Somato… – was?
Es beginnt oft unspektakulär. Ein Ziehen im Rücken, das nicht mehr verschwindet. Müdigkeit, die durch Schlaf nicht besser wird. Herzklopfen, Schwindel, Magenbeschwerden – Symptome, die real sind, spürbar, belastend. Viele Betroffene suchen ärztliche Hilfe, lassen Untersuchungen durchführen, hoffen auf eine klare Diagnose. Doch nicht selten lautet das Ergebnis: medizinisch unauffällig.
Für die Betroffenen ist das selten eine Erleichterung. Im Gegenteil. Die Beschwerden bleiben, der Leidensdruck wächst – und gleichzeitig entsteht das quälende Gefühl, nicht wirklich verstanden zu werden. Genau hier beginnt das Feld der somatoformen Störungen, die heute häufig unter dem Begriff somatische Belastungsstörung beschrieben werden.
Reale Schmerzen ohne klare organische Erklärung
Ein zentrales Missverständnis besteht darin, zu glauben, diese Beschwerden seien „eingebildet“. Das sind sie nicht. Menschen mit somatoformen Störungen leiden tatsächlich – körperlich wie seelisch. Moderne Forschung zeigt, wie eng Nervensystem, Stressverarbeitung, Emotionen und Körperwahrnehmung miteinander verbunden sind. Der Körper reagiert auf Belastung, manchmal leiser, manchmal sehr deutlich.
Für viele Betroffene wird der Körper zum Ort, an dem sich etwas ausdrückt, das keine Worte gefunden hat. Nicht bewusst gesteuert, nicht gewollt – sondern als Reaktion eines hochsensiblen Systems.
Die Symptome können dabei sehr unterschiedlich sein. Manche erleben über Jahre hinweg wechselnde Beschwerden in verschiedenen Körperregionen. Andere leiden vor allem unter anhaltenden Schmerzen, die ihren Alltag zunehmend einschränken. Wieder andere sind von intensiver Krankheitsangst geprägt, beobachten ihren Körper aufmerksam und leben in ständiger Sorge, eine schwere Erkrankung könnte übersehen worden sein.
Unabhängig von der konkreten Ausprägung verbindet viele Betroffene eine gemeinsame Erfahrung: der lange Weg durch medizinische Abklärungen, Hoffnung und Enttäuschung, Zweifel von außen – und oft auch Selbstzweifel.
Nähe und Unterschied zu dissoziativen Störungen
Somatoforme und dissoziative Störungen, die ich in meinem letzten Artikel ausführlicher behandelt habe, liegen klinisch nah beieinander. Beide können mit überwältigendem Stress, biografischen Belastungen oder traumatischen Erfahrungen zusammenhängen. Beide zeigen, dass der menschliche Organismus Wege findet, mit Überforderung umzugehen, wenn andere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen.
Der Unterschied liegt weniger im Leidensdruck – der ist in beiden Fällen hoch – sondern eher in der Art des Erlebens.
Bei somatoformen Störungen steht der Körper mit seinen Schmerzen, Empfindungen und Funktionsstörungen im Vordergrund, während Bewusstsein, Erinnerung und Identität meist stabil bleiben. Dissoziative Störungen hingegen betreffen stärker das psychische Erleben selbst: Erinnerungslücken, das Gefühl, neben sich zu stehen, oder neurologisch wirkende Ausfälle wie Taubheitsgefühle oder Lähmungen ohne organische Ursache.
In der therapeutischen Praxis verschwimmen diese Grenzen jedoch häufig. Viele Fachleute verstehen beide Störungsbilder heute als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben grundlegenden Dynamik: eines Nervensystems, das unter zu viel Spannung steht und nach Regulierung sucht.
Ein häufiges, aber wenig verstandenes Krankheitsbild
Somatoforme Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – auch wenn sie selten so benannt werden. Ein spürbarer Anteil der Bevölkerung ist betroffen, und in Hausarztpraxen machen körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung einen großen Teil der Konsultationen aus. -Studien kommen auf einen Anteil von bis zu einem Drittel der Patienten.
Trotzdem dauert es oft lange, bis Betroffene eine passende psychosomatische Unterstützung erhalten. Viele bewegen sich jahrelang zwischen Fachrichtungen, ohne dass sich ihr Zustand grundlegend verbessert. Nicht selten entsteht dabei ein Gefühl von Isolation: krank sein – ohne eine klar sichtbare Krankheit zu haben. Nicht selten mündet der Leidensdruck in Selbstmedikation, die zu Suchterkrankungen führen kann.
Wie solche Beschwerden entstehen können
Die Entstehung somatoformer Störungen lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Vielmehr zeigt sich ein Zusammenspiel biologischer Empfindlichkeiten, psychischer Erfahrungen und sozialer Lebensumstände.
Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem kann Körperempfindungen verstärken. Belastende Lebensereignisse oder frühe Erfahrungen können die Fähigkeit beeinflussen, Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren. Fehlende Unterstützung im Umfeld kann Symptome zusätzlich verfestigen.
Aus dieser Perspektive erscheinen die Beschwerden nicht mehr rätselhaft, sondern sinnvoll – als Ausdruck eines Organismus, der versucht, mit innerer Spannung umzugehen.
Der schwierige Weg zur Diagnose
Für Betroffene ist die Phase der Diagnostik oft besonders belastend. Einerseits ist es wichtig, körperliche Erkrankungen sorgfältig auszuschließen. Andererseits kann genau dieser Prozess das Gefühl verstärken, „zwischen allen Stühlen“ zu sitzen.
Entscheidend ist daher, wie die Diagnose vermittelt wird. Wird sie als „Sie sind gesund, es ist nur psychisch“ dargestellt, vertieft das die Verunsicherung. Wird sie hingegen als verständliche Reaktion eines komplexen Systems erklärt, kann erstmals Entlastung entstehen.
Viele Betroffene berichten, dass allein das Ernstgenommenwerden einen Wendepunkt darstellt.
Wege der Behandlung – und der Hoffnung
Auch wenn somatoforme Störungen oft lange bestehen, sind sie behandelbar. Psychotherapeutische Verfahren können helfen, Zusammenhänge zwischen Stress, Emotionen und Körper besser zu verstehen und neue Formen der Selbstregulation zu entwickeln. Körperorientierte Ansätze, achtsamkeitsbasierte Methoden oder Schmerztherapie können ergänzend stabilisieren.
Dabei geht es selten um ein schnelles „Verschwinden“ aller Symptome. Häufig steht zunächst etwas anderes im Mittelpunkt: wieder Handlungsspielraum zu gewinnen, den eigenen Körper weniger als Gegner zu erleben und Schritt für Schritt Lebensqualität zurückzugewinnen.
Viele Betroffene beschreiben genau diesen Prozess als entscheidend – nicht die perfekte Symptomfreiheit, sondern das Wiederfinden von Vertrauen in sich selbst.
Die Bedeutung von Respekt und Verständnis
Kaum ein anderes Krankheitsbild ist so stark von Missverständnissen geprägt. Sätze wie „Da ist doch nichts“ oder „Das ist nur psychisch“ können tief verletzen. Sie übersehen, dass hier echte Schmerzen, echte Angst und echte Erschöpfung erlebt werden.
Ein respektvoller Blick bedeutet daher, die Realität der Beschwerden anzuerkennen, ohne vorschnell zu urteilen. Er bedeutet auch, Hoffnung zu vermitteln – nicht als leeres Versprechen, sondern als realistische Perspektive auf Veränderung.
Schlussgedanke
Somatoforme Störungen zeigen auf eindrückliche Weise, wie untrennbar Körper und Psyche miteinander verbunden sind. Sie erinnern daran, dass menschliches Leiden nicht immer in Laborwerten sichtbar wird – und dennoch zutiefst real ist. Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Räume zu schaffen, in denen Beschwerden verstanden werden dürfen, auch wenn sie sich nicht sofort erklären lassen. Denn hinter jedem Symptom steht ein Mensch. Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo dieser Mensch endlich gehört wird.
Wie immer freue ich mich über Feedback und Gedanken zum Thema. In zwei Wochen geht meine Reise durch Krankheitsbilder, die unsere Seelen durch den Körper sprechen lassen, mit dem Feld der psychosomatischen Krankheitsbilder weiter, und ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.
Constance
Somatoforme Belastungsstörung
Wenn die Seele den Körper nicht zur Ruhe kommen lassen kann.
