Selbstwert

Soziale Ängste - Wenn die Angst sich in den Augen der anderen versteckt

Stell dir vor, du sitzt in einem Meeting. Du hast eine Idee. Eine gute Idee sogar. Mehrfach hast du sie bereits im Kopf formuliert. Du kennst die Argumente. Du weißt, dass sie zum Thema passt. Und trotzdem sagst du nichts. Nicht weil du die Antwort nicht kennst. Sondern weil plötzlich andere Fragen auftauchen. Was, wenn das eine dumme Idee ist? Was, wenn ich mich verspreche? Was, wenn jemand merkt, dass ich gar nicht so kompetent bin, wie ich wirke?

Während die Diskussion weitergeht, wächst die Anspannung. Am Ende verlässt du das Meeting mit einem vertrauten Gedanken: "Ich hätte etwas sagen sollen." So oder ähnlich erleben viele Menschen soziale Ängste. Nicht als Angst vor Menschen. Sondern als Angst vor der Bewertung durch Menschen.

Was sind soziale Ängste oder eine soziale Angststörung?

Fast jeder Mensch kennt Unsicherheit in sozialen Situationen. Vor einer Präsentation nervös zu sein, bei einem Vorstellungsgespräch angespannt zu wirken oder vor einem wichtigen Gespräch schlecht zu schlafen, gehört zum normalen Leben. Bei einer sozialen Angststörung geht die Belastung jedoch deutlich darüber hinaus.

Betroffene fürchten sich stark davor, negativ bewertet zu werden, sich zu blamieren, peinlich aufzufallen, Fehler zu machen, abgelehnt zu werden. Die Angst kann sich auf einzelne Situationen beziehen, zum Beispiel Vorträge oder Meetings. Bei manchen Menschen erfasst sie jedoch nahezu alle sozialen Kontakte.

Die Folge: Vermeidung. Nicht weil andere Menschen bedrohlich sind. Sondern weil die erwartete Bewertung bedrohlich erscheint.

Was soziale Angst so besonders macht

Im Unterschied zu vielen anderen Angststörungen liegt die Quelle der Angst scheinbar außerhalb der eigenen Person. Die Gefahr kommt nicht von einer Spinne. Nicht von einer Krankheit. Nicht von einer möglichen Katastrophe. Die Gefahr scheint in den Augen der anderen zu liegen. Und genau deshalb wirkt die Angst oft so real. Denn anders als bei vielen Phobien gibt es keine einfache Gegenprobe. Man kann nie vollständig kontrollieren, was andere denken.

Der hypnosystemische Blick: Aufmerksamkeit erschafft Erleben

Wie bei allen Angststörungen liefert auch hier der hypnosystemische Ansatz von Gunther Schmidt eine faszinierende Perspektive. Eine seiner zentralen Grundannahmen lautet: Erleben entsteht durch Aufmerksamkeitsfokussierung.

Menschen mit sozialen Ängsten richten ihre Aufmerksamkeit häufig auf eine ganz bestimmte Frage: "Wie wirke ich gerade auf andere?" Das Problem beginnt dabei nicht erst im Kontakt. Oft startet die innere Beobachtung bereits Stunden oder Tage vorher. Vor dem Meeting. Vor der Präsentation. Vor der Feier. Vor dem Gespräch.

Das Gehirn erstellt dann eine Art inneren Film möglicher Katastrophen:

  • Ich werde rot.

  • Ich werde nervös.

  • Ich verliere den Faden.

  • Alle merken meine Unsicherheit.

  • Ich blamiere mich.

Je intensiver diese Bilder werden, desto realer erscheint die Gefahr.

Wenn wir anfangen, uns selbst von außen zu beobachten

Ein besonders spannender Mechanismus sozialer Angst besteht darin, dass die Aufmerksamkeit nach innen wandert. Menschen mit sozialen Ängsten beobachten sich häufig permanent selbst. Sie achten auf ihre Stimme, ihre Körperhaltung, ihren Blickkontakt, ihre Atmung, mögliche Anzeichen von Nervosität.

Aus hypnosystemischer Sicht entsteht dadurch eine Art Problemtrance. Der Fokus verschiebt sich weg vom Kontakt. Hin zur Selbstüberwachung. Die Aufmerksamkeit richtet sich nicht mehr auf das Gespräch. Sondern auf die Frage: "Wirke ich gerade normal?"

Das Paradoxe: Je stärker die Selbstbeobachtung wird, desto unsicherer fühlt sich die Person.

Wenn die Angst vor Ablehnung größer wird als der Wunsch nach Verbindung

Eine der tragischsten Seiten sozialer Ängste ist, dass sie häufig genau das verhindern, wonach sich Menschen eigentlich sehnen. Verbindung. Nähe. Zugehörigkeit. Anerkennung. Viele Betroffene wirken nach außen zurückhaltend oder distanziert. Innerlich wünschen sie sich jedoch oft nichts mehr, als entspannt auf andere Menschen zuzugehen.

Die Vermeidung dient dabei einem nachvollziehbaren Ziel: Sie soll vor Verletzung schützen. Wenn ich mich nicht zeige, kann ich nicht kritisiert werden. Wenn ich nichts sage, kann ich nichts Falsches sagen. Wenn ich auf Abstand bleibe, kann ich nicht zurückgewiesen werden. Das System verfolgt also eine gute Absicht. Es schützt. Allerdings um einen hohen Preis.

Die eigentliche Bedrohung ist oft nicht die Situation

Viele Menschen glauben zunächst: "Ich habe Angst vor Präsentationen." "Ich habe Angst vor Meetings." "Ich habe Angst vor fremden Menschen."

Doch aus hypnosystemischer Sicht liegt die eigentliche Angst häufig tiefer. Oft geht es um Fragen wie:

  • Bin ich gut genug?

  • Darf ich Fehler machen?

  • Bin ich wertvoll, wenn ich nicht perfekt bin?

  • Bin ich willkommen, so wie ich bin?

Die soziale Situation wird dadurch zum Spiegel einer Beziehung, die Menschen zu sich selbst entwickelt haben. Und genau deshalb reicht es häufig nicht aus, lediglich Präsentationstechniken zu lernen.

Warum Vermeidung die Angst stärker macht

Wie bei Phobien und Gesundheitsängsten entsteht auch hier ein bekannter Kreislauf: Soziale Situation → Angst → Vermeidung → kurzfristige Erleichterung → langfristige Verstärkung. Jedes Mal, wenn eine Situation vermieden wird, erfährt das Gehirn: "Gut, dass wir dort nicht hingegangen sind. Es muss gefährlich gewesen sein." Die Angst bleibt dadurch bestehen. Oder wächst sogar.

Die verborgene Ressource sozial ängstlicher Menschen

Ein Gedanke von Gunther Schmidt lautet: Hinter jedem Symptom steckt häufig eine Kompetenz. Menschen mit sozialen Ängsten besitzen oft erstaunliche Fähigkeiten:

  • hohe Selbstreflexion,

  • großes Einfühlungsvermögen,

  • soziale Sensibilität,

  • gute Wahrnehmung von Stimmungen,

  • Verantwortungsbewusstsein.

Diese Fähigkeiten sind an sich wertvoll. Problematisch wird es erst, wenn sie ausschließlich zur Suche nach möglichen Ablehnungen eingesetzt werden. Dann wird aus Sensibilität ein Frühwarnsystem. Aus Aufmerksamkeit wird Selbstkritik. Aus Einfühlungsvermögen wird Selbstzweifel.

Der hypnosystemische Weg

Hypnosystemische Arbeit versucht deshalb nicht in erster Linie, Angst zu beseitigen. Sie versucht, neue Erfahrungen möglich zu machen.

1. Die Aufmerksamkeit neu ausrichten

Anstatt ständig zu prüfen: "Wie wirke ich?" kann die Aufmerksamkeit auf andere Fragen gelenkt werden:

  • Wofür bin ich hier?

  • Was möchte ich beitragen?

  • Was interessiert mich an den anderen?

  • Was möchte ich erleben?

Die Aufmerksamkeit wandert dadurch vom Selbstmonitoring zurück in den Kontakt.

2. Die innere Beziehung verändern

Viele Menschen mit sozialen Ängsten sprechen innerlich mit sich, wie sie niemals mit einem guten Freund sprechen würden. Hypnosystemische Arbeit lädt deshalb dazu ein, eine andere innere Haltung zu entwickeln. Weniger Richter. Mehr Verbündeter. Weniger Bewertung. Mehr Interesse. Weniger Perfektion. Mehr Menschlichkeit.

3. Neue Erfahrungen ermöglichen

Veränderung entsteht selten durch Einsicht allein. Sie entsteht durch Erleben. Durch kleine Situationen, in denen Menschen entdecken:

  • Ich darf unsicher sein.

  • Ich darf Fehler machen.

  • Ich darf sichtbar sein.

  • Ich werde trotzdem akzeptiert.

Nicht jede Begegnung wird positiv verlaufen. Aber das muss sie auch nicht. Denn psychische Freiheit entsteht nicht dadurch, dass Ablehnung unmöglich wird. Sondern dadurch, dass sie nicht mehr das gesamte Selbstwertgefühl bestimmt.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht ist die größte Illusion sozialer Ängste die Vorstellung, dass andere Menschen uns ständig beobachten. Tatsächlich sind die meisten Menschen überraschend beschäftigt. Vor allem mit sich selbst. Mit ihren eigenen Sorgen. Ihren eigenen Unsicherheiten. Ihren eigenen Fragen.

Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo wir aufhören, uns selbst durch die Augen eines imaginären Publikums zu betrachten. Denn das Leben ist keine permanente Prüfung. Und Begegnungen sind keine Bewertungsgespräche. Menschen verbinden sich selten über Perfektion. Sie verbinden sich über Echtheit. Vielleicht ist deshalb Mut nicht die Abwesenheit von Angst. Vielleicht ist Mut die Bereitschaft, sich trotz Angst zu zeigen. Genau so, wie man ist.

Mit diesem Artikel möchte ich meine gut dreimonatige Reise durch das Thema Angst und Angststörungen beenden. In zwei Woche geht es mit einem Thema weiter, dass sehr nah an den Angststörungen verortet ist. - Sogar so nah, dass es im deutschen Diagnosekatalog für psychische Erkrankungen, dem ICD 10, sogar unter die gleiche übergeordnete Kennzahl fällt. Ich möchte in zwei Wochen einen Überblick über die sogenannte Zwangsstörung geben, die sich in Zwangsgedanken und und Zwangshandlungen aufteilt. - Ein offensichtlich sehr schambehaftetes Krankheitsbild. Viele Betroffene holen sich erst nach Jahren des Leidens Hilfe und Unterstützung.

Ich freu mich, wenn du auch in zwei Wochen wieder dabei bist!

Constance

Der Sinn des Lebens - Ein Weihnachts-Blog

Zeit inne zu halten?

Der Sinn des Lebens! Worüber könnte ich heute, am Heiligen Abend sonst schreiben? In meinem letzten Blog habe ich Euch mit auf meine rastlose Reise durch mein kleines Leben genommen. Ich habe Euch erzählt wie schnell und wie stetig sich meine Welt dreht. Keine Zeit inne zu halten! Aber es gibt diese Hand voll Tage, an denen meine kleine Welt stillsteht, an denen ich mir Zeit nehme, Zeit zu reflektieren, Zeit mich zu fragen wofür das Ganze! Was ist der Sinn meiner, Eurer, unserer Existenz? Ein gigantisches, fröhliches, erschreckendes, trauriges, erfolgreiches, verrücktes, schockierendes Jahr geht langsam zu Ende. Und die Frage muss erlaubt sein: Wofür das alles? Du wirst geboren, Du isst und trinkst und schläfst und rennst und lachst und weinst und zack ist alles auch schon wieder vorbei. Was ist der Sinn? Es ist Weihnachten, ich mache eine kurze Pause und denke nach.

Das ein oder andere Konzept

Auf meiner Suche nach dem Sinn bin ich über so einige Konzepte gestolpert. Ich suche ja auch schon eine Weile. Manche haben mir besser, andere weniger gut gefallen.

Aus evolutionärer oder biologischer Perspektive betrachtet, ist mein Leben ganz und gar sinnlos, denn ich habe es eindeutig versäumt, meine Gene an die nächste Generation weiterzugeben. So gesehen wird von mir nichts übrigbleiben. Ich bin hier, verbrauche Ressourcen und doch werde ich nichts hinterlassen. -Ganz und gar sinnlos!

Schau ich auf meine wunderbaren Stiefkinder glaube ich jedoch nicht, dass so gar nichts von mir übrig bleibt. Ich bin mir sicher, es gibt Momente, die Laura und Daniel in ihren Herzen abgespeichert haben, die sicher deutlich länger Teil dieser Welt bleiben, als ich. Erst letztes Wochenende haben wir über diesen einen Urlaub in Amsterdam gesprochen… Das Lachen und die Liebe bleibt in ihren Herzen und ich bin mir sicher, sie werde beides irgendwie weitergeben. Was ist da schon Genetik? Liebe ist doch so viel mehr!

Mein Papa hielt es mit dem Sinn des Lebens wie Aristoteles: „Sein Leben hat nur Bedeutung, wenn er versucht etwas zu erreichen und nach seinen Zielen strebt.“ Für meinen Papa war der Sinn des Lebens, das Ziel seines Lebens, seinen Geist immer weiter zu entwickeln. Es war unglaublich wichtig für ihn, stetig zu lernen. Wissen war sein Sinn, sein Purpose. Er wollte begreifen und verstehen. Das gab er auch sehr konsequent an uns Kinder weiter. Es gab Momente, in denen habe ich es gehasst, heute glaube ich fest daran, dass das der Grundstein für meine Neugier war. Dann wurde Papa krank und es wurde sehr bald deutlich, dass er diese Krankheit nicht würde besiegen können. Er würde nicht gesund werden. Wie geht man damit um, wenn man seine eigene Endlichkeit so gnadenlos vor Augen geführt bekommt? Eine Weltreise, nochmal etwas ganz besonders tun, die Bucket List abhaken? Papa hat sich für Alltag und Normalität entschieden. Offensicht war es der Alltag, den er bewusst erleben wollte. Nichts hatte für ihn einen größeren Zauber, mehr Sinn. Ich erinnere mich an unser letztes Weihnachten. Am Morgen des Heiligen Abend hatten wir uns mal wieder gestritten. Wir waren und sind recht meinugsstabil! Das sorgt immer mal wieder für hitzige Diskussionen. Papa stand mit Tränen in den Augen vor meiner Tür und hat mich gebeten einfach nur Weihnachten zu feiern. Es war ein ganz normales, unspektakuläres Weihnachten. Alles wie immer und trotzdem so wertvoll. Ähnlich war es mit meiner Freundin Tracey: Der Krebs tobte schon überall in Tracey Körper, als wir nochmal einen Tag gemeinsam verbringen wollten. Es war kein außergewöhnlicher Tag. Wir waren an Orten, die wir nur zu gut kannten, schließlich gab es Wein und Käse in einem Weingut, in dem wir schon so oft waren und zum Abschluss haben wir einen Sonnenuntergang genossen, wie wir ihn schon so oft genossen haben. Noch ein Glas Wein, eine letzte Umarmung… Ein Tag voller Zauber, voller Zauber des Normalen! Ist das Normale also der Sinn? Geht es vielleicht um den Moment und um die Menschen mit denen wir diesen Moment teilen? Ist das der Sinn?

In meinem beruflichen Umfeld spielt das Thema Purpose immer wieder eine zentrale Rolle. Was ist unser Purpose? Unser Sinn, der wie ganz selbstverständlich häufig eng mit einem Ziel verknüpft ist. Aber ist das Ziel wirklich der Sinn? Habt Ihr ein Lebensziel? Ich habe natürlich eines. Aber was ist, wenn ich aus welchen Gründen auch immer mein Ziel nicht erreiche? Was wenn mir die Zeit fehlt, oder mein Ziel zu groß ist? Wird mein Leben dann sinnlos gewesen sein? In einer ganz und gar zielversessenen Gesellschaft erscheint das Leben oft linear, wie eine Art Lebenslinie, ausgerichtet auf dies und das. Was aber wenn unser Leben gar keine Linie ist, sondern eine Aneinanderreihung einzelner Punkte, einzelner Momente, jeder für sich mit Sinnhaftigkeit gefüllt? Ich glaube nicht, dass es um ein Ziel geht, dessen Erreichung mit so vielen Faktoren und einer guten Portion Glück zusammenhängt. Ja, ich habe meinen Purpose. Aber ist das mein Sinn? Bin ich hier um ein Ziel zu erreichen? Ich erinnere mich an dieses letzte große Gespräch mit meinem Papa, damals auf dem Krankenhausflur. Ich haben ihm versucht zu erklären, dass der Sinn für mich unabhängig vom Ziel sei. Leider fehlten mir damals noch die passenden Worte, die das was ich spürte beschreiben konnte. Ich habe meinem Papa versucht von all den einzelnen Punkten zu erzählen, die für mich Sinn ergaben. Ich habe ihm versucht zu erklären, dass mein Lebenssinn all die zauberhaften Momente sind, die ich mit anderen Menschen teilen konnte… -Jede wilde Party, jedes gemeinsame Erlebnis. Mein Leben damals bestand daraus, Menschen kennenzulernen, Verbindungen einzugehen und gemeinsam unvergessliche Momente zu schaffen, die auf ewig in unseren Herzen bleiben. -So wie damals im Familienurlaub in Amsterdam!

Alfred Adler, der Psychologe der zum Philosophen wurde

Auf der Suche nach Worten, die meinen Sinn des Lebens bestmöglich beschreiben, bin ich vor einigen Jahren schließlich bei dem österreichischen Psychologen Alfred Adler fündig geworden. Der Begründer der Individualpsychologie, dessen Ansätze Einfluss auf so große Geister wie Viktor Frankl und Abraham Maslow hatten, entwickelte im Laufe seines Wirkens zunehmend auch einen geradezu philosophischen Anspruch. In seinem späten Werk “Der Sinn des Lebens”, das 1933 erschien, beschreibt Adler zwei unterschiedliche Bedeutungen des Sinns. Zum einen beschreibt er den Sinn, den ein Mensch in seinem Leben sucht und sicher auch findet und der sehr eng mit dem Selbstbild und den eigenen Meinungen und Perspektiven, aber auch mit den Meinungen und Perspektiven der anderen zusammenhängt. - Papas Verständnis, dass wir auf dieser Welt sind, um unseren Geist stetig weiterzuentwickeln, oder mein Purpose. Dieser Sinn ist recht greifbar, quasi “SMART”, kann deshalb aber auch verfehlt werden. Die KPIs unseres Lebens! -Ganz in Aristoteles‘ Sinn.

Die zweite Bedeutung hinter dem Sinn des Lebens beschreibt Adler als den “wahren” Sinn. Dieser Sinn liegt laut Adler jenseits von Erfahrungen oder Meinungen und kann deshalb auch nicht verfehlt werden. Jedoch muss man aufpassen, dass man ihn bei all dieser rastlosen Rennerei, die unser Leben heute oft mit sich bringt, nicht übersieht.

“Nach einem Sinn des Lebens zu fragen hat nur Wert und Bedeutung, wenn man das Bezugssystem Mensch-Kosmos im Auge hat.” A. Adler

Die Anforderung des Kosmos an die Menschheit ist für Adler die stetige Entwicklung, und zwar die stetige gesellschaftliche Entwicklung hin zu einer idealen, friedlichen und gerechten Gesellschaft der Zukunft, ganz nach dem Kant’schen Ideal. Und wie kommen wir dort hin? -In dem wir in Verbindung gehen, uns bewusst als Teil einer Gesellschaft sehen und unser Tun auch immer im gesellschaftlichen Kontext betrachten. Es geht nur gemeinsam! Dieses Mantra der New Work Bewegung ist so alt wie die Menschheit selbst und ist laut Adler eben der wahre Sinn des Lebens. Was das bedeutet: Ich liebe und ich werde geliebt! -Der Sinn des Lebens! Die Basis dafür ist laut Adler übrigens Selbstliebe, oder wie er es beschreibt: Die Überwindung unserer angeborenen Minderwertigkeitskomplexe.

Du liebst und Du wirst geliebt! - Das ist was wirklich zählt

So sitze ich also hier, am Morgen des Heiligen Abends. Im Radio läuft John Lennon. - War is over if you want it, war is over now… Wie weit entfernt könnten wir als Gesellschaft dieser Tage vom Kant’schen Ideal sein? - Ukraine, Afghanistan, Iran, Äthiopien… Und all der Hunger, der Hass, all die Ungerechtigkeiten, die mangelnde Nachhaltigkeit, die sterbende Natur… Aber Adler sagte ja ganz klar, es gehe nicht darum, diese Gesellschaft zu sein, sondern sich Schritt für Schritt zu eben dieser Gesellschaft zu entwickeln. Die Benchmark ist die Entwicklung selbst! Und wenn ich meine Augen und mein Herz öffne, sehe ich überall auch sehr viel Solidarität und Zusammenhalt, Menschen, die anderen Menschen die Hand reichen und so für wunderschöne Momente, einzelne kleine Punkte auf unserer Reise durchs Leben, sorgen.

Ich wünsche Euch und Euren Liebsten wunderschöne, friedliche Weihnachten. Schafft Euch zauberhafte Momente, schöne Erinnerung und gebt Euren Leben so den wahren Sinn im Adler’schen Gedanke. Geht in Verbindung mit anderen, ob im kleinen Kreis, oder im großen und macht die Welt so ein wenig glücklicher.

Ich werde heute nur sehr klein feiern, den Abend genießen, aber auch all die leeren Stühle an meinem Tische betrachten und all die wertvollen Erinnerung der Vergangenheit wieder in mein Bewusstsein rufen. So viele zauberhafte Punkte! Und morgen wird dann groß gefeiert, mit Familie und vor allem mit vielen Freunden, die ich zum Teil schon aus Kindertagen kenne und die nun ihre eigenen Kinder mitbringen. Ich bin in Verbindung. Überall finde ich helfende Hände und ich selbst reiche meine eigene Hand wann immer ich kann. So wird jeder Tag sinnvoll und wertvoll. Was braucht es da noch an größeren Zielen?

Du liebst und Du wirst geliebt und das ist der Sinn…

Frohe Weihnachten.

Eure Constance

Der Sinn des Lebens

Denn Du liebst und Du wirst geliebt…

"Glaube nicht alles, was du denkst!"

Das Karussell unserer Gedanken

Ich habe sicher schon mehrfach über die Macht unserer Gedanken geschrieben. Diese ungreifbaren Realitätskonstruktionen, die wie Geister durch unser Bewusstsein schweben, sind tatsächlich machtvoll. Manchmal sind sie jedoch auch kleine Plagegeister, die uns das Leben ganz schön schwer machen. -Besonders wenn wir auch noch glauben, was wir den lieben langen Tag so denken. Dann fängt sich das Karussell manchmal ganz schön schnell an zu drehen und es scheint ausgesprochen schwer, die Notbremse zu finden. Eine Dame, die Menschen auf geradezu verblüffende Weise hilft, die Notbremse zu ziehen, ist die US-Amerikanerin Byron Katie, die ihr Format schlicht und ergreifend “The Work” nennt. Ihr Kerngedanke ist, einfach nicht alles zu glauben, was man denkt.

Ich selbst durfte Byron Katie und “The Work” erst vor einigen Wochen im Rahmen eines Supervisionswochenendes kennenlernen und ich war mehr als beeindruckt. Seitdem lässt mich “The Work” nicht mehr los und ist somit geradezu prädestiniert dafür, es in diesem Rahmen mit Euch zu teilen.

Denn ich mach mir die Welt, wie sie mir gefällt!?

Wer meinen Blog kennt, weiß dass ich ein großer Fan von Pippi Langstrumpf bin, erklärt sie doch auf erfrischend einfach Weise Watzlawicks Idee vom Radikalen Konstruktivismus: Wir machen uns die Welt, ganz so wie wir uns entscheiden, unsere Welt zu wollen! Es gibt jedoch einen kleinen aber nicht unbedeutenden Unterschied zwischen Pippi Langstrumpf und Paul Watzlawick, den ich in der Vergangenheit nie richtig beleuchtet habe. Denn Pippi ist eine fröhliche Optimistin und mit dieser Geisteshaltung offensichtlich in der Welt recht einsam. Dank ihrer uneingeschränkt positiven Grundhaltung macht Pippi sich ihre Welt tatsächlich so wie sie ihr auch wirklich gefällt, positiv und bunt! Unsereins hingegen macht sich die Welt ziemlich häufig so, wie sie uns eben nicht gefällt und katapultieren uns auf diese Weise in dieses immer schneller werdende Karussell aus fiesen und wenig hilfreichen Gedanken. Paul Watzlawick hat dieses Phänomen in seiner Geschichte vom Mann mit dem Hammer ganz wunderbar zusammengefasst, die ich Euch an dieser Stelle gerne erneut mitbringen möchte:


Mann_mit_dem_Hammer

Wie nun aussteigen aus dem Gedankenkarussell

Natürlich kennen wir ähnliche Geschichten, wie die vom Mann mit dem Hammer aus dem eigenen Erleben nicht! Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass wir doch einmal hineingeraten, in diese Achterbahn aus Emotion und Wirklichkeitskonstruktion, kann es hilfreich sein, das ein oder andere Tool zur Verfügung zu haben, mit dem wir unser Karussell anhalten und unsere Wirklichkeitskonstruktion neu bewerten können.

Ich nehme Euch mal kurz mit in mein Karussell:

  • Patricia ist wirklich nervig und komplett beratungsresistent!

  • Patricia sollte ihr eigenes Handeln wirklich einmal selbst kritisch hinterfragen!

  • Ich brauche von Patricia, dass sie mir endlich mal zuhört und sich das Gesagte dann auch zu Herzen nimmt.

  • Patricia ist ganz schön überheblich, arrogant, beratungsresistent und überfordert!

Denn alles kann sein, auch das Gegenteil!

Patricia also! Nervensäge! Aber sind diese Gedanken, die gerade in meinem Kopf rumschwirren auch tatsächlich wahr? Ich meine, kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass Patricia wirklich überheblich, arrogant, beratungsresistent und überfordert ist? - Natürlich kann ich das! Doofe Fragerei! Patricia mach mich mit ihrer Arroganz ganz verrückt!

Wer bin ich, wenn ich diesen Gedanken wirklich glaube? - Der Mann mit dem Hammer! - Gestresst, engstirnig und gefühlt im Kampf mit meiner Umwelt! Zeit sich zu fragen, wer ich ohne diese Gedanken in Hinblick auf Patricia wäre. Mmmmmm…. Ich glaube ich wäre entspannter! Vielleicht sollte ich einfach nicht alles glauben, was ich denke und mal schauen, ob denn auch das Gegenteil wahr sein könnte. So überlege ich mir drei konkrete Situationen, in denen Patricia NICHT überheblich und arrogant war, drei konkrete Situationen, in denen Patricia nicht beratungsresistent war, sondern vielleicht sogar eine Beratung dankbar angenommen hat. Und ist Patricia wirklich immer überfordert? Oder fallen mir vielleicht drei Situationen eine, in denen sie genau das eben nicht war, in denen sie alles im Griff hatte?

Die Situation, selbst die, in der ich mich wirklich über Patricia geärgert habe, stellt sich direkt etwas anders dar und gefühlt dreht sich das Karussell bereits etwas langsamer.

Der letzte Schritt, den “The Work” von Byron Katie vorschlägt, könnte etwas schmerzhaft werden, gleichzeitig aber auch heilsam. Ich überlege mir also, ob mir drei konkrete Situationen einfallen, in denen ich selbst überheblich und arrogant war und drei weitere, in denen ich selbst beratungsresistent war. Schließlich überlege ich mir drei Situationen, in denen ich selbst überfordert war.

Vielleicht ist es sogar hilfreich, sich das alles kurz zu notieren, schwarz auf weiß vor sich zu sehen, wie die Grenzen langsam anfangen zu verschwimmen und vielleicht sehe ich dann Patricia mit anderen Augen und kann ihr mit einer anderen Haltung begegnen. Vor allem aber hilft es mir dabei, mir selbst mit anderen Augen und einer anderen Haltung zu begegnen, meine eigene Wirklichkeit weniger kategorisch zu konstruieren, mich weniger über Dinge zu ärgern, die vielleicht nur meine eigene Gedankenkonstruktion sind. Und vielleicht entscheide ich für mich tatsächlich etwas mehr wie Pippi zu sein und mir die Welt eben so zu machen, wie sie mir wirklich gefällt, wenn ich mir meine Wirklichkeit schon selbst gestalte und alles sein kann, auch das Gegenteil!

Ich weiß, dass ist eine Form der Gedankenreise, die vielleicht zunächst etwas befremdlich wirken kann. Aber mal ehrlich, mit welchen Gedanken machst Du Dir denn Dein Leben hin und wieder nicht gerade leichter und fröhlicher? Vom Liebeskummer geplagt, sitzt da die junge Frau, die fest davon überzeugt ist, dass der Typ, der sie belogen und betrogen hat und jetzt weg ist, der Mann ihres Lebens war und kein Besserer mehr nachkommt - Ist das wirklich wahr? Im Ernst? Kein Besserer? Der Beste ist also ein Idiot, der lügt und betrügt? Komische Welt!

Du hältst Dich hier und da und dort nicht für gut genug? - Ist das wirklich wahr? Könnte nicht auch das Gegenteil wahr sein und Du bist nicht nur gut genug, sondern auch großartig? Wer bist Du, wenn Du diesen Gedanken wirklich glaubst? Wer wärst Du, wenn Du den Gedanken, nicht gut genug zu sein, nicht hättest?

“Ich kann das nicht!” - Ist das absolut wahr? Kann ich mit absoluter Sicherheit sagen, dass dieser Gedanke wahr ist? Wer bin ich, wenn ich diesen Gedanken glaube? Und wer könnte ich ohne diesen Gedanken sein?

Zum Abschluss gibt es noch ein Pippi Langstrumpf Zitat, um Euch eine Idee davon zu geben, wie jemand sprich, der diesen Gedanken einfach nicht glaubt, sondern der das Gegenteil glaubt:

“Das habe ich noch nie vorher versucht, also bin ich völlig sicher, dass ich es schaffe!”

Heute ist Sonntag und vielleicht habt Ihr ja ein wenig Zeit, einmal zu beobachten, was Ihr denkt und für wahr haltet. Und vielleicht habt Ihr ja Lust, Euch einmal zu fragen, ob nicht auch das Gegenteil wahr sein könnte!

Die Realität ist freundlich, werte Leserschaft! - Wenigstens meine Realität!

Eure Constance


“Glaube nicht alles, was Du denkst!”

Raus aus dem Gedankenkarussell und rein in eine freundliche Welt