Psychische Erkrankung

Wenn Angst kein Ereignis mehr braucht - Generalisierte Angststörung und ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung

Vielleicht kennst du diesen Menschen: Nach außen wirkt alles relativ normal. Er geht zur Arbeit. Er erledigt seine Aufgaben. Er funktioniert. Und trotzdem läuft im Hintergrund ununterbrochen ein Programm:

Habe ich etwas vergessen?
Was, wenn etwas schiefgeht?
Was, wenn ich krank werde?
Was, wenn andere merken, dass ich nicht gut genug bin?
Was, wenn ich mich blamiere?

Während Phobien laut sind und Panikattacken dramatisch erscheinen können, gibt es Angstformen, die deutlich leiser auftreten. Sie schreien nicht. Sie begleiten. Zwei dieser weniger bekannten Erkrankungen sind die Generalisierte Angststörung (GAS) und die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS). Beide können das Leben massiv einschränken – und beide werden oft erst spät erkannt.

Wenn Angst ihr Ziel verliert

Im letzten Artikel haben wir uns mit gerichteten Phobien beschäftigt. Dort richtet sich die Angst auf ein bestimmtes Objekt oder eine konkrete Situation. Bei einer Spinnenphobie ist die Angst klar definiert. Bei einer Flugangst ebenso. Bei der Generalisierten Angststörung passiert etwas anderes: Die Angst löst sich von einem konkreten Objekt. Sie wird zu einem Dauerzustand. Betroffene sorgen sich um Gesundheit, Familie, Arbeit, Finanzen, Beziehungen, die Zukunft oder Dinge, die möglicherweise niemals eintreten werden.

Die zentrale Frage lautet hier nicht: "Ist das gefährlich?" Sondern: "Was könnte gefährlich werden?" Die Angst richtet sich nicht auf die Gegenwart, sondern auf eine vorgestellte Zukunft.

Wenn nicht nur Situationen, sondern ganze Beziehungen vermieden werden

Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung steht ein anderes Thema im Zentrum. Hier geht es weniger um die Angst vor Katastrophen als um die Angst vor Ablehnung. Menschen mit diesem Muster sehnen sich meist sehr nach Nähe, Zugehörigkeit und Kontakt. Gleichzeitig erwarten sie jedoch Kritik, Zurückweisung oder Bloßstellung. Dadurch entsteht ein schmerzhafter innerer Konflikt: Ich möchte dazugehören – aber ich glaube nicht, dass ich akzeptiert werde. Das führt häufig dazu, dass soziale Situationen vermieden werden, obwohl eigentlich ein starker Wunsch nach Verbindung vorhanden ist.

Im Gegensatz zur Schüchternheit handelt es sich dabei nicht um eine vorübergehende Eigenschaft, sondern um ein tief verankertes Beziehungsmuster.

Was beide Störungen gemeinsam haben

Auf den ersten Blick wirken die beiden Krankheitsbilder sehr unterschiedlich. Die eine Person macht sich ständig Sorgen. Die andere zieht sich eher zurück. Aus hypnosystemischer Perspektive zeigen sich jedoch bemerkenswerte Gemeinsamkeiten.

1. Aufmerksamkeit richtet sich auf Bedrohung

Dr. Gunther Schmidt beschreibt, dass Erleben durch Aufmerksamkeitsfokussierung entsteht. Bei beiden Störungsbildern ist die Aufmerksamkeit dauerhaft auf mögliche Gefahren ausgerichtet. Bei der Generalisierten Angststörung lautet die Frage: Was könnte passieren? Bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung lautet die Frage: Wie könnten andere mich bewerten?

In beiden Fällen entsteht ein hochaktives Suchsystem für Risiken. Und Suchsysteme finden bekanntlich genau das, wonach sie suchen.

2. Problemtrancen werden zur Lebensrealität

Menschen mit diesen Mustern befinden sich häufig in einer chronischen Problemtrance. Sie erleben ihre Sorgen oder Selbstzweifel nicht als eine mögliche Perspektive von vielen. Sie erleben sie als Wahrheit. Die innere Aufmerksamkeit kreist immer wieder um dieselben Szenarien: Ich schaffe das nicht. Die werden mich ablehnen. Etwas wird schiefgehen. Ich muss vorbereitet sein.

Dadurch entstehen stabile neuronale Netzwerke, die sich durch Wiederholung immer weiter verstärken.

3. Vermeidung hält das Muster aufrecht

Sowohl bei der GAS als auch bei der ÄVPS spielt Vermeidung eine zentrale Rolle. Allerdings zeigt sie sich unterschiedlich. Bei der GAS wird häufig Unsicherheit vermieden. Menschen versuchen, alles zu kontrollieren, abzusichern oder gedanklich vorzubereiten. Das permanente Sorgen wirkt paradoxerweise wie ein Versuch, Sicherheit herzustellen. Bei der ÄVPS werden häufig Situationen vermieden, in denen Bewertung oder Verletzung möglich erscheinen. Die kurzfristige Erleichterung verstärkt beide Muster langfristig. - Genau wie bei Phobien.

Die entscheidenden Unterschiede

Trotz aller Gemeinsamkeiten gibt es wichtige Unterschiede.

Generalisierte Angststörung: Die Zukunft ist das Problem

Das Kernthema lautet: Kontrollverlust gegenüber einer unsicheren Zukunft. Das Sorgen wird zu einer Art innerem Sicherheitsprogramm. Unbewusst entsteht häufig die Überzeugung: "Wenn ich ausreichend nachdenke, kann ich verhindern, dass etwas Schlimmes passiert." Das Problem ist nur: Die Zukunft lässt sich nicht kontrollieren. Und sie interessiert sich herzlich wenig für unsere Gedankenspiele. Deshalb produziert das System immer neue Sorgen.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung: Die Beziehung ist das Problem

Hier steht häufig eine andere Grundüberzeugung im Zentrum: "Mit mir stimmt etwas nicht." Die Angst richtet sich weniger auf Ereignisse als auf die eigene Person. Nicht die Zukunft wird als gefährlich erlebt. Sondern die Begegnung mit anderen Menschen. Die Frage lautet nicht: "Was könnte passieren?" Sondern: "Was werden andere über mich denken?"

Der hypnosystemische Blick: Was versucht das Symptom zu lösen?

Eine der kraftvollsten Fragen der Hypnosystemik lautet: Wofür ist dieses Muster möglicherweise nützlich Das bedeutet nicht, dass die Symptome angenehm sind. Sondern dass sie oft eine wichtige Schutzfunktion erfüllen.

Die Funktion der Generalisierten Angst

Das Sorgen soll häufig helfen,

  • Kontrolle herzustellen,

  • Überraschungen zu vermeiden,

  • Risiken vorherzusehen,

  • Handlungsfähigkeit zu sichern.

Das System versucht, Sicherheit zu schaffen. Nur leider auf eine Weise, die Sicherheit niemals erreicht.

Die Funktion der Vermeidung

Bei Menschen mit einer ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstruktur schützt die Vermeidung oft vor emotionalem Schmerz. Wenn ich mich nicht zeige, kann ich auch nicht verletzt werden. Wenn ich keine Beziehung eingehe, kann ich auch nicht zurückgewiesen werden. Das System opfert Zugehörigkeit zugunsten von Sicherheit. Eine nachvollziehbare, aber langfristig sehr teure Strategie.

Therapeutische Hebel – hypnosystemisch gedacht

Die spannende Frage hier lautet nicht: "Wie bekomme ich die Angst weg?" Sondern: "Welche Erfahrungen fehlen dem System noch?"

1. Aufmerksamkeit bewusst umlenken: Wenn Erleben durch Aufmerksamkeit entsteht, entsteht Veränderung durch neue Aufmerksamkeitsfokussierungen. Statt immer wieder zu fragen:"Was könnte schiefgehen?" kann die Aufmerksamkeit schrittweise auf andere Fragen gelenkt werden:

  • Was gelingt bereits?

  • Wann ist die Angst weniger stark?

  • Welche Kompetenzen habe ich in schwierigen Situationen bereits gezeigt?

  • Wer unterstützt mich?

Das klingt simpel, verändert aber die Aktivierung im Gehirn fundamental.

2. Die Kompetenz hinter dem Symptom würdigen: Menschen mit GAS verfügen oft über eine enorme Fähigkeit, Zusammenhänge zu erkennen und vorauszudenken. Menschen mit ÄVPS besitzen häufig eine hohe Sensibilität für zwischenmenschliche Dynamiken. Hypnosystemisch betrachtet werden diese Fähigkeiten nicht bekämpft. Sie werden vom Problemkontext gelöst und für neue Zwecke nutzbar gemacht. Die Frage wird dann: "Wie kann ich diese Fähigkeit hilfreich einsetzen?" statt "Wie werde ich sie los?"

3. Neue Beziehungserfahrungen ermöglichen: Besonders bei der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung liegt ein zentraler Hebel in korrigierenden Beziehungserfahrungen.

Der Mensch erlebt Schritt für Schritt:

  • Ich darf sichtbar sein.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich werde nicht automatisch abgelehnt.

  • Ich bin mehr als mein innerer Kritiker.

Nicht Einsicht verändert das Muster. Sondern neue Erfahrungen.

4. Sicherheit nicht mehr vor der Angst suchen: Vielleicht ist das der wichtigste Punkt. Viele Betroffene verbringen ihr Leben damit, die Angst zu vermeiden. Langfristige Veränderung entsteht jedoch häufig genau dann, wenn Menschen lernen, auch mit Unsicherheit, Verletzlichkeit und Unvollkommenheit in Kontakt zu bleiben. Nicht weil diese angenehm wären. Sondern weil Leben genau dort stattfindet.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht erscheint die Generalisierte Angststörung wie ein Zuviel an Sorgen. Und die ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung wie ein Zuviel an Rückzug. Hypnosystemisch betrachtet könnte man es auch anders formulieren: Beides sind hochentwickelte Versuche eines Systems, Sicherheit herzustellen. Das Problem ist nicht, dass diese Systeme versagen. Das Problem ist, dass sie ihren Auftrag zu ernst nehmen. Sie schützen – auch dann noch, wenn Schutz längst zum Gefängnis geworden ist. Manchmal beginnt Veränderung genau dort, wo Menschen aufhören, ihre Angst als Feind zu betrachten. Denn oft ist Angst nicht die Ursache des Problems. Sie ist die Spur, die zu dem Problem hinführt, das verstanden werden möchte.

In zwei Wochen geht unsere Reise durch die Welt der Angst weiter. Dann werfen wir einen Blick auf ein Phänomen, das viele Menschen kennen, aber nur wenige richtig einordnen können: die Gesundheitsangst, oder hypochondrische Störung – und warum die Suche nach Beruhigung die Angst manchmal sogar verstärkt.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Phobie: Wenn Angst ein Gesicht bekommt

Ein hypnosystemischer Blick auf gerichtete Phobien – und was wirklich dahintersteckt

Stell dir vor, du stehst am Bahnsteig. Die Türen öffnen sich. Menschen steigen ein, lachen, schauen auf ihre Handys – nichts Außergewöhnliches. Und doch bleibt für dich alles stehen. Dein Herz rast. Dein Körper weigert sich. Du kannst nicht einsteigen. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.

Du weißt, dass es „nur“ eine Bahn ist. Und doch fühlt es sich an wie Lebensgefahr.

So beginnen viele Geschichten mit gerichteten Phobien: scheinbar klar benannt, oft rational unerklärlich, und doch zutiefst real.

Was ist eigentlich eine gerichtete Phobie?

Gerichtete Phobien sind intensive Ängste vor ganz bestimmten Objekten oder Situationen: Flugzeuge, Hunde, enge Räume, Spinnen, Krankheiten, Menschenmengen. Ihre Besonderheit: Die Angst hat ein klares Ziel – aber selten eine klare Ursache.

Und genau hier beginnt das Paradox.

Wie entstehen Phobien – aus hypnosystemischer Sicht

Wenn wir den hypnosystemischen Ansatz nach Dr. Gunther Schmidt betrachten, verschiebt sich die Perspektive radikal: Angst ist kein „Defekt“, sondern ein hergestelltes inneres Erlebnis.

1. Erleben entsteht durch Aufmerksamkeit

Eine der zentralen Annahmen: „Erleben wird durch Aufmerksamkeitsfokussierung erzeugt.“ Das bedeutet: Worauf wir innerlich unsere Wahrnehmung bündeln, wird stark – körperlich, emotional, mental. Wenn eine Person beginnt, in bestimmten Situationen immer wieder auf mögliche Gefahr zu fokussieren, vernetzen sich diese Erfahrungen zu stabilen „Erlebnisnetzwerken“. Im Alltag läuft das oft unbewusst ab.

2. Problemtrance statt Störung

Gunther Schmidt beschreibt Symptome als Ergebnis einer Art „selbsthypnotischer Trance“.

Das heißt:

  • Die Aufmerksamkeit verengt sich

  • Die Wahrnehmung wird tunnelartig

  • Nur noch Bedrohung wird wahrgenommen

Diese sogenannte Problemtrance sorgt dafür, dass Menschen ihre eigene Angst ständig neu erzeugen – ohne es zu wollen. Und genau hier liegt eine große Würde dieser Sichtweise: Du bist nicht „gestört“. Dein System arbeitet – nur gerade nicht hilfreich.

3. Angst ist ein lernendes System

Phobien entstehen meist nicht plötzlich „aus dem Nichts“, sondern durch:

  • prägende Erfahrungen

  • beobachtetes Verhalten (z. B. von Bezugspersonen)

  • wiederholte innere Bewertungen („das ist gefährlich“)

  • körperliche Reaktionen, die fehlinterpretiert werden

Mit der Zeit entsteht ein stabiles Muster: Trigger → Angst → Vermeidung → kurzfristige Erleichterung → langfristige Verstärkung. So hält Vermeidung die Angst am Leben.

Warum das Objekt oft nichts mit der Ursache zu tun hat

Eine der wichtigsten – und gleichzeitig entlastendsten – Erkenntnisse: Das Objekt der Phobie ist häufig nur die Oberfläche.

Aus hypnosystemischer Sicht ist die konkrete Angst (z. B. Flugangst) oft lediglich ein „Andockpunkt“ für ein tiefer liegendes Thema wie zum Beispiel Kontrollverlust, Unsicherheit, ungelöste emotionale Erfahrungen, oder innere Konflikte.

Das System „wählt“ ein Objekt, an dem sich diese unsichtbare Spannung organisieren kann, sichtbar werden darf. Das erklärt, warum sich Ängste manchmal verändern:

  • Die Flugangst verschwindet – plötzlich entsteht Angst vor Krankheiten

  • Die soziale Angst wird besser – dafür treten körperliche Symptome auf

Wenn Angst wandert: Somatische Symptome und neue Kanäle

In vielen Fällen verändert sich das Symptom Angst noch tiefgreifender. Denn viele Betroffene erleben genau das: Die Angst geht – aber sie kommt anders zurück. Das ist kein Zufall. Man spricht davon, dass Ängste die Tendenz haben, sich auszubreiten. Angst ist ein energiegeladenes Muster im System. Wenn der ursprüngliche Ausdruck blockiert wird, sucht sich diese Energie oft neue Wege:

  • eine andere Phobie

  • diffuse, weniger greifbare Angstzustände

  • körperliche Symptome ohne klare organische Ursache

In der Forschung zeigt sich: Angst und somatoforme Beschwerden (das heißt körperlich Symptome ohne eine klare körperliche Diagnose) treten häufig gemeinsam auf, und psychischer Stress kann körperliche Symptome auslösen, obwohl keine medizinische Ursache gefunden wird. Der Körper spricht dann das aus, was innerpsychisch keinen Ausdruck findet.

Therapie: Warum Verhaltenstherapie so wirksam ist

Die Verhaltenstherapie – insbesondere die Exposition – gilt als Goldstandard. Warum? Weil sie direkt an einem zentralen Mechanismus ansetzt: Vermeidung.

Was dabei passiert:

  • Du bleibst in der Situation

  • Dein Körper aktiviert Angst

  • Du erfährst: nichts Schlimmes passiert

  • Das Gehirn lernt neu

Studien zeigen: Exposition hilft, den Kreislauf aus Angst und Vermeidung zu durchbrechen und neue, realistischere Bewertungen zu entwickeln. Oder einfacher gesagt: Das System bekommt neue Erfahrungen – und schreibt sich neu.

Und trotzdem: Warum das oft nicht ausreicht

So wirksam Exposition ist – viele Menschen erleben: Ich habe meine Angst im Griff – aber ich bin nicht wirklich frei. Warum? Weil sich die Therapie oft auf das Symptom fokussiert – nicht auf das zugrunde liegende Muster. Wenn die tiefere Dynamik nicht verstanden wird, kann Folgendes passieren: Die Angst verlagert sich, neue Symptome entstehen, oder die Belastung bleibt subtil bestehen.

Der hypnotherapeutische Weg: Mehr als „Angst wegmachen“

Hypnotherapie nach Erickson und der hypnosystemische Ansatz nach Schmidt gehen einen anderen Weg:

1. Symptome als Teil der Lösung verstehen

Statt Angst zu bekämpfen, wird gefragt: Wofür ist diese Angst gut? Das wirkt zunächst irritierend – ist aber zentral: Angst hat oft eine schützende Funktion. Sie zeigt auf ungelöste Themen. Sie ist Teil eines inneren Systems

2. Ressourcen reaktivieren

Hypnosystemik geht davon aus, dass die Fähigkeiten zur Lösung bereits vorhanden sind. Die Therapie hilft, Zugang dazu zu bekommen: über Bilder, Metaphern, innere Dialoge und gezielte Aufmerksamkeitslenkung.

3. Aufmerksamkeitsfokussierung verändern

Wenn Angst durch Fokus entsteht, kann sie auch darüber verändert werden:

  • Weg vom Problem

  • Hin zu Möglichkeiten

  • Vom „Warum ist das so?“

  • Hin zu „Wofür könnte das dienen?“

Was langfristig wirklich hilft

Nachhaltige Veränderung entsteht meist durch die Kombination:

Verhaltensebene (z. B. Exposition)

  • neue Erfahrungen sammeln

  • Vermeidung abbauen

Innere Ebene (hypnosystemisch/hypnotherapeutisch)

  • Bedeutung der Angst verstehen

  • emotionale Muster integrieren

  • Selbstwirksamkeit stärken

Eine neue Sicht auf Angst

Vielleicht ist das Wichtigste am Ende nicht, die Angst loszuwerden. Sondern zu verstehen, dass sie nicht gegen dich arbeitet, sondern für etwas in dir. - Und dass sie oft nur laut wird, wenn etwas anderes nicht gehört wird.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht kennst du diesen Gedanken: „Ich will einfach nur, dass es aufhört.“ Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo sich dieser Satz leicht verschiebt: „Ich möchte verstehen, warum es da ist.“

Denn oft ist Angst kein Gegner. Sondern ein sehr intensiver Versuch deines Systems, dich auf etwas hinzuweisen, das gesehen werden will.

In zwei Wochen geht meine Reise durch die Ängste weiter. Dieses mal mit zwei weniger bekannten Krankheitsbildern: Der generalisierten Angststörung (GAS) und der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Bei beiden handelt es sich um Muster, die deutlich subtiler und leiser daherkommen, aber nicht weniger belastend sind als die beiden deutlich lauteren Muster Phobie und Panik.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Wenn die Panik kommt - und du trotzdem bleibst!

Der Kampf gegen die Panik

Vielleicht kennst du diesen Moment. Da ist dieses erste Signal. Ein Herzschlag, der etwas deutlicher wird. Ein kurzer Schwindel. Ein Druck in der Brust. Ein Gefühl von Unruhe. Und noch bevor die Panik überhaupt richtig da ist, beginnt oft etwas anderes: der Kampf gegen sie. „Nicht schon wieder.“ „Bitte nicht jetzt.“ „Das darf nicht passieren.“ Es ist ein verständlicher Kampf. Wer würde sich nicht gegen etwas wehren, das sich so bedrohlich anfühlt? Doch genau hier liegt eine paradoxe Dynamik. Je mehr wir versuchen, die Panik loszuwerden, desto mehr Aufmerksamkeit schenken wir ihr. Und Aufmerksamkeit ist Nahrung für das, was unser Nervensystem gerade als wichtig eingestuft hat.

Wenn der Körper Alarm schlägt

Aus hypnosystemischer Sicht ist Panik deshalb oft nicht nur eine Reaktion auf körperliche Signale, sondern auch auf die Bedeutung, die wir diesen Signalen geben. Das Herz schlägt schneller und sofort taucht die Frage auf: „Warum schlägt es so schnell?“ Die Atmung verändert sich und der nächste Gedanke lautet: „Was stimmt nicht mit mir?“ Dabei geschieht zunächst etwas völlig Normales. Dein Körper aktiviert Energie. Er macht dich wach, aufmerksam und handlungsbereit.

Genau das gleiche System springt an, wenn du kurz vor einem wichtigen Vortrag stehst, wenn du dich verliebst, wenn du auf die Geburt deines Kindes wartest oder vor einer Kirche stehst und gleich den Menschen heiratest, den du liebst. Der Körper unterscheidet zunächst nicht zwischen Angst und Vorfreude. Er produziert Aktivierung. Erst wir Menschen geben dieser Aktivierung eine Bedeutung.

Die Macht der Bewertung

Vielleicht hilft deshalb ein kleiner Perspektivwechsel. Anstatt auf das Herzrasen mit „Oh nein, jetzt geht es wieder los“ zu reagieren, könntest du innerlich sagen: „Interessant, mein Körper stellt gerade viel Energie bereit.“ Aus „Das ist gefährlich“ wird „Das ist Aktivierung.“ Aus „Ich verliere die Kontrolle“ wird „Mein Nervensystem arbeitet gerade auf Hochtouren.“

Das klingt zunächst fast zu einfach. Doch unser Gehirn reagiert erstaunlich stark auf die Sprache, mit der wir innere Erfahrungen beschreiben. Worte sind nicht nur Beschreibungen. Sie erzeugen Wirklichkeit. Die Forschung von Kelly McGonigal und anderen zeigt seit Jahren, dass die Bewertung von Stress und körperlicher Erregung erheblichen Einfluss darauf hat, wie wir diese erleben.

Den Tunnelblick wieder öffnen

Eine weitere Möglichkeit besteht darin, die Aufmerksamkeit bewusst zu erweitern. Während einer Panikattacke verengt sie sich oft wie ein Tunnel. Alles richtet sich auf den Körper. Das Herz. Die Atmung. Die Enge. Den Schwindel.

Genau deshalb kann es hilfreich sein, die Aufmerksamkeit wieder nach außen zu lenken. Nicht als Ablenkung, sondern als Erweiterung des Erlebens. Vielleicht bemerkst du fünf Dinge, die du sehen kannst. Vier Geräusche, die du hörst. Drei Gegenstände, die unterschiedliche Oberflächen haben. Zwei Gerüche. Einen Geschmack.

Was dabei geschieht, ist bemerkenswert: Dein Gehirn erhält die Information, dass nicht nur die vermeintliche Gefahr existiert, sondern auch eine Umgebung, die gerade sicher genug ist, um wahrgenommen zu werden.

Der überraschende Weg: Nicht kämpfen

Manchmal hilft auch etwas, das zunächst ungewöhnlich klingt. Statt gegen die Panik anzukämpfen, könntest du ihr für einen Moment sogar Raum geben. Stell dir vor, du würdest innerlich sagen: „Okay, wenn du schon da bist, dann darfst du da sein.“

Viele Betroffene haben Angst, dass die Panik dann außer Kontrolle gerät. Doch häufig passiert etwas anderes. Das System muss nicht länger gegen Widerstand anarbeiten. Die innere Eskalationsspirale verliert einen Teil ihrer Energie. Was wir bekämpfen, bleibt oft bestehen. Was wir wahrnehmen und akzeptieren, kann sich verändern.

Vom Opfer zum Beobachter

Milton Erickson, einer der bedeutendsten Hypnotherapeuten, nutzte häufig genau dieses Prinzip. Er kämpfte nicht gegen Symptome. Er lud Menschen ein, neugierig auf sie zu werden.

Vielleicht könntest du dich während einer aufkommenden Panik fragen: „Wie genau fühlt sich diese Angst eigentlich an?“ Ist sie warm oder kalt? Bewegt sie sich oder bleibt sie an einer Stelle? Hat sie eine Form? Eine Farbe? Eine Geschwindigkeit?

Merkwürdigerweise verändert sich häufig etwas, sobald wir von der Rolle des Opfers in die Rolle eines interessierten Beobachters wechseln. Die Angst wird von einer übermächtigen Bedrohung zu einem inneren Erlebnis, das betrachtet werden kann.

Die Welle reiten

Aus hypnotherapeutischer Sicht kann auch die Vorstellungskraft ein wertvoller Verbündeter sein. Stell dir vor, die Panik wäre eine Welle im Meer. Eine Welle kann groß sein. Sie kann kraftvoll sein. Aber keine Welle bleibt für immer stehen. Sie steigt an, erreicht ihren Höhepunkt und fällt wieder ab.

Viele Menschen erleben Panik, als würde sie immer stärker werden und niemals enden. Doch das entspricht nicht der Realität unseres Nervensystems. Der Körper kann diesen Alarmzustand nicht dauerhaft aufrechterhalten. Jede Welle endet. Immer. Das war bei jeder Panikattacke so, die du jemals erlebt hast.

Vielleicht hilft dir auch eine Frage, die ich Klienten gelegentlich stelle: „Was würde passieren, wenn du die nächsten zehn Minuten nicht versuchst, die Angst loszuwerden?“ Nicht für immer. Nur zehn Minuten.

Oft entsteht dadurch etwas Entscheidendes. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich weg vom Kampf und hin zum Erleben. Und genau dort beginnt häufig Veränderung.

Ein System, das zu gut schützt

Ein weiterer Gedanke kann entlastend sein. Viele Menschen betrachten Panik als Beweis dafür, dass etwas mit ihnen nicht stimmt. Doch was wäre, wenn Panik vielmehr ein Hinweis darauf ist, dass dein System sehr gut funktioniert? Vielleicht sogar zu gut.

Vielleicht ist dein innerer Rauchmelder besonders sensibel eingestellt. Er erkennt Gefahr unglaublich schnell. Leider manchmal auch dann, wenn gar kein Feuer brennt. Doch niemand käme auf die Idee, einen Rauchmelder zu hassen, weil er Alarm schlägt. Man würde lernen, ihn besser zu verstehen.

Der Anfang von Freiheit

Und vielleicht ist genau das der wichtigste Schritt. Nicht die Panik sofort loszuwerden. Sondern sie anders zu verstehen. Denn in dem Moment, in dem du erkennst, dass dein Herzrasen keine Katastrophe ist, dass deine Aktivierung keine Gefahr beweist, dass Angst ein zutiefst menschlicher Zustand ist und dass jede Welle irgendwann wieder abebbt, beginnt sich etwas zu verändern.

Nicht unbedingt die Intensität der ersten körperlichen Reaktion. Aber deine Beziehung zu ihr.

Und manchmal ist genau das der Anfang von Freiheit. Nicht weil die Panik verschwindet. Sondern weil sie aufhört, dein Leben zu bestimmen.

Wie jedes Mal freue ich mich über dein Feedback und deine Erfahrungen.

In zwei Wochen geht meine Blog-Reise durch das große Thema Angst weiter. Mein nächster Artikel wird sich mit den sogenannten gerichteten Phobien, also besonders dominanten Ängsten vor bestimmten Dingen oder Tieren beschäftigen. Die phobische Angst vor Spinnen ist sicher die bekanntest. In den letzten Jahren sind mir aber auch Menschen mit eher ungewöhnlich anmutenden Phobien begegnet: zum Beispiel vor Schnecken mit Häuschen (Nacktschnecken waren OK) oder vor diesen kleinen Holzstäbchen im Eis am Stiel. Wie entstehen Phobien? Und vor allem wie kann man sie wirklich nachhaltig auflösen oder abschwächen? Wie gesagt, dazu mehr in zwei Wochen. Jetzt wünsche ich dir erstmal einen sonnig warmen Sonntag und eine schöne Hochsommerwoche.

Constance

Wenn die Panik kommt…

… und du bleibst! Denn der Weg aus der Angst führt durch sie hindurch.