Psychosomatisch

Wenn die Krankheit selbst zum Symptom wird - Das weite Feld der Psychosomatik

Über psychosomatische Erkrankungen und die Sprache zwischen Körper und Seele

Es beginnt oft schleichend. Ein Druck im Magen, der nicht nachlässt. Verspannungen im Nacken, die trotz Physiotherapie immer wieder kommen. Herzrasen. Die Alltagsbelastung, der Stress oder auch einschneidende Erlebnisse wirken sich auf den Körper aus, manchmal langsam, manchmal plötzlich und kraftvoll.

Viele dieser typischen „Stresserkrankungen“ kennen wir inzwischen, können erklären, wie genau Stress oder psychische Belastung unser Nervensystem triggert und wie genau sich das auswirkt. Und trotzdem ist der Weg der Betroffenen kein leichter. „Dann entspann dich halt mal!“ „Stress dich einfach nicht so!“ – Klar, gerne! – Aber wie? Da ist der Weg zu Schmerzmitteln gegen den verspannten Rücken oder die Kopfschmerzen oder diese feinen Gels gegen Sodbrennen oder Reizmagen oft die einfachere Variante. Helfen sie doch so wunderbar gegen das Symptom und schaffen schnelle Erleichterung. Ja, Medikamente helfen! – Aber eben nur kurzfristig.

Körper und Seele – keine Gegensätze, sondern ein System

Die Vorstellung, psychische Prozesse könnten körperliche Symptome hervorrufen, wirkt für manche noch immer fremd. Dabei ist der Zusammenhang längst wissenschaftlich gut belegt.

Stress verändert die Aktivität des Nervensystems. Gefühle beeinflussen Hormone, Muskelspannung, Immunsystem und Schmerzverarbeitung. Dauerhafte seelische Belastung kann so zu realen, messbaren körperlichen Beschwerden führen – nicht eingebildet, nicht simuliert, sondern tatsächlich erlebt.

Psychosomatische Erkrankungen sind deshalb kein „weniger echtes“ Leiden. Sie sind Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Der Körper spricht – oft dort, wo Worte fehlen oder Belastungen zu lange getragen wurden.

Was psychosomatische Erkrankungen kennzeichnet

Von psychosomatischen Erkrankungen spricht man, wenn psychische Belastungen wesentlich an der Entstehung, Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung körperlicher Symptome beteiligt sind. Häufig bestehen dabei sowohl körperliche als auch seelische Anteile, die sich gegenseitig beeinflussen.

Typische Beispiele sind:

  • Reizdarmsyndrom mit Schmerzen, Durchfällen oder Verstopfung ohne klare organische Ursache

  • Chronische Schmerzstörungen, etwa Rücken- oder Kopfschmerzen

  • Migräne, die stark durch Stress oder emotionale Belastung getriggert wird

  • Neurodermitis oder Psoriasis, deren Schübe eng mit psychischer Anspannung verbunden sein können

  • Herz-Kreislauf-Beschwerden wie funktionelles Herzrasen oder Brustenge ohne strukturelle Herzerkrankung

Gemeinsam ist diesen Krankheitsbildern, dass medizinische Faktoren eine Rolle spielen – die seelische Dimension jedoch entscheidend mitwirkt.

Abgrenzung zu somatoformen Störungen (siehe meinen Artikel vom 08.02.26)

Wichtig ist die Unterscheidung zu somatoformen Störungen (heute oft als somatische Belastungsstörung bezeichnet). Hier stehen anhaltende körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung im Vordergrund – verbunden mit starkem Leiden, Sorgen um die Gesundheit und intensiver Beschäftigung mit den Symptomen.

Der zentrale Unterschied:

  • Psychosomatische Erkrankungen: Es gibt eine medizinisch beschreibbare körperliche Erkrankung, die jedoch stark durch psychische Faktoren beeinflusst wird.

  • Somatoforme Störungen: Die körperlichen Symptome bestehen, ohne dass eine ausreichende organische Ursache gefunden wird. Entscheidend ist hier vor allem die Art, wie der Körper wahrgenommen und interpretiert wird.

  • Beide Bereiche überschneiden sich in der Realität teilweise – doch die therapeutischen Zugänge können unterschiedlich sein. Deshalb ist eine sorgfältige diagnostische Einordnung wichtig.

Abgrenzung zu dissoziativen Störungen (siehe meinen Artikel vom 25.01.26)

Noch einmal anders gelagert sind dissoziative Störungen. Hier geht es weniger um körperliche Erkrankung im engeren Sinn, sondern um Abspaltungs- oder Schutzreaktionen der Psyche – etwa:

  • Erinnerungslücken

  • Depersonalisation (Gefühl, nicht wirklich im eigenen Körper zu sein)

  • funktionelle Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen ohne neurologischen Befund

Dissoziation ist oft mit traumatischen Erfahrungen verbunden und dient ursprünglich dem psychischen Schutz. Während psychosomatische Erkrankungen also die Verbindung zwischen Körper und Seele zeigen, spiegeln dissoziative Störungen eher eine Trennung oder Unterbrechung dieser Verbindung.

Die Perspektive der Betroffenen – ein zentraler Schlüssel

Wer psychosomatische Erkrankungen verstehen will, muss vor allem zuhören. Viele Betroffene berichten von einem langen Weg durch das Gesundheitssystem: zahlreiche Arzttermine, wechselnde Diagnosen, gut gemeinte, aber verletzende Aussagen wie „Da ist nichts“ oder „Das ist nur psychisch“. Solche Erfahrungen können den Leidensdruck verstärken. Denn das eigentliche Problem ist nicht nur das Symptom – sondern auch das Gefühl, damit allein zu sein.

Eine wertschätzende Haltung bedeutet deshalb:

  • Beschwerden ernst zu nehmen, unabhängig vom Befund

  • körperliche und seelische Dimension gemeinsam zu betrachten

  • Betroffene als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Erfahrung zu sehen

  • Heilung beginnt im Moment des Verstehens und des Verstandenwerdens.

Ein Fallbeispiel: Wenn der Körper stoppt, was die Seele nicht sagen kann

Frau M., 42 Jahre, arbeitet seit vielen Jahren in einer verantwortungsvollen Position. Sie gilt als zuverlässig, engagiert und belastbar. Über Monate hinweg entwickeln sich jedoch zunehmende Bauchschmerzen, Durchfälle und Erschöpfung. Zahlreiche medizinische Untersuchungen bleiben ohne klaren Befund. Schließlich wird ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert. Medikamente bringen nur begrenzte Linderung. Die Symptome kommen immer wieder, sobald die Medikamente niedriger dosiert oder abgesetzt werden.

Erst in einer psychosomatischen Behandlung zeigt sich ein tieferer Zusammenhang:

  • Hoher beruflicher Druck

  • Permanente Selbstüberforderung

  • Kaum Raum für eigene Bedürfnisse

  • Eine biografische Prägung, „stark sein zu müssen“

  • Der Körper übernimmt gewissermaßen die Funktion einer Notbremse.

Im therapeutischen Prozess lernt Frau M., Belastungsgrenzen wahrzunehmen, Gefühle auszudrücken und ihr Leben schrittweise neu auszurichten. Ergänzend helfen Entspannungsverfahren, achtsamkeitsbasierte Methoden und eine angepasste medizinische Begleitung. Die Beschwerden verschwinden nicht sofort – doch sie verändern sich. Vor allem entsteht etwas Neues: ein Gefühl von Einfluss, Verständnis und Selbstfürsorge.

Wege der Behandlung – mehrdimensional statt eindimensional

Psychosomatische Erkrankungen brauchen selten nur eine Maßnahme. Erfolgreiche Behandlung verbindet meist mehrere Ebenen:

Medizinisch

  • sorgfältige Diagnostik

  • symptomlindernde Therapie

  • Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen

Psychotherapeutisch

  • Verstehen innerer Konflikte und Belastungen

  • Entwicklung neuer Bewältigungsstrategien

  • Bearbeitung biografischer Erfahrungen

Körperorientiert

  • Entspannungsverfahren

  • Achtsamkeit

  • Bewegungstherapie

  • Regulation des Nervensystems

Entscheidend ist nicht die perfekte Methode, sondern das Zusammenspiel – und eine tragfähige therapeutische Beziehung.

Wenn Symptome Sinn ergeben

Ein ungewohnter, aber hilfreicher Perspektivwechsel besteht darin, Symptome nicht nur als Störung zu sehen, sondern auch als Signal. Nicht im Sinne einer Schuldzuweisung. Sondern als Hinweis darauf, dass etwas im Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Manchmal zeigt der Körper Grenzen, bevor wir sie bewusst wahrnehmen. Manchmal drückt er Gefühle aus, für die es noch keine Worte gibt. Und manchmal zwingt er zu einer Pause, die wir uns selbst nie erlaubt hätten. Diese Sichtweise verändert nicht die Realität des Leidens – aber sie kann einen Weg eröffnen, der über reine Symptombekämpfung hinausführt.

Fazit: Heilung beginnt mit Verbindung

Psychosomatische Erkrankungen machen sichtbar, was im Alltag leicht verloren geht: die untrennbare Verbindung zwischen Körper und Seele. Sie erinnern daran, dass Gesundheit mehr ist als das Fehlen eines Befunds. Und dass echte Heilung dort beginnt, wo Menschen in ihrer ganzen Erfahrung gesehen werden. Wenn die Krankheit ein Symptom ist, stellt sich nicht nur die Frage „Was fehlt dem Körper?“, sondern auch „Was braucht der Mensch?“

Soweit meine Reise durch unterschiedliche Krankheitsbilder, in denen sich die Seele durch den Körper „Luft macht“. In meinen nächsten Artikeln stelle ich dir einige Coaching- oder Therapiemethoden vor, die das Zusammenspiel von Körper und Seele bewusst als Katalysator für Entwicklung nutzen. Bis dahin freue ich mich wie immer über Feedback, eigene Erfahrungen, Fragen oder Anmerkungen.

Constance

Wenn Medikamente Linderung verschaffen

… aber nur kurzfristig!