Stell dir einen Menschen vor, der morgens aufsteht, duscht, die Kinder versorgt und pünktlich zur Arbeit kommt. Im Meeting ist er vorbereitet. Die Präsentation gelingt. Auf die Frage „Alles gut?“ folgt ein freundliches „Ja, klar“. Vielleicht wird sogar gelacht.
Von außen betrachtet gibt es wenig Grund zur Sorge.
Am Abend ist derselbe Mensch vollkommen erschöpft. Nicht müde im üblichen Sinne, sondern leer. Dinge, die einmal Freude gemacht haben, fühlen sich bedeutungslos an. Verabredungen werden abgesagt, nicht weil kein Interesse an den Menschen besteht, sondern weil schlicht keine Kraft mehr vorhanden ist. Und am nächsten Morgen klingelt der Wecker. Der Mensch steht auf. Und funktioniert wieder. Genau dieses Phänomen wird häufig als hochfunktionale Depression bezeichnet.
Hochfunktionale Depression ist keine eigene Diagnose
Das ist zunächst wichtig, denn der Begriff kann leicht den Eindruck erwecken, es handele sich um eine besondere Form der Depression. „Hochfunktionale Depression“ ist jedoch keine eigenständige medizinische Diagnose. Der Begriff beschreibt vielmehr ein Erscheinungsbild, bei dem Menschen depressive Symptome haben und trotzdem nach außen lange leistungsfähig bleiben.
Und genau darin liegt die besondere Herausforderung: Wir haben ein bestimmtes Bild von Depressionen im Kopf. Wir denken an Menschen, die morgens nicht mehr aufstehen können, nicht mehr arbeiten gehen, sich vollständig zurückziehen und deren Erkrankung für andere deutlich sichtbar wird.
Aber Depressionen können anders aussehen.
Menschen können arbeiten und depressiv sein. Sie können Verantwortung übernehmen und depressiv sein. Sie können erfolgreich sein, Kinder versorgen, Sport treiben, Freunde treffen und sogar lachen und trotzdem erheblich leiden. Fachleute weisen deshalb darauf hin, dass psychische Gesundheit nicht allein an äußerer Leistungsfähigkeit beurteilt werden kann.
„Aber ich funktioniere doch noch“
Unter Umständen ist genau das einer der tückischsten Sätze bei diesem Erscheinungsbild. Solange wir funktionieren, glauben wir häufig, nicht wirklich krank sein zu können.
Ich gehe doch noch arbeiten.
Andere verlassen sich auf mich.
Ich bekomme doch noch alles hin.
Andere haben viel größere Probleme.
Genau dadurch kann das Funktionieren selbst zu einem Grund werden, keine Hilfe zu suchen. Der Preis dafür bleibt für andere lange unsichtbar. Denn vielleicht gelingt das Meeting noch, aber anschließend ist kaum noch Energie vorhanden. Vielleicht funktioniert der Arbeitstag, während das Wochenende ausschließlich der Regeneration dient. Vielleicht werden Pflichten zuverlässig erledigt, während Freude, Neugier, Spontaneität und soziale Kontakte immer weiter verschwinden. Das äußere Funktionsniveau bleibt erhalten, obwohl die Bewältigung des Alltags immer mehr Kraft kostet.
Die entscheidende Frage lautet deshalb irgendwann nicht mehr: „Funktioniere ich noch?“
Sondern: „Was kostet es mich inzwischen, dieses Funktionieren aufrechtzuerhalten?“
Wenn Leistung Teil des Problems wird
Aus hypnosystemischer Perspektive wird es an dieser Stelle besonders interessant. Gunther Schmidt beschreibt psychische Symptome nicht einfach als Defekte, sondern versucht zu verstehen, in welchen Erlebensmustern Menschen organisiert sind und welche ursprünglich sinnvollen Funktionen diese Muster erfüllen.
Ein Mensch, der gelernt hat, sehr zuverlässig zu funktionieren, verfügt zunächst einmal über enorme Kompetenzen: Disziplin, Verantwortungsbewusstsein, Durchhaltevermögen, Verlässlichkeit, Leistungsorientierung und vielleicht die Fähigkeit, eigene Bedürfnisse zugunsten anderer zurückzustellen.
All das kann ausgesprochen hilfreich sein. Bis diese Kompetenzen alternativlos werden. Aus „Ich kann mich zusammenreißen, wenn es notwendig ist“ wird irgendwann „Ich darf nicht ausfallen“. Aus „Ich übernehme gerne Verantwortung“ wird „Ohne mich funktioniert es nicht“. Und aus „Ich kann viel leisten“ wird „Ich bin nur wertvoll, wenn ich leiste.“
Hypnosystemisch könnte man sagen: Eine Ressource gerät in einen problematischen Kontext. Nicht die Leistungsfähigkeit an sich ist das Problem. Das Problem entsteht, wenn ein Mensch den Zugang zu anderen möglichen Zuständen verliert: Pause. Bedürftigkeit. Hilfe annehmen. Unvollkommenheit. Einfach einmal nicht funktionieren müssen.
Die depressive Problemtrance kann sehr leistungsfähig sein
Das klingt zunächst paradox. In meinem letzten Artikel habe ich Depression als eine Art Problemtrance beschrieben, bei der Aufmerksamkeit immer stärker auf Verlust, Versagen, Mangel oder Hoffnungslosigkeit gerichtet wird. Bei einer hochfunktionalen Depression kann etwas Weiteres hinzukommen: Nach außen läuft ein hochtrainiertes Funktionsprogramm weiter. Der Kalender wird abgearbeitet. Aufgaben werden erledigt. Verpflichtungen werden erfüllt. Innerlich verengt sich das Erleben trotzdem zunehmend. Auf das, was noch erledigt werden muss. Auf das, was man noch schaffen sollte. Auf die Erwartungen anderer. Auf das eigene vermeintliche Ungenügen. Das Leben besteht immer stärker aus Anforderungen und immer weniger aus Erleben. Und genau darin kann ein zentraler Hinweis auf die Depression liegen: Nicht notwendigerweise darin, was ein Mensch noch schafft, sondern darin, was er dabei nicht mehr empfindet.
Warum das Umfeld die Depression häufig nicht erkennt
Für Partner, Freunde und Kollegen ist diese Form besonders schwer zu verstehen. Ein depressiver Mensch, der morgens nicht mehr aufstehen kann, entspricht unserer Vorstellung von Krankheit. Ein Mensch, der eine erfolgreiche Präsentation hält und zwei Stunden später zu Hause weinend auf dem Sofa sitzt, irritiert dieses Bild. Das kann zu gut gemeinten, aber schmerzhaften Reaktionen führen:
„Aber bei dir läuft doch eigentlich alles gut.“
„Du wirkst überhaupt nicht depressiv.“
Oder besonders problematisch:
„Jeder ist doch mal erschöpft.“
Für Betroffene kann genau das ihre eigene Erklärung verstärken: Vielleicht stelle ich mich tatsächlich nur an. Das Umfeld muss deshalb nicht zum Therapeuten werden. Es kann aber etwas unglaublich Wichtiges tun: die Wahrnehmung des Betroffenen ernst nehmen, auch wenn sie nicht zum äußeren Erscheinungsbild passt.
Wenn der Körper irgendwann die Rechnung präsentiert
Funktionieren benötigt Energie. Und dauerhaftes Funktionieren gegen die eigenen Bedürfnisse benötigt besonders viel davon. Erschöpfung, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, innere Leere oder Veränderungen von Appetit und Aktivität können Teil einer Depression sein. Solche Symptome können auch bei Menschen auftreten, die ihre beruflichen und familiären Verpflichtungen weiterhin erfüllen. Deshalb sollte das Ziel nicht sein, möglichst lange weiterzufunktionieren. Sondern möglichst früh wahrzunehmen: Wie geht es mir eigentlich hinter meinem Funktionieren?
Der hypnosystemische Weg: vom Funktionieren wieder zum Erleben
Therapie bedeutet aus dieser Perspektive zunächst nicht, einem leistungsorientierten Menschen seine Leistungsfähigkeit wegzunehmen. Im Gegenteil. Es geht darum, Wahlmöglichkeiten zurückzugewinnen.
Ein wichtiger therapeutischer Schritt kann darin bestehen, zwischen verschiedenen inneren Anteilen oder Bedürfnissen zu unterscheiden: dem Teil, der Verantwortung übernehmen möchte, dem Teil, der Angst vor dem Versagen hat, dem erschöpften Teil und vielleicht einem lange überhörten Teil, der sich nach Ruhe, Beziehung, Freude oder Leichtigkeit sehnt.
Dann verändert sich die therapeutische Frage. Nicht mehr: „Wie bekomme ich mich wieder dazu, besser zu funktionieren?“ Sondern: „Wie möchte ich eigentlich leben, wenn mein Wert nicht permanent davon abhängt, was ich leiste?“
Das kann bedeuten, Aufmerksamkeitsfokussierungen zu verändern, eigene Bedürfnisse wieder wahrnehmbar zu machen, Ressourcen zu reaktivieren und sehr konkret neue Erfahrungen mit Grenzen, Pausen und dem Annehmen von Unterstützung zu ermöglichen. Eine Depression sollte dabei fachlich abgeklärt werden. Je nach Diagnose, Schweregrad und Verlauf kommen insbesondere Psychotherapie und gegebenenfalls eine medikamentöse Behandlung infrage.
Vielleicht ist „hochfunktional“ gar nicht das Gegenteil von krank. Vielleicht sollten wir deshalb vorsichtig mit dem Begriff hochfunktional umgehen. Denn er kann beinahe wie ein Kompliment klingen. Wenigstens funktioniere ich noch. Dabei ist möglicherweise genau dieses Funktionieren ein Teil dessen, was das Leid so lange unsichtbar hält. Eine interessante Frage wäre deshalb nicht nur: „Wie viel schafft dieser Mensch noch?“ Sondern: „Wie viel Leben findet dabei noch statt?“ Gibt es noch Freude, die keinen Zweck erfüllen muss? Gibt es Neugier? Leichtigkeit? Nähe? Momente, in denen nichts geleistet werden muss? Darf jemand erschöpft sein, ohne sich dafür zu verurteilen? Denn psychische Gesundheit bedeutet nicht, unter allen Umständen funktionieren zu können. Vielleicht bedeutet sie vielmehr, flexibel zwischen Leistung und Erholung, Verantwortung und Unterstützung, Aktivität und Ruhe wechseln zu können.
Zum Schluss ein Perspektivwechsel
Menschen mit einer hochfunktionalen Depression benötigen häufig lange, bis sie sich erlauben, ihr Leiden überhaupt ernst zu nehmen. Vielleicht deshalb zum Abschluss eine einfache Frage:
Wenn du nicht danach beurteilen würdest, was du noch schaffst, sondern danach, wie sich dein Leben für dich anfühlt, würdest du dann zu demselben Ergebnis kommen?
Man muss nicht vollständig zusammenbrechen, um Hilfe verdient zu haben. Man muss nicht arbeitsunfähig sein, um erschöpft sein zu dürfen. Und man muss nicht aufhören zu funktionieren, bevor man anfangen darf, wieder zu leben.
Im nächsten Artikel dieser Reihe möchte ich deshalb genauer auf eine Frage schauen, die bei Depressionen immer wieder auftaucht: Wie entsteht eine Depression eigentlich? Und warum greift die Suche nach „der einen Ursache“ häufig zu kurz?
Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.
Constance
Hochfunktional
Wenn das eigene Leben läuft wie ein Uhrwerk
