Diagnose Depression - Wenn das Leben an Farbe verliert

Auch Dank eures Feedbacks habe ich mich dazu entschieden, mich in meiner nächsten Artikelserie tiefer mit dem Thema Depressionen zu beschäftigen.

Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen überhaupt. Weltweit leben nach Schätzungen der WHO rund 322 Millionen Menschen mit einer Depression. Gleichzeitig erhält selbst in wohlhabenden Ländern nur ein Teil der Betroffenen eine professionelle Behandlung. Scham, Unsicherheit und gesellschaftliche Vorurteile sorgen noch immer dafür, dass viele Menschen viel zu lange allein mit ihrem Leiden bleiben.

Auch in Deutschland zeigen aktuelle Daten, wie verbreitet depressive Symptome inzwischen sind: Im Jahr 2023 berichtete etwa jede siebte erwachsene Person über eine relevante depressive Symptomatik. Besonders alarmierend ist dabei, dass junge Erwachsene häufiger betroffen sind als ältere Menschen.

Und dennoch fühlen sich viele Betroffene mit ihrer Erkrankung vollkommen allein.

Mehr als nur Traurigkeit

Fast jeder Mensch kennt Tage, an denen alles schwerfällt. Tage, an denen man müde ist, sich zurückziehen möchte oder das Gefühl hat, dass das Leben gerade etwas zu viel verlangt. Die meisten von uns erleben Phasen von Traurigkeit, Enttäuschung oder Erschöpfung. Und doch gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen solchen Phasen und einer Depression.

Eine Depression ist nicht einfach schlechte Stimmung. Sie ist nicht mangelnde Willenskraft. Sie ist nicht Faulheit. Und sie verschwindet meist auch nicht durch einen Urlaub, ein gutes Gespräch oder die Aufforderung, doch einfach wieder positiver zu denken.

Wer noch nie eine Depression erlebt hat, kann sich oft kaum vorstellen, wie grundlegend sie das Erleben eines Menschen verändert. Viele Betroffene beschreiben, dass nicht nur ihre Stimmung dunkler wird, sondern dass sich die gesamte Beziehung zur Welt verändert. Dinge, die früher Freude gemacht haben, verlieren ihre Bedeutung. Entscheidungen fühlen sich anstrengend an. Selbst einfache Aufgaben können zu scheinbar unüberwindbaren Hürden werden.

Das Leiden der Betroffenen – und die Hilflosigkeit der Angehörigen

Mindestens ebenso belastend ist häufig die Hilflosigkeit der Menschen, die den Betroffenen nahestehen. Partner, Freunde oder Familienmitglieder erleben oft einen Menschen, den sie lieben und kennen, der sich zunehmend zurückzieht und immer weniger erreichbar erscheint. Sie möchten helfen, motivieren, unterstützen und verstehen oftmals nicht, warum ihre Bemühungen scheinbar wirkungslos bleiben.

Nicht selten entsteht auf beiden Seiten ein Gefühl von Ohnmacht. Die Betroffenen leiden darunter, anderen zur Last zu fallen. Die Angehörigen leiden darunter, nicht helfen zu können. Beide Seiten fühlen sich oft allein mit etwas, das sie nicht wirklich verstehen.

Gerade deshalb sind Depressionen häufig nicht nur die Erkrankung einer einzelnen Person. Sie betreffen ganze Beziehungssysteme. Familien, Partnerschaften und Freundschaften geraten unter Druck und suchen gemeinsam nach Erklärungen für etwas, das sich oft weder logisch erklären noch einfach stoppen lässt.

Burnout, hochfunktionale Depression und andere Begriffe

Bereits die vielen Bezeichnungen rund um das Thema Depression sorgen häufig für Verwirrung. Wir lesen von Burnout, hochfunktionaler Depression, Winterdepression, Erschöpfungsdepression oder reaktiver Depression. Diese Begriffe beschreiben oft unterschiedliche Auslöser, Lebenssituationen oder Erscheinungsformen.

Diagnostisch betrachtet sprechen wir jedoch deutlich seltener von unterschiedlichen Erkrankungen, als die öffentliche Diskussion vermuten lässt. Ob die Symptome nach einer Trennung auftreten, im Zusammenhang mit beruflicher Überlastung entstehen oder scheinbar ohne äußeren Anlass beginnen: Das zugrundeliegende Krankheitsbild bleibt häufig dasselbe.

Für Betroffene ist das oft eine entlastende Erkenntnis. Denn sie zeigt, dass es nicht darum geht, ob die Depression „berechtigt“ ist oder ob man „wirklich krank genug“ ist. Entscheidend ist das Ausmaß des Leidens und der Einschränkungen, die damit verbunden sind.

Was aus hypnosystemischer Sicht passiert

Während Menschen mit Angststörungen meist unter einer Überaktivierung ihres inneren Alarmsystems leiden, scheint bei Depressionen häufig etwas anderes zu geschehen. Viele Betroffene berichten nicht von zu viel Aktivität, sondern von zu wenig. Gefühle werden stumpfer. Interessen verblassen. Hoffnung zieht sich zurück. Die Zukunft erscheint nicht mehr offen und gestaltbar, sondern eng, düster und weitgehend vorbestimmt.

Aus hypnosystemischer Perspektive ist dabei ein Gedanke besonders interessant. Gunther Schmidt beschreibt psychisches Erleben als Ergebnis von Aufmerksamkeitsprozessen. Menschen erleben nicht einfach die objektive Realität. Sie erleben vor allem jene Ausschnitte der Realität, auf die ihr Aufmerksamkeitsfokus immer wieder gelenkt wird.

Bei einer Depression scheint diese Aufmerksamkeit häufig wie magnetisch auf das gerichtet zu werden, was nicht gelingt, was verloren ging, was schmerzt oder was möglicherweise niemals mehr besser wird. Positive Erfahrungen, Erfolge, Fähigkeiten und gelingende Beziehungen verschwinden dabei nicht tatsächlich. Sie werden lediglich immer schwerer zugänglich oder nicht mehr bewusst wahrgenommen.

Viele Betroffene beschreiben dieses Erleben sehr eindrücklich. Sie wissen oft rational, dass sie Menschen haben, die sie lieben. Sie erinnern sich daran, dass es früher bessere Zeiten gab. Und dennoch erreichen sie diese Erfahrungen emotional nicht mehr. Als würde eine Glasscheibe zwischen ihnen und ihrem bisherigen Leben stehen.

Die Depression als Problemtrance

In der Hypnosystemik würde man von einer Problemtrance sprechen. Damit ist kein mystischer Zustand gemeint, sondern die menschliche Fähigkeit, bestimmte Aspekte unseres Erlebens so stark in den Vordergrund zu rücken, dass andere Erfahrungen kaum noch erreichbar erscheinen. - Vielleicht eine Art unbewusste Selbsthypnose.

Jeder Mensch kennt dieses Phänomen aus dem Alltag. Wer frisch verliebt ist, erlebt die Welt anders. Wer große Sorgen hat, ebenfalls. Depressionen können als besonders hartnäckige Form einer solchen Problemtrance verstanden werden, bei der das Leidvolle, Schwerfällige und Hoffnungslosere immer leichter zugänglich wird als Zuversicht, Lebendigkeit oder Freude.

Gleichzeitig wäre es ein Missverständnis, Depressionen ausschließlich als Ergebnis von Gedanken zu betrachten. Depressionen sind ernsthafte Erkrankungen, bei denen biologische, psychologische, soziale und oft auch biografische Faktoren zusammenwirken. Niemand entscheidet sich für eine Depression. Niemand denkt sie sich herbei. Und niemand ist selbst schuld.

Was die Depression vielleicht zu sagen versucht

Einer der stärksten Gedanken der Hypnosystemik besteht deshalb nicht darin, Symptome wegzudiskutieren. Stattdessen wird versucht zu verstehen, welche Erfahrungen, Bedürfnisse oder Schutzmechanismen sich hinter dem depressiven Erleben verbergen könnten.

Denn paradoxerweise hat selbst eine Depression häufig eine Funktion. Manche Menschen entdecken in der Therapie, dass sie jahrelang eigene Bedürfnisse ignoriert haben. Andere erkennen, wie lange sie bereits gegen Überforderung, Verlust oder ungelöste Konflikte angekämpft haben. Wieder andere erleben die Depression wie einen brutalen, aber unüberhörbaren Stopp eines Systems, das viel zu lange über seine Grenzen gegangen ist.

Das bedeutet nicht, dass Depressionen sinnvoll oder wünschenswert wären. Aber es bedeutet, dass sie oft Hinweise auf etwas enthalten, das lange Zeit übersehen wurde.

Ein erster Schritt aus der Hilflosigkeit

Vielleicht ist genau das der wichtigste Gedanke zum Abschluss dieses ersten Artikels. Depressionen sind keine Charakterschwäche. Sie sind kein Zeichen mangelnder Disziplin. Und sie sind erst recht kein persönliches Versagen. Sie sind ernstzunehmende Erkrankungen, die tiefes Leiden verursachen können.

Gleichzeitig existieren heute gute therapeutische Möglichkeiten, Menschen auf ihrem Weg zurück ins Leben zu begleiten. Und vielleicht beginnt dieser Weg für viele Betroffene und ihre Angehörigen zunächst gar nicht mit der Frage: „Wie werde ich das möglichst schnell los?“

Vielleicht beginnt er mit einer anderen Frage:

„Was passiert hier eigentlich gerade mit mir – oder mit dem Menschen, den ich liebe?“

Denn Verstehen heilt noch nicht. Aber Verstehen schafft oft die erste Brücke zurück aus der Hilflosigkeit.

In den nächsten Artikeln dieser Reihe werden wir uns die unterschiedlichen Erscheinungsformen von Depressionen genauer anschauen. Dabei werden wir auch der Frage nachgehen, warum sich Depressionen bei verschiedenen Menschen oft völlig unterschiedlich zeigen – und weshalb manche Betroffene selbst lange nicht erkennen, dass sie bereits erkrankt sind.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Wenn das Leben an Farbe verliert

Wie Depressionen unsere Wahrnehmung und unser Erleben beeinflussen