Persönlichkeit

Der hypnosystemische Ansatz - Integratives Arbeiten mit Körper und Psyche

In den letzten Wochen habe ich unterschiedliche psychische Krankheitsbilder vorgestellt, die alle gemeinsam haben, dass sie sich über körperliches Leiden Ausdruck verleihen. Du erinnerst dich vielleicht an die dissoziativen Störungen, einen Schutzmechanismus, der unser Bewusstsein vor oft schweren Traumata schützt, die somatoformen Störungen, bei denen die Seele über unterschiedliche Schmerzen und Erkrankungen über den Körper spricht, ohne dass eine körperliche Ursache gefunden werden kann, und schließlich die psychosomatischen Erkrankungen, bei denen der Körper mit einer Erkrankung reagiert, die im Kontext längerer Be- oder Überlastung steht.

Wenn Menschen mit entsprechenden Beschwerden in eine Therapie kommen, bringen sie oft eine lange Geschichte mit. Viele Arztbesuche. Untersuchungen. Medikamente. Vielleicht sogar die Erfahrung, nicht wirklich ernst genommen zu werden. „Organisch ist nichts zu finden.“ Dieser Satz kann für Betroffene gleichzeitig erleichternd und zutiefst frustrierend sein. Denn die Schmerzen sind real. Die Erschöpfung ist real. Das Herzrasen, die Magenkrämpfe, die Verspannungen, der Schwindel – all das ist spürbar, belastend und oft lebensbestimmend.

Der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt eröffnet hier eine spannende Perspektive. Eine Perspektive, die weder Körper noch Psyche gegeneinander ausspielt, sondern beide als Teile eines intelligenten, miteinander kommunizierenden Systems versteht. Und genau dort beginnt eine Form von Therapie, die nicht gegen Symptome kämpft – sondern versucht zu verstehen, wofür sie stehen.

Körper und Psyche: Zwei Sprachen desselben Systems

In vielen medizinischen und therapeutischen Modellen wird noch immer unterschieden zwischen „körperlich“ und „psychisch“. Der hypnosystemische Ansatz stellt diese Trennung infrage.

Gunther Schmidt verbindet zwei große therapeutische Traditionen:

  • Systemische Therapie

  • Hypnotherapie nach Milton Erickson

Aus dieser Verbindung entsteht ein Verständnis des Menschen als komplexes Selbstorganisationssystem. Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Körperempfindungen, Beziehungserfahrungen und Verhaltensmuster wirken darin ununterbrochen zusammen. Der Körper ist in diesem Modell nicht einfach ein „Ort von Symptomen“. Er ist ein hochsensibles Resonanzsystem, das Erfahrungen speichert, bewertet und kommuniziert. Gerade bei psychosomatischen, somatoformen oder dissoziativen Symptomen zeigt sich das besonders deutlich. Was sich im Körper ausdrückt, ist oft eine Form von innerer Kommunikation, für die bislang keine andere Sprache gefunden wurde.

Symptome als sinnvolle Lösungsversuche

Ein zentraler Gedanke in Gunther Schmidts Arbeit ist zunächst irritierend – und zugleich zutiefst entlastend: Symptome sind keine Fehler. Sie sind Versuche des Organismus, mit Belastungen umzugehen. Das bedeutet nicht, dass Symptome angenehm oder hilfreich sind. Aber sie erfüllen häufig eine wertvolle und wichtige Funktion innerhalb des Systems.

Ein Beispiel:

Ein Mensch erlebt über lange Zeit starke innere Spannungen oder ungelöste Konflikte. Der Körper reagiert vielleicht mit chronischen Muskelverspannungen, Magenbeschwerden oder Herzrasen. Aus hypnosystemischer Sicht ist das kein „Defekt“. Es ist ein Regulationsversuch des Nervensystems. Der Körper versucht, mit den verfügbaren Mitteln Stabilität herzustellen.

Wenn Therapeut:innen beginnen, Symptome nicht als Gegner zu betrachten, verändert sich sofort die Haltung in der Therapie. Statt zu fragen: „Wie bekommen wir das weg?“ entsteht eine andere Frage: „Wofür könnte dieses Symptom eine Lösung sein?“ Allein diese Perspektivverschiebung kann für Betroffene eine enorme Entlastung sein. Denn plötzlich wird ihr Erleben nicht mehr als Problem betrachtet, sondern als Teil einer intelligenten Selbstorganisation.

Die Sprache des Körpers verstehen

Gunther Schmidt arbeitet in der Therapie häufig damit, die Aufmerksamkeit der Patient:innen behutsam auf ihre körperlichen Erfahrungen zu lenken. Nicht analysierend. Nicht bewertend. Sondern neugierig.

Der Körper wird zu einer Art Landkarte innerer Prozesse.

  • Spannung im Brustraum

  • Enge im Hals

  • Druck im Magen

  • Schwere in den Schultern

All diese Empfindungen können Hinweise darauf sein, wie das innere System gerade organisiert ist. Viele Menschen haben jedoch gelernt, diese Signale zu übergehen. Der Alltag fordert Funktionieren. Leistung. Anpassung. Die Fähigkeit, die eigene Körperwahrnehmung ernst zu nehmen, geht dabei oft verloren. In der hypnosystemischen Arbeit wird sie wieder vorsichtig aktiviert. Nicht, um Symptome zu verstärken – sondern um Zugang zu den dahinterliegenden inneren Prozessen zu bekommen.

Hypnotherapie als Zugang zu inneren Ressourcen

Ein wichtiger Bestandteil dieser Arbeit ist die hypnotherapeutische Nutzung von Aufmerksamkeit und inneren Bildern. Dabei geht es nicht um Showhypnose oder Kontrollverlust. Im Gegenteil. Die hypnosystemische Hypnotherapie arbeitet mit einem sehr respektvollen Verständnis von Trance. Trance wird als natürlicher Aufmerksamkeitszustand betrachtet.

Wir kennen solche Zustände aus dem Alltag:

  • wenn wir völlig in Musik versinken

  • beim Tagträumen

  • beim intensiven Nachdenken

  • oder beim Autofahren auf einer vertrauten Strecke

In diesen Zuständen wird der Zugang zu inneren Bildern, Erinnerungen und Körperempfindungen oft besonders klar. Therapeutisch kann das genutzt werden, um neue Erfahrungen im inneren System zu ermöglichen. Beispielsweise kann ein Patient eingeladen werden, die körperliche Erfahrung eines Symptoms bewusst wahrzunehmen – und gleichzeitig nach inneren Bildern oder Erinnerungen zu suchen, die mit dieser Empfindung verbunden sind. Oft zeigen sich dabei überraschende Zusammenhänge. Ein Druck im Brustkorb kann plötzlich mit einem Gefühl von Überforderung verbunden sein. Eine Spannung im Nacken mit dem inneren Anspruch, immer stark sein zu müssen. Der Körper wird so zum Wegweiser in die innere Erlebniswelt und eröffnet oft ganz neue Ansätze in der Arbeit mit dem Symptom.

Achtsamkeit statt Kampf gegen Symptome

Was Gunther Schmidts Ansatz besonders auszeichnet, ist die grundlegend wertschätzende Haltung gegenüber dem inneren System eines Menschen. Selbst Symptome, die sehr belastend sind, werden nicht abgewertet. Sie werden als Teil eines Schutzmechanismus betrachtet.

Gerade bei psychosomatischen, somatoformen und dissoziativen Störungen ist diese Haltung oft hilfreich. Viele Betroffene haben über Jahre erlebt, dass ihre Beschwerden bagatellisiert oder missverstanden wurden. Wenn ein Therapeut stattdessen sagt: „Ihr Körper versucht offensichtlich sehr intensiv, auf etwas aufmerksam zu machen“, entsteht oft zum ersten Mal ein Gefühl von verstanden werden – und sich selbst zu verstehen. Diese Form der therapeutischen Beziehung ist im hypnosystemischen Ansatz zentral. Veränderung entsteht nicht durch Druck oder Konfrontation. Sie entsteht durch Sicherheit, Würdigung und neue Erfahrungsmöglichkeiten.

Neue Kooperation zwischen Körper und Psyche

Ein wichtiges Ziel der hypnosystemischen Therapie ist es, eine neue Zusammenarbeit innerhalb des eigenen Systems zu ermöglichen. Viele Menschen erleben ihre Symptome wie einen inneren Gegner. Der Körper „macht Probleme“. Die Psyche „funktioniert nicht richtig“. Der hypnosystemische Ansatz lädt dazu ein, diese Beziehung neu zu gestalten. Statt Kampf entsteht Kooperation. Der Körper wird wieder als Verbündeter betrachtet. Ein Signal wie Herzrasen kann dann nicht nur als Angst erlebt werden, sondern auch als Hinweis: Vielleicht ist gerade eine Grenze überschritten. Vielleicht braucht es eine Pause. Vielleicht eine Entscheidung. In diesem Sinne wird der Körper zu einem Frühwarnsystem für das eigene Wohlbefinden.

Warum dieser Ansatz gerade bei psychosomatischen Erkrankungen so wertvoll ist

Psychosomatische, somatoforme und dissoziative Symptome entstehen häufig in Situationen, in denen emotionale Erfahrungen nicht ausreichend verarbeitet werden konnten. Der Körper übernimmt dann gewissermaßen eine Übersetzungsfunktion. Gefühle, Erinnerungen oder innere Konflikte finden Ausdruck in körperlichen Prozessen. Der hypnosystemische Ansatz ermöglicht es, diese Ausdrucksformen ernst zu nehmen – ohne sie vorschnell zu pathologisieren.

Statt Symptome zu unterdrücken, entsteht ein Raum, in dem ihre Bedeutung verstanden werden kann. Und oft zeigt sich dann etwas sehr Berührendes: Der Körper hat über lange Zeit versucht, für das innere Gleichgewicht zu sorgen. Auch wenn die Form dieses Versuchs manchmal sehr schmerzhaft war.

Ein zutiefst menschlicher Blick auf Heilung

Was Gunther Schmidts Arbeit so besonders macht, ist letztlich nicht nur die Methode. Es ist die Haltung. Eine Haltung, die davon ausgeht, dass Menschen – selbst in schwierigen Symptomen – über erstaunliche Fähigkeiten zur Selbstorganisation verfügen. Die Aufgabe der Therapie besteht nicht darin, Menschen zu „reparieren“. Sondern darin, Bedingungen zu schaffen, unter denen diese Fähigkeiten wieder zugänglich werden. Der Körper spielt dabei eine zentrale Rolle. Er erinnert uns daran, dass Psyche und Körper nie getrennt waren. Sie waren immer Teil desselben lebendigen Systems. Und manchmal beginnt Heilung genau in dem Moment, in dem wir beginnen, diesem System wieder zuzuhören.

Ich selbst habe den hypnosystemischen Ansatz vor fünf Jahren kennengelernt. Seitdem ist diese Art zu arbeiten – und vor allem auch diese Perspektive auf Menschen, Themen und vermeintliche Probleme – elementarer Bestandteil meiner Arbeit als Coach und Berater. Die hypnosystemische Methode nach Gunther Schmidt eignet sich nicht nur ganz hervorragend für therapeutisches Arbeiten, sondern lässt sich auch wunderbar in meine Arbeit als Coach, Mediator und Organisationsberater übertragen.

Ich bin zum großen Fan geworden, und wenn du jetzt neugierig auf hypnosystemisches Arbeiten geworden bist, kontaktiere mich gerne. Gerne können wir schauen, ob du deine Perspektive auf ein Thema, das du aktuell als problematisch erlebst, mit Hilfe des hypnosystemischen Ansatzes neu gestalten kannst, um dir so einen anderen, hilfreicheren Zugang zu erarbeiten.

Constance

Der Weg zur Heilung

Therapie - aber wie?

Wenn der Körper nicht zur Ruhe kommt - ein Blick auf somatoforme Störungen

Somato… – was?

Es beginnt oft unspektakulär. Ein Ziehen im Rücken, das nicht mehr verschwindet. Müdigkeit, die durch Schlaf nicht besser wird. Herzklopfen, Schwindel, Magenbeschwerden – Symptome, die real sind, spürbar, belastend. Viele Betroffene suchen ärztliche Hilfe, lassen Untersuchungen durchführen, hoffen auf eine klare Diagnose. Doch nicht selten lautet das Ergebnis: medizinisch unauffällig.

Für die Betroffenen ist das selten eine Erleichterung. Im Gegenteil. Die Beschwerden bleiben, der Leidensdruck wächst – und gleichzeitig entsteht das quälende Gefühl, nicht wirklich verstanden zu werden. Genau hier beginnt das Feld der somatoformen Störungen, die heute häufig unter dem Begriff somatische Belastungsstörung beschrieben werden.

Reale Schmerzen ohne klare organische Erklärung

Ein zentrales Missverständnis besteht darin, zu glauben, diese Beschwerden seien „eingebildet“. Das sind sie nicht. Menschen mit somatoformen Störungen leiden tatsächlich – körperlich wie seelisch. Moderne Forschung zeigt, wie eng Nervensystem, Stressverarbeitung, Emotionen und Körperwahrnehmung miteinander verbunden sind. Der Körper reagiert auf Belastung, manchmal leiser, manchmal sehr deutlich.

Für viele Betroffene wird der Körper zum Ort, an dem sich etwas ausdrückt, das keine Worte gefunden hat. Nicht bewusst gesteuert, nicht gewollt – sondern als Reaktion eines hochsensiblen Systems.

Die Symptome können dabei sehr unterschiedlich sein. Manche erleben über Jahre hinweg wechselnde Beschwerden in verschiedenen Körperregionen. Andere leiden vor allem unter anhaltenden Schmerzen, die ihren Alltag zunehmend einschränken. Wieder andere sind von intensiver Krankheitsangst geprägt, beobachten ihren Körper aufmerksam und leben in ständiger Sorge, eine schwere Erkrankung könnte übersehen worden sein.

Unabhängig von der konkreten Ausprägung verbindet viele Betroffene eine gemeinsame Erfahrung: der lange Weg durch medizinische Abklärungen, Hoffnung und Enttäuschung, Zweifel von außen – und oft auch Selbstzweifel.

Nähe und Unterschied zu dissoziativen Störungen

Somatoforme und dissoziative Störungen, die ich in meinem letzten Artikel ausführlicher behandelt habe, liegen klinisch nah beieinander. Beide können mit überwältigendem Stress, biografischen Belastungen oder traumatischen Erfahrungen zusammenhängen. Beide zeigen, dass der menschliche Organismus Wege findet, mit Überforderung umzugehen, wenn andere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen.

Der Unterschied liegt weniger im Leidensdruck – der ist in beiden Fällen hoch – sondern eher in der Art des Erlebens.

Bei somatoformen Störungen steht der Körper mit seinen Schmerzen, Empfindungen und Funktionsstörungen im Vordergrund, während Bewusstsein, Erinnerung und Identität meist stabil bleiben. Dissoziative Störungen hingegen betreffen stärker das psychische Erleben selbst: Erinnerungslücken, das Gefühl, neben sich zu stehen, oder neurologisch wirkende Ausfälle wie Taubheitsgefühle oder Lähmungen ohne organische Ursache.

In der therapeutischen Praxis verschwimmen diese Grenzen jedoch häufig. Viele Fachleute verstehen beide Störungsbilder heute als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben grundlegenden Dynamik: eines Nervensystems, das unter zu viel Spannung steht und nach Regulierung sucht.

Ein häufiges, aber wenig verstandenes Krankheitsbild

Somatoforme Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – auch wenn sie selten so benannt werden. Ein spürbarer Anteil der Bevölkerung ist betroffen, und in Hausarztpraxen machen körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung einen großen Teil der Konsultationen aus. -Studien kommen auf einen Anteil von bis zu einem Drittel der Patienten.

Trotzdem dauert es oft lange, bis Betroffene eine passende psychosomatische Unterstützung erhalten. Viele bewegen sich jahrelang zwischen Fachrichtungen, ohne dass sich ihr Zustand grundlegend verbessert. Nicht selten entsteht dabei ein Gefühl von Isolation: krank sein – ohne eine klar sichtbare Krankheit zu haben. Nicht selten mündet der Leidensdruck in Selbstmedikation, die zu Suchterkrankungen führen kann.

Wie solche Beschwerden entstehen können

Die Entstehung somatoformer Störungen lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Vielmehr zeigt sich ein Zusammenspiel biologischer Empfindlichkeiten, psychischer Erfahrungen und sozialer Lebensumstände.

Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem kann Körperempfindungen verstärken. Belastende Lebensereignisse oder frühe Erfahrungen können die Fähigkeit beeinflussen, Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren. Fehlende Unterstützung im Umfeld kann Symptome zusätzlich verfestigen.

Aus dieser Perspektive erscheinen die Beschwerden nicht mehr rätselhaft, sondern sinnvoll – als Ausdruck eines Organismus, der versucht, mit innerer Spannung umzugehen.

Der schwierige Weg zur Diagnose

Für Betroffene ist die Phase der Diagnostik oft besonders belastend. Einerseits ist es wichtig, körperliche Erkrankungen sorgfältig auszuschließen. Andererseits kann genau dieser Prozess das Gefühl verstärken, „zwischen allen Stühlen“ zu sitzen.

Entscheidend ist daher, wie die Diagnose vermittelt wird. Wird sie als „Sie sind gesund, es ist nur psychisch“ dargestellt, vertieft das die Verunsicherung. Wird sie hingegen als verständliche Reaktion eines komplexen Systems erklärt, kann erstmals Entlastung entstehen.

Viele Betroffene berichten, dass allein das Ernstgenommenwerden einen Wendepunkt darstellt.

Wege der Behandlung – und der Hoffnung

Auch wenn somatoforme Störungen oft lange bestehen, sind sie behandelbar. Psychotherapeutische Verfahren können helfen, Zusammenhänge zwischen Stress, Emotionen und Körper besser zu verstehen und neue Formen der Selbstregulation zu entwickeln. Körperorientierte Ansätze, achtsamkeitsbasierte Methoden oder Schmerztherapie können ergänzend stabilisieren.

Dabei geht es selten um ein schnelles „Verschwinden“ aller Symptome. Häufig steht zunächst etwas anderes im Mittelpunkt: wieder Handlungsspielraum zu gewinnen, den eigenen Körper weniger als Gegner zu erleben und Schritt für Schritt Lebensqualität zurückzugewinnen.

Viele Betroffene beschreiben genau diesen Prozess als entscheidend – nicht die perfekte Symptomfreiheit, sondern das Wiederfinden von Vertrauen in sich selbst.

Die Bedeutung von Respekt und Verständnis

Kaum ein anderes Krankheitsbild ist so stark von Missverständnissen geprägt. Sätze wie „Da ist doch nichts“ oder „Das ist nur psychisch“ können tief verletzen. Sie übersehen, dass hier echte Schmerzen, echte Angst und echte Erschöpfung erlebt werden.

Ein respektvoller Blick bedeutet daher, die Realität der Beschwerden anzuerkennen, ohne vorschnell zu urteilen. Er bedeutet auch, Hoffnung zu vermitteln – nicht als leeres Versprechen, sondern als realistische Perspektive auf Veränderung.

Schlussgedanke

Somatoforme Störungen zeigen auf eindrückliche Weise, wie untrennbar Körper und Psyche miteinander verbunden sind. Sie erinnern daran, dass menschliches Leiden nicht immer in Laborwerten sichtbar wird – und dennoch zutiefst real ist. Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Räume zu schaffen, in denen Beschwerden verstanden werden dürfen, auch wenn sie sich nicht sofort erklären lassen. Denn hinter jedem Symptom steht ein Mensch. Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo dieser Mensch endlich gehört wird.

Wie immer freue ich mich über Feedback und Gedanken zum Thema. In zwei Wochen geht meine Reise durch Krankheitsbilder, die unsere Seelen durch den Körper sprechen lassen, mit dem Feld der psychosomatischen Krankheitsbilder weiter, und ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Somatoforme Belastungsstörung

Wenn die Seele den Körper nicht zur Ruhe kommen lassen kann.

Ode an den Freud! - Dissoziative Krankheitsbilder und die Revolution der Psychiatrie

Eine Würdigung des Unbequemen, das bis heute wirkt

Wenn wir heute über dissoziative Störungen sprechen, über traumabedingte Abspaltungen, körperliche Symptome ohne organische Ursache oder über das „Eigenleben“ des Nervensystems, dann stehen wir – ob wir es wollen oder nicht – auf den Schultern eines Mannes, der die Medizin seiner Zeit nachhaltig irritiert hat: Sigmund Freud. Freud war nicht der Erste, der sich mit Hysterie, Konversion oder seelisch bedingten Lähmungen beschäftigte. Aber er war derjenige, der es wagte, bis dahin zwei radikale Thesen auszusprechen:

  • Der Körper kann Träger unbewusster seelischer Konflikte sein.

  • (Körperliche) Symptome haben eine tiefere Bedeutung.

Damit stellte er nicht weniger infrage als das Selbstverständnis einer Medizin, die sich gerade erst mühsam aus metaphysischen Erklärungen befreit hatte – und nun erneut mit etwas Unsichtbarem konfrontiert wurde: dem Unbewussten.

Freud und der Bruch mit der rein somatischen oder körperlichen Medizin

Ende des 19. Jahrhunderts galt: Was sich nicht anatomisch erklären ließ, war entweder Simulation oder weibliche Übertreibung. Hysterische Lähmungen, Blindheit ohne Läsion, Krampfanfälle ohne Epilepsie – all das passte nicht ins medizinische Weltbild. Die Betonung lag hierbei auf „weiblich“. Hysterie kommt von dem griechischen Wort „Hystera“, das auf Deutsch Gebärmutter heißt. Die Gebärmutter, das Ur-Weibliche, als Quelle irrationalen Verhaltens. - Eine Perspektive, die Weiblichkeit eindeutig herabgewürdigt hat. So wurde Freud trotz all seiner patriarchalen Allüren vielleicht zu einem der ersten Feministen, weil er das Weibliche durch seine Arbeit aus einem herabwürdigenden Käfig befreit hat.

Freud, zunächst selbst Neurologe, erkannte etwas Entscheidendes: Diese (hysterischen) Symptome folgten keiner neurologischen Logik, aber sehr wohl einer psychischen, und diese war keineswegs „geschlechtsgebunden“ und hing natürlich nicht mit dem Vorhandensein einer Gebärmutter zusammen.

Er beobachtete, dass Symptome symbolisch mit biografischen Konflikten verknüpft waren und oft nach emotionalen Überforderungen auftraten. Außerdem veränderten sich die Symptome unter bestimmten Bedingungen oder verschwanden einfach. Damit öffnete er den Raum für eine neue Sicht: Krankheit nicht nur als Defekt, sondern als Ausdruck innerer Dynamiken.

Das Instanzenmodell: Ich, Es und Über-Ich

Um diese Dynamiken beschreibbar zu machen, entwickelte Freud sein berühmtes Instanzenmodell.

Das Es steht für:

  • Triebimpulse

  • Affekte

  • unbewusste Bedürfnisse

  • unmittelbare Spannungsabfuhr

Es folgt dem Lustprinzip. Es kennt keine Moral, keine Zeit, keine Rücksicht.

Das Über-Ich ist die verinnerlichte moralische Instanz:

  • elterlicher Forderungen

  • gesellschaftlicher Normen

  • Verbote, Gebote, Ideale

Es ist streng, oft unbarmherzig und operiert mit Schuld, Scham und Angst vor Liebesverlust. Ein oft gnadenloser innerer Kritiker …

Das Ich steht zwischen beiden – und zwischen Innen- und Außenwelt.

Seine Aufgabe:

  • vermitteln

  • regulieren

  • Konflikte lösen

  • Realitätsanforderungen berücksichtigen

Dissoziative Symptome entstehen dort, wo das Ich überfordert ist. Wo Konflikte zwischen Es und Über-Ich weder bewusst verarbeitet noch psychisch integriert werden können.

Konversionsneurosen – wenn der Körper übernimmt

Ein zentrales Konzept Freuds ist die Konversionsneurose. Der Begriff wirkt heute antiquiert, doch das dahinterliegende Phänomen ist hochaktuell. Konversion bedeutet: Ein seelischer Konflikt wird in ein körperliches Symptom „übersetzt“, das heißt, er verleiht sich körperlich Ausdruck. Beispiele hierfür sind:

  • Lähmungen ohne neurologische Verletzungen oder Defekte

  • Sprachverlust ohne organische Ursache

  • Blindheit oder Taubheit ohne Befund

  • Krampfanfälle ohne epileptische Aktivität

Das Symptom erfüllt dabei mehrere Funktionen:

  1. Es hält den inneren Konflikt aus dem Bewusstsein fern.

  2. Es entlastet das Ich, den Vermittler zwischen Es und Über-Ich.

  3. Es verschafft dem inneren System Stabilität.

Wichtig ist zu verstehen, dass das Symptom keine Simulation ist. Es ist vielmehr eine unbewusste Lösung eines unlösbaren Problems.

Dissoziation als Schutz – nicht als Störung

Aus heutiger traumatherapeutischer Sicht würden wir viele dieser Phänomene als dissoziativ beschreiben.

Dissoziation bedeutet in diesem Kontext:

  • Abspaltung von Wahrnehmung

  • Trennung von Gefühl und Körper

  • Unterbrechung von Erinnerung

  • Fragmentierung des Erlebens

Sie tritt dann auf, wenn Flucht oder Kampf nicht möglich sind, Überforderung chronisch wird, Bindung und Bedrohung zusammenfallen. Das lässt Dissoziation zu einem hochwirksamen Schutzmechanismus werden.

Freud hatte dafür noch nicht die neurobiologischen Erklärungen, die wir heute haben. Aber seine klinische Beobachtung war präzise: Der Körper und das Unbewusste arbeiten zusammen, um Überleben zu sichern.

Der sekundäre Krankheitsgewinn – ein missverstandenes Konzept

Was hat der Organismus von seinem Krankheitsbild? Kaum ein Begriff wurde so häufig missbraucht wie der des sekundären Krankheitsgewinns.

Freud unterschied zwischen:

  • Primären Krankheitsgewinn: Die innere Entlastung durch das Symptom (Konflikt bleibt unbewusst)

  • Sekundären Krankheitsgewinn: Äußere Vorteile, die sich nachträglich aus der Krankheit ergeben

Dazu können gehören:

  • Zuwendung

  • Schonung

  • Entlastung von Pflichten

  • klare Rollen

Wichtig – und oft übersehen: Der sekundäre Krankheitsgewinn ist nicht bewusst gewählt! Er ist nicht die Ursache, sondern ein stabilisierender Faktor, der einen unbewussten Anreiz setzt, UNBEWUSST an der Symptomatik festzuhalten, obgleich das Bewusste das Symptom sehr gerne los wäre.

Wenn Symptome bleiben, dann nicht, weil jemand „nicht gesund werden will“, sondern weil das Symptom eine tragende Funktion im inneren Gleichgewicht übernommen hat. Dieses Missverständnis hat unzählige Betroffene zusätzlich beschämt und pathologisiert – obwohl Freud selbst ausdrücklich vor moralischen Zuschreibungen warnte.

Moderne dissoziative Störungsbilder – Freuds Erbe heute

Heute sprechen wir von:

  • Dissoziativer Identitätsstörung, die sich in dem zeigt, was wir häufig als multiple Persönlichkeit bezeichnen

  • Dissoziativer Amnesie

  • Depersonalisation und Derealisation, also dem Gefühl der Unwirklichkeit

  • Funktionellen neurologischen Störungen, das heißt Bewegungsstörungen und Störungen der sensorischen Wahrnehmung

Was sie eint:

  • eine Geschichte überwältigender Erfahrung

  • ein Nervensystem im Dauer-Überlebensmodus

  • Symptome, die sinnvoll sind, wenn man ihre Entstehung versteht.

Freuds Verdienst liegt hierbei nicht darin, alles abschließend erklärt zu haben, sondern darin, den Sinn in der jeweiligen Symptomatik gesucht zu haben.

Kritik – und warum sie Freud nicht entwertet

Natürlich ist Freud kritisiert worden, wird Freud bis heute kritisiert: für seine Triebtheorie, für patriarchale Deutungsmuster, für fehlende empirische Methodik. Vieles davon ist berechtigt. Aber es wäre ein fataler Fehler, Freud auf diese Kritikpunkte zu reduzieren. Er hat dem Kranken seine Würde zurückgegeben, Symptome ernst genommen, Leiden als Ausdruck innerer Logik verstanden. Ohne Freud gäbe es keine Traumatherapie in heutiger Form, kein Verständnis für Abwehrmechanismen, keine Sprache für das Unbewusste.

Eine Ode – nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt und Dankbarkeit

Diese „Ode an den Freud“ ist kein unkritischer Lobgesang. Sie ist ein Dank an jemanden, der den Mut hatte, dem Körper zuzuhören – und ihm Bedeutung zuzutrauen. Dissoziative Krankheitsbilder fordern uns bis heute heraus: diagnostisch, therapeutisch, menschlich. Sie zwingen uns, Komplexität auszuhalten und einfache Schuldzuweisungen aufzugeben. Und vielleicht ist genau das Freuds bleibendes Vermächtnis: Dass Heilung oft nicht im Wegmachen von Symptomen liegt, sondern im Verstehen dessen, wofür sie stehen.

Fortsetzung folgt

In meinem nächsten Artikel lade ich dich, mit mir in die Welt der sogenannten somatoformen Störungsbilder einzusteigen. Auch diese zeigen sich körperlich und auch hier sind Betroffene häufig verzweifelt auf der Suche nach einer Diagnose, einer Erklärung, nach Heilung. Allerdings sind sie anders gelagert, sind keine Schutzmechanismen der Seele mit Blick auf diesen einen inneren Konflikt, den das Ich nicht lösen kann. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass 20 Prozent aller Patienten in Hausarztpraxen eigentlich an einer somatoformen Belastungsstörung leiden und verzweifelt beim Arzt ihres Vertrauens nach Diagnose und Heilung suchen. - Dabei liegt der Schlüssel zu Heilung an anderer Stelle.

Ich freue mich, wenn du in zwei Wochen auch wieder dabei bist.

Constance

Richtung erkennen - Mit Freud beginnen wir Seele zu verstehen