Gesellschaft

Wenn Angst kein Ereignis mehr braucht - Generalisierte Angststörung und ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung

Vielleicht kennst du diesen Menschen: Nach außen wirkt alles relativ normal. Er geht zur Arbeit. Er erledigt seine Aufgaben. Er funktioniert. Und trotzdem läuft im Hintergrund ununterbrochen ein Programm:

Habe ich etwas vergessen?
Was, wenn etwas schiefgeht?
Was, wenn ich krank werde?
Was, wenn andere merken, dass ich nicht gut genug bin?
Was, wenn ich mich blamiere?

Während Phobien laut sind und Panikattacken dramatisch erscheinen können, gibt es Angstformen, die deutlich leiser auftreten. Sie schreien nicht. Sie begleiten. Zwei dieser weniger bekannten Erkrankungen sind die Generalisierte Angststörung (GAS) und die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS). Beide können das Leben massiv einschränken – und beide werden oft erst spät erkannt.

Wenn Angst ihr Ziel verliert

Im letzten Artikel haben wir uns mit gerichteten Phobien beschäftigt. Dort richtet sich die Angst auf ein bestimmtes Objekt oder eine konkrete Situation. Bei einer Spinnenphobie ist die Angst klar definiert. Bei einer Flugangst ebenso. Bei der Generalisierten Angststörung passiert etwas anderes: Die Angst löst sich von einem konkreten Objekt. Sie wird zu einem Dauerzustand. Betroffene sorgen sich um Gesundheit, Familie, Arbeit, Finanzen, Beziehungen, die Zukunft oder Dinge, die möglicherweise niemals eintreten werden.

Die zentrale Frage lautet hier nicht: "Ist das gefährlich?" Sondern: "Was könnte gefährlich werden?" Die Angst richtet sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf eine vorgestellte Zukunft.

Wenn nicht nur Situationen, sondern ganze Beziehungen vermieden werden

Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung steht ein anderes Thema im Zentrum. Hier geht es weniger um die Angst vor Katastrophen als um die Angst vor Ablehnung. Menschen mit diesem Muster sehnen sich meist sehr nach Nähe, Zugehörigkeit und Kontakt. Gleichzeitig erwarten sie jedoch Kritik, Zurückweisung oder Bloßstellung. Dadurch entsteht ein schmerzhafter innerer Konflikt: Ich möchte dazugehören – aber ich glaube nicht, dass ich akzeptiert werde. Das führt häufig dazu, dass soziale Situationen vermieden werden, obwohl eigentlich ein starker Wunsch nach Verbindung vorhanden ist.

Im Gegensatz zur Schüchternheit handelt es sich dabei nicht um eine vorübergehende Eigenschaft, sondern um ein tief verankertes Beziehungsmuster.

Was beide Störungen gemeinsam haben

Auf den ersten Blick wirken die beiden Krankheitsbilder sehr unterschiedlich. Die eine Person macht sich ständig Sorgen. Die andere zieht sich eher zurück. Aus hypnosystemischer Perspektive zeigen sich jedoch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.

1. Aufmerksamkeit richtet sich auf Bedrohung

Dr. Gunther Schmidt beschreibt, dass Erleben durch Aufmerksamkeitsfokussierung entsteht. Bei beiden Störungsbildern ist die Aufmerksamkeit dauerhaft auf mögliche Gefahren ausgerichtet. Bei der Generalisierten Angststörung lautet die Frage: Was könnte passieren? Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung lautet die Frage: Wie könnten andere mich bewerten?

In beiden Fällen entsteht ein hochaktives Suchsystem für Risiken. Und Suchsysteme finden bekanntlich genau das, wonach sie suchen.

2. Problemtrancen werden zur Lebensrealität

Menschen mit diesen Mustern befinden sich häufig in einer chronischen Problemtrance. Sie erleben ihre Sorgen oder Selbstzweifel nicht als eine mögliche Perspektive von vielen. Sie erleben sie als Wahrheit. Die innere Aufmerksamkeit kreist immer wieder um dieselben Szenarien: Ich schaffe das nicht. Die werden mich ablehnen. Etwas wird schiefgehen. Ich muss vorbereitet sein.

Dadurch entstehen stabile neuronale Netzwerke, die sich durch Wiederholung immer weiter verstärken.

3. Vermeidung hält das Muster aufrecht

Sowohl bei der GAS als auch bei der ÄVPS spielt Vermeidung eine zentrale Rolle. Allerdings zeigt sie sich unterschiedlich. Bei der GAS wird häufig Unsicherheit vermieden. Menschen versuchen, alles zu kontrollieren, abzusichern oder gedanklich vorzubereiten. Das permanente Sorgen wirkt paradoxerweise wie ein Versuch, Sicherheit herzustellen. Bei der ÄVPS werden häufig Situationen vermieden, in denen Bewertung oder Verletzung möglich erscheinen. Die kurzfristige Erleichterung verstärkt beide Muster langfristig. - Genau wie bei Phobien.

Die entscheidenden Unterschiede

Trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es wichtige Unterschiede.

Generalisierte Angststörung: Die Zukunft ist das Problem

Das Kernthema lautet: Kontrollverlust gegenüber einer unsicheren Zukunft. Das Sorgen wird zu einer Art innerem Sicherheitsprogramm. Unbewusst entsteht häufig die Überzeugung: "Wenn ich ausreichend nachdenke, kann ich verhindern, dass etwas Schlimmes passiert." Das Problem ist nur: Die Zukunft lässt sich nicht kontrollieren. Und sie interessiert sich herzlich wenig für unsere Gedankenspiele. Deshalb produziert das System immer neue Sorgen.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Die Beziehung ist das Problem

Hier steht häufig eine andere Grundüberzeugung im Zentrum: "Mit mir stimmt etwas nicht." Die Angst richtet sich weniger auf Ereignisse als auf die eigene Person. Nicht die Zukunft wird als gefährlich erlebt. Sondern die Begegnung mit anderen Menschen. Die Frage lautet nicht: "Was könnte passieren?" Sondern: "Was werden andere über mich denken?"

Der hypnosystemische Blick: Was versucht das Symptom zu lösen?

Eine der kraftvollsten Fragen der Hypnosystemik lautet: Wofür ist dieses Muster möglicherweise nützlich Das bedeutet nicht, dass die Symptome angenehm sind. Sondern dass sie oft eine wichtige Schutzfunktion erfüllen.

Die Funktion der Generalisierten Angst

Das Sorgen soll häufig helfen,

  • Kontrolle herzustellen,

  • Überraschungen zu vermeiden,

  • Risiken vorherzusehen,

  • Handlungsfähigkeit zu sichern.

Das System versucht, Sicherheit zu schaffen. Nur leider auf eine Weise, die Sicherheit niemals erreicht.

Die Funktion der Vermeidung

Bei Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstruktur schützt die Vermeidung oft vor emotionalem Schmerz. Wenn ich mich nicht zeige, kann ich auch nicht verletzt werden. Wenn ich keine Beziehung eingehe, kann ich auch nicht zurückgewiesen werden. Das System opfert Zugehörigkeit zugunsten von Sicherheit. Eine nachvollziehbare, aber langfristig sehr teure Strategie.

Therapeutische Hebel – hypnosystemisch gedacht

Die spannende Frage hier lautet nicht: "Wie bekomme ich die Angst weg?" Sondern: "Welche Erfahrungen fehlen dem System noch?"

1. Aufmerksamkeit bewusst umlenken: Wenn Erleben durch Aufmerksamkeit entsteht, entsteht Veränderung durch neue Aufmerksamkeitsfokussierungen. Statt immer wieder zu fragen:"Was könnte schiefgehen?" kann die Aufmerksamkeit schrittweise auf andere Fragen gelenkt werden:

  • Was gelingt bereits?

  • Wann ist die Angst weniger stark?

  • Welche Kompetenzen habe ich in schwierigen Situationen bereits gezeigt?

  • Wer unterstützt mich?

Das klingt simpel, verändert aber die Aktivierung im Gehirn fundamental.

2. Die Kompetenz hinter dem Symptom würdigen: Menschen mit GAS verfügen oft über eine enorme Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und vorauszudenken. Menschen mit ÄVPS besitzen häufig eine hohe Sensibilität für zwischenmenschliche Dynamiken. Hypnosystemisch betrachtet werden diese Fähigkeiten nicht bekämpft. Sie werden vom Problemkontext gelöst und für neue Zwecke nutzbar gemacht. Die Frage wird dann: "Wie kann ich diese Fähigkeit hilfreich einsetzen?" statt "Wie werde ich sie los?"

3. Neue Beziehungserfahrungen ermöglichen: Besonders bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung liegt ein zentraler Hebel in korrigierenden Beziehungserfahrungen.

Der Mensch erlebt Schritt für Schritt:

  • Ich darf sichtbar sein.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich werde nicht automatisch abgelehnt.

  • Ich bin mehr als mein innerer Kritiker.

Nicht Einsicht verändert das Muster. Sondern neue Erfahrungen.

4. Sicherheit nicht mehr vor der Angst suchen: Vielleicht ist das der wichtigste Punkt. Viele Betroffene verbringen ihr Leben damit, die Angst zu vermeiden. Langfristige Veränderung entsteht jedoch häufig genau dann, wenn Menschen lernen, auch mit Unsicherheit, Verletzlichkeit und Unvollkommenheit in Kontakt zu bleiben. Nicht weil diese angenehm wären. Sondern weil Leben genau dort stattfindet.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht erscheint die Generalisierte Angststörung wie ein Zuviel an Sorgen. Und die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung wie ein Zuviel an Rückzug. Hypnosystemisch betrachtet könnte man es auch anders formulieren: Beides sind hochentwickelte Versuche eines Systems, Sicherheit herzustellen. Das Problem ist nicht, dass diese Systeme versagen. Das Problem ist, dass sie ihren Auftrag zu ernst nehmen. Sie schützen – auch dann noch, wenn Schutz längst zum Gefängnis geworden ist. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo Menschen aufhören, ihre Angst als Feind zu betrachten. Denn oft ist Angst nicht die Ursache des Problems. Sie ist die Spur, die zu dem Problem hinführt, das verstanden werden möchte.

In zwei Wochen geht unsere Reise durch die Welt der Angst weiter. Dann werfen wir einen Blick auf ein Phänomen, das viele Menschen kennen, aber nur wenige richtig einordnen können: die Gesundheitsangst, oder hypochondrische Störung – und warum die Suche nach Beruhigung die Angst manchmal sogar verstärkt.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Phobie: Wenn Angst ein Gesicht bekommt

Ein hypnosystemischer Blick auf gerichtete Phobien – und was wirklich dahintersteckt

Stell dir vor, du stehst am Bahnsteig. Die Türen öffnen sich. Menschen steigen ein, lachen, schauen auf ihre Handys – nichts Außergewöhnliches. Und doch bleibt für dich alles stehen. Dein Herz rast. Dein Körper weigert sich. Du kannst nicht einsteigen. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.

Du weißt, dass es „nur“ eine Bahn ist. Und doch fühlt es sich an wie Lebensgefahr.

So beginnen viele Geschichten mit gerichteten Phobien: scheinbar klar benannt, oft rational unerklärlich, und doch zutiefst real.

Was ist eigentlich eine gerichtete Phobie?

Gerichtete Phobien sind intensive Ängste vor ganz bestimmten Objekten oder Situationen: Flugzeuge, Hunde, enge Räume, Spinnen, Krankheiten, Menschenmengen. Ihre Besonderheit: Die Angst hat ein klares Ziel – aber selten eine klare Ursache.

Und genau hier beginnt das Paradox.

Wie entstehen Phobien – aus hypnosystemischer Sicht

Wenn wir den hypnosystemischen Ansatz nach Dr. Gunther Schmidt betrachten, verschiebt sich die Perspektive radikal: Angst ist kein „Defekt“, sondern ein hergestelltes inneres Erlebnis.

1. Erleben entsteht durch Aufmerksamkeit

Eine der zentralen Annahmen: „Erleben wird durch Aufmerksamkeitsfokussierung erzeugt.“ Das bedeutet: Worauf wir innerlich unsere Wahrnehmung bündeln, wird stark – körperlich, emotional, mental. Wenn eine Person beginnt, in bestimmten Situationen immer wieder auf mögliche Gefahr zu fokussieren, vernetzen sich diese Erfahrungen zu stabilen „Erlebnisnetzwerken“. Im Alltag läuft das oft unbewusst ab.

2. Problemtrance statt Störung

Gunther Schmidt beschreibt Symptome als Ergebnis einer Art „selbsthypnotischer Trance“.

Das heißt:

  • Die Aufmerksamkeit verengt sich

  • Die Wahrnehmung wird tunnelartig

  • Nur noch Bedrohung wird wahrgenommen

Diese sogenannte Problemtrance sorgt dafür, dass Menschen ihre eigene Angst ständig neu erzeugen – ohne es zu wollen. Und genau hier liegt eine große Würde dieser Sichtweise: Du bist nicht „gestört“. Dein System arbeitet – nur gerade nicht hilfreich.

3. Angst ist ein lernendes System

Phobien entstehen meist nicht plötzlich „aus dem Nichts“, sondern durch:

  • prägende Erfahrungen

  • beobachtetes Verhalten (z. B. von Bezugspersonen)

  • wiederholte innere Bewertungen („das ist gefährlich“)

  • körperliche Reaktionen, die fehlinterpretiert werden

Mit der Zeit entsteht ein stabiles Muster: Trigger → Angst → Vermeidung → kurzfristige Erleichterung → langfristige Verstärkung. So hält Vermeidung die Angst am Leben.

Warum das Objekt oft nichts mit der Ursache zu tun hat

Eine der wichtigsten – und gleichzeitig entlastendsten – Erkenntnisse: Das Objekt der Phobie ist häufig nur die Oberfläche.

Aus hypnosystemischer Sicht ist die konkrete Angst (z. B. Flugangst) oft lediglich ein „Andockpunkt“ für ein tiefer liegendes Thema wie zum Beispiel Kontrollverlust, Unsicherheit, ungelöste emotionale Erfahrungen, oder innere Konflikte.

Das System „wählt“ ein Objekt, an dem sich diese unsichtbare Spannung organisieren kann, sichtbar werden darf. Das erklärt, warum sich Ängste manchmal verändern:

  • Die Flugangst verschwindet – plötzlich entsteht Angst vor Krankheiten

  • Die soziale Angst wird besser – dafür treten körperliche Symptome auf

Wenn Angst wandert: Somatische Symptome und neue Kanäle

In vielen Fällen verändert sich das Symptom Angst noch tiefgreifender. Denn viele Betroffene erleben genau das: Die Angst geht – aber sie kommt anders zurück. Das ist kein Zufall. Man spricht davon, dass Ängste die Tendenz haben, sich auszubreiten. Angst ist ein energiegeladenes Muster im System. Wenn der ursprüngliche Ausdruck blockiert wird, sucht sich diese Energie oft neue Wege:

  • eine andere Phobie

  • diffuse, weniger greifbare Angstzustände

  • körperliche Symptome ohne klare organische Ursache

In der Forschung zeigt sich: Angst und somatoforme Beschwerden (das heißt körperlich Symptome ohne eine klare körperliche Diagnose) treten häufig gemeinsam auf, und psychischer Stress kann körperliche Symptome auslösen, obwohl keine medizinische Ursache gefunden wird. Der Körper spricht dann das aus, was innerpsychisch keinen Ausdruck findet.

Therapie: Warum Verhaltenstherapie so wirksam ist

Die Verhaltenstherapie – insbesondere die Exposition – gilt als Goldstandard. Warum? Weil sie direkt an einem zentralen Mechanismus ansetzt: Vermeidung.

Was dabei passiert:

  • Du bleibst in der Situation

  • Dein Körper aktiviert Angst

  • Du erfährst: nichts Schlimmes passiert

  • Das Gehirn lernt neu

Studien zeigen: Exposition hilft, den Kreislauf aus Angst und Vermeidung zu durchbrechen und neue, realistischere Bewertungen zu entwickeln. Oder einfacher gesagt: Das System bekommt neue Erfahrungen – und schreibt sich neu.

Und trotzdem: Warum das oft nicht ausreicht

So wirksam Exposition ist – viele Menschen erleben: Ich habe meine Angst im Griff – aber ich bin nicht wirklich frei. Warum? Weil sich die Therapie oft auf das Symptom fokussiert – nicht auf das zugrunde liegende Muster. Wenn die tiefere Dynamik nicht verstanden wird, kann Folgendes passieren: Die Angst verlagert sich, neue Symptome entstehen, oder die Belastung bleibt subtil bestehen.

Der hypnotherapeutische Weg: Mehr als „Angst wegmachen“

Hypnotherapie nach Erickson und der hypnosystemische Ansatz nach Schmidt gehen einen anderen Weg:

1. Symptome als Teil der Lösung verstehen

Statt Angst zu bekämpfen, wird gefragt: Wofür ist diese Angst gut? Das wirkt zunächst irritierend – ist aber zentral: Angst hat oft eine schützende Funktion. Sie zeigt auf ungelöste Themen. Sie ist Teil eines inneren Systems

2. Ressourcen reaktivieren

Hypnosystemik geht davon aus, dass die Fähigkeiten zur Lösung bereits vorhanden sind. Die Therapie hilft, Zugang dazu zu bekommen: über Bilder, Metaphern, innere Dialoge und gezielte Aufmerksamkeitslenkung.

3. Aufmerksamkeitsfokussierung verändern

Wenn Angst durch Fokus entsteht, kann sie auch darüber verändert werden:

  • Weg vom Problem

  • Hin zu Möglichkeiten

  • Vom „Warum ist das so?“

  • Hin zu „Wofür könnte das dienen?“

Was langfristig wirklich hilft

Nachhaltige Veränderung entsteht meist durch die Kombination:

Verhaltensebene (z. B. Exposition)

  • neue Erfahrungen sammeln

  • Vermeidung abbauen

Innere Ebene (hypnosystemisch/hypnotherapeutisch)

  • Bedeutung der Angst verstehen

  • emotionale Muster integrieren

  • Selbstwirksamkeit stärken

Eine neue Sicht auf Angst

Vielleicht ist das Wichtigste am Ende nicht, die Angst loszuwerden. Sondern zu verstehen, dass sie nicht gegen dich arbeitet, sondern für etwas in dir. - Und dass sie oft nur laut wird, wenn etwas anderes nicht gehört wird.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht kennst du diesen Gedanken: „Ich will einfach nur, dass es aufhört.“ Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo sich dieser Satz leicht verschiebt: „Ich möchte verstehen, warum es da ist.“

Denn oft ist Angst kein Gegner. Sondern ein sehr intensiver Versuch deines Systems, dich auf etwas hinzuweisen, das gesehen werden will.

In zwei Wochen geht meine Reise durch die Ängste weiter. Dieses mal mit zwei weniger bekannten Krankheitsbildern: Der generalisierten Angststörung (GAS) und der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Bei beiden handelt es sich um Muster, die deutlich subtiler und leiser daherkommen, aber nicht weniger belastend sind als die beiden deutlich lauteren Muster Phobie und Panik.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Wenn die Angst plötzlich größer ist als du

Eine Innenansicht von Panik – und warum sie entsteht

Es gibt Momente, die lassen sich kaum beschreiben. Nicht, weil sie so unklar sind –,sondern weil sie im Gegenteil so überwältigend eindeutig sind. Gefahr. Jetzt. Hier. Und du bist mittendrin.

Der erste Moment

Vielleicht beginnt es wieder so unscheinbar, dass du es fast übersiehst. Ein Herzschlag zu viel. Ein Atemzug, der sich plötzlich enger anfühlt. Ein kleines Kippen im Körper. Und dann – fast unmerklich – verändert sich etwas Grundlegendes: Deine Aufmerksamkeit zieht sich zusammen. Was eben noch Hintergrund war, rückt nach vorne. Der Körper wird laut. Du hörst dein Herz. Du spürst deine Atmung. Du bemerkst Dinge, die sonst still und selbstverständlich funktionieren. Und dann kommt er, dieser Satz, der sich nicht mehr wegschieben lässt:

„Irgendwas stimmt nicht.“

Wenn es dich übernimmt

Es gibt einen Moment, da wird aus diesem Gedanken Gewissheit. Nicht logisch, nicht geprüft – sondern körperlich. Dein System schaltet um. Als würde jemand einen Schalter umlegen, auf den du keinen Zugriff hast. Und plötzlich ist alles da, gleichzeitig: Das Herz rast. Die Luft wird knapp. Dein Körper spannt sich an, als müsste er gleich losrennen oder kämpfen.

In Wahrheit passiert genau das: Dein Körper aktiviert ein uraltes Schutzprogramm – Kampf oder Flucht. Nur: Es gibt nichts, wovor du fliehen kannst. Und genau das macht es so unerträglich.

Aber warum passiert das überhaupt?

Vielleicht ist das die Frage, die nach der ersten oder zweiten Attacke bleibt: Warum ich? Warum jetzt? Und warum so heftig? Und vielleicht ist die ehrlichste Antwort: Es gibt nicht den einen Grund. Sondern eher eine bestimmte Art, wie sich etwas in dir über längere Zeit aufgebaut hat. Oft beginnt es nicht mit Panik. Sondern mit etwas viel Leiserem:

  • mit Anspannung, die nicht ganz weggeht

  • mit Gedanken, die sich immer wieder drehen

  • mit einem Körper, der schon länger „ein bisschen zu wach“ ist

  • mit Situationen, die mehr Anforderungen stellen, als gerade gut zu bewältigen sind

Nichts davon muss dramatisch sein. Im Gegenteil: Oft ist es genau das, was „noch irgendwie geht“.

Bis dein System irgendwann entscheidet: Jetzt reagiere ich! -Voll und ganz!

Der Moment, in dem Innen zu Gefahr wird

Was viele überrascht: Die Panik kommt oft nicht von außen. Sie kommt von innen. Ein Herzschlag. Ein kurzer Schwindel. Ein Gefühl von Enge.

Und genau hier passiert etwas Entscheidendes: Dein System deutet dieses Signal als Bedrohung. Nicht bewusst. Sondern automatisch. Die Amygdala, dein inneres Alarmsystem, erkennt „Gefahr“ – und startet das volle Schutzprogramm.

Der Körper reagiert. Und erst dann kommt der Gedanke. „Was ist das? Das ist doch nicht normal.“

Ein System, das es „zu gut meint“

Vielleicht hilft dieser Gedanke: Panik entsteht nicht, weil dein Körper versagt. Sondern weil er seine Aufgabe sehr ernst nimmt. Er schützt dich. Er reagiert schnell. Er reagiert stark. Und manchmal reagiert er auf Signale, die gar keine echte Bedrohung sind. Ein bisschen so, wie ein Rauchmelder, der auch dann losgeht, wenn du nur stark anbrätst. Nicht defekt. Aber sehr sensibel eingestellt.

Wie sich das verstärkt

Wenn das einmal passiert ist, verändert sich etwas. Vielleicht beobachtest du deinen Körper aufmerksamer. Du horchst mehr nach innen. Und das ist völlig verständlich. Aber genau dadurch werden kleine Signale schneller entdeckt. Und schneller bewertet. Und manchmal entsteht daraus genau diese Schleife: Du spürst etwas → du deutest es als gefährlich → dein Körper reagiert stärker → du spürst noch mehr → und plötzlich ist sie wieder da. Die Panik. Nicht aus dem Nichts. Sondern aus einem Zusammenspiel, das sich selbst verstärkt.

Und dann ebbt es ab

Vielleicht das Verwirrendste: Irgendwann lässt es nach. Nicht, weil du es bewusst gestoppt hast. Sondern weil dein Körper diesen Zustand nicht halten kann. Der Sturm zieht durch dich hindurch. Und dann wird es wieder ruhiger. Doch etwas bleibt.

Der Moment danach: Der Boden verschiebt sich

Nach der Attacke beginnt oft etwas, das subtil, aber tiefgreifend ist. Ein Zweifel. Kann ich mich noch auf meinen Körper verlassen? Und daraus entsteht ein neuer Fokus. Du prüfst häufiger. Du vermeidest vielleicht bestimmte Situationen. Du willst vorbereitet sein. Und ganz langsam – fast unbemerkt – verändert sich dein Alltag.

Wenn die Angst vor der Angst übernimmt

Hier beginnt das, was wir eine Panikstörung nennen. Nicht einfach, weil Panikattacken auftreten – sondern weil die Angst davor, sie wieder zu erleben, dein Leben mitsteuert.

Vielleicht kennst du das:

  • Du gehst nicht mehr an bestimmte Orte.

  • Du fühlst dich sicherer, wenn jemand dabei ist.

  • Du scannst deinen Körper permanent.

  • Du fragst dich immer wieder: „Kommt es gleich wieder?“

Und genau diese Wachsamkeit hält das System aktiv. Es bleibt bereit. Es wartet. Und dadurch reicht immer weniger, um es anzustoßen.

Eine andere Art, es zu verstehen

Aus hypnosystemischer Sicht passiert hier etwas sehr Logisches. Dein System hat gelernt, einen bestimmten Zustand schnell zu erzeugen. Einen Zustand aus hoher Körperaktivierung, enger Aufmerksamkeit, intensiver Bedeutungsgebung. Und je öfter dieser Zustand entsteht, desto leichter wird er wieder aktiviert. Man könnte sagen: Dein System „kann“ Panik. Sehr schnell. Sehr effektiv. Nicht, weil etwas falsch ist. Sondern weil etwas gelernt wurde.

Ein leiser Perspektivwechsel

Vielleicht ist das Herausforderndste – und Entlastendste – dieser Gedanke: Deine Panik hat eine Geschichte. Sie entsteht nicht plötzlich. Sie ist das Ergebnis von Prozessen, die sich aufgebaut haben. Und genau deshalb ist sie auch veränderbar. Nicht durch Wegdrücken. Nicht durch Kampf. Sondern durch ein anderes Verstehen. Ein anderes Wahrnehmen. Ein anderes Umgehen mit dem, was in dir passiert.

Und vielleicht ein Satz, den du mitnehmen kannst

Wenn du mitten in einer Panikattacke bist, fühlt sich alles endgültig an. Aber es ist es nicht. Es ist eine Welle. Keine Katastrophe. Und jede Welle hat einen Anfang. Und sie hat ein Ende.

Oft hilft es bereits, an der Bewertung der individuellen Körperreaktionen zu arbeiten. Wer darauf wartet, dass das Herz zu rasen anfängt, weil man vielleicht unter vielen Menschen ist oder ganz allein, weil man mit einem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs ist, man mit dem Aufzug fahren muss, der Arzt ein MRT verschrieben hat und so weiter und so fort, der wird dieses Herzrasen auch verspüren. Und wer davon überzeugt ist, dass dieses Herzrasen zu einer Panikattacke führt, wird diese auch verspüren. Und wer davon überzeugt ist, dass eine Panikattacke eine Katastrophe ist, der wird unweigerlich in das dunkle Panik-Loch fallen.

Die Stanford-Professorin Kelly McGonigal konnte mit einem Forschungsteam nachweisen, dass Angst und Stress vor allem auch eine Frage der Bewertung sind. Die körperlichen Reaktionen bei großer Vorfreude sind identisch mit denen bei Angst. Beides ist körperliche Erregung, die als Arousal bezeichnet wird. Hierbei muss ich immer wieder an meine Hochzeit denken. Ich stand mit meinem Bruder vor der Kirche. Mein Herz hat wie wild gerast, mein Mund war trocken, ich hatte feuchte Hände, in meinem Kopf hat sich alles gedreht. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich würde ohnmächtig werden. Panikattacke oder unglaubliche Vorfreude auf einen der schönsten Momente meines Lebens?

Und vielleicht dürfen wir uns einen gelegentlichen Anflug von Panik ja auch einfach gönnen, weil es eine zutiefst menschliche Reaktion ist. Denn Panik ist ein Zeichen dafür, dass unser Körper funktioniert, nicht, dass er fehlerhaft ist. Und deshalb beschreibe ich in meinem nächsten Artikel einige Möglichkeiten, mit dieser aufkommenden Panik umzugehen.

Constance

Wenn die Angst plötzlich größer ist als du

Panikattacken und das Gefühl der Hilflosigkeit