprozessen. Menschen erleben nicht einfach die objektive Realität. Sie erleben vor allem jene Ausschnitte der Realität, auf die ihr Aufmerksamkeitsfokus immer wieder gelenkt wird.

Bei einer Depression scheint diese Aufmerksamkeit häufig wie magnetisch auf das gerichtet zu werden, was nicht gelingt, was verloren ging, was schmerzt oder was möglicherweise niemals mehr besser wird. Positive Erfahrungen, Erfolge, Fähigkeiten und gelingende Beziehungen verschwinden dabei nicht tatsächlich. Sie werden lediglich immer schwerer zugänglich oder nicht mehr bewusst wahrgenommen.

Viele Betroffene beschreiben dieses Erleben sehr eindrücklich. Sie wissen oft rational, dass sie Menschen haben, die sie lieben. Sie erinnern sich daran, dass es früher bessere Zeiten gab. Und dennoch erreichen sie diese Erfahrungen emotional nicht mehr. Als würde eine Glasscheibe zwischen ihnen und ihrem bisherigen Leben stehen.

Die Depression als Problemtrance

In der Hypnosystemik würde man von einer Problemtrance sprechen. Damit ist kein mystischer Zustand gemeint, sondern die menschliche Fähigkeit, bestimmte Aspekte unseres Erlebens so stark in den Vordergrund zu rücken, dass andere Erfahrungen kaum noch erreichbar erscheinen. - Vielleicht eine Art unbewusste Selbsthypnose.

Jeder Mensch kennt dieses Phänomen aus dem Alltag. Wer frisch verliebt ist, erlebt die Welt anders. Wer große Sorgen hat, ebenfalls. Depressionen können als besonders hartnäckige Form einer solchen Problemtrance verstanden werden, bei der das Leidvolle, Schwerfällige und Hoffnungslosere immer leichter zugänglich wird als Zuversicht, Lebendigkeit oder Freude.

Gleichzeitig wäre es ein Missverständnis, Depressionen ausschließlich als Ergebnis von Gedanken zu betrachten. Depressionen sind ernsthafte Erkrankungen, bei denen biologische, psychologische, soziale und oft auch biografische Faktoren zusammenwirken. Niemand entscheidet sich für eine Depression. Niemand denkt sie sich herbei. Und niemand ist selbst schuld.

Was die Depression vielleicht zu sagen versucht

Einer der stärksten Gedanken der Hypnosystemik besteht deshalb nicht darin, Symptome wegzudiskutieren. Stattdessen wird versucht zu verstehen, welche Erfahrungen, Bedürfnisse oder Schutzmechanismen sich hinter dem depressiven Erleben verbergen könnten.

Denn paradoxerweise hat selbst eine Depression häufig eine Funktion. Manche Menschen entdecken in der Therapie, dass sie jahrelang eigene Bedürfnisse ignoriert haben. Andere erkennen, wie lange sie bereits gegen Überforderung, Verlust oder ungelöste Konflikte angekämpft haben. Wieder andere erleben die Depression wie einen brutalen, aber unüberhörbaren Stopp eines Systems, das viel zu lange über seine Grenzen gegangen ist.

Das bedeutet nicht, dass Depressionen sinnvoll oder wünschenswert wären. Aber es bedeutet, dass sie oft Hinweise auf etwas enthalten, das lange Zeit übersehen wurde.

Ein erster Schritt aus der Hilflosigkeit

Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke zum Abschluss dieses ersten Artikels. Depressionen sind keine Charakterschwäche. Sie sind kein Zeichen mangelnder Disziplin. Und sie sind erst recht kein persönliches Versagen. Sie sind ernstzunehmende Erkrankungen, die tiefes Leiden verursachen können.

Gleichzeitig existieren heute gute therapeutische Möglichkeiten, Menschen auf ihrem Weg zurück ins Leben zu begleiten. Und vielleicht beginnt dieser Weg für viele Betroffene und ihre Angehörigen zunächst gar nicht mit der Frage: „Wie werde ich das möglichst schnell los?“

Vielleicht beginnt er mit einer anderen Frage:

„Was passiert hier eigentlich gerade mit mir – oder mit dem Menschen, den ich liebe?“

Denn Verstehen heilt noch nicht. Aber Verstehen schafft oft die erste Brücke zurück aus der Hilflosigkeit.

In den nächsten Artikeln dieser Reihe werden wir uns die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Depressionen genauer anschauen. Dabei werden wir auch der Frage nachgehen, warum sich Depressionen bei verschiedenen Menschen oft völlig unterschiedlich zeigen – und weshalb manche Betroffene selbst lange nicht erkennen, dass sie bereits erkrankt sind.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Wenn das Leben an Farbe verliert

Wie Depressionen unsere Wahrnehmung und unser Erleben beeinflussen