Psychische Erkrankung

Ode an den Freud! - Dissoziative Krankheitsbilder und die Revolution der Psychiatrie

Eine Würdigung des Unbequemen, das bis heute wirkt

Wenn wir heute über dissoziative Störungen sprechen, über traumabedingte Abspaltungen, körperliche Symptome ohne organische Ursache oder über das „Eigenleben“ des Nervensystems, dann stehen wir – ob wir es wollen oder nicht – auf den Schultern eines Mannes, der die Medizin seiner Zeit nachhaltig irritiert hat: Sigmund Freud. Freud war nicht der Erste, der sich mit Hysterie, Konversion oder seelisch bedingten Lähmungen beschäftigte. Aber er war derjenige, der es wagte, bis dahin zwei radikale Thesen auszusprechen:

  • Der Körper kann Träger unbewusster seelischer Konflikte sein.

  • (Körperliche) Symptome haben eine tiefere Bedeutung.

Damit stellte er nicht weniger infrage als das Selbstverständnis einer Medizin, die sich gerade erst mühsam aus metaphysischen Erklärungen befreit hatte – und nun erneut mit etwas Unsichtbarem konfrontiert wurde: dem Unbewussten.

Freud und der Bruch mit der rein somatischen oder körperlichen Medizin

Ende des 19. Jahrhunderts galt: Was sich nicht anatomisch erklären ließ, war entweder Simulation oder weibliche Übertreibung. Hysterische Lähmungen, Blindheit ohne Läsion, Krampfanfälle ohne Epilepsie – all das passte nicht ins medizinische Weltbild. Die Betonung lag hierbei auf „weiblich“. Hysterie kommt von dem griechischen Wort „Hystera“, das auf Deutsch Gebärmutter heißt. Die Gebärmutter, das Ur-Weibliche, als Quelle irrationalen Verhaltens. - Eine Perspektive, die Weiblichkeit eindeutig herabgewürdigt hat. So wurde Freud trotz all seiner patriarchalen Allüren vielleicht zu einem der ersten Feministen, weil er das Weibliche durch seine Arbeit aus einem herabwürdigenden Käfig befreit hat.

Freud, zunächst selbst Neurologe, erkannte etwas Entscheidendes: Diese (hysterischen) Symptome folgten keiner neurologischen Logik, aber sehr wohl einer psychischen, und diese war keineswegs „geschlechtsgebunden“ und hing natürlich nicht mit dem Vorhandensein einer Gebärmutter zusammen.

Er beobachtete, dass Symptome symbolisch mit biografischen Konflikten verknüpft waren und oft nach emotionalen Überforderungen auftraten. Außerdem veränderten sich die Symptome unter bestimmten Bedingungen oder verschwanden einfach. Damit öffnete er den Raum für eine neue Sicht: Krankheit nicht nur als Defekt, sondern als Ausdruck innerer Dynamiken.

Das Instanzenmodell: Ich, Es und Über-Ich

Um diese Dynamiken beschreibbar zu machen, entwickelte Freud sein berühmtes Instanzenmodell.

Das Es steht für:

  • Triebimpulse

  • Affekte

  • unbewusste Bedürfnisse

  • unmittelbare Spannungsabfuhr

Es folgt dem Lustprinzip. Es kennt keine Moral, keine Zeit, keine Rücksicht.

Das Über-Ich ist die verinnerlichte moralische Instanz:

  • elterlicher Forderungen

  • gesellschaftlicher Normen

  • Verbote, Gebote, Ideale

Es ist streng, oft unbarmherzig und operiert mit Schuld, Scham und Angst vor Liebesverlust. Ein oft gnadenloser innerer Kritiker …

Das Ich steht zwischen beiden – und zwischen Innen- und Außenwelt.

Seine Aufgabe:

  • vermitteln

  • regulieren

  • Konflikte lösen

  • Realitätsanforderungen berücksichtigen

Dissoziative Symptome entstehen dort, wo das Ich überfordert ist. Wo Konflikte zwischen Es und Über-Ich weder bewusst verarbeitet noch psychisch integriert werden können.

Konversionsneurosen – wenn der Körper übernimmt

Ein zentrales Konzept Freuds ist die Konversionsneurose. Der Begriff wirkt heute antiquiert, doch das dahinterliegende Phänomen ist hochaktuell. Konversion bedeutet: Ein seelischer Konflikt wird in ein körperliches Symptom „übersetzt“, das heißt, er verleiht sich körperlich Ausdruck. Beispiele hierfür sind:

  • Lähmungen ohne neurologische Verletzungen oder Defekte

  • Sprachverlust ohne organische Ursache

  • Blindheit oder Taubheit ohne Befund

  • Krampfanfälle ohne epileptische Aktivität

Das Symptom erfüllt dabei mehrere Funktionen:

  1. Es hält den inneren Konflikt aus dem Bewusstsein fern.

  2. Es entlastet das Ich, den Vermittler zwischen Es und Über-Ich.

  3. Es verschafft dem inneren System Stabilität.

Wichtig ist zu verstehen, dass das Symptom keine Simulation ist. Es ist vielmehr eine unbewusste Lösung eines unlösbaren Problems.

Dissoziation als Schutz – nicht als Störung

Aus heutiger traumatherapeutischer Sicht würden wir viele dieser Phänomene als dissoziativ beschreiben.

Dissoziation bedeutet in diesem Kontext:

  • Abspaltung von Wahrnehmung

  • Trennung von Gefühl und Körper

  • Unterbrechung von Erinnerung

  • Fragmentierung des Erlebens

Sie tritt dann auf, wenn Flucht oder Kampf nicht möglich sind, Überforderung chronisch wird, Bindung und Bedrohung zusammenfallen. Das lässt Dissoziation zu einem hochwirksamen Schutzmechanismus werden.

Freud hatte dafür noch nicht die neurobiologischen Erklärungen, die wir heute haben. Aber seine klinische Beobachtung war präzise: Der Körper und das Unbewusste arbeiten zusammen, um Überleben zu sichern.

Der sekundäre Krankheitsgewinn – ein missverstandenes Konzept

Was hat der Organismus von seinem Krankheitsbild? Kaum ein Begriff wurde so häufig missbraucht wie der des sekundären Krankheitsgewinns.

Freud unterschied zwischen:

  • Primären Krankheitsgewinn: Die innere Entlastung durch das Symptom (Konflikt bleibt unbewusst)

  • Sekundären Krankheitsgewinn: Äußere Vorteile, die sich nachträglich aus der Krankheit ergeben

Dazu können gehören:

  • Zuwendung

  • Schonung

  • Entlastung von Pflichten

  • klare Rollen

Wichtig – und oft übersehen: Der sekundäre Krankheitsgewinn ist nicht bewusst gewählt! Er ist nicht die Ursache, sondern ein stabilisierender Faktor, der einen unbewussten Anreiz setzt, UNBEWUSST an der Symptomatik festzuhalten, obgleich das Bewusste das Symptom sehr gerne los wäre.

Wenn Symptome bleiben, dann nicht, weil jemand „nicht gesund werden will“, sondern weil das Symptom eine tragende Funktion im inneren Gleichgewicht übernommen hat. Dieses Missverständnis hat unzählige Betroffene zusätzlich beschämt und pathologisiert – obwohl Freud selbst ausdrücklich vor moralischen Zuschreibungen warnte.

Moderne dissoziative Störungsbilder – Freuds Erbe heute

Heute sprechen wir von:

  • Dissoziativer Identitätsstörung, die sich in dem zeigt, was wir häufig als multiple Persönlichkeit bezeichnen

  • Dissoziativer Amnesie

  • Depersonalisation und Derealisation, also dem Gefühl der Unwirklichkeit

  • Funktionellen neurologischen Störungen, das heißt Bewegungsstörungen und Störungen der sensorischen Wahrnehmung

Was sie eint:

  • eine Geschichte überwältigender Erfahrung

  • ein Nervensystem im Dauer-Überlebensmodus

  • Symptome, die sinnvoll sind, wenn man ihre Entstehung versteht.

Freuds Verdienst liegt hierbei nicht darin, alles abschließend erklärt zu haben, sondern darin, den Sinn in der jeweiligen Symptomatik gesucht zu haben.

Kritik – und warum sie Freud nicht entwertet

Natürlich ist Freud kritisiert worden, wird Freud bis heute kritisiert: für seine Triebtheorie, für patriarchale Deutungsmuster, für fehlende empirische Methodik. Vieles davon ist berechtigt. Aber es wäre ein fataler Fehler, Freud auf diese Kritikpunkte zu reduzieren. Er hat dem Kranken seine Würde zurückgegeben, Symptome ernst genommen, Leiden als Ausdruck innerer Logik verstanden. Ohne Freud gäbe es keine Traumatherapie in heutiger Form, kein Verständnis für Abwehrmechanismen, keine Sprache für das Unbewusste.

Eine Ode – nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt und Dankbarkeit

Diese „Ode an den Freud“ ist kein unkritischer Lobgesang. Sie ist ein Dank an jemanden, der den Mut hatte, dem Körper zuzuhören – und ihm Bedeutung zuzutrauen. Dissoziative Krankheitsbilder fordern uns bis heute heraus: diagnostisch, therapeutisch, menschlich. Sie zwingen uns, Komplexität auszuhalten und einfache Schuldzuweisungen aufzugeben. Und vielleicht ist genau das Freuds bleibendes Vermächtnis: Dass Heilung oft nicht im Wegmachen von Symptomen liegt, sondern im Verstehen dessen, wofür sie stehen.

Fortsetzung folgt

In meinem nächsten Artikel lade ich dich, mit mir in die Welt der sogenannten somatoformen Störungsbilder einzusteigen. Auch diese zeigen sich körperlich und auch hier sind Betroffene häufig verzweifelt auf der Suche nach einer Diagnose, einer Erklärung, nach Heilung. Allerdings sind sie anders gelagert, sind keine Schutzmechanismen der Seele mit Blick auf diesen einen inneren Konflikt, den das Ich nicht lösen kann. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass 20 Prozent aller Patienten in Hausarztpraxen eigentlich an einer somatoformen Belastungsstörung leiden und verzweifelt beim Arzt ihres Vertrauens nach Diagnose und Heilung suchen. - Dabei liegt der Schlüssel zu Heilung an anderer Stelle.

Ich freue mich, wenn du in zwei Wochen auch wieder dabei bist.

Constance

Richtung erkennen - Mit Freud beginnen wir Seele zu verstehen

"Die Seele leis zum Körper spricht: sag du es ihm, mich hört er nicht." C. Morgenstern

Wenn die Seele spricht – und der Körper antwortet! Über die Trennung von Psyche und Körper, ihre Folgen und die leisen Botschaften des Leidens

Die westliche Medizin ist eine Erfolgsgeschichte. Sie hat Infektionen besiegt, chirurgische Wunder vollbracht und das Leben von Millionen Menschen verlängert. Und doch, so meine Überzeugung, trägt sie einen grundlegenden Konstruktionsfehler in sich – einen, der besonders dort schmerzhaft sichtbar wird, wo Menschen leiden, ohne dass sich das Leiden eindeutig „messen“ oder „lokalisieren“ lässt.

Die strikte Trennung von Körper und Psyche ist aus meiner Sicht der Sündenfall der westlichen Medizin. Sie hat uns enorme Präzision beschert, aber auch eine gefährliche Blindheit für das Zusammenspiel, für Übergänge, für Bedeutungen. Für das, was Christian Morgenstern in seinem Vers so treffend beschreibt – dass die Seele oft nur über den Körper Gehör findet.

Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer Serie, in der ich mich vertieft mit dissoziativen Störungen, somatoformen Störungsbildern und psychosomatischen Erkrankungen auseinandersetzen werde. Mit all jenen Krankheitsbildern, in denen die Seele sich über den Körper Gehör oder Ausdruck verschafft. Heute soll es zunächst um Orientierung gehen: um Begriffe, Unterschiede, Gemeinsamkeiten – und um ein grundsätzlich anderes Verständnis von Krankheit.

Der Körper als Bühne – und als Übersetzer

Kaum ein Mensch zweifelt daran, dass seelische Belastungen körperliche Auswirkungen haben können. „Stress schlägt auf den Magen“, „das geht mir an die Nieren“, „mir liegt etwas schwer auf dem Herzen“ – unsere Alltagssprache ist voll von psychosomatischen Metaphern. Und doch beginnt das Problem oft genau dort, wo diese Metaphern in den klinischen Raum übersetzt werden sollen.

Denn dort gilt meist noch immer eine implizite Logik:

  • entweder ist etwas körperlich – dann ist es „real“.

  • oder es ist psychisch – dann ist es „eigentlich nichts“.

Für Betroffene ist das nicht nur theoretisch problematisch, sondern praktisch existenziell. Wer Schmerzen hat, aber keinen eindeutigen organischen Befund, erlebt nicht selten subtile (oder offene) Abwertung: als überempfindlich, als schwierig, als „psychisch“. Die Trennung von Körper und Psyche wird so nicht nur zu einem Denkmodell, sondern zu einer sozialen Realität.

Psychosomatische Erkrankungen – wenn (innere) Konflikte körperlich werden

Der Begriff Psychosomatik ist vermutlich der bekannteste – und zugleich der missverständlichste.

Psychosomatische Erkrankungen sind körperliche Erkrankungen, bei denen psychische Faktoren nachweislich Entstehung, Verlauf oder Schweregrad beeinflussen.

Wichtig ist: Das Organ ist real betroffen!

Klassische Beispiele sind:

  • Asthma bronchiale

  • Neurodermitis

  • Bluthochdruck

  • Reizdarmsyndrom

  • Magengeschwüre

  • bestimmte Autoimmunerkrankungen

Hier gibt es organische Veränderungen, Entzündungen, Funktionsstörungen – aber sie stehen in enger Wechselwirkung mit Stress, Beziehungsmustern, inneren Konflikten oder traumatischen Erfahrungen.

Die Psychosomatik ist dabei kein „Ersatzmodell“, sondern eigentlich eine Erweiterung der Medizin. Sie sagt nicht: Das ist nur psychisch, sondern: Der Körper reagiert auf das Leben, das er führt.

Somatoforme Störungen – Leiden ohne erklärenden Befund

Anders gelagert sind somatoforme Störungen (in neueren Klassifikationen oft als Somatische Belastungsstörungen bezeichnet). Hier erleben Betroffene intensive körperliche Symptome, für die sich keine ausreichende organische Erklärung finden lässt – zumindest keine, die Art, Stärke oder Dauer der Beschwerden plausibel erklärt. Die Folge sind oft verzweifeltes „Doctors-Hopping“ und Selbstmedikation, die nicht selten Suchtproblematiken nach sich ziehen kann.

Typisch sind:

  • chronische Schmerzen

  • Magen-Darm-Beschwerden

  • Herzsymptome

  • neurologisch anmutende Symptome wie Kribbeln, Schwindel, Lähmungsgefühle

Entscheidend ist: Die Symptome sind real! Das Leiden ist real!

Was fehlt, ist nicht die Krankheit – sondern ein Befund, der in das klassische medizinische Raster passt. Genau hier wird die Trennung von Körper und Psyche besonders problematisch. Denn was nicht „messbar“ ist, wird schnell als weniger wirklich erlebt. Somatoforme Störungen lassen sich nicht verstehen, wenn man Körper und Psyche getrennt betrachtet. Sie sind Anzeichen einer verkörperten seelischen Not, die keinen anderen Ausdruck gefunden hat.

Dissoziative Störungen – wenn das System sich schützt

Noch einmal anders gelagert sind dissoziative Störungen. Sie entstehen häufig im Kontext von früher, überwältigender oder chronischer Traumatisierung und sind primär Schutzmechanismen. Dissoziation bedeutet vereinfacht gesagt: Bestimmte Erfahrungen, Empfindungen oder Funktionen werden vom bewussten Erleben abgespalten.

Das kann sich auf körperlicher Ebene zeigen als:

  • Erinnerungslücken

  • motorische Störungen bis hin zu kompletten Lähmungserscheinungen oder dem Verlust der Sprache

  • sensorische Störungen bis hin zu kompletten Seh- oder Hörverlusten

  • dissoziative Krampfanfälle, die von außen wie eine Epilepsie anmuten können

  • wechselnde Bewusstseins- oder Ich-Zustände

Hier ist der Körper nicht nur Ausdruck, sondern Teil des Schutzsystems. Er „übernimmt“, wenn bewusste Verarbeitung nicht möglich oder zu gefährlich bzw. schmerzhaft wäre. Dissoziative Symptome sind daher nicht „Fehlfunktionen“, sondern hochgradig sinnvolle Anpassungen an extreme Bedingungen. Gerade bei dissoziativen Störungsbildern wird deutlich, wie unzureichend eine rein organische oder rein psychische Sichtweise ist. Das Nervensystem, der Körper, das Erleben – alles greift ineinander.

Abgrenzung – und warum sie trotzdem unscharf bleibt

Zusammengefasst lassen sich die drei Bereiche grob unterscheiden:

  • Psychosomatisch: organische Erkrankung mit psychischer Mitverursachung

  • Somatoform: körperliche Symptome ohne ausreichenden organischen Befund

  • Dissoziativ: Schutzreaktionen des Systems, oft traumabezogen

Und doch: In der Realität sind diese Kategorien keine sauberen Schubladen. Viele Menschen bewegen sich zwischen ihnen oder erleben im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Ausdrucksformen desselben inneren Leidens. Die Klassifikationen helfen der Diagnostik – aber sie dürfen nicht den Blick auf das Ganze verstellen.

Der westliche Blick – und seine Grenzen

Die Trennung von Körper und Psyche hat philosophische Wurzeln, etwa bei Descartes. Sie war notwendig, um Medizin naturwissenschaftlich betreiben zu können. Doch sie hat einen Preis: Sie macht Sinn unsichtbar. Wenn Symptome nur als Defekte gesehen werden, verlieren wir die Fähigkeit zu fragen:

  • Wozu dient dieses Symptom?

  • Was hält es aufrecht?

  • Was wäre ohne es nicht möglich?

Gerade bei chronischen, funktionellen oder traumabezogenen Erkrankungen führt diese Blindheit oft zu jahrelangen Odysseen durch das Gesundheitssystem – voller Untersuchungen, Frustration und impliziter Schuldzuweisungen.

Fernöstliche Perspektiven – Krankheit als Ungleichgewicht

Ein Blick in fernöstliche Medizinsysteme – etwa die Traditionelle Chinesische Medizin oder Ayurveda – zeigt ein radikal anderes Verständnis. Dort ist Krankheit kein isolierter Defekt, sondern Ausdruck eines Ungleichgewichts im Energiefluss, im Lebensstil, in Beziehungen, im emotionalen Erleben. Körperliche und seelische Prozesse sind nicht getrennt, sondern unterschiedliche Ebenen desselben Systems. Symptome gelten als Botschaften, nicht als Störungen, die möglichst schnell beseitigt werden müssen. Das bedeutet nicht, diese Systeme unkritisch zu idealisieren. Aber sie erinnern uns an etwas, das der westlichen Medizin oft verloren gegangen ist: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Befunde.

Ausblick – eine Einladung zum differenzierten Hinsehen

Dieser Artikel versteht sich als Einstieg. In den folgenden Beiträgen dieser Serie werde ich die einzelnen Störungsbilder vertiefen:

  • ihre Entstehung

  • ihre innere Logik

  • therapeutische Zugänge

  • und vor allem: ihren Sinn im Leben der Betroffenen

Nicht, um Leiden zu romantisieren. Sondern um ihm seine Würde zurückzugeben. Denn vielleicht ist es genau so, wie Morgenstern schreibt: Die Seele spricht leise. Und der Körper wird laut – wenn niemand zuhört.

Fortsetzung folgt und ich freue mich, wenn du dabei bist.

Constance

“Der Körper leis zur Seele spricht: sag du es ihm, mich hört er nicht.”

Wenn die Seele flüstert und der Körper schreit

ADHS bei Frauen: Wenn das Funktionieren zur Krankheit wird

Ein Zusammenbruch, der alles veränderte

Als Mira an einem Montagmorgen im März die Tür ihres Ateliers hinter sich schloss, hatte sie nicht geplant, zusammenzubrechen. Sie wollte nur kurz Luft holen. Ein paar Schritte gehen, vielleicht einen Kaffee holen, den Kopf freibekommen. Doch ihre Beine trugen sie nicht mehr. Stattdessen fand sie sich auf dem kalten Pflaster sitzend wieder – zitternd, weinend, unfähig zu verstehen, was gerade geschah.

Zwei Tage später lag sie in einem weißen Bett auf der geschlossenen Station einer psychiatrischen Klinik. Die Diagnose: schwere depressive Episode mit suizidalen Gedanken. Die eigentliche Erkenntnis über ihren Zustand kam jedoch erst Wochen später – in Form von vier Buchstaben, die ihr Leben rückblickend in völlig neuem Licht erscheinen ließen: ADHS.

Ein Leben voller Ideen – und innerer Erschöpfung

Mira war 35, als sie zum ersten Mal von einer Ärztin hörte, dass sie wahrscheinlich ihr ganzes Leben lang mit einem Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom gelebt hatte – ohne es zu wissen.

„Sie sind nicht faul. Nicht undiszipliniert. Sie sind erschöpft, weil Sie seit Jahrzehnten kompensieren“, sagte die Ärztin leise, als Mira vor ihr saß, Tränen in den Augen.

Mira war Grafikdesignerin – talentiert, kreativ, erfolgreich. Ihre Kund:innen liebten ihre Ideen, ihre Energie, ihr Gespür für Ästhetik. Doch hinter der glänzenden Oberfläche tobte ein anderes Leben – eines aus Chaos, Überforderung und ständiger Selbstkritik.

Sie konnte Nächte durcharbeiten, weil sie im „Hyperfokus“ versank, und tagelang keine Mails beantworten, weil schon das Öffnen des Postfachs Panik auslöste. Termine vergaß sie, obwohl sie akribisch Listen führte. Rechnungen lagen halbfertig in Entwürfen, weil sie sich nicht überwinden konnte, sie fertigzustellen.

Von außen sah man nur: Mira, die Kreative. Mira, die Sprunghafte. Mira, die Unzuverlässige – aber auch Mira, die immer wieder irgendwie „liefert“. Die liebenswerte, herzenswarme Mira.

Drinnen jedoch wuchs der Druck – immer stärker, immer leiser.

Das Masking-Phänomen – Wenn Frauen funktionieren, bis sie es nicht mehr können

Viele Frauen mit ADHS werden oft spät oder gar nicht diagnostiziert. Das liegt nicht an mangelnder Aufmerksamkeit oder fehlender Hilfe, sondern an gesellschaftlichen Erwartungen an Mädchen, sich anzupassen, nicht aufzufallen – und daran, wie ADHS sich bei Frauen häufig anders zeigt als bei Männern. Während bei Jungen die Hyperaktivität auffällt – das Zappeln, das Stören, das „Nicht-still-sitzen-Können“ – zeigt sich ADHS bei Mädchen oft verdeckter: als innere Unruhe, Perfektionismus, emotionale Überflutung. Viele entwickeln früh Strategien, um nicht aufzufallen. Sie funktionieren. Sie gleichen aus. Sie „machen“ – und genau dieses permanente „Machen“ wird später zum Verhängnis. Psycholog:innen sprechen hier vom sogenannten „Masking-Phänomen“: Frauen mit unerkannter ADHS bauen sich über Jahre aufwendige Strukturen, Routinen und Masken, um nicht aufzufallen. Sie übernehmen Verantwortung, organisieren, überkompensieren. Bis der Akku leer ist – und die Fassade bricht.

Bei Mira geschah das schleichend. Erst waren es kleine Dinge: vergessene Deadlines, ständige Müdigkeit, Reizbarkeit. Dann kamen die Selbstzweifel: Warum schaffe ich nicht, was andere scheinbar mühelos hinbekommen? Schließlich folgten die Nächte, in denen sie starr im Bett lag und sich fragte, ob das alles noch Sinn ergibt.

Wenn die Komorbiditäten übernehmen

ADHS kommt selten allein. Vor allem bei spät diagnostizierten Menschen sind Komorbiditäten – also begleitende psychische Erkrankungen – eher die Regel als die Ausnahme.

Mira litt unter einer Depression, die immer wieder aufflammte, wenn der Druck zu groß wurde. Dazu kam eine heimliche Alkoholsucht, die sie sich lange nicht eingestehen wollte. Abends, nach stundenlangen Projekten und überreizten Tagen, war das Glas Wein die einzige Möglichkeit, zur Ruhe zu kommen. Dann zwei. Dann drei.

„Ich wollte nur das Chaos im Kopf leiser machen“, sagte sie später.

Diese selbstmedikative Suche nach Entlastung ist bei ADHS-Betroffenen weit verbreitet – und gefährlich. Der Mangel an Dopamin, der das Belohnungssystem im Gehirn beeinflusst, führt oft dazu, dass Betroffene nach schnellen Reizen oder Entspannung durch Substanzen suchen: Alkohol, Nikotin, Essen, Arbeit, Sex, Social Media.

In Miras Fall wurde der Alkohol zum Symptom einer tieferen Not – eines Lebens, das permanent zu viel forderte und gleichzeitig zu wenig Verständnis bekam.

Der Zusammenbruch – und der Anfang eines neuen Lebens

Der Zusammenbruch im März war kein Ergebnis einer besonders anstrengenden Phase, sondern das Ende einer langen Entwicklung. Mira hatte seit Monaten nicht mehr richtig geschlafen, viel zu wenig gegessen, kaum noch gearbeitet. Die Depression war zur Leere geworden, der Alkohol zum stummen Begleiter.

Als sie schließlich auf der Station ankam, fühlte sie nur Erleichterung: Endlich nichts mehr müssen.

Die Diagnose ADHS kam erst nach mehreren Wochen.

Eine junge Psychotherapeutin hatte aufmerksam zugehört, als Mira von ihrer Schulzeit erzählte – von Lehrerkommentaren („Sie ist so begabt, aber sie könnte sich mehr anstrengen“), von verlegten Schlüsseln, chaotischen Schreibtischen, impulsiven Entscheidungen, die ihr Leben immer wieder in neue Bahnen lenkten.

Ein Test, ein ausführliches Gespräch – und schließlich die Erkenntnis: Das, was Mira ihr Leben lang für persönliches Versagen gehalten hatte, war Teil ihres neurobiologischen Musters.

Selbstverständnis statt Selbstvorwurf

Die Wochen nach der Diagnose waren ambivalent: Erleichterung – endlich eine Erklärung. Aber auch Trauer – über all die Jahre, die sie damit verbracht hatte, sich falsch zu fühlen.

Sie begann, über ihr Leben nachzudenken: Wie viel Kraft sie darauf verwendet hatte, „normal“ zu wirken. Wie viele Beziehungen darunter gelitten hatten, dass sie ständig zwischen Überforderung und Rückzug pendelte. Wie oft sie sich selbst als faul, unkonzentriert, chaotisch beschimpft hatte.

Heute, zwei Jahre später, spricht Mira offen über ihre Diagnose. Sie nimmt Medikamente, hat ihre Trinkgewohnheiten aufgegeben, geht regelmäßig in Therapie. Sie arbeitet wieder – langsamer, bewusster, ehrlicher.

„Ich weiß jetzt, dass mein Gehirn einfach anders funktioniert“, sagt sie. „Nicht schlechter – anders. Ich brauche andere Strukturen, mehr Pausen, weniger Schuldgefühle.“

Warum Aufklärung über ADHS bei Frauen so wichtig ist

Miras Geschichte steht für viele. Die Zahl der Frauen, die erst im Erwachsenenalter – oft nach Krisen, Zusammenbrüchen oder Burnouts – die Diagnose ADHS erhalten, steigt stetig. Diese späte Erkenntnis ist einerseits befreiend, andererseits erschütternd. Denn sie zeigt, wie sehr das gesellschaftliche Bild von „angepassten, leistungsfähigen“ Frauen dazu beiträgt, dass neurodivergente Lebensweisen übersehen werden.

ADHS bei Frauen bedeutet nicht immer Hyperaktivität. Es bedeutet häufig emotionale Intensität, Reizüberflutung, chronische Erschöpfung, innere Zerrissenheit – und den ständigen Versuch, es trotzdem allen recht zu machen.

Je mehr darüber gesprochen wird, desto eher kann Leid verhindert werden. Denn das eigentliche Problem ist nicht die neurobiologische Andersartigkeit, sondern das Unverständnis einer Umwelt, die Anpassung verlangt, wo Akzeptanz nötig wäre.

Ein neuer Blick

Mira hat gelernt, sich selbst anders zu sehen. Nicht als defekt, sondern als Mensch mit einem besonderen Nervensystem, das Sensibilität, Kreativität und Energie mit sich bringt – aber auch Verletzlichkeit.

Sie sagt heute: „Ich bin nicht geheilt. Ich bin verstanden. Und das ist der Unterschied, der mich leben lässt.“

Miras Geschichte ist ein Aufruf – zum Hinschauen, zum Verstehen, zum Anerkennen, dass viele Frauen mit ADHS jahrzehntelang kämpfen, ohne zu wissen, wogegen. Und sie erinnert daran, dass Heilung oft dann beginnt, wenn das eigene Leben endlich Sinn ergibt.

Ich selbst durfte viele wunderbare Frauen mit ADHS kennenlernen, die zum Teil lange Wege bis zur Diagnose und zum Verstehen gegangen sind. Ich durfte Mädchen kennenlernen, die schon als Kinder lernen durften, mit ihrer Einzigartigkeit umzugehen. Und natürlich kenne ich auch mindestens ebenso viele Geschichten von Jungen und Männern.

Jedoch werden bis heute etwa siebenmal mehr Jungen als Mädchen mit ADHS diagnostiziert – und erhalten so auch die passende Hilfe und Unterstützung. Lange ging man davon aus, dass Jungen einfach anfälliger sind, ADHS bei Jungs und Männern häufiger vorkommt. Inzwischen ändert sich die Lehrmeinung: Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass Mädchen ebenso häufig betroffen sind wie Jungen.

Mit diesem ersten Artikel zu ADHS war es mir deshalb besonders wichtig, auf die weibliche Form dieser neurodiversen Ausprägung aufmerksam zu machen. In zwei Wochen geht es mit der männlichen Perspektive weiter. Bis dahin freue ich mich sehr auf eure Erfahrungen, euer Feedback und eure Anmerkungen.

Eure Constance

Funktionieren und Anpassen

ADHS bei Frauen und Mädchen - der unsichtbare Tornado in der Seele