Körper und Seele

Wenn die Krankheit selbst zum Symptom wird - Das weite Feld der Psychosomatik

Über psychosomatische Erkrankungen und die Sprache zwischen Körper und Seele

Es beginnt oft schleichend. Ein Druck im Magen, der nicht nachlässt. Verspannungen im Nacken, die trotz Physiotherapie immer wieder kommen. Herzrasen. Die Alltagsbelastung, der Stress oder auch einschneidende Erlebnisse wirken sich auf den Körper aus, manchmal langsam, manchmal plötzlich und kraftvoll.

Viele dieser typischen „Stresserkrankungen“ kennen wir inzwischen, können erklären, wie genau Stress oder psychische Belastung unser Nervensystem triggert und wie genau sich das auswirkt. Und trotzdem ist der Weg der Betroffenen kein leichter. „Dann entspann dich halt mal!“ „Stress dich einfach nicht so!“ – Klar, gerne! – Aber wie? Da ist der Weg zu Schmerzmitteln gegen den verspannten Rücken oder die Kopfschmerzen oder diese feinen Gels gegen Sodbrennen oder Reizmagen oft die einfachere Variante. Helfen sie doch so wunderbar gegen das Symptom und schaffen schnelle Erleichterung. Ja, Medikamente helfen! – Aber eben nur kurzfristig.

Körper und Seele – keine Gegensätze, sondern ein System

Die Vorstellung, psychische Prozesse könnten körperliche Symptome hervorrufen, wirkt für manche noch immer fremd. Dabei ist der Zusammenhang längst wissenschaftlich gut belegt.

Stress verändert die Aktivität des Nervensystems. Gefühle beeinflussen Hormone, Muskelspannung, Immunsystem und Schmerzverarbeitung. Dauerhafte seelische Belastung kann so zu realen, messbaren körperlichen Beschwerden führen – nicht eingebildet, nicht simuliert, sondern tatsächlich erlebt.

Psychosomatische Erkrankungen sind deshalb kein „weniger echtes“ Leiden. Sie sind Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Der Körper spricht – oft dort, wo Worte fehlen oder Belastungen zu lange getragen wurden.

Was psychosomatische Erkrankungen kennzeichnet

Von psychosomatischen Erkrankungen spricht man, wenn psychische Belastungen wesentlich an der Entstehung, Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung körperlicher Symptome beteiligt sind. Häufig bestehen dabei sowohl körperliche als auch seelische Anteile, die sich gegenseitig beeinflussen.

Typische Beispiele sind:

  • Reizdarmsyndrom mit Schmerzen, Durchfällen oder Verstopfung ohne klare organische Ursache

  • Chronische Schmerzstörungen, etwa Rücken- oder Kopfschmerzen

  • Migräne, die stark durch Stress oder emotionale Belastung getriggert wird

  • Neurodermitis oder Psoriasis, deren Schübe eng mit psychischer Anspannung verbunden sein können

  • Herz-Kreislauf-Beschwerden wie funktionelles Herzrasen oder Brustenge ohne strukturelle Herzerkrankung

Gemeinsam ist diesen Krankheitsbildern, dass medizinische Faktoren eine Rolle spielen – die seelische Dimension jedoch entscheidend mitwirkt.

Abgrenzung zu somatoformen Störungen (siehe meinen Artikel vom 08.02.26)

Wichtig ist die Unterscheidung zu somatoformen Störungen (heute oft als somatische Belastungsstörung bezeichnet). Hier stehen anhaltende körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung im Vordergrund – verbunden mit starkem Leiden, Sorgen um die Gesundheit und intensiver Beschäftigung mit den Symptomen.

Der zentrale Unterschied:

  • Psychosomatische Erkrankungen: Es gibt eine medizinisch beschreibbare körperliche Erkrankung, die jedoch stark durch psychische Faktoren beeinflusst wird.

  • Somatoforme Störungen: Die körperlichen Symptome bestehen, ohne dass eine ausreichende organische Ursache gefunden wird. Entscheidend ist hier vor allem die Art, wie der Körper wahrgenommen und interpretiert wird.

  • Beide Bereiche überschneiden sich in der Realität teilweise – doch die therapeutischen Zugänge können unterschiedlich sein. Deshalb ist eine sorgfältige diagnostische Einordnung wichtig.

Abgrenzung zu dissoziativen Störungen (siehe meinen Artikel vom 25.01.26)

Noch einmal anders gelagert sind dissoziative Störungen. Hier geht es weniger um körperliche Erkrankung im engeren Sinn, sondern um Abspaltungs- oder Schutzreaktionen der Psyche – etwa:

  • Erinnerungslücken

  • Depersonalisation (Gefühl, nicht wirklich im eigenen Körper zu sein)

  • funktionelle Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen ohne neurologischen Befund

Dissoziation ist oft mit traumatischen Erfahrungen verbunden und dient ursprünglich dem psychischen Schutz. Während psychosomatische Erkrankungen also die Verbindung zwischen Körper und Seele zeigen, spiegeln dissoziative Störungen eher eine Trennung oder Unterbrechung dieser Verbindung.

Die Perspektive der Betroffenen – ein zentraler Schlüssel

Wer psychosomatische Erkrankungen verstehen will, muss vor allem zuhören. Viele Betroffene berichten von einem langen Weg durch das Gesundheitssystem: zahlreiche Arzttermine, wechselnde Diagnosen, gut gemeinte, aber verletzende Aussagen wie „Da ist nichts“ oder „Das ist nur psychisch“. Solche Erfahrungen können den Leidensdruck verstärken. Denn das eigentliche Problem ist nicht nur das Symptom – sondern auch das Gefühl, damit allein zu sein.

Eine wertschätzende Haltung bedeutet deshalb:

  • Beschwerden ernst zu nehmen, unabhängig vom Befund

  • körperliche und seelische Dimension gemeinsam zu betrachten

  • Betroffene als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Erfahrung zu sehen

  • Heilung beginnt im Moment des Verstehens und des Verstandenwerdens.

Ein Fallbeispiel: Wenn der Körper stoppt, was die Seele nicht sagen kann

Frau M., 42 Jahre, arbeitet seit vielen Jahren in einer verantwortungsvollen Position. Sie gilt als zuverlässig, engagiert und belastbar. Über Monate hinweg entwickeln sich jedoch zunehmende Bauchschmerzen, Durchfälle und Erschöpfung. Zahlreiche medizinische Untersuchungen bleiben ohne klaren Befund. Schließlich wird ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert. Medikamente bringen nur begrenzte Linderung. Die Symptome kommen immer wieder, sobald die Medikamente niedriger dosiert oder abgesetzt werden.

Erst in einer psychosomatischen Behandlung zeigt sich ein tieferer Zusammenhang:

  • Hoher beruflicher Druck

  • Permanente Selbstüberforderung

  • Kaum Raum für eigene Bedürfnisse

  • Eine biografische Prägung, „stark sein zu müssen“

  • Der Körper übernimmt gewissermaßen die Funktion einer Notbremse.

Im therapeutischen Prozess lernt Frau M., Belastungsgrenzen wahrzunehmen, Gefühle auszudrücken und ihr Leben schrittweise neu auszurichten. Ergänzend helfen Entspannungsverfahren, achtsamkeitsbasierte Methoden und eine angepasste medizinische Begleitung. Die Beschwerden verschwinden nicht sofort – doch sie verändern sich. Vor allem entsteht etwas Neues: ein Gefühl von Einfluss, Verständnis und Selbstfürsorge.

Wege der Behandlung – mehrdimensional statt eindimensional

Psychosomatische Erkrankungen brauchen selten nur eine Maßnahme. Erfolgreiche Behandlung verbindet meist mehrere Ebenen:

Medizinisch

  • sorgfältige Diagnostik

  • symptomlindernde Therapie

  • Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen

Psychotherapeutisch

  • Verstehen innerer Konflikte und Belastungen

  • Entwicklung neuer Bewältigungsstrategien

  • Bearbeitung biografischer Erfahrungen

Körperorientiert

  • Entspannungsverfahren

  • Achtsamkeit

  • Bewegungstherapie

  • Regulation des Nervensystems

Entscheidend ist nicht die perfekte Methode, sondern das Zusammenspiel – und eine tragfähige therapeutische Beziehung.

Wenn Symptome Sinn ergeben

Ein ungewohnter, aber hilfreicher Perspektivwechsel besteht darin, Symptome nicht nur als Störung zu sehen, sondern auch als Signal. Nicht im Sinne einer Schuldzuweisung. Sondern als Hinweis darauf, dass etwas im Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Manchmal zeigt der Körper Grenzen, bevor wir sie bewusst wahrnehmen. Manchmal drückt er Gefühle aus, für die es noch keine Worte gibt. Und manchmal zwingt er zu einer Pause, die wir uns selbst nie erlaubt hätten. Diese Sichtweise verändert nicht die Realität des Leidens – aber sie kann einen Weg eröffnen, der über reine Symptombekämpfung hinausführt.

Fazit: Heilung beginnt mit Verbindung

Psychosomatische Erkrankungen machen sichtbar, was im Alltag leicht verloren geht: die untrennbare Verbindung zwischen Körper und Seele. Sie erinnern daran, dass Gesundheit mehr ist als das Fehlen eines Befunds. Und dass echte Heilung dort beginnt, wo Menschen in ihrer ganzen Erfahrung gesehen werden. Wenn die Krankheit ein Symptom ist, stellt sich nicht nur die Frage „Was fehlt dem Körper?“, sondern auch „Was braucht der Mensch?“

Soweit meine Reise durch unterschiedliche Krankheitsbilder, in denen sich die Seele durch den Körper „Luft macht“. In meinen nächsten Artikeln stelle ich dir einige Coaching- oder Therapiemethoden vor, die das Zusammenspiel von Körper und Seele bewusst als Katalysator für Entwicklung nutzen. Bis dahin freue ich mich wie immer über Feedback, eigene Erfahrungen, Fragen oder Anmerkungen.

Constance

Wenn Medikamente Linderung verschaffen

… aber nur kurzfristig!

Wenn der Körper nicht zur Ruhe kommt - ein Blick auf somatoforme Störungen

Somato… – was?

Es beginnt oft unspektakulär. Ein Ziehen im Rücken, das nicht mehr verschwindet. Müdigkeit, die durch Schlaf nicht besser wird. Herzklopfen, Schwindel, Magenbeschwerden – Symptome, die real sind, spürbar, belastend. Viele Betroffene suchen ärztliche Hilfe, lassen Untersuchungen durchführen, hoffen auf eine klare Diagnose. Doch nicht selten lautet das Ergebnis: medizinisch unauffällig.

Für die Betroffenen ist das selten eine Erleichterung. Im Gegenteil. Die Beschwerden bleiben, der Leidensdruck wächst – und gleichzeitig entsteht das quälende Gefühl, nicht wirklich verstanden zu werden. Genau hier beginnt das Feld der somatoformen Störungen, die heute häufig unter dem Begriff somatische Belastungsstörung beschrieben werden.

Reale Schmerzen ohne klare organische Erklärung

Ein zentrales Missverständnis besteht darin, zu glauben, diese Beschwerden seien „eingebildet“. Das sind sie nicht. Menschen mit somatoformen Störungen leiden tatsächlich – körperlich wie seelisch. Moderne Forschung zeigt, wie eng Nervensystem, Stressverarbeitung, Emotionen und Körperwahrnehmung miteinander verbunden sind. Der Körper reagiert auf Belastung, manchmal leiser, manchmal sehr deutlich.

Für viele Betroffene wird der Körper zum Ort, an dem sich etwas ausdrückt, das keine Worte gefunden hat. Nicht bewusst gesteuert, nicht gewollt – sondern als Reaktion eines hochsensiblen Systems.

Die Symptome können dabei sehr unterschiedlich sein. Manche erleben über Jahre hinweg wechselnde Beschwerden in verschiedenen Körperregionen. Andere leiden vor allem unter anhaltenden Schmerzen, die ihren Alltag zunehmend einschränken. Wieder andere sind von intensiver Krankheitsangst geprägt, beobachten ihren Körper aufmerksam und leben in ständiger Sorge, eine schwere Erkrankung könnte übersehen worden sein.

Unabhängig von der konkreten Ausprägung verbindet viele Betroffene eine gemeinsame Erfahrung: der lange Weg durch medizinische Abklärungen, Hoffnung und Enttäuschung, Zweifel von außen – und oft auch Selbstzweifel.

Nähe und Unterschied zu dissoziativen Störungen

Somatoforme und dissoziative Störungen, die ich in meinem letzten Artikel ausführlicher behandelt habe, liegen klinisch nah beieinander. Beide können mit überwältigendem Stress, biografischen Belastungen oder traumatischen Erfahrungen zusammenhängen. Beide zeigen, dass der menschliche Organismus Wege findet, mit Überforderung umzugehen, wenn andere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen.

Der Unterschied liegt weniger im Leidensdruck – der ist in beiden Fällen hoch – sondern eher in der Art des Erlebens.

Bei somatoformen Störungen steht der Körper mit seinen Schmerzen, Empfindungen und Funktionsstörungen im Vordergrund, während Bewusstsein, Erinnerung und Identität meist stabil bleiben. Dissoziative Störungen hingegen betreffen stärker das psychische Erleben selbst: Erinnerungslücken, das Gefühl, neben sich zu stehen, oder neurologisch wirkende Ausfälle wie Taubheitsgefühle oder Lähmungen ohne organische Ursache.

In der therapeutischen Praxis verschwimmen diese Grenzen jedoch häufig. Viele Fachleute verstehen beide Störungsbilder heute als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben grundlegenden Dynamik: eines Nervensystems, das unter zu viel Spannung steht und nach Regulierung sucht.

Ein häufiges, aber wenig verstandenes Krankheitsbild

Somatoforme Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – auch wenn sie selten so benannt werden. Ein spürbarer Anteil der Bevölkerung ist betroffen, und in Hausarztpraxen machen körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung einen großen Teil der Konsultationen aus. -Studien kommen auf einen Anteil von bis zu einem Drittel der Patienten.

Trotzdem dauert es oft lange, bis Betroffene eine passende psychosomatische Unterstützung erhalten. Viele bewegen sich jahrelang zwischen Fachrichtungen, ohne dass sich ihr Zustand grundlegend verbessert. Nicht selten entsteht dabei ein Gefühl von Isolation: krank sein – ohne eine klar sichtbare Krankheit zu haben. Nicht selten mündet der Leidensdruck in Selbstmedikation, die zu Suchterkrankungen führen kann.

Wie solche Beschwerden entstehen können

Die Entstehung somatoformer Störungen lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Vielmehr zeigt sich ein Zusammenspiel biologischer Empfindlichkeiten, psychischer Erfahrungen und sozialer Lebensumstände.

Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem kann Körperempfindungen verstärken. Belastende Lebensereignisse oder frühe Erfahrungen können die Fähigkeit beeinflussen, Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren. Fehlende Unterstützung im Umfeld kann Symptome zusätzlich verfestigen.

Aus dieser Perspektive erscheinen die Beschwerden nicht mehr rätselhaft, sondern sinnvoll – als Ausdruck eines Organismus, der versucht, mit innerer Spannung umzugehen.

Der schwierige Weg zur Diagnose

Für Betroffene ist die Phase der Diagnostik oft besonders belastend. Einerseits ist es wichtig, körperliche Erkrankungen sorgfältig auszuschließen. Andererseits kann genau dieser Prozess das Gefühl verstärken, „zwischen allen Stühlen“ zu sitzen.

Entscheidend ist daher, wie die Diagnose vermittelt wird. Wird sie als „Sie sind gesund, es ist nur psychisch“ dargestellt, vertieft das die Verunsicherung. Wird sie hingegen als verständliche Reaktion eines komplexen Systems erklärt, kann erstmals Entlastung entstehen.

Viele Betroffene berichten, dass allein das Ernstgenommenwerden einen Wendepunkt darstellt.

Wege der Behandlung – und der Hoffnung

Auch wenn somatoforme Störungen oft lange bestehen, sind sie behandelbar. Psychotherapeutische Verfahren können helfen, Zusammenhänge zwischen Stress, Emotionen und Körper besser zu verstehen und neue Formen der Selbstregulation zu entwickeln. Körperorientierte Ansätze, achtsamkeitsbasierte Methoden oder Schmerztherapie können ergänzend stabilisieren.

Dabei geht es selten um ein schnelles „Verschwinden“ aller Symptome. Häufig steht zunächst etwas anderes im Mittelpunkt: wieder Handlungsspielraum zu gewinnen, den eigenen Körper weniger als Gegner zu erleben und Schritt für Schritt Lebensqualität zurückzugewinnen.

Viele Betroffene beschreiben genau diesen Prozess als entscheidend – nicht die perfekte Symptomfreiheit, sondern das Wiederfinden von Vertrauen in sich selbst.

Die Bedeutung von Respekt und Verständnis

Kaum ein anderes Krankheitsbild ist so stark von Missverständnissen geprägt. Sätze wie „Da ist doch nichts“ oder „Das ist nur psychisch“ können tief verletzen. Sie übersehen, dass hier echte Schmerzen, echte Angst und echte Erschöpfung erlebt werden.

Ein respektvoller Blick bedeutet daher, die Realität der Beschwerden anzuerkennen, ohne vorschnell zu urteilen. Er bedeutet auch, Hoffnung zu vermitteln – nicht als leeres Versprechen, sondern als realistische Perspektive auf Veränderung.

Schlussgedanke

Somatoforme Störungen zeigen auf eindrückliche Weise, wie untrennbar Körper und Psyche miteinander verbunden sind. Sie erinnern daran, dass menschliches Leiden nicht immer in Laborwerten sichtbar wird – und dennoch zutiefst real ist. Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Räume zu schaffen, in denen Beschwerden verstanden werden dürfen, auch wenn sie sich nicht sofort erklären lassen. Denn hinter jedem Symptom steht ein Mensch. Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo dieser Mensch endlich gehört wird.

Wie immer freue ich mich über Feedback und Gedanken zum Thema. In zwei Wochen geht meine Reise durch Krankheitsbilder, die unsere Seelen durch den Körper sprechen lassen, mit dem Feld der psychosomatischen Krankheitsbilder weiter, und ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Somatoforme Belastungsstörung

Wenn die Seele den Körper nicht zur Ruhe kommen lassen kann.

"Die Seele leis zum Körper spricht: sag du es ihm, mich hört er nicht." C. Morgenstern

Wenn die Seele spricht – und der Körper antwortet! Über die Trennung von Psyche und Körper, ihre Folgen und die leisen Botschaften des Leidens

Die westliche Medizin ist eine Erfolgsgeschichte. Sie hat Infektionen besiegt, chirurgische Wunder vollbracht und das Leben von Millionen Menschen verlängert. Und doch, so meine Überzeugung, trägt sie einen grundlegenden Konstruktionsfehler in sich – einen, der besonders dort schmerzhaft sichtbar wird, wo Menschen leiden, ohne dass sich das Leiden eindeutig „messen“ oder „lokalisieren“ lässt.

Die strikte Trennung von Körper und Psyche ist aus meiner Sicht der Sündenfall der westlichen Medizin. Sie hat uns enorme Präzision beschert, aber auch eine gefährliche Blindheit für das Zusammenspiel, für Übergänge, für Bedeutungen. Für das, was Christian Morgenstern in seinem Vers so treffend beschreibt – dass die Seele oft nur über den Körper Gehör findet.

Dieser Artikel ist der Auftakt zu einer Serie, in der ich mich vertieft mit dissoziativen Störungen, somatoformen Störungsbildern und psychosomatischen Erkrankungen auseinandersetzen werde. Mit all jenen Krankheitsbildern, in denen die Seele sich über den Körper Gehör oder Ausdruck verschafft. Heute soll es zunächst um Orientierung gehen: um Begriffe, Unterschiede, Gemeinsamkeiten – und um ein grundsätzlich anderes Verständnis von Krankheit.

Der Körper als Bühne – und als Übersetzer

Kaum ein Mensch zweifelt daran, dass seelische Belastungen körperliche Auswirkungen haben können. „Stress schlägt auf den Magen“, „das geht mir an die Nieren“, „mir liegt etwas schwer auf dem Herzen“ – unsere Alltagssprache ist voll von psychosomatischen Metaphern. Und doch beginnt das Problem oft genau dort, wo diese Metaphern in den klinischen Raum übersetzt werden sollen.

Denn dort gilt meist noch immer eine implizite Logik:

  • entweder ist etwas körperlich – dann ist es „real“.

  • oder es ist psychisch – dann ist es „eigentlich nichts“.

Für Betroffene ist das nicht nur theoretisch problematisch, sondern praktisch existenziell. Wer Schmerzen hat, aber keinen eindeutigen organischen Befund, erlebt nicht selten subtile (oder offene) Abwertung: als überempfindlich, als schwierig, als „psychisch“. Die Trennung von Körper und Psyche wird so nicht nur zu einem Denkmodell, sondern zu einer sozialen Realität.

Psychosomatische Erkrankungen – wenn (innere) Konflikte körperlich werden

Der Begriff Psychosomatik ist vermutlich der bekannteste – und zugleich der missverständlichste.

Psychosomatische Erkrankungen sind körperliche Erkrankungen, bei denen psychische Faktoren nachweislich Entstehung, Verlauf oder Schweregrad beeinflussen.

Wichtig ist: Das Organ ist real betroffen!

Klassische Beispiele sind:

  • Asthma bronchiale

  • Neurodermitis

  • Bluthochdruck

  • Reizdarmsyndrom

  • Magengeschwüre

  • bestimmte Autoimmunerkrankungen

Hier gibt es organische Veränderungen, Entzündungen, Funktionsstörungen – aber sie stehen in enger Wechselwirkung mit Stress, Beziehungsmustern, inneren Konflikten oder traumatischen Erfahrungen.

Die Psychosomatik ist dabei kein „Ersatzmodell“, sondern eigentlich eine Erweiterung der Medizin. Sie sagt nicht: Das ist nur psychisch, sondern: Der Körper reagiert auf das Leben, das er führt.

Somatoforme Störungen – Leiden ohne erklärenden Befund

Anders gelagert sind somatoforme Störungen (in neueren Klassifikationen oft als Somatische Belastungsstörungen bezeichnet). Hier erleben Betroffene intensive körperliche Symptome, für die sich keine ausreichende organische Erklärung finden lässt – zumindest keine, die Art, Stärke oder Dauer der Beschwerden plausibel erklärt. Die Folge sind oft verzweifeltes „Doctors-Hopping“ und Selbstmedikation, die nicht selten Suchtproblematiken nach sich ziehen kann.

Typisch sind:

  • chronische Schmerzen

  • Magen-Darm-Beschwerden

  • Herzsymptome

  • neurologisch anmutende Symptome wie Kribbeln, Schwindel, Lähmungsgefühle

Entscheidend ist: Die Symptome sind real! Das Leiden ist real!

Was fehlt, ist nicht die Krankheit – sondern ein Befund, der in das klassische medizinische Raster passt. Genau hier wird die Trennung von Körper und Psyche besonders problematisch. Denn was nicht „messbar“ ist, wird schnell als weniger wirklich erlebt. Somatoforme Störungen lassen sich nicht verstehen, wenn man Körper und Psyche getrennt betrachtet. Sie sind Anzeichen einer verkörperten seelischen Not, die keinen anderen Ausdruck gefunden hat.

Dissoziative Störungen – wenn das System sich schützt

Noch einmal anders gelagert sind dissoziative Störungen. Sie entstehen häufig im Kontext von früher, überwältigender oder chronischer Traumatisierung und sind primär Schutzmechanismen. Dissoziation bedeutet vereinfacht gesagt: Bestimmte Erfahrungen, Empfindungen oder Funktionen werden vom bewussten Erleben abgespalten.

Das kann sich auf körperlicher Ebene zeigen als:

  • Erinnerungslücken

  • motorische Störungen bis hin zu kompletten Lähmungserscheinungen oder dem Verlust der Sprache

  • sensorische Störungen bis hin zu kompletten Seh- oder Hörverlusten

  • dissoziative Krampfanfälle, die von außen wie eine Epilepsie anmuten können

  • wechselnde Bewusstseins- oder Ich-Zustände

Hier ist der Körper nicht nur Ausdruck, sondern Teil des Schutzsystems. Er „übernimmt“, wenn bewusste Verarbeitung nicht möglich oder zu gefährlich bzw. schmerzhaft wäre. Dissoziative Symptome sind daher nicht „Fehlfunktionen“, sondern hochgradig sinnvolle Anpassungen an extreme Bedingungen. Gerade bei dissoziativen Störungsbildern wird deutlich, wie unzureichend eine rein organische oder rein psychische Sichtweise ist. Das Nervensystem, der Körper, das Erleben – alles greift ineinander.

Abgrenzung – und warum sie trotzdem unscharf bleibt

Zusammengefasst lassen sich die drei Bereiche grob unterscheiden:

  • Psychosomatisch: organische Erkrankung mit psychischer Mitverursachung

  • Somatoform: körperliche Symptome ohne ausreichenden organischen Befund

  • Dissoziativ: Schutzreaktionen des Systems, oft traumabezogen

Und doch: In der Realität sind diese Kategorien keine sauberen Schubladen. Viele Menschen bewegen sich zwischen ihnen oder erleben im Laufe ihres Lebens unterschiedliche Ausdrucksformen desselben inneren Leidens. Die Klassifikationen helfen der Diagnostik – aber sie dürfen nicht den Blick auf das Ganze verstellen.

Der westliche Blick – und seine Grenzen

Die Trennung von Körper und Psyche hat philosophische Wurzeln, etwa bei Descartes. Sie war notwendig, um Medizin naturwissenschaftlich betreiben zu können. Doch sie hat einen Preis: Sie macht Sinn unsichtbar. Wenn Symptome nur als Defekte gesehen werden, verlieren wir die Fähigkeit zu fragen:

  • Wozu dient dieses Symptom?

  • Was hält es aufrecht?

  • Was wäre ohne es nicht möglich?

Gerade bei chronischen, funktionellen oder traumabezogenen Erkrankungen führt diese Blindheit oft zu jahrelangen Odysseen durch das Gesundheitssystem – voller Untersuchungen, Frustration und impliziter Schuldzuweisungen.

Fernöstliche Perspektiven – Krankheit als Ungleichgewicht

Ein Blick in fernöstliche Medizinsysteme – etwa die Traditionelle Chinesische Medizin oder Ayurveda – zeigt ein radikal anderes Verständnis. Dort ist Krankheit kein isolierter Defekt, sondern Ausdruck eines Ungleichgewichts im Energiefluss, im Lebensstil, in Beziehungen, im emotionalen Erleben. Körperliche und seelische Prozesse sind nicht getrennt, sondern unterschiedliche Ebenen desselben Systems. Symptome gelten als Botschaften, nicht als Störungen, die möglichst schnell beseitigt werden müssen. Das bedeutet nicht, diese Systeme unkritisch zu idealisieren. Aber sie erinnern uns an etwas, das der westlichen Medizin oft verloren gegangen ist: Der Mensch ist mehr als die Summe seiner Befunde.

Ausblick – eine Einladung zum differenzierten Hinsehen

Dieser Artikel versteht sich als Einstieg. In den folgenden Beiträgen dieser Serie werde ich die einzelnen Störungsbilder vertiefen:

  • ihre Entstehung

  • ihre innere Logik

  • therapeutische Zugänge

  • und vor allem: ihren Sinn im Leben der Betroffenen

Nicht, um Leiden zu romantisieren. Sondern um ihm seine Würde zurückzugeben. Denn vielleicht ist es genau so, wie Morgenstern schreibt: Die Seele spricht leise. Und der Körper wird laut – wenn niemand zuhört.

Fortsetzung folgt und ich freue mich, wenn du dabei bist.

Constance

“Der Körper leis zur Seele spricht: sag du es ihm, mich hört er nicht.”

Wenn die Seele flüstert und der Körper schreit