psychische Gesundheit

Wenn die Kraft nach innen verschwindet - Wie Depressionen entstehen können

Im letzten Artikel ging es um Menschen, die trotz einer Depression lange erstaunlich gut funktionieren. Sie arbeiten, kümmern sich um ihre Familie, übernehmen Verantwortung und halten nach außen vieles aufrecht. Irgendwann stellt sich dabei fast zwangsläufig eine Frage: Wie kann es überhaupt so weit kommen? Warum wird ein Mensch depressiv?

Auf diese Frage wünschen sich Betroffene und Angehörige häufig eine klare Antwort. War es die Arbeit? Die Trennung? Die Kindheit? Eine genetische Veranlagung? Dauerhafter Stress? Oder habe ich schlicht zu lange nicht auf mich aufgepasst?

Die vielleicht unbefriedigende und gleichzeitig entlastende Antwort lautet: Meistens gibt es nicht die eine Ursache. Depressionen entstehen in einem komplexen Zusammenspiel biologischer, psychischer, sozialer und biografischer Faktoren. Und gerade aus hypnosystemischer Perspektive interessiert mich noch eine andere Frage: Was, wenn wir eine Depression nicht nur danach betrachten, woher sie kommt, sondern auch danach, was ein Mensch sehr lange getan hat, bevor sein System irgendwann nicht mehr konnte?

Die Suche nach dem einen Grund

Wenn Menschen depressiv werden, beginnt häufig eine Ursachenforschung. Für Betroffene kann sie quälend werden. Denn manchmal scheint es im eigenen Leben überhaupt keinen ausreichenden Grund zu geben.

„Ich habe doch eigentlich alles.“

„Andere haben viel Schlimmeres erlebt.“

„Warum schaffe ich mein Leben plötzlich nicht mehr?“

Gerade solche Gedanken können das depressive Erleben zusätzlich verstärken. Zur Erschöpfung kommt Selbstkritik. Zur Hoffnungslosigkeit kommt Scham. Und aus der Frage „Warum geht es mir so schlecht?“ wird irgendwann die Schlussfolgerung: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Dabei kann grundsätzlich jeder Mensch an einer Depression erkranken. Belastende Erfahrungen, Verluste oder chronischer Stress können das Risiko erhöhen, erklären aber nicht jede Erkrankung. Manche Depressionen treten nach deutlich erkennbaren Belastungen auf, andere scheinen für Betroffene nahezu aus dem Nichts zu kommen.

Deshalb ist es wichtig, Depressionen nicht als mathematische Gleichung zu verstehen: schwierige Kindheit plus Stress gleich Depression. So einfach funktioniert die menschliche Psyche nicht.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Warum nicht jeder gleich reagiert

Ein hilfreiches Modell zum Verständnis ist das sogenannte Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Vereinfacht gesagt geht es davon aus, dass Menschen unterschiedliche Verletzlichkeiten mitbringen und gleichzeitig unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Man kann sich das vielleicht wie ein persönliches Belastungsgefäß vorstellen. Genetische Faktoren, frühere Erfahrungen, körperliche Erkrankungen, chronischer Schlafmangel oder bestimmte Beziehungserfahrungen können dazu beitragen, dass dieses Gefäß schneller gefüllt ist. Gleichzeitig kommen aktuelle Belastungen hinzu: Konflikte, Verluste, Einsamkeit, beruflicher Druck, Pflege von Angehörigen oder eine lange Phase der Überforderung.

Aber auch das ist nur ein Modell. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und vollkommen unterschiedlich darauf reagieren. Eine Depression ist deshalb weder Ausdruck persönlicher Schwäche noch ein Hinweis darauf, dass jemand weniger belastbar ist als andere.

Wenn Anpassung zur großen Stärke wird

Aus hypnosystemischer Perspektive wird an dieser Stelle etwas besonders interessant. Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens Strategien, mit denen sie Herausforderungen bewältigen. Viele davon sind zunächst ausgesprochen kompetent. Ein Kind, das früh lernt, keine zusätzlichen Probleme zu machen, kann später ausgesprochen zuverlässig sein. Wer gelernt hat, Stimmungen anderer sehr genau wahrzunehmen, kann eine außergewöhnliche soziale Sensibilität entwickeln. Wer Anerkennung vor allem für Leistung erfahren hat, entwickelt möglicherweise enorme Leistungsfähigkeit. Und wer schwierige Situationen lange allein bewältigen musste, wird vielleicht zu einem Menschen, auf den sich alle verlassen können.

Das Problem ist nicht die Kompetenz. Das Problem entsteht dann, wenn aus einer Möglichkeit eine Notwendigkeit wird. Aus „Ich kann Verantwortung übernehmen“ wird „Ich muss Verantwortung übernehmen.“ Aus „Ich kann durchhalten“ wird „Ich darf nicht aufgeben.“ Aus „Ich kann mich auf andere einstellen“ wird „Was ich brauche, ist weniger wichtig.“ Und aus „Ich schaffe das alleine“ wird irgendwann „Ich darf niemanden brauchen.“

Genau hier liegt für mich ein wichtiger hypnosystemischer Gedanke: Manche Probleme entstehen nicht, weil Menschen zu wenig Kompetenzen besitzen, sondern weil sie bestimmte Kompetenzen zu lange und zu ausschließlich einsetzen mussten.

Wenn der Zugang zu den eigenen Bedürfnissen verloren geht

Wer über Jahre funktioniert, merkt möglicherweise irgendwann gar nicht mehr, dass er erschöpft ist. Nicht weil die Erschöpfung nicht da wäre, sondern weil es kaum noch eine innere Erlaubnis gibt, sie wahrzunehmen.

Was brauche ich gerade?

Was tut mir gut?

Worauf habe ich Lust?

Was möchte ich eigentlich?

Für viele depressive Menschen sind genau diese scheinbar einfachen Fragen erstaunlich schwer zu beantworten. Der Blick ist stattdessen häufig darauf gerichtet, was noch erledigt werden muss, was andere erwarten, was man versäumt hat oder worin man nicht gut genug war. Aus hypnosystemischer Sicht können wir hier wieder von einer Problemtrance sprechen. Bestimmte Wahrnehmungs-, Denk- und Bewertungsmuster werden so dominant, dass andere Möglichkeiten immer schwerer zugänglich werden. Das Schwierige daran: Der Mensch bemerkt häufig nicht, dass sich sein Wahrnehmungsraum zunehmend verengt. Für ihn fühlt es sich nicht an wie: „Ich sehe im Moment keine Perspektive.“ Sondern wie: „Es gibt keine Perspektive.“ Das ist ein entscheidender Unterschied.

Warum „Denk doch positiv“ nicht funktioniert

Für Angehörige gehört genau das zu den schmerzhaftesten Erfahrungen im Umgang mit einer Depression. Sie sehen Möglichkeiten, die der Betroffene nicht mehr sehen kann. Der Partner sagt: „Aber wir haben doch auch schöne Momente.“ Die Freundin sagt: „Du hast doch schon so viel geschafft.“ Der Vater sagt: „Es wird bestimmt wieder besser.“ Alles gut gemeinte Versuche, eine andere Wirklichkeit anzubieten. Doch beim betroffenen Menschen kommen sie häufig nicht an. Manchmal machen sie die Situation sogar schwieriger. Denn zusätzlich zur Depression entsteht das Gefühl: „Alle anderen können sehen, dass mein Leben eigentlich gut ist. Warum kann ich es nicht?“

Deshalb hilft es meist wenig, gegen die depressive Wirklichkeit anzudiskutieren. Hypnosystemische Arbeit versucht etwas anderes: Sie nimmt das gegenwärtige Erleben zunächst ernst. Nicht: „Du siehst das zu negativ.“ Sondern: „Wenn sich die Welt für dich gerade so anfühlt, lass uns verstehen, wie dieses Erleben zustande kommt.“ Diese kleine Veränderung nimmt Druck heraus.

Hat eine Depression also einen „Sinn“?

Hier ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig.

Zu fragen, welche Funktion ein Symptom haben könnte, bedeutet nicht, eine Depression zu romantisieren. Eine Depression kann eine schwere Erkrankung sein. Sie kann Beziehungen zerstören, Menschen arbeitsunfähig machen und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden.

Und trotzdem kann therapeutisch die Frage hilfreich sein: „Wovor könnte dieses System versucht haben, dich zu schützen?“ Vielleicht vor weiterer Überforderung. Vielleicht vor einem Konflikt, der lange nicht lösbar erschien. Vielleicht vor der permanenten Überschreitung eigener Grenzen. Vielleicht gibt es darauf aber auch überhaupt keine eindeutige Antwort.

Die therapeutische Aufgabe ist dann nicht, eine möglichst elegante Erklärung für die Vergangenheit zu konstruieren. Entscheidend ist vielmehr, wieder Wahlmöglichkeiten für Gegenwart und Zukunft entstehen zu lassen.

Therapie bedeutet nicht, wieder der Alte zu werden

Viele Betroffene kommen mit einem verständlichen Wunsch in Therapie: „Ich will einfach wieder so sein wie früher.“ Doch manchmal lohnt es sich, bei diesem Satz kurz innezuhalten. Denn vielleicht war genau dieses „Früher“ von sehr viel Funktionieren, Durchhalten, Verantwortungsübernahme und Selbstüberforderung geprägt. Dann wäre eine Therapie, die lediglich das frühere Leistungsniveau wiederherstellt, möglicherweise zu kurz gedacht.

Die interessantere Frage könnte lauten: „Wie möchte ich leben, wenn ich nicht mehr genauso leben muss wie vor meiner Depression?“

Hypnosystemische Therapie versucht deshalb, den Wahrnehmungsraum wieder zu erweitern. Ressourcen und Bedürfnisse sollen wieder zugänglich werden. Menschen können lernen, frühe Warnsignale wahrzunehmen, Grenzen zu erkennen und zwischen unterschiedlichen inneren Bedürfnissen flexibler zu wechseln. Es geht nicht darum, nie wieder traurig, erschöpft oder überfordert zu sein. Es geht darum, wieder mehr Wahlmöglichkeiten zu bekommen.

Vielleicht ist die falsche Frage: „Warum ich?“

Menschen mit Depressionen stellen sich häufig die Frage: „Warum passiert ausgerechnet mir das?“ Vielleicht können wir sie irgendwann vorsichtig durch andere Fragen ergänzen:

„Was habe ich möglicherweise sehr lange geleistet?“

„Was hat mir geholfen, so lange durchzuhalten?“

„Welche Bedürfnisse hatten dabei zu wenig Platz?“

Und vor allem: „Was brauche ich heute, damit mein Leben nicht nur wieder funktioniert, sondern sich auch wieder nach meinem Leben anfühlt?“

Damit verändert sich die Perspektive. Der Betroffene ist nicht länger der defekte Mensch, dessen Psyche plötzlich versagt. Er wird zu einem Menschen, dessen System unter bestimmten Bedingungen bestimmte Strategien entwickelt hat. Manche davon waren lange ausgesprochen hilfreich. Manche sind heute zu teuer geworden. Und genau dort kann Veränderung beginnen. Nicht indem wir die Vergangenheit bekämpfen. Sondern indem wir den Handlungsspielraum für die Zukunft erweitern. Denn vielleicht bedeutet Genesung am Ende nicht einfach, wieder so zu werden, wie man früher einmal war. Vielleicht bedeutet sie, wieder Zugang dazu zu bekommen, wer man sein kann.

Im nächsten Artikel dieser Reihe könnte sich der Blick noch einmal verändern: weg von der Frage, wie Depression entsteht, hin zu einer Erfahrung, die für Betroffene und Angehörige besonders schwer auszuhalten ist: Warum Rückzug, Antriebslosigkeit und scheinbare Passivität bei einer Depression so wenig mit Faulheit oder mangelndem Willen zu tun haben.

Constance

Wie entstehen Depressionen?

Eine Frage ohne DIE eine Antwort

Wenn die Panik kommt - und du trotzdem bleibst!

Der Kampf gegen die Panik

Vielleicht kennst du diesen Moment. Da ist dieses erste Signal. Ein Herzschlag, der etwas deutlicher wird. Ein kurzer Schwindel. Ein Druck in der Brust. Ein Gefühl von Unruhe. Und noch bevor die Panik überhaupt richtig da ist, beginnt oft etwas anderes: der Kampf gegen sie. „Nicht schon wieder.“ „Bitte nicht jetzt.“ „Das darf nicht passieren.“ Es ist ein verständlicher Kampf. Wer würde sich nicht gegen etwas wehren, das sich so bedrohlich anfühlt? Doch genau hier liegt eine paradoxe Dynamik. Je mehr wir versuchen, die Panik loszuwerden, desto mehr Aufmerksamkeit schenken wir ihr. Und Aufmerksamkeit ist Nahrung für das, was unser Nervensystem gerade als wichtig eingestuft hat.

Wenn der Körper Alarm schlägt

Aus hypnosystemischer Sicht ist Panik deshalb oft nicht nur eine Reaktion auf körperliche Signale, sondern auch auf die Bedeutung, die wir diesen Signalen geben. Das Herz schlägt schneller und sofort taucht die Frage auf: „Warum schlägt es so schnell?“ Die Atmung verändert sich und der nächste Gedanke lautet: „Was stimmt nicht mit mir?“ Dabei geschieht zunächst etwas völlig Normales. Dein Körper aktiviert Energie. Er macht dich wach, aufmerksam und handlungsbereit.

Genau das gleiche System springt an, wenn du kurz vor einem wichtigen Vortrag stehst, wenn du dich verliebst, wenn du auf die Geburt deines Kindes wartest oder vor einer Kirche stehst und gleich den Menschen heiratest, den du liebst. Der Körper unterscheidet zunächst nicht zwischen Angst und Vorfreude. Er produziert Aktivierung. Erst wir Menschen geben dieser Aktivierung eine Bedeutung.

Die Macht der Bewertung

Vielleicht hilft deshalb ein kleiner Perspektivwechsel. Anstatt auf das Herzrasen mit „Oh nein, jetzt geht es wieder los“ zu reagieren, könntest du innerlich sagen: „Interessant, mein Körper stellt gerade viel Energie bereit.“ Aus „Das ist gefährlich“ wird „Das ist Aktivierung.“ Aus „Ich verliere die Kontrolle“ wird „Mein Nervensystem arbeitet gerade auf Hochtouren.“

Das klingt zunächst fast zu einfach. Doch unser Gehirn reagiert erstaunlich stark auf die Sprache, mit der wir innere Erfahrungen beschreiben. Worte sind nicht nur Beschreibungen. Sie erzeugen Wirklichkeit. Die Forschung von Kelly McGonigal und anderen zeigt seit Jahren, dass die Bewertung von Stress und körperlicher Erregung erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir diese erleben.

Den Tunnelblick wieder öffnen

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Aufmerksamkeit bewusst zu erweitern. Während einer Panikattacke verengt sie sich oft wie ein Tunnel. Alles richtet sich auf den Körper. Das Herz. Die Atmung. Die Enge. Den Schwindel.

Genau deshalb kann es hilfreich sein, die Aufmerksamkeit wieder nach außen zu lenken. Nicht als Ablenkung, sondern als Erweiterung des Erlebens. Vielleicht bemerkst du fünf Dinge, die du sehen kannst. Vier Geräusche, die du hörst. Drei Gegenstände, die unterschiedliche Oberflächen haben. Zwei Gerüche. Einen Geschmack.

Was dabei geschieht, ist bemerkenswert: Dein Gehirn erhält die Information, dass nicht nur die vermeintliche Gefahr existiert, sondern auch eine Umgebung, die gerade sicher genug ist, um wahrgenommen zu werden.

Der überraschende Weg: Nicht kämpfen

Manchmal hilft auch etwas, das zunächst ungewöhnlich klingt. Statt gegen die Panik anzukämpfen, könntest du ihr für einen Moment sogar Raum geben. Stell dir vor, du würdest innerlich sagen: „Okay, wenn du schon da bist, dann darfst du da sein.“

Viele Betroffene haben Angst, dass die Panik dann außer Kontrolle gerät. Doch häufig passiert etwas anderes. Das System muss nicht länger gegen Widerstand anarbeiten. Die innere Eskalationsspirale verliert einen Teil ihrer Energie. Was wir bekämpfen, bleibt oft bestehen. Was wir wahrnehmen und akzeptieren, kann sich verändern.

Vom Opfer zum Beobachter

Milton Erickson, einer der bedeutendsten Hypnotherapeuten, nutzte häufig genau dieses Prinzip. Er kämpfte nicht gegen Symptome. Er lud Menschen ein, neugierig auf sie zu werden.

Vielleicht könntest du dich während einer aufkommenden Panik fragen: „Wie genau fühlt sich diese Angst eigentlich an?“ Ist sie warm oder kalt? Bewegt sie sich oder bleibt sie an einer Stelle? Hat sie eine Form? Eine Farbe? Eine Geschwindigkeit?

Merkwürdigerweise verändert sich häufig etwas, sobald wir von der Rolle des Opfers in die Rolle eines interessierten Beobachters wechseln. Die Angst wird von einer übermächtigen Bedrohung zu einem inneren Erlebnis, das betrachtet werden kann.

Die Welle reiten

Aus hypnotherapeutischer Sicht kann auch die Vorstellungskraft ein wertvoller Verbündeter sein. Stell dir vor, die Panik wäre eine Welle im Meer. Eine Welle kann groß sein. Sie kann kraftvoll sein. Aber keine Welle bleibt für immer stehen. Sie steigt an, erreicht ihren Höhepunkt und fällt wieder ab.

Viele Menschen erleben Panik, als würde sie immer stärker werden und niemals enden. Doch das entspricht nicht der Realität unseres Nervensystems. Der Körper kann diesen Alarmzustand nicht dauerhaft aufrechterhalten. Jede Welle endet. Immer. Das war bei jeder Panikattacke so, die du jemals erlebt hast.

Vielleicht hilft dir auch eine Frage, die ich Klienten gelegentlich stelle: „Was würde passieren, wenn du die nächsten zehn Minuten nicht versuchst, die Angst loszuwerden?“ Nicht für immer. Nur zehn Minuten.

Oft entsteht dadurch etwas Entscheidendes. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich weg vom Kampf und hin zum Erleben. Und genau dort beginnt häufig Veränderung.

Ein System, das zu gut schützt

Ein weiterer Gedanke kann entlastend sein. Viele Menschen betrachten Panik als Beweis dafür, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Doch was wäre, wenn Panik vielmehr ein Hinweis darauf ist, dass dein System sehr gut funktioniert? Vielleicht sogar zu gut.

Vielleicht ist dein innerer Rauchmelder besonders sensibel eingestellt. Er erkennt Gefahr unglaublich schnell. Leider manchmal auch dann, wenn gar kein Feuer brennt. Doch niemand käme auf die Idee, einen Rauchmelder zu hassen, weil er Alarm schlägt. Man würde lernen, ihn besser zu verstehen.

Der Anfang von Freiheit

Und vielleicht ist genau das der wichtigste Schritt. Nicht die Panik sofort loszuwerden. Sondern sie anders zu verstehen. Denn in dem Moment, in dem du erkennst, dass dein Herzrasen keine Katastrophe ist, dass deine Aktivierung keine Gefahr beweist, dass Angst ein zutiefst menschlicher Zustand ist und dass jede Welle irgendwann wieder abebbt, beginnt sich etwas zu verändern.

Nicht unbedingt die Intensität der ersten körperlichen Reaktion. Aber deine Beziehung zu ihr.

Und manchmal ist genau das der Anfang von Freiheit. Nicht weil die Panik verschwindet. Sondern weil sie aufhört, dein Leben zu bestimmen.

Wie jedes Mal freue ich mich über dein Feedback und deine Erfahrungen.

In zwei Wochen geht meine Blog-Reise durch das große Thema Angst weiter. Mein nächster Artikel wird sich mit den sogenannten gerichteten Phobien, also besonders dominanten Ängsten vor bestimmten Dingen oder Tieren beschäftigen. Die phobische Angst vor Spinnen ist sicher die bekanntest. In den letzten Jahren sind mir aber auch Menschen mit eher ungewöhnlich anmutenden Phobien begegnet: zum Beispiel vor Schnecken mit Häuschen (Nacktschnecken waren OK) oder vor diesen kleinen Holzstäbchen im Eis am Stiel. Wie entstehen Phobien? Und vor allem wie kann man sie wirklich nachhaltig auflösen oder abschwächen? Wie gesagt, dazu mehr in zwei Wochen. Jetzt wünsche ich dir erstmal einen sonnig warmen Sonntag und eine schöne Hochsommerwoche.

Constance

Wenn die Panik kommt…

… und du bleibst! Denn der Weg aus der Angst führt durch sie hindurch.

Vom Schutz zur Belastung - wie Angst entsteht und zur Störung werden kann

Nachdem wir im ersten Artikel betrachtet haben, warum Angst kein Defekt, sondern eine hochintelligente menschliche Fähigkeit ist, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Wie wird aus einer grundsätzlich sinnvollen Angstreaktion eigentlich eine Angststörung? Und: Warum entwickelt nicht jeder Mensch die gleichen Ängste? - Oder Angststörungen.

Die Antworten darauf sind überraschend komplex – und gleichzeitig oft entlastend. Denn Angst entsteht nicht einfach. Sie wird gelernt. Und sie ergibt – aus Sicht unseres inneren Systems – meist einen sehr guten Sinn.

Angst ist ein Ergebnis von Lernerfahrungen – nicht von Schwäche

Aus hypnosystemischer Sicht (u. a. nach Gunther Schmidt) ist Angst kein zufälliges Ereignis. Sie ist das Ergebnis von Erfahrungs- und Lernprozessen, die unser Nervensystem im Laufe unseres Lebens organisiert. Unser Gehirn speichert dabei nicht nur Fakten, sondern vor allem Bedeutungen:

  • Was ist sicher?

  • Was ist gefährlich?

  • Wann droht Ablehnung?

  • Was muss ich tun, um dazuzugehören?

Diese Bewertungen entstehen häufig früh, unbewusst und hoch emotional verankert. Ein einfaches Beispiel: Ein Kind erlebt wiederholt, dass Fehler zu Kritik oder Rückzug führen. Das System lernt: „Fehler sind gefährlich.“ Später im Erwachsenenleben kann genau daraus eine ausgeprägte Angst vor Bewertung entstehen – etwa in Meetings, Präsentationen oder Feedbacksituationen. Wichtig dabei ist, dass diese Angst keine Fehlfunktion ist. Sie ist eine logische Reaktion auf frühere Lernerfahrungen.

Jedes Nervensystem baut seine eigene „Landkarte der Gefahr“

Milton Erickson hat früh beschrieben, dass Menschen nicht auf die Realität selbst reagieren, sondern auf ihre individuelle innere Repräsentation von Realität. Oder vereinfacht: Nicht die Situation an sich macht Angst – sondern die Bedeutung, die unser System ihr gibt. Deshalb entwickeln Menschen unterschiedliche Ängste, selbst wenn sie ähnliche Dinge erleben.

Ein und dieselbe Situation kann völlig unterschiedlich bewertet werden:

  • Für den einen ist eine Präsentation eine Chance

  • Für den anderen ein massives Bedrohungsszenario

Warum?

Weil jedes Nervensystem seine eigene Erfahrungslandkarte entwickelt hat.
Eine Landkarte, die beeinflusst ist durch frühe Bindungserfahrungen, individuelle Persönlichkeitsprägungen, prägende Einzelereignisse, beobachtetes Verhalten (z. B. von Eltern oder Bezugspersonen), kulturelle und soziale Kontexte.

Aus hypnosystemischer Sicht entsteht Angst also nicht „objektiv“, sondern subjektiv sinnvoll.

Angststörungen sind oft das Ergebnis von gut gemeinten Schutzstrategien

Ein besonders wichtiger Gedanke aus der hypnosystemischen Arbeit lautet:

Symptome sind häufig Lösungsversuche des Systems.

Das klingt zunächst irritierend – trifft aber einen zentralen Punkt. Viele Angstmuster entwickeln sich, weil das System versucht, uns vor etwas zu schützen, das es als bedrohlich gelernt hat. Typische Beispiele sind hierbei:

  • Vermeidung schützt vor Überforderung oder Beschämung

  • Kontrollverhalten schützt vor Unsicherheit oder Kontrollverlust

  • Rückzug schützt vor Ablehnung

  • ständiges Grübeln versucht, Risiken vorhersehbar zu machen

Das Problem ist dabei nicht die ursprüngliche Funktion. Das Problem ist, dass diese Strategien langfristig oft immer mehr Raum einnehmen. Was als Schutz beginnt, wird irgendwann selbst zur Einschränkung.

Warum sich Angst manchmal „verselbstständigt“

Ein zentraler Mechanismus bei der Entstehung von Angststörungen ist die sogenannte Selbstverstärkung von Angst. Das Nervensystem lernt dabei nicht nur die ursprüngliche Angst – sondern auch die Reaktion auf die Angst.

Beispiel:

  • Eine Person erlebt Herzrasen in einer stressigen Situation

  • Das wird als gefährlich bewertet („Ich verliere die Kontrolle“)

  • Die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf den Körper

  • Weitere körperliche Reaktionen entstehen

  • Die Angst verstärkt sich

So entsteht ein Kreislauf, den viele Betroffene sehr gut kennen: Angst → Fokus auf Symptome → stärkere Symptome → noch mehr Angst

Aus ericksonscher Perspektive könnte man sagen: Das System gerät in eine Art Trancezustand der Bedrohung, in dem sich Wahrnehmung zunehmend verengt.

Warum nicht alle dieselben Ängste entwickeln

Eine der häufigsten Fragen lautet: Warum entwickelt der eine eine Angststörung – und der andere nicht Die Antwort liegt weniger in einzelnen Ereignissen, sondern vielmehr in der Kombination vieler Faktoren:

1. Unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen: Was für den einen harmlos ist, kann für den anderen existenziell wirken.

2. Unterschiedliche Lerngeschichten: Nicht das Ereignis zählt – sondern die Lernerfahrung dahinter.

3. Unterschiedliche Ressourcen: Unterstützung, Selbstwirksamkeitserfahrungen und Beziehungssicherheit wirken oft stabilisierend.

4. Unterschiedliche innere Strategien: Manche Systeme gehen eher in Vermeidung, andere in Überanpassung, wieder andere in Kontrolle.

5. Unterschiedliche Aufmerksamkeitsfokussierungen: Worauf richtet sich meine Wahrnehmung – auf Gefahr oder auf Bewältigung?

All das führt dazu, dass Angst immer ein hoch individuelles Phänomen ist.

Hypnosystemisch betrachtet: Angst macht Sinn – auch wenn sie belastet

Ein zentraler Perspektivwechsel besteht darin, Angst nicht vorschnell „wegmachen“ zu wollen, sondern zunächst zu verstehen: „Wofür ist diese Angst – in meinem System – ursprünglich einmal hilfreich gewesen?“ Diese Frage verändert vieles: Sie reduziert inneren Kampf. Sie schafft Selbstmitgefühl. Sie öffnet den Blick für Alternativen. Denn wenn Angst als sinnvoller Teil des Systems verstanden wird, kann Veränderung auf einer anderen Ebene beginnen. - Nicht gegen das System. Sondern mit dem System.

Veränderung beginnt nicht mit Kontrolle – sondern mit Verständnis

Sowohl Gunther Schmidt als auch Milton Erickson betonen, dass nachhaltige Veränderung selten durch Kontrolle, Druck oder „Zusammenreißen“ entsteht. Sondern durch neue Erfahrungen, veränderte Aufmerksamkeitsfokussierung, Zugang zu Ressourcen und Erweiterung innerer Handlungsspielräume. Oder anders gesagt: Angst verändert sich nicht dadurch, dass wir sie bekämpfen. Sondern dadurch, dass unser System lernt, neue Bewertungen und Möglichkeiten zu entwickeln.

Ein erster wichtiger Schritt

Vielleicht ist einer der wichtigsten Schritte im Umgang mit Angst nicht die Frage: „Wie bekomme ich das weg?“ Sondern vielmehr: „Welche Geschichte erzählt mein System hier – und wovor versucht es mich zu schützen?“ Denn genau dort beginnt das Verständnis. - Und mit dem Verständnis oft auch die Veränderung.

Ausblick

Im nächsten Artikel werden wir einen genaueren Blick darauf werfen, was bei Panikattacken passiert – körperlich, psychologisch und aus systemischer Perspektive. Und wir werden uns anschauen, warum genau diese Zustände sich oft so bedrohlich anfühlen, obwohl sie es objektiv betrachtet nicht sind.

Bis dahin wünsche ich dir ein schönes und sonniges Pfingstwochenende. Wie immer freue ich mich über dein Feedback und deine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Angst.

Constance

Vermeidung statt Mut?

Wie Ängste zur Belastung werden..