hypnosystemische Therapie

Wenn Angst kein Ereignis mehr braucht - Generalisierte Angststörung und ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung

Vielleicht kennst du diesen Menschen: Nach außen wirkt alles relativ normal. Er geht zur Arbeit. Er erledigt seine Aufgaben. Er funktioniert. Und trotzdem läuft im Hintergrund ununterbrochen ein Programm:

Habe ich etwas vergessen?
Was, wenn etwas schiefgeht?
Was, wenn ich krank werde?
Was, wenn andere merken, dass ich nicht gut genug bin?
Was, wenn ich mich blamiere?

Während Phobien laut sind und Panikattacken dramatisch erscheinen können, gibt es Angstformen, die deutlich leiser auftreten. Sie schreien nicht. Sie begleiten. Zwei dieser weniger bekannten Erkrankungen sind die Generalisierte Angststörung (GAS) und die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS). Beide können das Leben massiv einschränken – und beide werden oft erst spät erkannt.

Wenn Angst ihr Ziel verliert

Im letzten Artikel haben wir uns mit gerichteten Phobien beschäftigt. Dort richtet sich die Angst auf ein bestimmtes Objekt oder eine konkrete Situation. Bei einer Spinnenphobie ist die Angst klar definiert. Bei einer Flugangst ebenso. Bei der Generalisierten Angststörung passiert etwas anderes: Die Angst löst sich von einem konkreten Objekt. Sie wird zu einem Dauerzustand. Betroffene sorgen sich um Gesundheit, Familie, Arbeit, Finanzen, Beziehungen, die Zukunft oder Dinge, die möglicherweise niemals eintreten werden.

Die zentrale Frage lautet hier nicht: "Ist das gefährlich?" Sondern: "Was könnte gefährlich werden?" Die Angst richtet sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf eine vorgestellte Zukunft.

Wenn nicht nur Situationen, sondern ganze Beziehungen vermieden werden

Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung steht ein anderes Thema im Zentrum. Hier geht es weniger um die Angst vor Katastrophen als um die Angst vor Ablehnung. Menschen mit diesem Muster sehnen sich meist sehr nach Nähe, Zugehörigkeit und Kontakt. Gleichzeitig erwarten sie jedoch Kritik, Zurückweisung oder Bloßstellung. Dadurch entsteht ein schmerzhafter innerer Konflikt: Ich möchte dazugehören – aber ich glaube nicht, dass ich akzeptiert werde. Das führt häufig dazu, dass soziale Situationen vermieden werden, obwohl eigentlich ein starker Wunsch nach Verbindung vorhanden ist.

Im Gegensatz zur Schüchternheit handelt es sich dabei nicht um eine vorübergehende Eigenschaft, sondern um ein tief verankertes Beziehungsmuster.

Was beide Störungen gemeinsam haben

Auf den ersten Blick wirken die beiden Krankheitsbilder sehr unterschiedlich. Die eine Person macht sich ständig Sorgen. Die andere zieht sich eher zurück. Aus hypnosystemischer Perspektive zeigen sich jedoch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.

1. Aufmerksamkeit richtet sich auf Bedrohung

Dr. Gunther Schmidt beschreibt, dass Erleben durch Aufmerksamkeitsfokussierung entsteht. Bei beiden Störungsbildern ist die Aufmerksamkeit dauerhaft auf mögliche Gefahren ausgerichtet. Bei der Generalisierten Angststörung lautet die Frage: Was könnte passieren? Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung lautet die Frage: Wie könnten andere mich bewerten?

In beiden Fällen entsteht ein hochaktives Suchsystem für Risiken. Und Suchsysteme finden bekanntlich genau das, wonach sie suchen.

2. Problemtrancen werden zur Lebensrealität

Menschen mit diesen Mustern befinden sich häufig in einer chronischen Problemtrance. Sie erleben ihre Sorgen oder Selbstzweifel nicht als eine mögliche Perspektive von vielen. Sie erleben sie als Wahrheit. Die innere Aufmerksamkeit kreist immer wieder um dieselben Szenarien: Ich schaffe das nicht. Die werden mich ablehnen. Etwas wird schiefgehen. Ich muss vorbereitet sein.

Dadurch entstehen stabile neuronale Netzwerke, die sich durch Wiederholung immer weiter verstärken.

3. Vermeidung hält das Muster aufrecht

Sowohl bei der GAS als auch bei der ÄVPS spielt Vermeidung eine zentrale Rolle. Allerdings zeigt sie sich unterschiedlich. Bei der GAS wird häufig Unsicherheit vermieden. Menschen versuchen, alles zu kontrollieren, abzusichern oder gedanklich vorzubereiten. Das permanente Sorgen wirkt paradoxerweise wie ein Versuch, Sicherheit herzustellen. Bei der ÄVPS werden häufig Situationen vermieden, in denen Bewertung oder Verletzung möglich erscheinen. Die kurzfristige Erleichterung verstärkt beide Muster langfristig. - Genau wie bei Phobien.

Die entscheidenden Unterschiede

Trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es wichtige Unterschiede.

Generalisierte Angststörung: Die Zukunft ist das Problem

Das Kernthema lautet: Kontrollverlust gegenüber einer unsicheren Zukunft. Das Sorgen wird zu einer Art innerem Sicherheitsprogramm. Unbewusst entsteht häufig die Überzeugung: "Wenn ich ausreichend nachdenke, kann ich verhindern, dass etwas Schlimmes passiert." Das Problem ist nur: Die Zukunft lässt sich nicht kontrollieren. Und sie interessiert sich herzlich wenig für unsere Gedankenspiele. Deshalb produziert das System immer neue Sorgen.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Die Beziehung ist das Problem

Hier steht häufig eine andere Grundüberzeugung im Zentrum: "Mit mir stimmt etwas nicht." Die Angst richtet sich weniger auf Ereignisse als auf die eigene Person. Nicht die Zukunft wird als gefährlich erlebt. Sondern die Begegnung mit anderen Menschen. Die Frage lautet nicht: "Was könnte passieren?" Sondern: "Was werden andere über mich denken?"

Der hypnosystemische Blick: Was versucht das Symptom zu lösen?

Eine der kraftvollsten Fragen der Hypnosystemik lautet: Wofür ist dieses Muster möglicherweise nützlich Das bedeutet nicht, dass die Symptome angenehm sind. Sondern dass sie oft eine wichtige Schutzfunktion erfüllen.

Die Funktion der Generalisierten Angst

Das Sorgen soll häufig helfen,

  • Kontrolle herzustellen,

  • Überraschungen zu vermeiden,

  • Risiken vorherzusehen,

  • Handlungsfähigkeit zu sichern.

Das System versucht, Sicherheit zu schaffen. Nur leider auf eine Weise, die Sicherheit niemals erreicht.

Die Funktion der Vermeidung

Bei Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstruktur schützt die Vermeidung oft vor emotionalem Schmerz. Wenn ich mich nicht zeige, kann ich auch nicht verletzt werden. Wenn ich keine Beziehung eingehe, kann ich auch nicht zurückgewiesen werden. Das System opfert Zugehörigkeit zugunsten von Sicherheit. Eine nachvollziehbare, aber langfristig sehr teure Strategie.

Therapeutische Hebel – hypnosystemisch gedacht

Die spannende Frage hier lautet nicht: "Wie bekomme ich die Angst weg?" Sondern: "Welche Erfahrungen fehlen dem System noch?"

1. Aufmerksamkeit bewusst umlenken: Wenn Erleben durch Aufmerksamkeit entsteht, entsteht Veränderung durch neue Aufmerksamkeitsfokussierungen. Statt immer wieder zu fragen:"Was könnte schiefgehen?" kann die Aufmerksamkeit schrittweise auf andere Fragen gelenkt werden:

  • Was gelingt bereits?

  • Wann ist die Angst weniger stark?

  • Welche Kompetenzen habe ich in schwierigen Situationen bereits gezeigt?

  • Wer unterstützt mich?

Das klingt simpel, verändert aber die Aktivierung im Gehirn fundamental.

2. Die Kompetenz hinter dem Symptom würdigen: Menschen mit GAS verfügen oft über eine enorme Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und vorauszudenken. Menschen mit ÄVPS besitzen häufig eine hohe Sensibilität für zwischenmenschliche Dynamiken. Hypnosystemisch betrachtet werden diese Fähigkeiten nicht bekämpft. Sie werden vom Problemkontext gelöst und für neue Zwecke nutzbar gemacht. Die Frage wird dann: "Wie kann ich diese Fähigkeit hilfreich einsetzen?" statt "Wie werde ich sie los?"

3. Neue Beziehungserfahrungen ermöglichen: Besonders bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung liegt ein zentraler Hebel in korrigierenden Beziehungserfahrungen.

Der Mensch erlebt Schritt für Schritt:

  • Ich darf sichtbar sein.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich werde nicht automatisch abgelehnt.

  • Ich bin mehr als mein innerer Kritiker.

Nicht Einsicht verändert das Muster. Sondern neue Erfahrungen.

4. Sicherheit nicht mehr vor der Angst suchen: Vielleicht ist das der wichtigste Punkt. Viele Betroffene verbringen ihr Leben damit, die Angst zu vermeiden. Langfristige Veränderung entsteht jedoch häufig genau dann, wenn Menschen lernen, auch mit Unsicherheit, Verletzlichkeit und Unvollkommenheit in Kontakt zu bleiben. Nicht weil diese angenehm wären. Sondern weil Leben genau dort stattfindet.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht erscheint die Generalisierte Angststörung wie ein Zuviel an Sorgen. Und die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung wie ein Zuviel an Rückzug. Hypnosystemisch betrachtet könnte man es auch anders formulieren: Beides sind hochentwickelte Versuche eines Systems, Sicherheit herzustellen. Das Problem ist nicht, dass diese Systeme versagen. Das Problem ist, dass sie ihren Auftrag zu ernst nehmen. Sie schützen – auch dann noch, wenn Schutz längst zum Gefängnis geworden ist. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo Menschen aufhören, ihre Angst als Feind zu betrachten. Denn oft ist Angst nicht die Ursache des Problems. Sie ist die Spur, die zu dem Problem hinführt, das verstanden werden möchte.

In zwei Wochen geht unsere Reise durch die Welt der Angst weiter. Dann werfen wir einen Blick auf ein Phänomen, das viele Menschen kennen, aber nur wenige richtig einordnen können: die Gesundheitsangst, oder hypochondrische Störung – und warum die Suche nach Beruhigung die Angst manchmal sogar verstärkt.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Phobie: Wenn Angst ein Gesicht bekommt

Ein hypnosystemischer Blick auf gerichtete Phobien – und was wirklich dahintersteckt

Stell dir vor, du stehst am Bahnsteig. Die Türen öffnen sich. Menschen steigen ein, lachen, schauen auf ihre Handys – nichts Außergewöhnliches. Und doch bleibt für dich alles stehen. Dein Herz rast. Dein Körper weigert sich. Du kannst nicht einsteigen. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.

Du weißt, dass es „nur“ eine Bahn ist. Und doch fühlt es sich an wie Lebensgefahr.

So beginnen viele Geschichten mit gerichteten Phobien: scheinbar klar benannt, oft rational unerklärlich, und doch zutiefst real.

Was ist eigentlich eine gerichtete Phobie?

Gerichtete Phobien sind intensive Ängste vor ganz bestimmten Objekten oder Situationen: Flugzeuge, Hunde, enge Räume, Spinnen, Krankheiten, Menschenmengen. Ihre Besonderheit: Die Angst hat ein klares Ziel – aber selten eine klare Ursache.

Und genau hier beginnt das Paradox.

Wie entstehen Phobien – aus hypnosystemischer Sicht

Wenn wir den hypnosystemischen Ansatz nach Dr. Gunther Schmidt betrachten, verschiebt sich die Perspektive radikal: Angst ist kein „Defekt“, sondern ein hergestelltes inneres Erlebnis.

1. Erleben entsteht durch Aufmerksamkeit

Eine der zentralen Annahmen: „Erleben wird durch Aufmerksamkeitsfokussierung erzeugt.“ Das bedeutet: Worauf wir innerlich unsere Wahrnehmung bündeln, wird stark – körperlich, emotional, mental. Wenn eine Person beginnt, in bestimmten Situationen immer wieder auf mögliche Gefahr zu fokussieren, vernetzen sich diese Erfahrungen zu stabilen „Erlebnisnetzwerken“. Im Alltag läuft das oft unbewusst ab.

2. Problemtrance statt Störung

Gunther Schmidt beschreibt Symptome als Ergebnis einer Art „selbsthypnotischer Trance“.

Das heißt:

  • Die Aufmerksamkeit verengt sich

  • Die Wahrnehmung wird tunnelartig

  • Nur noch Bedrohung wird wahrgenommen

Diese sogenannte Problemtrance sorgt dafür, dass Menschen ihre eigene Angst ständig neu erzeugen – ohne es zu wollen. Und genau hier liegt eine große Würde dieser Sichtweise: Du bist nicht „gestört“. Dein System arbeitet – nur gerade nicht hilfreich.

3. Angst ist ein lernendes System

Phobien entstehen meist nicht plötzlich „aus dem Nichts“, sondern durch:

  • prägende Erfahrungen

  • beobachtetes Verhalten (z. B. von Bezugspersonen)

  • wiederholte innere Bewertungen („das ist gefährlich“)

  • körperliche Reaktionen, die fehlinterpretiert werden

Mit der Zeit entsteht ein stabiles Muster: Trigger → Angst → Vermeidung → kurzfristige Erleichterung → langfristige Verstärkung. So hält Vermeidung die Angst am Leben.

Warum das Objekt oft nichts mit der Ursache zu tun hat

Eine der wichtigsten – und gleichzeitig entlastendsten – Erkenntnisse: Das Objekt der Phobie ist häufig nur die Oberfläche.

Aus hypnosystemischer Sicht ist die konkrete Angst (z. B. Flugangst) oft lediglich ein „Andockpunkt“ für ein tiefer liegendes Thema wie zum Beispiel Kontrollverlust, Unsicherheit, ungelöste emotionale Erfahrungen, oder innere Konflikte.

Das System „wählt“ ein Objekt, an dem sich diese unsichtbare Spannung organisieren kann, sichtbar werden darf. Das erklärt, warum sich Ängste manchmal verändern:

  • Die Flugangst verschwindet – plötzlich entsteht Angst vor Krankheiten

  • Die soziale Angst wird besser – dafür treten körperliche Symptome auf

Wenn Angst wandert: Somatische Symptome und neue Kanäle

In vielen Fällen verändert sich das Symptom Angst noch tiefgreifender. Denn viele Betroffene erleben genau das: Die Angst geht – aber sie kommt anders zurück. Das ist kein Zufall. Man spricht davon, dass Ängste die Tendenz haben, sich auszubreiten. Angst ist ein energiegeladenes Muster im System. Wenn der ursprüngliche Ausdruck blockiert wird, sucht sich diese Energie oft neue Wege:

  • eine andere Phobie

  • diffuse, weniger greifbare Angstzustände

  • körperliche Symptome ohne klare organische Ursache

In der Forschung zeigt sich: Angst und somatoforme Beschwerden (das heißt körperlich Symptome ohne eine klare körperliche Diagnose) treten häufig gemeinsam auf, und psychischer Stress kann körperliche Symptome auslösen, obwohl keine medizinische Ursache gefunden wird. Der Körper spricht dann das aus, was innerpsychisch keinen Ausdruck findet.

Therapie: Warum Verhaltenstherapie so wirksam ist

Die Verhaltenstherapie – insbesondere die Exposition – gilt als Goldstandard. Warum? Weil sie direkt an einem zentralen Mechanismus ansetzt: Vermeidung.

Was dabei passiert:

  • Du bleibst in der Situation

  • Dein Körper aktiviert Angst

  • Du erfährst: nichts Schlimmes passiert

  • Das Gehirn lernt neu

Studien zeigen: Exposition hilft, den Kreislauf aus Angst und Vermeidung zu durchbrechen und neue, realistischere Bewertungen zu entwickeln. Oder einfacher gesagt: Das System bekommt neue Erfahrungen – und schreibt sich neu.

Und trotzdem: Warum das oft nicht ausreicht

So wirksam Exposition ist – viele Menschen erleben: Ich habe meine Angst im Griff – aber ich bin nicht wirklich frei. Warum? Weil sich die Therapie oft auf das Symptom fokussiert – nicht auf das zugrunde liegende Muster. Wenn die tiefere Dynamik nicht verstanden wird, kann Folgendes passieren: Die Angst verlagert sich, neue Symptome entstehen, oder die Belastung bleibt subtil bestehen.

Der hypnotherapeutische Weg: Mehr als „Angst wegmachen“

Hypnotherapie nach Erickson und der hypnosystemische Ansatz nach Schmidt gehen einen anderen Weg:

1. Symptome als Teil der Lösung verstehen

Statt Angst zu bekämpfen, wird gefragt: Wofür ist diese Angst gut? Das wirkt zunächst irritierend – ist aber zentral: Angst hat oft eine schützende Funktion. Sie zeigt auf ungelöste Themen. Sie ist Teil eines inneren Systems

2. Ressourcen reaktivieren

Hypnosystemik geht davon aus, dass die Fähigkeiten zur Lösung bereits vorhanden sind. Die Therapie hilft, Zugang dazu zu bekommen: über Bilder, Metaphern, innere Dialoge und gezielte Aufmerksamkeitslenkung.

3. Aufmerksamkeitsfokussierung verändern

Wenn Angst durch Fokus entsteht, kann sie auch darüber verändert werden:

  • Weg vom Problem

  • Hin zu Möglichkeiten

  • Vom „Warum ist das so?“

  • Hin zu „Wofür könnte das dienen?“

Was langfristig wirklich hilft

Nachhaltige Veränderung entsteht meist durch die Kombination:

Verhaltensebene (z. B. Exposition)

  • neue Erfahrungen sammeln

  • Vermeidung abbauen

Innere Ebene (hypnosystemisch/hypnotherapeutisch)

  • Bedeutung der Angst verstehen

  • emotionale Muster integrieren

  • Selbstwirksamkeit stärken

Eine neue Sicht auf Angst

Vielleicht ist das Wichtigste am Ende nicht, die Angst loszuwerden. Sondern zu verstehen, dass sie nicht gegen dich arbeitet, sondern für etwas in dir. - Und dass sie oft nur laut wird, wenn etwas anderes nicht gehört wird.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht kennst du diesen Gedanken: „Ich will einfach nur, dass es aufhört.“ Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo sich dieser Satz leicht verschiebt: „Ich möchte verstehen, warum es da ist.“

Denn oft ist Angst kein Gegner. Sondern ein sehr intensiver Versuch deines Systems, dich auf etwas hinzuweisen, das gesehen werden will.

In zwei Wochen geht meine Reise durch die Ängste weiter. Dieses mal mit zwei weniger bekannten Krankheitsbildern: Der generalisierten Angststörung (GAS) und der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Bei beiden handelt es sich um Muster, die deutlich subtiler und leiser daherkommen, aber nicht weniger belastend sind als die beiden deutlich lauteren Muster Phobie und Panik.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Vom Schutz zur Belastung - wie Angst entsteht und zur Störung werden kann

Nachdem wir im ersten Artikel betrachtet haben, warum Angst kein Defekt, sondern eine hochintelligente menschliche Fähigkeit ist, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Wie wird aus einer grundsätzlich sinnvollen Angstreaktion eigentlich eine Angststörung? Und: Warum entwickelt nicht jeder Mensch die gleichen Ängste? - Oder Angststörungen.

Die Antworten darauf sind überraschend komplex – und gleichzeitig oft entlastend. Denn Angst entsteht nicht einfach. Sie wird gelernt. Und sie ergibt – aus Sicht unseres inneren Systems – meist einen sehr guten Sinn.

Angst ist ein Ergebnis von Lernerfahrungen – nicht von Schwäche

Aus hypnosystemischer Sicht (u. a. nach Gunther Schmidt) ist Angst kein zufälliges Ereignis. Sie ist das Ergebnis von Erfahrungs- und Lernprozessen, die unser Nervensystem im Laufe unseres Lebens organisiert. Unser Gehirn speichert dabei nicht nur Fakten, sondern vor allem Bedeutungen:

  • Was ist sicher?

  • Was ist gefährlich?

  • Wann droht Ablehnung?

  • Was muss ich tun, um dazuzugehören?

Diese Bewertungen entstehen häufig früh, unbewusst und hoch emotional verankert. Ein einfaches Beispiel: Ein Kind erlebt wiederholt, dass Fehler zu Kritik oder Rückzug führen. Das System lernt: „Fehler sind gefährlich.“ Später im Erwachsenenleben kann genau daraus eine ausgeprägte Angst vor Bewertung entstehen – etwa in Meetings, Präsentationen oder Feedbacksituationen. Wichtig dabei ist, dass diese Angst keine Fehlfunktion ist. Sie ist eine logische Reaktion auf frühere Lernerfahrungen.

Jedes Nervensystem baut seine eigene „Landkarte der Gefahr“

Milton Erickson hat früh beschrieben, dass Menschen nicht auf die Realität selbst reagieren, sondern auf ihre individuelle innere Repräsentation von Realität. Oder vereinfacht: Nicht die Situation an sich macht Angst – sondern die Bedeutung, die unser System ihr gibt. Deshalb entwickeln Menschen unterschiedliche Ängste, selbst wenn sie ähnliche Dinge erleben.

Ein und dieselbe Situation kann völlig unterschiedlich bewertet werden:

  • Für den einen ist eine Präsentation eine Chance

  • Für den anderen ein massives Bedrohungsszenario

Warum?

Weil jedes Nervensystem seine eigene Erfahrungslandkarte entwickelt hat.
Eine Landkarte, die beeinflusst ist durch frühe Bindungserfahrungen, individuelle Persönlichkeitsprägungen, prägende Einzelereignisse, beobachtetes Verhalten (z. B. von Eltern oder Bezugspersonen), kulturelle und soziale Kontexte.

Aus hypnosystemischer Sicht entsteht Angst also nicht „objektiv“, sondern subjektiv sinnvoll.

Angststörungen sind oft das Ergebnis von gut gemeinten Schutzstrategien

Ein besonders wichtiger Gedanke aus der hypnosystemischen Arbeit lautet:

Symptome sind häufig Lösungsversuche des Systems.

Das klingt zunächst irritierend – trifft aber einen zentralen Punkt. Viele Angstmuster entwickeln sich, weil das System versucht, uns vor etwas zu schützen, das es als bedrohlich gelernt hat. Typische Beispiele sind hierbei:

  • Vermeidung schützt vor Überforderung oder Beschämung

  • Kontrollverhalten schützt vor Unsicherheit oder Kontrollverlust

  • Rückzug schützt vor Ablehnung

  • ständiges Grübeln versucht, Risiken vorhersehbar zu machen

Das Problem ist dabei nicht die ursprüngliche Funktion. Das Problem ist, dass diese Strategien langfristig oft immer mehr Raum einnehmen. Was als Schutz beginnt, wird irgendwann selbst zur Einschränkung.

Warum sich Angst manchmal „verselbstständigt“

Ein zentraler Mechanismus bei der Entstehung von Angststörungen ist die sogenannte Selbstverstärkung von Angst. Das Nervensystem lernt dabei nicht nur die ursprüngliche Angst – sondern auch die Reaktion auf die Angst.

Beispiel:

  • Eine Person erlebt Herzrasen in einer stressigen Situation

  • Das wird als gefährlich bewertet („Ich verliere die Kontrolle“)

  • Die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf den Körper

  • Weitere körperliche Reaktionen entstehen

  • Die Angst verstärkt sich

So entsteht ein Kreislauf, den viele Betroffene sehr gut kennen: Angst → Fokus auf Symptome → stärkere Symptome → noch mehr Angst

Aus ericksonscher Perspektive könnte man sagen: Das System gerät in eine Art Trancezustand der Bedrohung, in dem sich Wahrnehmung zunehmend verengt.

Warum nicht alle dieselben Ängste entwickeln

Eine der häufigsten Fragen lautet: Warum entwickelt der eine eine Angststörung – und der andere nicht Die Antwort liegt weniger in einzelnen Ereignissen, sondern vielmehr in der Kombination vieler Faktoren:

1. Unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen: Was für den einen harmlos ist, kann für den anderen existenziell wirken.

2. Unterschiedliche Lerngeschichten: Nicht das Ereignis zählt – sondern die Lernerfahrung dahinter.

3. Unterschiedliche Ressourcen: Unterstützung, Selbstwirksamkeitserfahrungen und Beziehungssicherheit wirken oft stabilisierend.

4. Unterschiedliche innere Strategien: Manche Systeme gehen eher in Vermeidung, andere in Überanpassung, wieder andere in Kontrolle.

5. Unterschiedliche Aufmerksamkeitsfokussierungen: Worauf richtet sich meine Wahrnehmung – auf Gefahr oder auf Bewältigung?

All das führt dazu, dass Angst immer ein hoch individuelles Phänomen ist.

Hypnosystemisch betrachtet: Angst macht Sinn – auch wenn sie belastet

Ein zentraler Perspektivwechsel besteht darin, Angst nicht vorschnell „wegmachen“ zu wollen, sondern zunächst zu verstehen: „Wofür ist diese Angst – in meinem System – ursprünglich einmal hilfreich gewesen?“ Diese Frage verändert vieles: Sie reduziert inneren Kampf. Sie schafft Selbstmitgefühl. Sie öffnet den Blick für Alternativen. Denn wenn Angst als sinnvoller Teil des Systems verstanden wird, kann Veränderung auf einer anderen Ebene beginnen. - Nicht gegen das System. Sondern mit dem System.

Veränderung beginnt nicht mit Kontrolle – sondern mit Verständnis

Sowohl Gunther Schmidt als auch Milton Erickson betonen, dass nachhaltige Veränderung selten durch Kontrolle, Druck oder „Zusammenreißen“ entsteht. Sondern durch neue Erfahrungen, veränderte Aufmerksamkeitsfokussierung, Zugang zu Ressourcen und Erweiterung innerer Handlungsspielräume. Oder anders gesagt: Angst verändert sich nicht dadurch, dass wir sie bekämpfen. Sondern dadurch, dass unser System lernt, neue Bewertungen und Möglichkeiten zu entwickeln.

Ein erster wichtiger Schritt

Vielleicht ist einer der wichtigsten Schritte im Umgang mit Angst nicht die Frage: „Wie bekomme ich das weg?“ Sondern vielmehr: „Welche Geschichte erzählt mein System hier – und wovor versucht es mich zu schützen?“ Denn genau dort beginnt das Verständnis. - Und mit dem Verständnis oft auch die Veränderung.

Ausblick

Im nächsten Artikel werden wir einen genaueren Blick darauf werfen, was bei Panikattacken passiert – körperlich, psychologisch und aus systemischer Perspektive. Und wir werden uns anschauen, warum genau diese Zustände sich oft so bedrohlich anfühlen, obwohl sie es objektiv betrachtet nicht sind.

Bis dahin wünsche ich dir ein schönes und sonniges Pfingstwochenende. Wie immer freue ich mich über dein Feedback und deine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Angst.

Constance

Vermeidung statt Mut?

Wie Ängste zur Belastung werden..