Unsicherheit

Soziale Ängste - Wenn die Angst sich in den Augen der anderen versteckt

Stell dir vor, du sitzt in einem Meeting. Du hast eine Idee. Eine gute Idee sogar. Mehrfach hast du sie bereits im Kopf formuliert. Du kennst die Argumente. Du weißt, dass sie zum Thema passt. Und trotzdem sagst du nichts. Nicht weil du die Antwort nicht kennst. Sondern weil plötzlich andere Fragen auftauchen. Was, wenn das eine dumme Idee ist? Was, wenn ich mich verspreche? Was, wenn jemand merkt, dass ich gar nicht so kompetent bin, wie ich wirke?

Während die Diskussion weitergeht, wächst die Anspannung. Am Ende verlässt du das Meeting mit einem vertrauten Gedanken: "Ich hätte etwas sagen sollen." So oder ähnlich erleben viele Menschen soziale Ängste. Nicht als Angst vor Menschen. Sondern als Angst vor der Bewertung durch Menschen.

Was sind soziale Ängste oder eine soziale Angststörung?

Fast jeder Mensch kennt Unsicherheit in sozialen Situationen. Vor einer Präsentation nervös zu sein, bei einem Vorstellungsgespräch angespannt zu wirken oder vor einem wichtigen Gespräch schlecht zu schlafen, gehört zum normalen Leben. Bei einer sozialen Angststörung geht die Belastung jedoch deutlich darüber hinaus.

Betroffene fürchten sich stark davor, negativ bewertet zu werden, sich zu blamieren, peinlich aufzufallen, Fehler zu machen, abgelehnt zu werden. Die Angst kann sich auf einzelne Situationen beziehen, zum Beispiel Vorträge oder Meetings. Bei manchen Menschen erfasst sie jedoch nahezu alle sozialen Kontakte.

Die Folge: Vermeidung. Nicht weil andere Menschen bedrohlich sind. Sondern weil die erwartete Bewertung bedrohlich erscheint.

Was soziale Angst so besonders macht

Im Unterschied zu vielen anderen Angststörungen liegt die Quelle der Angst scheinbar außerhalb der eigenen Person. Die Gefahr kommt nicht von einer Spinne. Nicht von einer Krankheit. Nicht von einer möglichen Katastrophe. Die Gefahr scheint in den Augen der anderen zu liegen. Und genau deshalb wirkt die Angst oft so real. Denn anders als bei vielen Phobien gibt es keine einfache Gegenprobe. Man kann nie vollständig kontrollieren, was andere denken.

Der hypnosystemische Blick: Aufmerksamkeit erschafft Erleben

Wie bei allen Angststörungen liefert auch hier der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt eine faszinierende Perspektive. Eine seiner zentralen Grundannahmen lautet: Erleben entsteht durch Aufmerksamkeitsfokussierung.

Menschen mit sozialen Ängsten richten ihre Aufmerksamkeit häufig auf eine ganz bestimmte Frage: "Wie wirke ich gerade auf andere?" Das Problem beginnt dabei nicht erst im Kontakt. Oft startet die innere Beobachtung bereits Stunden oder Tage vorher. Vor dem Meeting. Vor der Präsentation. Vor der Feier. Vor dem Gespräch.

Das Gehirn erstellt dann eine Art inneren Film möglicher Katastrophen:

  • Ich werde rot.

  • Ich werde nervös.

  • Ich verliere den Faden.

  • Alle merken meine Unsicherheit.

  • Ich blamiere mich.

Je intensiver diese Bilder werden, desto realer erscheint die Gefahr.

Wenn wir anfangen, uns selbst von außen zu beobachten

Ein besonders spannender Mechanismus sozialer Angst besteht darin, dass die Aufmerksamkeit nach innen wandert. Menschen mit sozialen Ängsten beobachten sich häufig permanent selbst. Sie achten auf ihre Stimme, ihre Körperhaltung, ihren Blickkontakt, ihre Atmung, mögliche Anzeichen von Nervosität.

Aus hypnosystemischer Sicht entsteht dadurch eine Art Problemtrance. Der Fokus verschiebt sich weg vom Kontakt. Hin zur Selbstüberwachung. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr auf das Gespräch. Sondern auf die Frage: "Wirke ich gerade normal?"

Das Paradoxe: Je stärker die Selbstbeobachtung wird, desto unsicherer fühlt sich die Person.

Wenn die Angst vor Ablehnung größer wird als der Wunsch nach Verbindung

Eine der tragischsten Seiten sozialer Ängste ist, dass sie häufig genau das verhindern, wonach sich Menschen eigentlich sehnen. Verbindung. Nähe. Zugehörigkeit. Anerkennung. Viele Betroffene wirken nach außen zurückhaltend oder distanziert. Innerlich wünschen sie sich jedoch oft nichts mehr, als entspannt auf andere Menschen zuzugehen.

Die Vermeidung dient dabei einem nachvollziehbaren Ziel: Sie soll vor Verletzung schützen. Wenn ich mich nicht zeige, kann ich nicht kritisiert werden. Wenn ich nichts sage, kann ich nichts Falsches sagen. Wenn ich auf Abstand bleibe, kann ich nicht zurückgewiesen werden. Das System verfolgt also eine gute Absicht. Es schützt. Allerdings um einen hohen Preis.

Die eigentliche Bedrohung ist oft nicht die Situation

Viele Menschen glauben zunächst: "Ich habe Angst vor Präsentationen." "Ich habe Angst vor Meetings." "Ich habe Angst vor fremden Menschen."

Doch aus hypnosystemischer Sicht liegt die eigentliche Angst häufig tiefer. Oft geht es um Fragen wie:

  • Bin ich gut genug?

  • Darf ich Fehler machen?

  • Bin ich wertvoll, wenn ich nicht perfekt bin?

  • Bin ich willkommen, so wie ich bin?

Die soziale Situation wird dadurch zum Spiegel einer Beziehung, die Menschen zu sich selbst entwickelt haben. Und genau deshalb reicht es häufig nicht aus, lediglich Präsentationstechniken zu lernen.

Warum Vermeidung die Angst stärker macht

Wie bei Phobien und Gesundheitsängsten entsteht auch hier ein bekannter Kreislauf: Soziale Situation → Angst → Vermeidung → kurzfristige Erleichterung → langfristige Verstärkung. Jedes Mal, wenn eine Situation vermieden wird, erfährt das Gehirn: "Gut, dass wir dort nicht hingegangen sind. Es muss gefährlich gewesen sein." Die Angst bleibt dadurch bestehen. Oder wächst sogar.

Die verborgene Ressource sozial ängstlicher Menschen

Ein Gedanke von Gunther Schmidt lautet: Hinter jedem Symptom steckt häufig eine Kompetenz. Menschen mit sozialen Ängsten besitzen oft erstaunliche Fähigkeiten:

  • hohe Selbstreflexion,

  • großes Einfühlungsvermögen,

  • soziale Sensibilität,

  • gute Wahrnehmung von Stimmungen,

  • Verantwortungsbewusstsein.

Diese Fähigkeiten sind an sich wertvoll. Problematisch wird es erst, wenn sie ausschließlich zur Suche nach möglichen Ablehnungen eingesetzt werden. Dann wird aus Sensibilität ein Frühwarnsystem. Aus Aufmerksamkeit wird Selbstkritik. Aus Einfühlungsvermögen wird Selbstzweifel.

Der hypnosystemische Weg

Hypnosystemische Arbeit versucht deshalb nicht in erster Linie, Angst zu beseitigen. Sie versucht, neue Erfahrungen möglich zu machen.

1. Die Aufmerksamkeit neu ausrichten

Anstatt ständig zu prüfen: "Wie wirke ich?" kann die Aufmerksamkeit auf andere Fragen gelenkt werden:

  • Wofür bin ich hier?

  • Was möchte ich beitragen?

  • Was interessiert mich an den anderen?

  • Was möchte ich erleben?

Die Aufmerksamkeit wandert dadurch vom Selbstmonitoring zurück in den Kontakt.

2. Die innere Beziehung verändern

Viele Menschen mit sozialen Ängsten sprechen innerlich mit sich, wie sie niemals mit einem guten Freund sprechen würden. Hypnosystemische Arbeit lädt deshalb dazu ein, eine andere innere Haltung zu entwickeln. Weniger Richter. Mehr Verbündeter. Weniger Bewertung. Mehr Interesse. Weniger Perfektion. Mehr Menschlichkeit.

3. Neue Erfahrungen ermöglichen

Veränderung entsteht selten durch Einsicht allein. Sie entsteht durch Erleben. Durch kleine Situationen, in denen Menschen entdecken:

  • Ich darf unsicher sein.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich darf sichtbar sein.

  • Ich werde trotzdem akzeptiert.

Nicht jede Begegnung wird positiv verlaufen. Aber das muss sie auch nicht. Denn psychische Freiheit entsteht nicht dadurch, dass Ablehnung unmöglich wird. Sondern dadurch, dass sie nicht mehr das gesamte Selbstwertgefühl bestimmt.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht ist die größte Illusion sozialer Ängste die Vorstellung, dass andere Menschen uns ständig beobachten. Tatsächlich sind die meisten Menschen überraschend beschäftigt. Vor allem mit sich selbst. Mit ihren eigenen Sorgen. Ihren eigenen Unsicherheiten. Ihren eigenen Fragen.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören, uns selbst durch die Augen eines imaginären Publikums zu betrachten. Denn das Leben ist keine permanente Prüfung. Und Begegnungen sind keine Bewertungsgespräche. Menschen verbinden sich selten über Perfektion. Sie verbinden sich über Echtheit. Vielleicht ist deshalb Mut nicht die Abwesenheit von Angst. Vielleicht ist Mut die Bereitschaft, sich trotz Angst zu zeigen. Genau so, wie man ist.

Mit diesem Artikel möchte ich meine gut dreimonatige Reise durch das Thema Angst und Angststörungen beenden. In zwei Woche geht es mit einem Thema weiter, dass sehr nah an den Angststörungen verortet ist. - Sogar so nah, dass es im deutschen Diagnosekatalog für psychische Erkrankungen, dem ICD 10, sogar unter die gleiche übergeordnete Kennzahl fällt. Ich möchte in zwei Wochen einen Überblick über die sogenannte Zwangsstörung geben, die sich in Zwangsgedanken und und Zwangshandlungen aufteilt. - Ein offensichtlich sehr schambehaftetes Krankheitsbild. Viele Betroffene holen sich erst nach Jahren des Leidens Hilfe und Unterstützung.

Ich freu mich, wenn du auch in zwei Wochen wieder dabei bist!

Constance

Warum wir alle ein bisschen Traumatherapeut*in sein sollten

- Oder das Zauberhafteste, das ich in den letzten beiden Wochen gehört habe!

„Wenn wir unser Gegenüber nicht repräsentativ für ein Problem sehen, das es zu lösen gilt, sondern als eine Erfahrung, die es zu machen gilt, legen wir die Basis.“ So oder so ähnlich hat sich die großartige Dr. Pat Ogden im Rahmen einer Weiterbildung, an der ich kürzlich teilgenommen habe, ausgedrückt. Was für ein Satz! Wie viel positive Energie und wie viel Weisheit. Sind Erfahrungen immer positiv? Nein, natürlich nicht. Aber sie sind immer hilfreich und lassen uns zu dem werden, der oder die wir sind.

Meine aktuelle Weiterbildung ist das „Advanced Master Program of the Treatment of Trauma“ am National Institute for the Clinical Application of Behavioral Medicine in den USA, an dem ich in den letzten beiden Wochen virtuell teilnehmen durfte. Dank der Zeitverschiebung gibt es Vorlesungen zur besten Sendezeit um 19:00 Uhr! Ja, es geht um Traumata, und um zu verstehen, wie man mit dieser von Dr. Ogden beschriebenen Haltung an Traumata arbeiten kann, ist es im ersten Schritt hilfreich, zunächst zu verstehen, was ein Trauma ist.

Trauma – Was ist das überhaupt?

Ein psychisches Trauma ist die Verletzung unserer Seele oder Psyche, die durch ein belastendes Ereignis hervorgerufen wurde. Ein wirklich weites Feld. Ein sehr bekanntes und sich drastisch auswirkendes Trauma ist die posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), von der wir alle schon einmal im Kontext von Gewaltverbrechen oder Krieg gehört haben. Man geht davon aus, dass etwa die Hälfte aller Kriegsflüchtlinge an einer PTBS leidet. Bei etwa einem Drittel hat sich diese mutmaßlich chronifiziert und zu einer dauerhaften Persönlichkeitsveränderung geführt – eine Erkrankung, die man früher auch als KZ-Syndrom bezeichnet hat. Heute vielleicht das Afghanistan-, Syrien- oder Ukraine-Syndrom?

Bei einem Trauma führen belastende Erlebnisse dazu, dass das Nervensystem wie bei einer PTBS in völliger Überlastung läuft oder dass man das Erlebte abspaltet, um es aus der aktiven Erinnerung zu streichen. Hierbei kann es sein, dass Betroffene mehrere Persönlichkeiten entwickeln – eine dissoziative Identitätsstörung. Es kann auch vorkommen, dass der Körper nicht mehr wie gewohnt funktioniert, ohne dass es eine greifbare medizinische Diagnose dazu gibt. Diese Störungen können bis hin zu Lähmung oder Blindheit reichen. Es kann zu krampf- oder tranceartigen Anfällen kommen – und so weiter und so fort. Ein Trauma kann eine psychische Erkrankung hervorrufen, die sich massiv körperlich äußern kann – kann, muss aber nicht! Denn Fakt ist: Wir alle erleben im Laufe unseres Lebens viele größere und kleinere Traumata, und unser Organismus entwickelt Schritt für Schritt Strategien, um mit diesen Verletzungen umzugehen. Ganz so, wie euer Körper weiß, wie er sich um den tiefen Schnitt im Finger, den ihr euch beim Zwiebelschneiden zugezogen habt, kümmern muss. Vielleicht bleibt eine kleine Narbe, vielleicht auch nicht. Das ist unsere Resilienz, unsere psychische Abwehrkraft. Bei großen Verletzungen – wie bei einem Oberschenkelhalsbruch, einer massiven inneren Blutung oder einer Wunde, die sich infiziert hat – braucht der Organismus Unterstützung; kleinere Wunden heilt er selbst. Leider lassen sich diese seelischen Verwundungen nicht so gut erkennen wie die rein körperlichen.

Freeze – wenn der Körper einfach dichtmacht

Ein Hinweis auf eine Traumatisierung kann ein Zustand sein, den die moderne Neurowissenschaft als Freeze, also Einfrieren, bezeichnet – einen Zustand, den wir alle wahrscheinlich kennen. In der Schule stehen wir vorne an der Tafel, und alles, was wir einmal wussten, ist weg, und wir sind nicht in der Lage zu sprechen. Ein Blackout, das uns auch im beruflichen Kontext ereilen kann. Oder ihr kommt zu einem schweren Unfall dazu, seht schwer verletzte Menschen und seid nicht handlungsfähig. Der Schock hat euch einfrieren lassen. Oder ihr werdet angegriffen, und anstatt euch zu wehren, könnt ihr noch nicht einmal um Hilfe schreien. Euer gesamter Organismus, eure neuronalen Netzwerke, sind völlig überrollt und stellen erstmal jede Aktivität, jede Reaktionsfähigkeit ein.

Evolutionshistorisch machte das alles einmal Sinn. Die primäre Freeze-Reaktion diente dazu, sich vor der Flucht oder dem Kampf kurz zu orientieren – das kann man recht gut bei Rehen beobachten, die, sobald sie die Scheinwerfer erblicken, mitten auf der Straße stehen bleiben und erstmal ins Licht schauen. Im Idealfall sind wir nach dieser kurzen Lähmung, die – wie gesagt – zur Orientierung dient, wieder handlungsfähig und gehen entweder in eine Kampf- oder Fluchtreaktion. Erscheint unserem Organismus die subjektiv empfundene Gefahr so überwältigend, dass weder Kampf noch Flucht eine Option ist, entscheidet unser Organismus, es mit Einfrieren zu versuchen. Vielleicht fallen wir dann weniger auf, und der Jäger lässt von uns ab.

Schon die Erinnerung an ein erlittenes und noch nicht komplett verarbeitetes Trauma kann eine solche Reaktion hervorrufen – insbesondere auch in einem therapeutischen Setting. Aus diesem Grund sind Freeze-Reaktionen während einer Therapie nichts Außergewöhnliches. Die Herausforderung für Therapeutinnen: In diesem Zustand ist ein Mensch nur eingeschränkt kognitiv erreichbar und interaktionsfähig. Ein direktes therapeutisches Arbeiten ist also nicht möglich. Frustrierend für den/die Therapeutin?

Wie kommt man wieder raus aus dem Freeze?

An dieser Stelle setzte die bereits genannte Dr. Pat Ogden in einer Session zum Umgang mit Freeze im therapeutischen Kontext an. Denn die Basis dafür, Menschen Schritt für Schritt aus diesem Zustand der inneren und äußeren Lähmung herauszubegleiten, ist der Aufbau einer positiv belegten Beziehung. Klar könnte man meinen, ein erstarrter Klient stelle für den Therapeuten ein Problem dar. Begegne ich einem Klienten mit dieser Haltung, wird er das selbst im Zustand der Erstarrung intuitiv spüren und sich noch weiter in sich zurückziehen. Begegnen wir den Menschen offen, neugierig und positiv, wird er dies ebenfalls spüren, sich im besten Fall ein klein wenig sicherer fühlen und sich vielleicht Schritt für Schritt aus dem Schutzbunker seiner Seele herauswagen. In der systemischen Arbeit – egal ob Coaching oder Therapie – nennen wir das Pacing oder Begleiten. Dr. Ogden bezeichnet es als „Right-To-Right-Brain-Communication“, also die oft unbewusste Kommunikation zwischen unseren rechten Hirnhälften, die die Basis für zwischenmenschliche Beziehungen darstellt. Diese Art der Kommunikation beginnt mit meiner Einstellung, meiner Haltung gegenüber der Welt, meinen Mitmenschen und mir selbst.

Im Verlauf der Vorlesung wurde auch darauf eingegangen, wie wichtig es nicht nur für Therapeut*innen ist, mit der rechten Hirnhälfte auf Menschen zu reagieren, die starr vor Verunsicherung oder Angst sind. Traumata haben viele Gesichter, und jeder von uns trägt unzählige größere oder kleinere Narben – manchmal auch offene seelische Wunden, die für andere unsichtbar bleiben. Warum also nicht achtsam und neugierig reagieren, wenn Menschen sich anders verhalten, als wir es erwarten oder wünschen? In jedem von uns steckt ein kleiner psychologischer Ersthelfer. Alles, was es braucht, ist anstelle von Druck und Ungeduld, mit Neugier und Offenheit auf andere zuzugehen. Egal, ob als Lehrer, Pflegekraft, Mediziner, als Führungskraft, Kolleg*innen oder Nachbar*innen – lasst uns als Menschen offen, empathisch und neugierig begegnen. Das Problem ist aus meiner Sicht nicht die Anwesenheit von Wut, Frust oder Hilflosigkeit, sondern die Abwesenheit von Neugier und Liebe.

„Wenn wir unser Gegenüber nicht repräsentativ für ein Problem sehen, das es zu lösen gilt, sondern als eine Erfahrung, die es zu machen gilt, legen wir die Basis.“

Heute ist Wahltag in Deutschland. So viel wurde im Vorfeld über diese Wahl geschrieben, so viel wurde diskutiert. Das Leben um uns herum scheint in diesen Tagen einigermaßen turbulent zu sein. Ich erlebe viel Angst, Verunsicherung, alte Traumata, die aufgerissen werden, und neue, die hinzukommen. Ich spüre sogar mein eigenes transgenerationales Trauma (ja, auch das gibt es!).

Mein Wunsch wäre, dass sich sowohl wir als Gesellschaft als auch unsere (demokratischen) Politiker*innen mit Neugier der jeweils anderen Position und mit Offenheit für andere Argumentationen begegnen und so gemeinsam einen Weg finden, der uns wieder enger und verständnisvoller zusammenbringt.

In diesem Sinne: Geht wählen! Der Spruch ist alt und abgedroschen, aber vielleicht noch nie so aktuell wie heute: Wer in einer Demokratie schläft, droht in einer Diktatur wieder aufzuwachen.

Eure Constance

PS:

Im Kontext von Freeze-Reaktionen gab es auch etwas, das nach Ansicht aller Dozent*innen unbedingt zu unterlassen ist: Anfassen! Oft haben wir recht schnell das Gefühl, andere berühren zu wollen, um sie zu beruhigen. Ohne die eindeutige Erlaubnis der Betroffenen ist das immer eine denkbar schlechte Idee. Insbesondere im medizinischen Kontext haben Ogden & Co. von vielen beispielhaften Situationen berichtet, in denen Menschen gegen ihren Willen berührt wurden (mit bester und freundlichster Absicht). Aufgrund ihrer Erstarrung konnten sich die Betroffenen nicht äußern und wehren und haben diese Situation als weitere Ohnmachtssituation gespeichert. „Right-Brain-To-Right-Brain-Communication“ braucht keine körperlichen Berührungen!

Nicht jede Narbe, nicht jede Wunde ist sichtbar

Trauma: Wenn die Seele nicht mehr weiter weiß.