Resilienz

Wenn die Seele leise zum Körper spricht - meine ganz persönliche Geschichte

„Die Seele leis’ zum Körper spricht: sag du es ihm. Mich hört er nicht.“

Mit diesem Zitat von Christian Morgenstern habe ich vor einiger Zeit meine Artikelserie über psychische Leiden begonnen, die sich über unseren Körper Ausdruck verleihen. Und mit genau diesen Worten möchte ich diese Serie nun auch beenden.

Einigen ist vielleicht aufgefallen, dass dieser Artikel – meiner bisherigen Frequenz folgend – eigentlich schon in der letzten Woche hätte erscheinen sollen. Zum Abschluss dieser Reihe wollte ich meine ganz persönliche Geschichte teilen. Und ehrlich gesagt: Dafür brauchte ich mehr Zeit, als ich zunächst gedacht hatte.

Es ist leicht, aus der Distanz zu schreiben. Über Themen, über andere Menschen, über Zusammenhänge. Wenn es jedoch um mich selbst geht, fällt es mir deutlich schwerer, die richtigen Worte zu finden. Worte, die ehrlich sind. Und liebevoll. Und wahr.

Lasst uns gemeinsam in die Vergangenheit reisen

Es ist lange her – und doch sind die Tage, in denen ich zum ersten Mal, ohne es zu wissen, mit einer dissoziativen Störung in Berührung gekommen bin, noch immer sehr präsent in meiner Erinnerung.

Du erinnerst dich vielleicht, dass dissoziative Krankheitsbilder häufig dann auftreten, wenn die Seele besonders schwer getroffen wurde – oft im Zusammenhang mit einem Trauma. Um das Unbegreifliche erträglich zu machen, spaltet sie Erlebtes ab. Das, was nicht gefühlt oder verstanden werden kann, sucht sich andere Wege: über den Körper. Über Bewegungseinschränkungen, Lähmungen, verändertes Bewusstsein oder – in besonders schweren Fällen – über das Entstehen zusätzlicher Persönlichkeiten, der dissoziativen Identitätsstörung.

Dissoziation ist kein „Versagen“. Sie ist ein Schutzmechanismus der Seele. – Ein verzweifelter, aber kluger Versuch, sich vor etwas zu bewahren, das sie sonst zerbrechen würde.

Zurück zu meiner Geschichte:

Damals arbeitete ich noch als Stewardess. Ich war frisch verheiratet und befand mich auf meinem ersten Langstreckenflug nach der Hochzeit. Eigentlich hätte der Himmel voller Geigen hängen sollen. Doch meiner Mutter ging es schon vor meiner Abreise nicht gut. Sie hatte Verdauungsprobleme, war häufig müde, hatte Gewicht verloren. Während ich in Calgary beim Frühstück in meinem Lieblingscafé neben dem Hotel saß, erreichte mich die Nachricht, sie sei „vorsorglich“ für weitere Untersuchungen im Krankenhaus. Ich solle mir keine Sorgen machen. Natürlich machte ich mir Sorgen. Unaufhörlich. Nach einem anstrengenden Nachtflug kam ich zu Hause an und wollte mich noch kurz hinlegen, bevor ich ins Krankenhaus fahren würde. Da kam der Anruf. Krebs.

Mein Körper ging in den Schock. Meine Seele begann zu funktionieren.

Ich organisierte, informierte, sagte eine kleine, für den nächsten Tag geplante Feier ab. Ich kümmerte mich. Ich regelte. Ich funktionierte – perfekt. So wie ich es immer tat, wenn es brenzlig wurde.

Am nächsten Tag folgte mehr Klarheit: mutmaßlich Darmkrebs. Bereits metastasiert, unter anderem in die Leber. Nach erster Einschätzung nicht heilbar. Ich hätte in diesem Moment so sehr den Austausch mit meiner Mutter gebraucht. Ein Gespräch. Eine Umarmung. Die Erlaubnis, für einen kurzen Moment einfach nur ein tieftrauriges Kind zu sein. Doch meine Mutter war nicht mehr dieselbe. Sie war da – und doch nicht erreichbar.

Ihr Blick war nicht leer, aber auf etwas gerichtet, das ich nicht sehen konnte. Ihr Gesichtsausdruck war fremd, fast beängstigend. Eine Freundin meiner Mutter und deren Tochter waren ebenfalls zu Besuch – beide sichtlich schockiert von ihrem Zustand. Ich versuchte zu beschwichtigen, zu erklären, zu relativieren – und war gleichzeitig so hilflos.

Tief in mir wusste ich an diesem Tag: Ich habe meine Mutter verloren. Nicht körperlich – aber seelisch. Ein Teil von mir glaubte, der Krebs habe ihr Wesen, ihre Persönlichkeit angegriffen. Ich hatte Angst, dass wir nie wieder so miteinander sprechen würden wie früher.

Ich blieb bis abends bei ihr im Krankenhaus. Am nächsten Tag sollte eine Darmspiegelung stattfinden. Zur Vorbereitung musste sie am Vorabend Abführmittel trinken. Ich weiß noch, wie verzweifelt ich versuchte, sie dazu zu bewegen. Doch ich konnte sie nicht erreichen.

Meine Mutter war weg – obwohl sie da war.

Wenn ich heute an diesen Moment zurückdenke, steigen mir noch immer die Tränen in die Augen. Die Verzweiflung, die Angst, die Hilflosigkeit sind noch immer spürbar.

Was ich erst viel später verstand

Erst Jahre später konnte ich begreifen, was damals geschah: Die Seele meiner Mutter reagierte völlig normal auf eine zutiefst traumatisierende Diagnose. Sie befand sich in einem dissoziativen Zustand – um sich zu schützen, um das Unfassbare langsam und in ihrem eigenen Tempo zu verarbeiten.

Wie sehr hätte mir damals eine Erklärung geholfen. Ein Arzt, der gesagt hätte: „Geben Sie ihr Zeit.“ Oder: „Dieser Zustand ist vorübergehend.“

Stattdessen hörte ich den Satz, ich sei ja frisch verheiratet und könne meiner Mutter vielleicht noch schnell den Wunsch nach einem Enkelkind erfüllen – das würde ihr sicher neuen Lebensmut und Kraft geben.

Ich bin überzeugt, dass dieser Arzt es gut meinte. Er wollte trösten. Und doch fühlte es sich für mich unglaublich übergriffig an – zumal das Thema Kinder kein Thema für meinen Mann und mich war.

In einer idealen Welt hätten insbesondere Ärzt:innen ein solides Verständnis für psychische Dynamiken – und die Zeit und den Raum, dieses Wissen auch empathisch einzusetzen. Es gibt sie, diese Ärzt:innen, ja, aber vielleicht zu selten. Ich wünschte mir, unser Gesundheitssystem würde Sorge tragen, dass es sie häufiger gibt, dass Ärzt:innen entsprechend geschult werden, nicht nur fachlich, sondern auch in Gesprächsführung – noch ausführlicher, als es aktuell der Fall ist. Und verpflichtend!

Es folgte eine lange und intensive Reise, während der ich noch all die Gespräche mit meiner Mutter führen konnte, die ich an diesem Tag in der Klinik dachte verloren zu haben. Gestern hat sich ihr Todestag einmal mehr gejährt, und auch nach all den Jahren bin ich erstaunt, wie konsequent die Zeit vergeht, wie unaufhaltsam das Leben immer weiter passiert und wie präsent doch dieses Gefühl der Liebe bleibt – und der Dankbarkeit für die Jahre, die ich meine Mutter an meiner Seite hatte.

Zurück in die Gegenwart

Einer der Onkologen meiner Mutter sagte mir damals sehr eindringlich, dass es bei Darmkrebs familiäre Häufungen gebe. Ich solle bitte früher und regelmäßiger zur Vorsorge gehen. Damals war ich fest entschlossen, genau das zu tun. Wie so oft im Leben verblasst ein Vorsatz mit den Jahren. Bis mich die Geschichte meiner Mutter Ende letzten Jahres wieder einholte.

Im Sommer begann es mit gelegentlichem Sodbrennen. Dann kam es täglich. Dazu Völlegefühl, Bauchschmerzen, Verdauungsprobleme jeder Art. Ich dachte an Stress. An Unverträglichkeiten. Doch egal, was ich aß oder nicht aß – die Symptome wurden stärker.

Als mein Hausarzt dringend zu einer Magen- und Darmspiegelung riet, traf mich dieser Satz ins Mark: „Bei deiner familiären Vorbelastung müssen wir das Schlimmste sicher ausschließen.“

Das Schlimmste. Richtig. Da war ja etwas. Ich zeigte nahezu dieselben Symptome wie meine Mutter vor ihrer Diagnose. Und auch bei mir war das Blutbild unauffällig.

Der nächste freie Untersuchungstermin: Ende Mai. Es war Januar. Besser als nichts. Und sicher ist es nur Stress. Die Seele leis’ zum Körper spricht …

Doch dann spitzte sich alles zu. Ich begann Gewicht zu verlieren, konnte nur noch kleine Portionen essen, schlief nicht mehr. Die Angst verstärkte die Symptome – die Symptome verstärkten die Angst. Ich war gefangen in einem Kreislauf, aus dem ich mich kaum noch selbst befreien konnte.

Zum Glück fand ich schließlich eine Praxis, die mir kurzfristig einen Notfalltermin anbot.

Zwischen Angst und Hoffnung

Am Tag der Untersuchung war ich erleichtert – und gleichzeitig voller Angst. Angst davor, aus der Narkose aufzuwachen und im Gesicht des Arztes die Antwort zu lesen. Als ich erwachte, sah ich zuerst in das Gesicht einer freundlichen Krankenschwester. Sie brachte mir Kaffee. Draußen schien die Sonne. Einer dieser ersten Frühlingstage.

„Der Arzt kommt gleich.“

Dieses „gleich“ dehnte sich endlos. Und irgendwann beschloss ich, diesen Moment bewusst zu genießen. Der Kaffee schmeckte gut. Ich hatte Kekse dabei. Die Sonne wärmte.

Vielleicht, dachte ich, ist dies der letzte Moment unbeschwerter Normalität.

Dann kam der Arzt, der mir meine Sorge wohl schon von Weitem ansah. Noch ehe er sich setzte, sagte er diesen wunderbaren Satz: „Alles gut. Es ist nichts Schlimmes.“

Kein Krebs. Stattdessen Reflux, eine Magenschleimhautentzündung, ein gereizter Darm. „Hatten Sie viel Stress?“ – psychosomatisch, wie so oft.

Wenn er wüsste.

Und dann ist alles gut – oder?

Die Sonne schien heller, als ich die Praxis verließ. Seit drei Wochen helfen die Medikamente nun sehr gut. Und die Gewissheit, dass es kein Krebs ist, ist unbeschreiblich.

Was bleibt, ist die Frage, die sich viele Menschen mit psychosomatischen Erkrankungen stellen: Was jetzt?

Denn „Achte besser auf dich“ ist leichter gesagt als gelebt.

Seit Jahren begleite ich im Rahmen meiner Arbeit andere Menschen dabei, ihre Stressmuster zu erkennen und zu bearbeiten. Nun bin ich selbst auf dieser Reise. Und ich merke: Es geht bei mir weniger um Arbeitsbelastung als um innere Haltungen, um Sorgen und Ängste, Versagensängste, denen ich manchmal zu viel Raum gebe.

Psychosomatische Erkrankungen sind allgegenwärtig. Und doch werden sie selten wirklich verstanden. Der erste Weg führt immer zum Arzt – der zweite sollte zur Ursache führen. Denn auch die besten Medikamente helfen bei psychosomatischen Erkrankungen nur temporär. Auch ein Teil von mir fragt sich, wie es wird, wenn ich meine Tabletten fertig genommen haben werde. An dieser Stelle beginnt auch mein Weg zur Ursache – und zum Musterbruch!

Wenn auch du dich auf diesen Weg machen möchtest, begleite ich dich von Herzen gern. Nicht nur, weil ich es professionell kann und Erfahrung in dieser Begleitung habe. Sondern nun auch, weil ich weiß, wie sich dieser Weg anfühlt. Wenn du möchtest, vereinbare gerne ein kostenfreies und unverbindliches Erstgespräch.

Ich wünsche dir schöne Osterfeiertage. Ich gönne mir einen kurzen Urlaub, und mein Blog ist am 26. April mit einem neuen Artikel zurück. Ein Thema dafür habe ich übrigens noch nicht. Aber vielleicht hast du ja eine Idee, worüber du gerne lesen möchtest. Ich freue mich über Input!

Constance

Psychosen - Wenn die Seele die gelb-rote Karte zeigt

Psychosen – Das große Tabu?

Ich habe seit dem Amoklauf in Mannheim überlegt, ob ich mir für diesen Blog nicht lieber ein anderes Thema suchen sollte. Schon vor zwei Wochen, als ich mich mit dem Thema psychisches Trauma bzw. Traumatherapie beschäftigt habe, habe ich mir vorgenommen, im nächsten Artikel mit dem Thema Psychosen daran anzuknüpfen. Ich habe mich entschieden, mich trotz Mannheim mit dem Thema Psychosen zu beschäftigen. Nicht erst, seit ich mich in einer psychotherapeutischen Ausbildung befinde, frage ich mich wieder und wieder, warum psychische Erkrankungen ein gefühltes gesellschaftliches Tabu darstellen. Seit ich mich im Rahmen meiner Weiterbildung quasi professionell mit dem Thema psychischer Erkrankungen beschäftige, ist das Fragezeichen in meinem Kopf nur noch größer geworden. Ich bin erstaunt, wie viele von uns früher oder später an einem psychischen Krankheitsbild leiden und wie wenig darüber gesprochen wird.

Eine handfeste Psychose taucht ausgesprochen selten aus dem Nichts auf. Sie kündigt sich häufig an, und natürlich gibt es Frühwarnsymptome, über die sich in vielen Fällen gegensteuern lässt. Allerdings habe ich das Gefühl, dass diese Symptome einerseits ausgesprochen schambehaftet sind und Betroffene versuchen, die Situation auszusitzen, oder Betroffene wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen oder können. Psychotherapeutische Beratungs- und Behandlungsangebote sind in Deutschland, gemessen am Bedarf, ein rares Gut. Umso wichtiger ist es, dass wir diese Formen der Erkrankungen aus der Schmuddelecke holen und aufhören, Menschen zu stigmatisieren – mit völlig realitätsfernen Bildern von „Verrückten“ im Kopf, die man zeitlebens einsperren muss, weil sie gefährlich sind.

Etwa 3 von 100 Menschen erleben in ihrem Leben mindestens eine psychotische Episode. Diese tritt zum Beispiel im Rahmen von sogenannten affektiven Störungen auf, das heißt bei depressiven oder manischen Episoden oder deren Wechsel, den wir als bipolare Störung bezeichnen. Aber auch im Kontext einer Schizophrenie, an der etwa 1 Prozent der Weltbevölkerung leidet, oder im Zusammenhang mit Traumata und (posttraumatischen) Belastungsstörungen sowie durch den Konsum von Drogen und Alkohol oder im Kontext von Drogen- und Alkoholentzug tauchen psychotische Episoden oder Psychosen auf.

Viele Menschen erleben tatsächlich nur eine einzige psychotische Episode im Leben, während andere chronisch betroffen sind. Risikofaktoren wie genetische Veranlagung, erlittene Traumata und Drogenkonsum können das individuelle Risiko erhöhen.

Aber was ist denn eine Psychose überhaupt?

Man sagt, dass eine Psychose eine schwere psychische Störung ist, die das Denken sowie das Erleben und die Wahrnehmung der Realität beeinträchtigt. Im Kontext von Psychosen treten Wahnvorstellungen – also bizarre und unveränderbare Überzeugungen – und Wahrnehmungsstörungen wie optische oder akustische Halluzinationen (die oft benannten Stimmen oder weißen Mäuse) auf. Auch das Bewusstsein und die Selbstwahrnehmung können sich verändern.

Diese veränderte Selbstwahrnehmung äußert sich zum Beispiel über das Gefühl, dass meine Gedanken nicht mehr mir gehören: Sie werden mir zum Beispiel von außen eingegeben, jeder kann sie hören, oder sie werden aus mir herausgesaugt. Oder darüber, dass ich mich selbst fremd und sonderbar fühle oder sich meine Umwelt unwirklich und fremd anfühlt – insgesamt ein Zustand, der sicher große Angst macht.

Und woher kommt eine Psychose?

In der Literatur findet man die Aussage, dass Psychosen meist eine multifaktorielle Ursache haben. Das heißt, im Prinzip weiß man es nicht so ganz genau und geht von einer Kombination verschiedener Ursachen aus. Eine Ausnahme bilden hierbei organisch verursachte Psychosen, die zum Beispiel durch Infektionen und Entzündungen oder Vitamin- und Nährstoffmangel entstehen. Auch neurologische Erkrankungen wie Epilepsie, Demenz oder Hirnverletzungen können Psychosen auslösen – ebenso wie der Konsum oder Entzug von Drogen oder Alkohol.

Interessant ist, dass offensichtlich auch unsere Genetik eine Rolle beim Entstehen von Psychosen oder psychotischen Erkrankungen spielt. Schizophrenie hat eine deutliche genetische Komponente. Aber lange nicht bei jedem, der diese Disposition hat, bricht die Psychose auch aus.

Das führt uns zu den multifaktoriellen, „weichen“ Bedingungen: Einen deutlichen Einfluss darauf, ob es zu einer Psychose kommt oder eben nicht, hat, ob wir während der Kindheit traumatische Erlebnisse (z. B. Missbrauch, Vernachlässigung, extremer Stress) erfahren haben, aber auch im weiteren Leben (z. B. Krieg und Vertreibung). Zudem gibt es Untersuchungen, die zeigen, dass Menschen mit Migrationshintergrund ein erhöhtes Risiko haben, eine Psychose zu entwickeln. Und zwar nicht, weil sie Migranten sind, sondern weil sie aufgrund ihres Migrationshintergrundes Diskriminierung und kulturellen Stress erfahren.

Gute Integration kann also vor Psychosen schützen – etwas, bei dem wir uns alle an die eigene Nase fassen können. Wie integrativ sind wir denn? Oder wann und wie neigen wir dazu, andere auszugrenzen? Denn auch soziale Isolation, Einsamkeit, Mobbing und fehlende soziale Unterstützung können psychotische Symptome begünstigen. Menschen, die in einer festen Beziehung leben und sozial eingebunden sind, haben zum Beispiel selbst bei einer so ernsthaften Erkrankung wie Schizophrenie eine deutlich günstigere Prognose als Alleinstehende.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Am Ende scheint es in den meisten Fällen eine Kombination aus „weichen“ und „harten“ Faktoren zu sein, die das Entstehen einer Psychose fördern oder davor schützen. Habe ich eine genetische Disposition oder trage ich eines oder mehrere schwere Traumata mit mir herum, löst das nicht direkt eine Psychose aus. Kommt jedoch mehr und mehr Stress dazu oder konsumiere ich Drogen (vielleicht um den Stress zu betäuben), erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass ich an einer Psychose erkranke. Irgendwann läuft das Fass eben über, und die Seele zeigt die gelb-rote Karte.

Was es braucht – nicht nur mit Blick auf potenzielle psychische Erkrankungen –, ist Integration und ehrliches, wertfreies Interesse aneinander, von dem uns niemand außer wir selbst abhalten kann. “Unterschätze nie die Macht eines Ja!” Dieses Zitat von Jacinda Ardern steht momentan als Wochenmotto auf meinem Schreibtisch. Sie hat recht. Warum häufig zu kritisch, so negativ? Es geht auch positiv, ressourcenorientiert. Warum verurteilen und ausgrenzen, wenn wir auch respektieren und unterstützen können? Integration hört nicht bei physischer Barrierefreiheit oder Regenbogenfahnen auf. Sie muss ebenso selbstverständlich auf der Ebene psychischer Erkrankungen stattfinden.

Ich werde jetzt weiterlernen. Passend zu diesem Artikel stehen Psychosen an diesem Wochenende auf meinem Lernplan. Denn im therapeutischen Kontext ist eine psychotische Erkrankung nicht gleich eine psychotische Erkrankung. Es gibt zum Beispiel eine Form der akuten, körperlich bedingten Psychose – das Delir –, die es unbedingt von anderen Formen zu unterscheiden gilt, weil hier akute Lebensgefahr besteht.

Und während ich so vor mich hin lerne, bin ich wieder und wieder zutiefst fasziniert von uns Menschen, unserem Körper – in Einheit mit unserer Seele. Denn unsere Seele zeigt nicht einfach so die gelb-rote Karte, sondern unterscheidet, ob das Leben in Gefahr ist, und gibt der Psychose in diesem Fall eine leicht andere Form. Ist das Leben in Gefahr, zeigen sich zum Beispiel Halluzinationen häufig eher in optischer Form. Ist das Leben nicht in Gefahr, liefert unser Organismus uns tendenziell eher akustische Halluzinationen. Verrückt, oder?

Habt einen zauberhaften Sonntag, genießt die Sonne und achtet auf euch und eure Liebsten.

Eure Constance

Wenn die Seele die gelb-rote Karte zeigt

Psychosen und psychotische Episoden

Wir rennen und rennen und das Glück rennt hinterher!

Die Suche nach dem Glück

Dritter Advent! Weihnachten steht vor der Tür, und ein Jahresrückblick jagt den nächsten. Wie sieht euer Rückblick auf 2024 aus? War es ein gutes Jahr? Erfolgreich? Glücklich? Je älter ich werde, desto wichtiger wird mir insbesondere der Aspekt des Glücklichseins. Aber was ist das eigentlich, dieses Glück? Für meinen letzten Artikel in diesem Jahr habe ich mich auf die Suche nach dem Glück gemacht. Vielleicht sind ja Ideen dabei, die euch bei eurer eigenen Suche unterstützen!

Meine kleine Abhandlung zum Glück möchte ich gerne mit einem Zitat aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper einleiten, das mich bereits seit Jahren begleitet und mir vor allem eines sagt: Glück lässt sich nicht erzwingen, nicht einfangen:

“Ja, renn nur nach dem Glück. Doch renne nicht so sehr. Denn alle rennen nach dem Glück, und das Glück rennt hinterher.”

Das wirklich Spannende am Glück ist, dass es so viele Ideen davon gibt, was Glück sein könnte, wie es Menschen auf der Welt gibt. So versuchen wir alle danach zu greifen. - Nach unserer Idee vom Glück! Dabei scheint dieses Glück manchmal wie das Ende des Regenbogens: so nah und doch so unerreichbar.

Was ist es, das wir alle so sehr suchen?

ChatGPT erklärt, dass Glück ein komplexer und subjektiver Zustand sei, der von Person zu Person unterschiedlich definiert und erlebt wird. Aristoteles schrieb, dass Glück Selbstgenügsamkeit sei. Für Pessimisten ist Glück die Abwesenheit von Leiden. Hedonisten würden sagen, dass Glück Konsum sei (Schuhe kaufen macht definitiv glücklich!). Albert Schweitzer war der Meinung: Glück sei eine gute Gesundheit und ein schlechtes Gedächtnis. Für Harald Juhnke war Glück: leicht einen sitzen haben und keine weiteren Termine. Für den Neurobiologen ist Glück ein biochemischer Vorgang, der am einfachsten durch die Einnahme von Drogen hervorgerufen wird (Glühwein tut es dieser Tage vielleicht auch!).

Es gibt Länder, die angeblich besonders glücklich oder besonders unglücklich sind. Es gibt Lebensphasen, in denen der Mensch glücklicher ist als in anderen. Am unglücklichsten sind wir wohl zwischen 35 und 54, sagt die Neurowissenschaftlerin Tali Sharot. Es gibt die Idee, dass Geld glücklich mache. Hierzu sagte der unlängst verstorbene Nobelpreisträger Daniel Kahneman, dass dafür 65.000 Euro Jahresgehalt ausreichend seien. Die Soziologin Hilke Brockmann hingegen sagt, das hänge davon ab, wie viel die Menschen um uns herum so hätten. Ungleichheit mache unglücklich. Mark Twain würde ihr recht geben. Er hat mal gesagt: “Vergleiche sind der Tod des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit.” Das ist laut Brockmann übrigens der Hauptgrund dafür, warum die skandinavischen Länder beim Glücksindex stets ganz weit vorne landen: geringe soziale Unterschiede!

Auch in diesem Jahr stehen Finnland, Dänemark, Island und Schweden an der Spitze des World Happiness Reports. Geringe soziale Unterschiede! Was hingegen definitiv unglücklich macht, sind Hunger, Krieg, Korruption und politische Instabilität. Am Ende der aktuellen Glücksliste befinden sich Afghanistan, Libanon, Lesotho und Sierra Leone. Deutschland ist in diesem Jahr übrigens insgesamt von Platz 16 auf Platz 24 (von 143 untersuchten Ländern) abgerutscht. In der Altersgruppe unter 30 liegt Deutschland sogar nur auf Platz 47.

Wir brauchen Glücks-Fakten!

Fakt ist: Die Suche nach dem Glück scheint so alt wie die Menschheit. Allerdings gilt es hierbei zu beachten, dass die Suche nach dem Glück ausgesprochen unglücklich machen kann. Forscher der University of Reading haben anhand einer Studie belegt, dass die Menschen, die sich besonders darum bemühen, glücklich zu sein, am häufigsten am Glück scheitern und ein erhöhtes Risiko haben, an Depressionen zu erkranken. Die Suche nach dem Glück macht also unglücklich?

Dieser Cocktail aus körpereigenen Opiaten, wie zum Beispiel Endorphin, das unser Hirn ausschüttet, wenn es feststellt, dass sein Mensch gerade glücklich ist, hat offensichtlich verdammtes Suchtpotenzial. – Am Ende doch alles Biochemie?

Als ich mich also auf die Suche nach dem machte, was mich auch in diesem Jahr glücklich gemacht hat, tauchte eine These immer wieder auf: Glück ist immer auch eine Entscheidung! Aber ist das wirklich so?

Während meiner Recherchen bin ich zunächst auf die Aussage gestoßen, dass unser Gehirn gar nicht dafür gemacht ist, permanent glücklich zu sein. In den Fünfzigerjahren gab es hierzu eine Studie des Psychologen James Olds, der das Belohnungszentrum von Ratten mit Strom stimulierte, wann immer diese einen bestimmten Hebel drückten. Die Ratten drückten diesen Hebel bis zur Erschöpfung. Sie vergaßen sogar zu essen. Dieses unendliche Glücksgefühl hat sie fast umgebracht. Wer von euch hatte auch schon einmal Phasen, in denen er permanent und fast blind für potenzielle Gefahren auf der Suche nach dem nächsten Kick war? – Am Ende doch alles Biochemie!

Der verrückte Professor und das Glück

Wenn Wissenschaftler sich mit Glück beschäftigen, gehen sie häufig von zwei unterschiedlichen Arten von Glück aus - Ein Ansatz, der mir bei meiner Suche sehr geholfen hat:

  1. Das Glück als Hochgefühl, dieser Kick, dem sich die Ratten in Olds’ Versuch hemmungslos hingegeben haben, weil dieses Hochgefühl ein flüchtiger Zustand ist, der schnell vorbeigeht und einen mit Hunger auf mehr zurücklässt.

  2. Das Glück als Zustand der Zufriedenheit, den wir allgemein in unserem Leben spüren. Im Gegensatz zur ersten Erscheinungsform von Glück ist diese Form von Glück deutlich nachhaltiger.

Vom Glück und der Zufriedenheit

Für den Neurobiologen Gerhard Roth ist diese zweite Glücksform so etwas wie ein Ausgangslevel, von dem aus wir das Hochgefühl des Glücks erleben. Dieses Ausgangslevel ist bei uns Menschen auf unterschiedlichen Niveaus angesiedelt. In Zwillingsstudien wurde festgestellt, dass dieses Ausgangslevel, diese allgemeine Lebenszufriedenheit, in Teilen sogar genetisch bedingt ist. Der Rest hängt zum einen von Umweltfaktoren und Sozialisation ab, aber auch davon, wie wir mit Chancen und Möglichkeiten umgehen. Das heißt, ein Teil dieser Lebenszufriedenheit liegt in unserer eigenen Hand.

Laut Roth halten diese berauschenden Glücksmomente, die Glück Nummer eins hervorruft, bei Menschen mit einem hohen Level an Lebenszufriedenheit (also Glück Nummer zwei) deutlich länger an.

Das ist spannend! Ich sollte also nicht in erster Linie nach dem Glück suchen, sondern lieber erst einmal nach Zufriedenheit, denn je zufriedener ich bin, desto berauschender fühlen sich auch schon winzig kleine Glücksmomente an.

Insgesamt stellte sich Gerhard Roth tatsächlich als dankbare Quelle für meine Glückssuche heraus, habe ich bei ihm doch nicht nur Erklärungen dafür gefunden, was Glück ist, sondern auch, wodurch es hervorgerufen wird. Hierbei unterscheidet er zwischen drei unterschiedlich gelagerten Quellen für Glück:

Die erste Quelle: Materielle Belohnung

(wie zum Beispiel eine Gehaltserhöhung, eine Bonuszahlung oder gar große Geschenke zu Weihnachten). Hierbei wird im Gehirn eine Region stimuliert, die sich Nucleus Accumbens nennt. Diese Region ist ein kleiner Nimmersatt, der recht schnell auf einen Stimulus anspringt, genauso schnell aber wieder abflacht und dadurch ein ausgesprochen vergängliches Glücksgefühl verursacht, das postwendend nach mehr verlangt und dauerhaft nur schwer zu stillen ist. Liebe Chefs, Gehaltserhöhungen oder Boni sind toll, wenn ihr der Meinung seid, dass der Mitarbeiter sich das durch seine Leistung verdient hat. Zur nachhaltigen Motivation ist beides aber total ungeeignet! – Biochemie eben!

Die zweite Quelle: Soziale Belohnung

Anerkennung, Lob oder auch das gefährliche Gefühl von Macht. Hierbei werden Hirnareale stimuliert, die auf einer bewussteren Ebene angesiedelt sind als der nimmersatte Nucleus Accumbens und deshalb auch etwas nachhaltigere Reaktionen lostreten. Doch auch diese Glücksquellen sorgen nicht für dauerhaftes Glück und müssen deshalb immer weiter gefüttert werden. Bei Lob, Respekt und Anerkennung sehe ich das erst einmal unkritisch. Wird der Machthunger jedoch zum Selbstläufer, kann es unschön enden und vor allem die Mitmenschen unglücklich machen.

Die dritte Quelle: Intrinsisches Glück

Die einzige Glücksquelle, die nicht stetig durch ansteigende Dosen an Belohnungen stimuliert werden muss. Roth spricht hier vom sogenannten intrinsischen Glück, das sich direkt mit der eigenen Lebenszufriedenheit verbindet und somit deutlich länger in unserem Leben zu Gast bleibt als all die anderen Glücksformen. Dieses intrinsische Glück hat seinen Ursprung in der Erfahrung, Freude und Sinnhaftigkeit bei dem zu empfinden, was man tut. Hierbei kann es sich um die Familie oder Hobbys, aber auch um die Arbeit handeln. Wirklich glücklich sind eben am Ende die, die nicht das Gefühl haben, ihre kurze Zeit auf Erden sinnlos zu verstolpern!

Vom Glück und der Entschleunigung

Was bedeuten diese Erkenntnisse nun für mich? Auf jeden Fall, dass ich meinen Fokus noch deutlicher und klarer auf das legen möchte, was ich habe und was mich zufrieden macht. Im alltäglichen Rennen ertappe auch ich mich immer wieder dabei, etwas hinterherzulaufen, das mir noch fehlt. So ist es wie in Brechts Dreigroschenoper: Ich renne und renne, und das, was ich habe, was mich glücklich macht, kommt kaum hinterher! Ich möchte meinem Glück erlauben, hinterherzukommen, denn so bin ich weniger abhängig vom Lob und der Anerkennung anderer. Macht scheint weniger verführerisch, und ich mache mein Glück auch nicht von materiellen Dingen abhängig, auf die ich häufig noch nicht einmal direkten Einfluss habe.

Weihnachten steht vor der Tür, und ein Jahreswechsel steht an. Zusätzlich werde ich parallel auch schon wieder ein Jahr älter. Und während die Jahre so an mir vorbeigeflogen sind, habe ich diese magische Zeit rund um die Feiertage stets genutzt, um kurz innezuhalten, dankbar zu sein für all das, was ich habe und was ich erleben durfte, vor allem aber für die Menschen in meinem Leben. Was für ein Glück, auch in diesem Jahr wieder gemeinsam mit ihnen feiern zu dürfen, in Frieden und Wohlstand – keine Selbstverständlichkeit in Zeiten, in denen unser einziger Weihnachtswunsch Frieden sein sollte. Ich stelle mir vor, wie mein Geburtstag wäre, würde ich nicht in Deutschland leben, sondern in der Ukraine, Sierra Leone, im Libanon … Es gibt für mich viele Gründe, dankbar und zufrieden zu sein. So kommt der große Glücks-Hype von ganz allein! Ich muss mir nur die Zeit nehmen, um glücklich zu sein. So leicht gesagt und so schwer getan, wenn der Alltag einen wieder und wieder zu überholen droht.

Ich wünsche euch, dass ihr in den nächsten Tagen und Wochen Räume findet, um aus dem Rennen auszusteigen, euch Zeit zu nehmen – für euch und für eure Liebsten. Ich denke, nichts macht mich so glücklich wie Zeit mit Menschen zu verbringen, die meinem Leben den wahren Sinn geben! Schon gestern Abend hatte ich das große Glück, Zeit mit meiner besten Freundin zu verbringen. Katja ist seit Kindertagen an meiner Seite, in meinen glücklichsten und unglücklichsten Momenten. So war sie in meinem größten Unglück das Glück, nicht alleine zu sein, und in meinem größten Glück der Multiplikator, der den Champagner zum Anstoßen dabei hatte! Ich freue mich darauf, Zeit mit meinem Bruder und mit der Familie zu verbringen. Ich freue mich auf das Strahlen in den Augen meiner Liebsten, wenn sie ihre Geschenke auspacken. Ich freue mich auf ein rauschendes Geburtstagsfest mit meinen Freundinnen und ihren Familien. Ich freue mich darauf, dass viele Kinder unser Zuhause auf Links drehen. Und dann freue ich mich auf Silvester mit meinem Mann – ruhig und besinnlich!

Vielleicht ist Glück ja auch einfach Gemeinschaft, in Verbindung zu gehen, nicht allein zu sein, zu teilen.

Ich wünsche euch auf jeden Fall zauberhafte Feiertage voller Zufriedenheit, gespickt mit großartigen Glücksmomenten und dem Gefühl, kurz aus dem Rennen aussteigen zu dürfen. Ich bin am 12. Januar wieder zurück mit meinem Blog zum Jahresauftakt.

Eure Constance

Ja renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr. denn alle rennen nach dem Glück und das Glück rennt hinterher…

Frohe Weihnachten und ein glückliches neues Jahr!