Eine Würdigung des Unbequemen, das bis heute wirkt
Wenn wir heute über dissoziative Störungen sprechen, über traumabedingte Abspaltungen, körperliche Symptome ohne organische Ursache oder über das „Eigenleben“ des Nervensystems, dann stehen wir – ob wir es wollen oder nicht – auf den Schultern eines Mannes, der die Medizin seiner Zeit nachhaltig irritiert hat: Sigmund Freud. Freud war nicht der Erste, der sich mit Hysterie, Konversion oder seelisch bedingten Lähmungen beschäftigte. Aber er war derjenige, der es wagte, bis dahin zwei radikale Thesen auszusprechen:
Der Körper kann Träger unbewusster seelischer Konflikte sein.
(Körperliche) Symptome haben eine tiefere Bedeutung.
Damit stellte er nicht weniger infrage als das Selbstverständnis einer Medizin, die sich gerade erst mühsam aus metaphysischen Erklärungen befreit hatte – und nun erneut mit etwas Unsichtbarem konfrontiert wurde: dem Unbewussten.
Freud und der Bruch mit der rein somatischen oder körperlichen Medizin
Ende des 19. Jahrhunderts galt: Was sich nicht anatomisch erklären ließ, war entweder Simulation oder weibliche Übertreibung. Hysterische Lähmungen, Blindheit ohne Läsion, Krampfanfälle ohne Epilepsie – all das passte nicht ins medizinische Weltbild. Die Betonung lag hierbei auf „weiblich“. Hysterie kommt von dem griechischen Wort „Hystera“, das auf Deutsch Gebärmutter heißt. Die Gebärmutter, das Ur-Weibliche, als Quelle irrationalen Verhaltens. - Eine Perspektive, die Weiblichkeit eindeutig herabgewürdigt hat. So wurde Freud trotz all seiner patriarchalen Allüren vielleicht zu einem der ersten Feministen, weil er das Weibliche durch seine Arbeit aus einem herabwürdigenden Käfig befreit hat.
Freud, zunächst selbst Neurologe, erkannte etwas Entscheidendes: Diese (hysterischen) Symptome folgten keiner neurologischen Logik, aber sehr wohl einer psychischen, und diese war keineswegs „geschlechtsgebunden“ und hing natürlich nicht mit dem Vorhandensein einer Gebärmutter zusammen.
Er beobachtete, dass Symptome symbolisch mit biografischen Konflikten verknüpft waren und oft nach emotionalen Überforderungen auftraten. Außerdem veränderten sich die Symptome unter bestimmten Bedingungen oder verschwanden einfach. Damit öffnete er den Raum für eine neue Sicht: Krankheit nicht nur als Defekt, sondern als Ausdruck innerer Dynamiken.
Das Instanzenmodell: Ich, Es und Über-Ich
Um diese Dynamiken beschreibbar zu machen, entwickelte Freud sein berühmtes Instanzenmodell.
Das Es steht für:
Triebimpulse
Affekte
unbewusste Bedürfnisse
unmittelbare Spannungsabfuhr
Es folgt dem Lustprinzip. Es kennt keine Moral, keine Zeit, keine Rücksicht.
Das Über-Ich ist die verinnerlichte moralische Instanz:
elterlicher Forderungen
gesellschaftlicher Normen
Verbote, Gebote, Ideale
Es ist streng, oft unbarmherzig und operiert mit Schuld, Scham und Angst vor Liebesverlust. Ein oft gnadenloser innerer Kritiker …
Das Ich steht zwischen beiden – und zwischen Innen- und Außenwelt.
Seine Aufgabe:
vermitteln
regulieren
Konflikte lösen
Realitätsanforderungen berücksichtigen
Dissoziative Symptome entstehen dort, wo das Ich überfordert ist. Wo Konflikte zwischen Es und Über-Ich weder bewusst verarbeitet noch psychisch integriert werden können.
Konversionsneurosen – wenn der Körper übernimmt
Ein zentrales Konzept Freuds ist die Konversionsneurose. Der Begriff wirkt heute antiquiert, doch das dahinterliegende Phänomen ist hochaktuell. Konversion bedeutet: Ein seelischer Konflikt wird in ein körperliches Symptom „übersetzt“, das heißt, er verleiht sich körperlich Ausdruck. Beispiele hierfür sind:
Lähmungen ohne neurologische Verletzungen oder Defekte
Sprachverlust ohne organische Ursache
Blindheit oder Taubheit ohne Befund
Krampfanfälle ohne epileptische Aktivität
Das Symptom erfüllt dabei mehrere Funktionen:
Es hält den inneren Konflikt aus dem Bewusstsein fern.
Es entlastet das Ich, den Vermittler zwischen Es und Über-Ich.
Es verschafft dem inneren System Stabilität.
Wichtig ist zu verstehen, dass das Symptom keine Simulation ist. Es ist vielmehr eine unbewusste Lösung eines unlösbaren Problems.
Dissoziation als Schutz – nicht als Störung
Aus heutiger traumatherapeutischer Sicht würden wir viele dieser Phänomene als dissoziativ beschreiben.
Dissoziation bedeutet in diesem Kontext:
Abspaltung von Wahrnehmung
Trennung von Gefühl und Körper
Unterbrechung von Erinnerung
Fragmentierung des Erlebens
Sie tritt dann auf, wenn Flucht oder Kampf nicht möglich sind, Überforderung chronisch wird, Bindung und Bedrohung zusammenfallen. Das lässt Dissoziation zu einem hochwirksamen Schutzmechanismus werden.
Freud hatte dafür noch nicht die neurobiologischen Erklärungen, die wir heute haben. Aber seine klinische Beobachtung war präzise: Der Körper und das Unbewusste arbeiten zusammen, um Überleben zu sichern.
Der sekundäre Krankheitsgewinn – ein missverstandenes Konzept
Was hat der Organismus von seinem Krankheitsbild? Kaum ein Begriff wurde so häufig missbraucht wie der des sekundären Krankheitsgewinns.
Freud unterschied zwischen:
Primären Krankheitsgewinn: Die innere Entlastung durch das Symptom (Konflikt bleibt unbewusst)
Sekundären Krankheitsgewinn: Äußere Vorteile, die sich nachträglich aus der Krankheit ergeben
Dazu können gehören:
Zuwendung
Schonung
Entlastung von Pflichten
klare Rollen
Wichtig – und oft übersehen: Der sekundäre Krankheitsgewinn ist nicht bewusst gewählt! Er ist nicht die Ursache, sondern ein stabilisierender Faktor, der einen unbewussten Anreiz setzt, UNBEWUSST an der Symptomatik festzuhalten, obgleich das Bewusste das Symptom sehr gerne los wäre.
Wenn Symptome bleiben, dann nicht, weil jemand „nicht gesund werden will“, sondern weil das Symptom eine tragende Funktion im inneren Gleichgewicht übernommen hat. Dieses Missverständnis hat unzählige Betroffene zusätzlich beschämt und pathologisiert – obwohl Freud selbst ausdrücklich vor moralischen Zuschreibungen warnte.
Moderne dissoziative Störungsbilder – Freuds Erbe heute
Heute sprechen wir von:
Dissoziativer Identitätsstörung, die sich in dem zeigt, was wir häufig als multiple Persönlichkeit bezeichnen
Dissoziativer Amnesie
Depersonalisation und Derealisation, also dem Gefühl der Unwirklichkeit
Funktionellen neurologischen Störungen, das heißt Bewegungsstörungen und Störungen der sensorischen Wahrnehmung
Was sie eint:
eine Geschichte überwältigender Erfahrung
ein Nervensystem im Dauer-Überlebensmodus
Symptome, die sinnvoll sind, wenn man ihre Entstehung versteht.
Freuds Verdienst liegt hierbei nicht darin, alles abschließend erklärt zu haben, sondern darin, den Sinn in der jeweiligen Symptomatik gesucht zu haben.
Kritik – und warum sie Freud nicht entwertet
Natürlich ist Freud kritisiert worden, wird Freud bis heute kritisiert: für seine Triebtheorie, für patriarchale Deutungsmuster, für fehlende empirische Methodik. Vieles davon ist berechtigt. Aber es wäre ein fataler Fehler, Freud auf diese Kritikpunkte zu reduzieren. Er hat dem Kranken seine Würde zurückgegeben, Symptome ernst genommen, Leiden als Ausdruck innerer Logik verstanden. Ohne Freud gäbe es keine Traumatherapie in heutiger Form, kein Verständnis für Abwehrmechanismen, keine Sprache für das Unbewusste.
Eine Ode – nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt und Dankbarkeit
Diese „Ode an den Freud“ ist kein unkritischer Lobgesang. Sie ist ein Dank an jemanden, der den Mut hatte, dem Körper zuzuhören – und ihm Bedeutung zuzutrauen. Dissoziative Krankheitsbilder fordern uns bis heute heraus: diagnostisch, therapeutisch, menschlich. Sie zwingen uns, Komplexität auszuhalten und einfache Schuldzuweisungen aufzugeben. Und vielleicht ist genau das Freuds bleibendes Vermächtnis: Dass Heilung oft nicht im Wegmachen von Symptomen liegt, sondern im Verstehen dessen, wofür sie stehen.
Fortsetzung folgt
In meinem nächsten Artikel lade ich dich, mit mir in die Welt der sogenannten somatoformen Störungsbilder einzusteigen. Auch diese zeigen sich körperlich und auch hier sind Betroffene häufig verzweifelt auf der Suche nach einer Diagnose, einer Erklärung, nach Heilung. Allerdings sind sie anders gelagert, sind keine Schutzmechanismen der Seele mit Blick auf diesen einen inneren Konflikt, den das Ich nicht lösen kann. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass 20 Prozent aller Patienten in Hausarztpraxen eigentlich an einer somatoformen Belastungsstörung leiden und verzweifelt beim Arzt ihres Vertrauens nach Diagnose und Heilung suchen. - Dabei liegt der Schlüssel zu Heilung an anderer Stelle.
Ich freue mich, wenn du in zwei Wochen auch wieder dabei bist.
Constance
Richtung erkennen - Mit Freud beginnen wir Seele zu verstehen
