Panikstörung

Wenn die Panik kommt - und du trotzdem bleibst!

Der Kampf gegen die Panik

Vielleicht kennst du diesen Moment. Da ist dieses erste Signal. Ein Herzschlag, der etwas deutlicher wird. Ein kurzer Schwindel. Ein Druck in der Brust. Ein Gefühl von Unruhe. Und noch bevor die Panik überhaupt richtig da ist, beginnt oft etwas anderes: der Kampf gegen sie. „Nicht schon wieder.“ „Bitte nicht jetzt.“ „Das darf nicht passieren.“ Es ist ein verständlicher Kampf. Wer würde sich nicht gegen etwas wehren, das sich so bedrohlich anfühlt? Doch genau hier liegt eine paradoxe Dynamik. Je mehr wir versuchen, die Panik loszuwerden, desto mehr Aufmerksamkeit schenken wir ihr. Und Aufmerksamkeit ist Nahrung für das, was unser Nervensystem gerade als wichtig eingestuft hat.

Wenn der Körper Alarm schlägt

Aus hypnosystemischer Sicht ist Panik deshalb oft nicht nur eine Reaktion auf körperliche Signale, sondern auch auf die Bedeutung, die wir diesen Signalen geben. Das Herz schlägt schneller und sofort taucht die Frage auf: „Warum schlägt es so schnell?“ Die Atmung verändert sich und der nächste Gedanke lautet: „Was stimmt nicht mit mir?“ Dabei geschieht zunächst etwas völlig Normales. Dein Körper aktiviert Energie. Er macht dich wach, aufmerksam und handlungsbereit.

Genau das gleiche System springt an, wenn du kurz vor einem wichtigen Vortrag stehst, wenn du dich verliebst, wenn du auf die Geburt deines Kindes wartest oder vor einer Kirche stehst und gleich den Menschen heiratest, den du liebst. Der Körper unterscheidet zunächst nicht zwischen Angst und Vorfreude. Er produziert Aktivierung. Erst wir Menschen geben dieser Aktivierung eine Bedeutung.

Die Macht der Bewertung

Vielleicht hilft deshalb ein kleiner Perspektivwechsel. Anstatt auf das Herzrasen mit „Oh nein, jetzt geht es wieder los“ zu reagieren, könntest du innerlich sagen: „Interessant, mein Körper stellt gerade viel Energie bereit.“ Aus „Das ist gefährlich“ wird „Das ist Aktivierung.“ Aus „Ich verliere die Kontrolle“ wird „Mein Nervensystem arbeitet gerade auf Hochtouren.“

Das klingt zunächst fast zu einfach. Doch unser Gehirn reagiert erstaunlich stark auf die Sprache, mit der wir innere Erfahrungen beschreiben. Worte sind nicht nur Beschreibungen. Sie erzeugen Wirklichkeit. Die Forschung von Kelly McGonigal und anderen zeigt seit Jahren, dass die Bewertung von Stress und körperlicher Erregung erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir diese erleben.

Den Tunnelblick wieder öffnen

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Aufmerksamkeit bewusst zu erweitern. Während einer Panikattacke verengt sie sich oft wie ein Tunnel. Alles richtet sich auf den Körper. Das Herz. Die Atmung. Die Enge. Den Schwindel.

Genau deshalb kann es hilfreich sein, die Aufmerksamkeit wieder nach außen zu lenken. Nicht als Ablenkung, sondern als Erweiterung des Erlebens. Vielleicht bemerkst du fünf Dinge, die du sehen kannst. Vier Geräusche, die du hörst. Drei Gegenstände, die unterschiedliche Oberflächen haben. Zwei Gerüche. Einen Geschmack.

Was dabei geschieht, ist bemerkenswert: Dein Gehirn erhält die Information, dass nicht nur die vermeintliche Gefahr existiert, sondern auch eine Umgebung, die gerade sicher genug ist, um wahrgenommen zu werden.

Der überraschende Weg: Nicht kämpfen

Manchmal hilft auch etwas, das zunächst ungewöhnlich klingt. Statt gegen die Panik anzukämpfen, könntest du ihr für einen Moment sogar Raum geben. Stell dir vor, du würdest innerlich sagen: „Okay, wenn du schon da bist, dann darfst du da sein.“

Viele Betroffene haben Angst, dass die Panik dann außer Kontrolle gerät. Doch häufig passiert etwas anderes. Das System muss nicht länger gegen Widerstand anarbeiten. Die innere Eskalationsspirale verliert einen Teil ihrer Energie. Was wir bekämpfen, bleibt oft bestehen. Was wir wahrnehmen und akzeptieren, kann sich verändern.

Vom Opfer zum Beobachter

Milton Erickson, einer der bedeutendsten Hypnotherapeuten, nutzte häufig genau dieses Prinzip. Er kämpfte nicht gegen Symptome. Er lud Menschen ein, neugierig auf sie zu werden.

Vielleicht könntest du dich während einer aufkommenden Panik fragen: „Wie genau fühlt sich diese Angst eigentlich an?“ Ist sie warm oder kalt? Bewegt sie sich oder bleibt sie an einer Stelle? Hat sie eine Form? Eine Farbe? Eine Geschwindigkeit?

Merkwürdigerweise verändert sich häufig etwas, sobald wir von der Rolle des Opfers in die Rolle eines interessierten Beobachters wechseln. Die Angst wird von einer übermächtigen Bedrohung zu einem inneren Erlebnis, das betrachtet werden kann.

Die Welle reiten

Aus hypnotherapeutischer Sicht kann auch die Vorstellungskraft ein wertvoller Verbündeter sein. Stell dir vor, die Panik wäre eine Welle im Meer. Eine Welle kann groß sein. Sie kann kraftvoll sein. Aber keine Welle bleibt für immer stehen. Sie steigt an, erreicht ihren Höhepunkt und fällt wieder ab.

Viele Menschen erleben Panik, als würde sie immer stärker werden und niemals enden. Doch das entspricht nicht der Realität unseres Nervensystems. Der Körper kann diesen Alarmzustand nicht dauerhaft aufrechterhalten. Jede Welle endet. Immer. Das war bei jeder Panikattacke so, die du jemals erlebt hast.

Vielleicht hilft dir auch eine Frage, die ich Klienten gelegentlich stelle: „Was würde passieren, wenn du die nächsten zehn Minuten nicht versuchst, die Angst loszuwerden?“ Nicht für immer. Nur zehn Minuten.

Oft entsteht dadurch etwas Entscheidendes. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich weg vom Kampf und hin zum Erleben. Und genau dort beginnt häufig Veränderung.

Ein System, das zu gut schützt

Ein weiterer Gedanke kann entlastend sein. Viele Menschen betrachten Panik als Beweis dafür, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Doch was wäre, wenn Panik vielmehr ein Hinweis darauf ist, dass dein System sehr gut funktioniert? Vielleicht sogar zu gut.

Vielleicht ist dein innerer Rauchmelder besonders sensibel eingestellt. Er erkennt Gefahr unglaublich schnell. Leider manchmal auch dann, wenn gar kein Feuer brennt. Doch niemand käme auf die Idee, einen Rauchmelder zu hassen, weil er Alarm schlägt. Man würde lernen, ihn besser zu verstehen.

Der Anfang von Freiheit

Und vielleicht ist genau das der wichtigste Schritt. Nicht die Panik sofort loszuwerden. Sondern sie anders zu verstehen. Denn in dem Moment, in dem du erkennst, dass dein Herzrasen keine Katastrophe ist, dass deine Aktivierung keine Gefahr beweist, dass Angst ein zutiefst menschlicher Zustand ist und dass jede Welle irgendwann wieder abebbt, beginnt sich etwas zu verändern.

Nicht unbedingt die Intensität der ersten körperlichen Reaktion. Aber deine Beziehung zu ihr.

Und manchmal ist genau das der Anfang von Freiheit. Nicht weil die Panik verschwindet. Sondern weil sie aufhört, dein Leben zu bestimmen.

Wie jedes Mal freue ich mich über dein Feedback und deine Erfahrungen.

In zwei Wochen geht meine Blog-Reise durch das große Thema Angst weiter. Mein nächster Artikel wird sich mit den sogenannten gerichteten Phobien, also besonders dominanten Ängsten vor bestimmten Dingen oder Tieren beschäftigen. Die phobische Angst vor Spinnen ist sicher die bekanntest. In den letzten Jahren sind mir aber auch Menschen mit eher ungewöhnlich anmutenden Phobien begegnet: zum Beispiel vor Schnecken mit Häuschen (Nacktschnecken waren OK) oder vor diesen kleinen Holzstäbchen im Eis am Stiel. Wie entstehen Phobien? Und vor allem wie kann man sie wirklich nachhaltig auflösen oder abschwächen? Wie gesagt, dazu mehr in zwei Wochen. Jetzt wünsche ich dir erstmal einen sonnig warmen Sonntag und eine schöne Hochsommerwoche.

Constance

Wenn die Panik kommt…

… und du bleibst! Denn der Weg aus der Angst führt durch sie hindurch.

Wenn die Angst plötzlich größer ist als du

Eine Innenansicht von Panik – und warum sie entsteht

Es gibt Momente, die lassen sich kaum beschreiben. Nicht, weil sie so unklar sind –,sondern weil sie im Gegenteil so überwältigend eindeutig sind. Gefahr. Jetzt. Hier. Und du bist mittendrin.

Der erste Moment

Vielleicht beginnt es wieder so unscheinbar, dass du es fast übersiehst. Ein Herzschlag zu viel. Ein Atemzug, der sich plötzlich enger anfühlt. Ein kleines Kippen im Körper. Und dann – fast unmerklich – verändert sich etwas Grundlegendes: Deine Aufmerksamkeit zieht sich zusammen. Was eben noch Hintergrund war, rückt nach vorne. Der Körper wird laut. Du hörst dein Herz. Du spürst deine Atmung. Du bemerkst Dinge, die sonst still und selbstverständlich funktionieren. Und dann kommt er, dieser Satz, der sich nicht mehr wegschieben lässt:

„Irgendwas stimmt nicht.“

Wenn es dich übernimmt

Es gibt einen Moment, da wird aus diesem Gedanken Gewissheit. Nicht logisch, nicht geprüft – sondern körperlich. Dein System schaltet um. Als würde jemand einen Schalter umlegen, auf den du keinen Zugriff hast. Und plötzlich ist alles da, gleichzeitig: Das Herz rast. Die Luft wird knapp. Dein Körper spannt sich an, als müsste er gleich losrennen oder kämpfen.

In Wahrheit passiert genau das: Dein Körper aktiviert ein uraltes Schutzprogramm – Kampf oder Flucht. Nur: Es gibt nichts, wovor du fliehen kannst. Und genau das macht es so unerträglich.

Aber warum passiert das überhaupt?

Vielleicht ist das die Frage, die nach der ersten oder zweiten Attacke bleibt: Warum ich? Warum jetzt? Und warum so heftig? Und vielleicht ist die ehrlichste Antwort: Es gibt nicht den einen Grund. Sondern eher eine bestimmte Art, wie sich etwas in dir über längere Zeit aufgebaut hat. Oft beginnt es nicht mit Panik. Sondern mit etwas viel Leiserem:

  • mit Anspannung, die nicht ganz weggeht

  • mit Gedanken, die sich immer wieder drehen

  • mit einem Körper, der schon länger „ein bisschen zu wach“ ist

  • mit Situationen, die mehr Anforderungen stellen, als gerade gut zu bewältigen sind

Nichts davon muss dramatisch sein. Im Gegenteil: Oft ist es genau das, was „noch irgendwie geht“.

Bis dein System irgendwann entscheidet: Jetzt reagiere ich! -Voll und ganz!

Der Moment, in dem Innen zu Gefahr wird

Was viele überrascht: Die Panik kommt oft nicht von außen. Sie kommt von innen. Ein Herzschlag. Ein kurzer Schwindel. Ein Gefühl von Enge.

Und genau hier passiert etwas Entscheidendes: Dein System deutet dieses Signal als Bedrohung. Nicht bewusst. Sondern automatisch. Die Amygdala, dein inneres Alarmsystem, erkennt „Gefahr“ – und startet das volle Schutzprogramm.

Der Körper reagiert. Und erst dann kommt der Gedanke. „Was ist das? Das ist doch nicht normal.“

Ein System, das es „zu gut meint“

Vielleicht hilft dieser Gedanke: Panik entsteht nicht, weil dein Körper versagt. Sondern weil er seine Aufgabe sehr ernst nimmt. Er schützt dich. Er reagiert schnell. Er reagiert stark. Und manchmal reagiert er auf Signale, die gar keine echte Bedrohung sind. Ein bisschen so, wie ein Rauchmelder, der auch dann losgeht, wenn du nur stark anbrätst. Nicht defekt. Aber sehr sensibel eingestellt.

Wie sich das verstärkt

Wenn das einmal passiert ist, verändert sich etwas. Vielleicht beobachtest du deinen Körper aufmerksamer. Du horchst mehr nach innen. Und das ist völlig verständlich. Aber genau dadurch werden kleine Signale schneller entdeckt. Und schneller bewertet. Und manchmal entsteht daraus genau diese Schleife: Du spürst etwas → du deutest es als gefährlich → dein Körper reagiert stärker → du spürst noch mehr → und plötzlich ist sie wieder da. Die Panik. Nicht aus dem Nichts. Sondern aus einem Zusammenspiel, das sich selbst verstärkt.

Und dann ebbt es ab

Vielleicht das Verwirrendste: Irgendwann lässt es nach. Nicht, weil du es bewusst gestoppt hast. Sondern weil dein Körper diesen Zustand nicht halten kann. Der Sturm zieht durch dich hindurch. Und dann wird es wieder ruhiger. Doch etwas bleibt.

Der Moment danach: Der Boden verschiebt sich

Nach der Attacke beginnt oft etwas, das subtil, aber tiefgreifend ist. Ein Zweifel. Kann ich mich noch auf meinen Körper verlassen? Und daraus entsteht ein neuer Fokus. Du prüfst häufiger. Du vermeidest vielleicht bestimmte Situationen. Du willst vorbereitet sein. Und ganz langsam – fast unbemerkt – verändert sich dein Alltag.

Wenn die Angst vor der Angst übernimmt

Hier beginnt das, was wir eine Panikstörung nennen. Nicht einfach, weil Panikattacken auftreten – sondern weil die Angst davor, sie wieder zu erleben, dein Leben mitsteuert.

Vielleicht kennst du das:

  • Du gehst nicht mehr an bestimmte Orte.

  • Du fühlst dich sicherer, wenn jemand dabei ist.

  • Du scannst deinen Körper permanent.

  • Du fragst dich immer wieder: „Kommt es gleich wieder?“

Und genau diese Wachsamkeit hält das System aktiv. Es bleibt bereit. Es wartet. Und dadurch reicht immer weniger, um es anzustoßen.

Eine andere Art, es zu verstehen

Aus hypnosystemischer Sicht passiert hier etwas sehr Logisches. Dein System hat gelernt, einen bestimmten Zustand schnell zu erzeugen. Einen Zustand aus hoher Körperaktivierung, enger Aufmerksamkeit, intensiver Bedeutungsgebung. Und je öfter dieser Zustand entsteht, desto leichter wird er wieder aktiviert. Man könnte sagen: Dein System „kann“ Panik. Sehr schnell. Sehr effektiv. Nicht, weil etwas falsch ist. Sondern weil etwas gelernt wurde.

Ein leiser Perspektivwechsel

Vielleicht ist das Herausforderndste – und Entlastendste – dieser Gedanke: Deine Panik hat eine Geschichte. Sie entsteht nicht plötzlich. Sie ist das Ergebnis von Prozessen, die sich aufgebaut haben. Und genau deshalb ist sie auch veränderbar. Nicht durch Wegdrücken. Nicht durch Kampf. Sondern durch ein anderes Verstehen. Ein anderes Wahrnehmen. Ein anderes Umgehen mit dem, was in dir passiert.

Und vielleicht ein Satz, den du mitnehmen kannst

Wenn du mitten in einer Panikattacke bist, fühlt sich alles endgültig an. Aber es ist es nicht. Es ist eine Welle. Keine Katastrophe. Und jede Welle hat einen Anfang. Und sie hat ein Ende.

Oft hilft es bereits, an der Bewertung der individuellen Körperreaktionen zu arbeiten. Wer darauf wartet, dass das Herz zu rasen anfängt, weil man vielleicht unter vielen Menschen ist oder ganz allein, weil man mit einem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs ist, man mit dem Aufzug fahren muss, der Arzt ein MRT verschrieben hat und so weiter und so fort, der wird dieses Herzrasen auch verspüren. Und wer davon überzeugt ist, dass dieses Herzrasen zu einer Panikattacke führt, wird diese auch verspüren. Und wer davon überzeugt ist, dass eine Panikattacke eine Katastrophe ist, der wird unweigerlich in das dunkle Panik-Loch fallen.

Die Stanford-Professorin Kelly McGonigal konnte mit einem Forschungsteam nachweisen, dass Angst und Stress vor allem auch eine Frage der Bewertung sind. Die körperlichen Reaktionen bei großer Vorfreude sind identisch mit denen bei Angst. Beides ist körperliche Erregung, die als Arousal bezeichnet wird. Hierbei muss ich immer wieder an meine Hochzeit denken. Ich stand mit meinem Bruder vor der Kirche. Mein Herz hat wie wild gerast, mein Mund war trocken, ich hatte feuchte Hände, in meinem Kopf hat sich alles gedreht. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich würde ohnmächtig werden. Panikattacke oder unglaubliche Vorfreude auf einen der schönsten Momente meines Lebens?

Und vielleicht dürfen wir uns einen gelegentlichen Anflug von Panik ja auch einfach gönnen, weil es eine zutiefst menschliche Reaktion ist. Denn Panik ist ein Zeichen dafür, dass unser Körper funktioniert, nicht, dass er fehlerhaft ist. Und deshalb beschreibe ich in meinem nächsten Artikel einige Möglichkeiten, mit dieser aufkommenden Panik umzugehen.

Constance

Wenn die Angst plötzlich größer ist als du

Panikattacken und das Gefühl der Hilflosigkeit