Gesellschaft

Phobie: Wenn Angst ein Gesicht bekommt

Ein hypnosystemischer Blick auf gerichtete Phobien – und was wirklich dahintersteckt

Stell dir vor, du stehst am Bahnsteig. Die Türen öffnen sich. Menschen steigen ein, lachen, schauen auf ihre Handys – nichts Außergewöhnliches. Und doch bleibt für dich alles stehen. Dein Herz rast. Dein Körper weigert sich. Du kannst nicht einsteigen. Nicht heute. Nicht morgen. Vielleicht nie.

Du weißt, dass es „nur“ eine Bahn ist. Und doch fühlt es sich an wie Lebensgefahr.

So beginnen viele Geschichten mit gerichteten Phobien: scheinbar klar benannt, oft rational unerklärlich, und doch zutiefst real.

Was ist eigentlich eine gerichtete Phobie?

Gerichtete Phobien sind intensive Ängste vor ganz bestimmten Objekten oder Situationen: Flugzeuge, Hunde, enge Räume, Spinnen, Krankheiten, Menschenmengen. Ihre Besonderheit: Die Angst hat ein klares Ziel – aber selten eine klare Ursache.

Und genau hier beginnt das Paradox.

Wie entstehen Phobien – aus hypnosystemischer Sicht

Wenn wir den hypnosystemischen Ansatz nach Dr. Gunther Schmidt betrachten, verschiebt sich die Perspektive radikal: Angst ist kein „Defekt“, sondern ein hergestelltes inneres Erlebnis.

1. Erleben entsteht durch Aufmerksamkeit

Eine der zentralen Annahmen: „Erleben wird durch Aufmerksamkeitsfokussierung erzeugt.“ Das bedeutet: Worauf wir innerlich unsere Wahrnehmung bündeln, wird stark – körperlich, emotional, mental. Wenn eine Person beginnt, in bestimmten Situationen immer wieder auf mögliche Gefahr zu fokussieren, vernetzen sich diese Erfahrungen zu stabilen „Erlebnisnetzwerken“. Im Alltag läuft das oft unbewusst ab.

2. Problemtrance statt Störung

Gunther Schmidt beschreibt Symptome als Ergebnis einer Art „selbsthypnotischer Trance“.

Das heißt:

  • Die Aufmerksamkeit verengt sich

  • Die Wahrnehmung wird tunnelartig

  • Nur noch Bedrohung wird wahrgenommen

Diese sogenannte Problemtrance sorgt dafür, dass Menschen ihre eigene Angst ständig neu erzeugen – ohne es zu wollen. Und genau hier liegt eine große Würde dieser Sichtweise: Du bist nicht „gestört“. Dein System arbeitet – nur gerade nicht hilfreich.

3. Angst ist ein lernendes System

Phobien entstehen meist nicht plötzlich „aus dem Nichts“, sondern durch:

  • prägende Erfahrungen

  • beobachtetes Verhalten (z. B. von Bezugspersonen)

  • wiederholte innere Bewertungen („das ist gefährlich“)

  • körperliche Reaktionen, die fehlinterpretiert werden

Mit der Zeit entsteht ein stabiles Muster: Trigger → Angst → Vermeidung → kurzfristige Erleichterung → langfristige Verstärkung. So hält Vermeidung die Angst am Leben.

Warum das Objekt oft nichts mit der Ursache zu tun hat

Eine der wichtigsten – und gleichzeitig entlastendsten – Erkenntnisse: Das Objekt der Phobie ist häufig nur die Oberfläche.

Aus hypnosystemischer Sicht ist die konkrete Angst (z. B. Flugangst) oft lediglich ein „Andockpunkt“ für ein tiefer liegendes Thema wie zum Beispiel Kontrollverlust, Unsicherheit, ungelöste emotionale Erfahrungen, oder innere Konflikte.

Das System „wählt“ ein Objekt, an dem sich diese unsichtbare Spannung organisieren kann, sichtbar werden darf. Das erklärt, warum sich Ängste manchmal verändern:

  • Die Flugangst verschwindet – plötzlich entsteht Angst vor Krankheiten

  • Die soziale Angst wird besser – dafür treten körperliche Symptome auf

Wenn Angst wandert: Somatische Symptome und neue Kanäle

In vielen Fällen verändert sich das Symptom Angst noch tiefgreifender. Denn viele Betroffene erleben genau das: Die Angst geht – aber sie kommt anders zurück. Das ist kein Zufall. Man spricht davon, dass Ängste die Tendenz haben, sich auszubreiten. Angst ist ein energiegeladenes Muster im System. Wenn der ursprüngliche Ausdruck blockiert wird, sucht sich diese Energie oft neue Wege:

  • eine andere Phobie

  • diffuse, weniger greifbare Angstzustände

  • körperliche Symptome ohne klare organische Ursache

In der Forschung zeigt sich: Angst und somatoforme Beschwerden (das heißt körperlich Symptome ohne eine klare körperliche Diagnose) treten häufig gemeinsam auf, und psychischer Stress kann körperliche Symptome auslösen, obwohl keine medizinische Ursache gefunden wird. Der Körper spricht dann das aus, was innerpsychisch keinen Ausdruck findet.

Therapie: Warum Verhaltenstherapie so wirksam ist

Die Verhaltenstherapie – insbesondere die Exposition – gilt als Goldstandard. Warum? Weil sie direkt an einem zentralen Mechanismus ansetzt: Vermeidung.

Was dabei passiert:

  • Du bleibst in der Situation

  • Dein Körper aktiviert Angst

  • Du erfährst: nichts Schlimmes passiert

  • Das Gehirn lernt neu

Studien zeigen: Exposition hilft, den Kreislauf aus Angst und Vermeidung zu durchbrechen und neue, realistischere Bewertungen zu entwickeln. Oder einfacher gesagt: Das System bekommt neue Erfahrungen – und schreibt sich neu.

Und trotzdem: Warum das oft nicht ausreicht

So wirksam Exposition ist – viele Menschen erleben: Ich habe meine Angst im Griff – aber ich bin nicht wirklich frei. Warum? Weil sich die Therapie oft auf das Symptom fokussiert – nicht auf das zugrunde liegende Muster. Wenn die tiefere Dynamik nicht verstanden wird, kann Folgendes passieren: Die Angst verlagert sich, neue Symptome entstehen, oder die Belastung bleibt subtil bestehen.

Der hypnotherapeutische Weg: Mehr als „Angst wegmachen“

Hypnotherapie nach Erickson und der hypnosystemische Ansatz nach Schmidt gehen einen anderen Weg:

1. Symptome als Teil der Lösung verstehen

Statt Angst zu bekämpfen, wird gefragt: Wofür ist diese Angst gut? Das wirkt zunächst irritierend – ist aber zentral: Angst hat oft eine schützende Funktion. Sie zeigt auf ungelöste Themen. Sie ist Teil eines inneren Systems

2. Ressourcen reaktivieren

Hypnosystemik geht davon aus, dass die Fähigkeiten zur Lösung bereits vorhanden sind. Die Therapie hilft, Zugang dazu zu bekommen: über Bilder, Metaphern, innere Dialoge und gezielte Aufmerksamkeitslenkung.

3. Aufmerksamkeitsfokussierung verändern

Wenn Angst durch Fokus entsteht, kann sie auch darüber verändert werden:

  • Weg vom Problem

  • Hin zu Möglichkeiten

  • Vom „Warum ist das so?“

  • Hin zu „Wofür könnte das dienen?“

Was langfristig wirklich hilft

Nachhaltige Veränderung entsteht meist durch die Kombination:

Verhaltensebene (z. B. Exposition)

  • neue Erfahrungen sammeln

  • Vermeidung abbauen

Innere Ebene (hypnosystemisch/hypnotherapeutisch)

  • Bedeutung der Angst verstehen

  • emotionale Muster integrieren

  • Selbstwirksamkeit stärken

Eine neue Sicht auf Angst

Vielleicht ist das Wichtigste am Ende nicht, die Angst loszuwerden. Sondern zu verstehen, dass sie nicht gegen dich arbeitet, sondern für etwas in dir. - Und dass sie oft nur laut wird, wenn etwas anderes nicht gehört wird.

Zum Schluss – ein Perspektivwechsel

Vielleicht kennst du diesen Gedanken: „Ich will einfach nur, dass es aufhört.“ Und vielleicht beginnt Veränderung genau dort, wo sich dieser Satz leicht verschiebt: „Ich möchte verstehen, warum es da ist.“

Denn oft ist Angst kein Gegner. Sondern ein sehr intensiver Versuch deines Systems, dich auf etwas hinzuweisen, das gesehen werden will.

In zwei Wochen geht meine Reise durch die Ängste weiter. Dieses mal mit zwei weniger bekannten Krankheitsbildern: Der generalisierten Angststörung (GAS) und der ängstlich-vermeidenden Persönlichkeitsstörung. Bei beiden handelt es sich um Muster, die deutlich subtiler und leiser daherkommen, aber nicht weniger belastend sind als die beiden deutlich lauteren Muster Phobie und Panik.

Ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Wenn die Angst plötzlich größer ist als du

Eine Innenansicht von Panik – und warum sie entsteht

Es gibt Momente, die lassen sich kaum beschreiben. Nicht, weil sie so unklar sind –,sondern weil sie im Gegenteil so überwältigend eindeutig sind. Gefahr. Jetzt. Hier. Und du bist mittendrin.

Der erste Moment

Vielleicht beginnt es wieder so unscheinbar, dass du es fast übersiehst. Ein Herzschlag zu viel. Ein Atemzug, der sich plötzlich enger anfühlt. Ein kleines Kippen im Körper. Und dann – fast unmerklich – verändert sich etwas Grundlegendes: Deine Aufmerksamkeit zieht sich zusammen. Was eben noch Hintergrund war, rückt nach vorne. Der Körper wird laut. Du hörst dein Herz. Du spürst deine Atmung. Du bemerkst Dinge, die sonst still und selbstverständlich funktionieren. Und dann kommt er, dieser Satz, der sich nicht mehr wegschieben lässt:

„Irgendwas stimmt nicht.“

Wenn es dich übernimmt

Es gibt einen Moment, da wird aus diesem Gedanken Gewissheit. Nicht logisch, nicht geprüft – sondern körperlich. Dein System schaltet um. Als würde jemand einen Schalter umlegen, auf den du keinen Zugriff hast. Und plötzlich ist alles da, gleichzeitig: Das Herz rast. Die Luft wird knapp. Dein Körper spannt sich an, als müsste er gleich losrennen oder kämpfen.

In Wahrheit passiert genau das: Dein Körper aktiviert ein uraltes Schutzprogramm – Kampf oder Flucht. Nur: Es gibt nichts, wovor du fliehen kannst. Und genau das macht es so unerträglich.

Aber warum passiert das überhaupt?

Vielleicht ist das die Frage, die nach der ersten oder zweiten Attacke bleibt: Warum ich? Warum jetzt? Und warum so heftig? Und vielleicht ist die ehrlichste Antwort: Es gibt nicht den einen Grund. Sondern eher eine bestimmte Art, wie sich etwas in dir über längere Zeit aufgebaut hat. Oft beginnt es nicht mit Panik. Sondern mit etwas viel Leiserem:

  • mit Anspannung, die nicht ganz weggeht

  • mit Gedanken, die sich immer wieder drehen

  • mit einem Körper, der schon länger „ein bisschen zu wach“ ist

  • mit Situationen, die mehr Anforderungen stellen, als gerade gut zu bewältigen sind

Nichts davon muss dramatisch sein. Im Gegenteil: Oft ist es genau das, was „noch irgendwie geht“.

Bis dein System irgendwann entscheidet: Jetzt reagiere ich! -Voll und ganz!

Der Moment, in dem Innen zu Gefahr wird

Was viele überrascht: Die Panik kommt oft nicht von außen. Sie kommt von innen. Ein Herzschlag. Ein kurzer Schwindel. Ein Gefühl von Enge.

Und genau hier passiert etwas Entscheidendes: Dein System deutet dieses Signal als Bedrohung. Nicht bewusst. Sondern automatisch. Die Amygdala, dein inneres Alarmsystem, erkennt „Gefahr“ – und startet das volle Schutzprogramm.

Der Körper reagiert. Und erst dann kommt der Gedanke. „Was ist das? Das ist doch nicht normal.“

Ein System, das es „zu gut meint“

Vielleicht hilft dieser Gedanke: Panik entsteht nicht, weil dein Körper versagt. Sondern weil er seine Aufgabe sehr ernst nimmt. Er schützt dich. Er reagiert schnell. Er reagiert stark. Und manchmal reagiert er auf Signale, die gar keine echte Bedrohung sind. Ein bisschen so, wie ein Rauchmelder, der auch dann losgeht, wenn du nur stark anbrätst. Nicht defekt. Aber sehr sensibel eingestellt.

Wie sich das verstärkt

Wenn das einmal passiert ist, verändert sich etwas. Vielleicht beobachtest du deinen Körper aufmerksamer. Du horchst mehr nach innen. Und das ist völlig verständlich. Aber genau dadurch werden kleine Signale schneller entdeckt. Und schneller bewertet. Und manchmal entsteht daraus genau diese Schleife: Du spürst etwas → du deutest es als gefährlich → dein Körper reagiert stärker → du spürst noch mehr → und plötzlich ist sie wieder da. Die Panik. Nicht aus dem Nichts. Sondern aus einem Zusammenspiel, das sich selbst verstärkt.

Und dann ebbt es ab

Vielleicht das Verwirrendste: Irgendwann lässt es nach. Nicht, weil du es bewusst gestoppt hast. Sondern weil dein Körper diesen Zustand nicht halten kann. Der Sturm zieht durch dich hindurch. Und dann wird es wieder ruhiger. Doch etwas bleibt.

Der Moment danach: Der Boden verschiebt sich

Nach der Attacke beginnt oft etwas, das subtil, aber tiefgreifend ist. Ein Zweifel. Kann ich mich noch auf meinen Körper verlassen? Und daraus entsteht ein neuer Fokus. Du prüfst häufiger. Du vermeidest vielleicht bestimmte Situationen. Du willst vorbereitet sein. Und ganz langsam – fast unbemerkt – verändert sich dein Alltag.

Wenn die Angst vor der Angst übernimmt

Hier beginnt das, was wir eine Panikstörung nennen. Nicht einfach, weil Panikattacken auftreten – sondern weil die Angst davor, sie wieder zu erleben, dein Leben mitsteuert.

Vielleicht kennst du das:

  • Du gehst nicht mehr an bestimmte Orte.

  • Du fühlst dich sicherer, wenn jemand dabei ist.

  • Du scannst deinen Körper permanent.

  • Du fragst dich immer wieder: „Kommt es gleich wieder?“

Und genau diese Wachsamkeit hält das System aktiv. Es bleibt bereit. Es wartet. Und dadurch reicht immer weniger, um es anzustoßen.

Eine andere Art, es zu verstehen

Aus hypnosystemischer Sicht passiert hier etwas sehr Logisches. Dein System hat gelernt, einen bestimmten Zustand schnell zu erzeugen. Einen Zustand aus hoher Körperaktivierung, enger Aufmerksamkeit, intensiver Bedeutungsgebung. Und je öfter dieser Zustand entsteht, desto leichter wird er wieder aktiviert. Man könnte sagen: Dein System „kann“ Panik. Sehr schnell. Sehr effektiv. Nicht, weil etwas falsch ist. Sondern weil etwas gelernt wurde.

Ein leiser Perspektivwechsel

Vielleicht ist das Herausforderndste – und Entlastendste – dieser Gedanke: Deine Panik hat eine Geschichte. Sie entsteht nicht plötzlich. Sie ist das Ergebnis von Prozessen, die sich aufgebaut haben. Und genau deshalb ist sie auch veränderbar. Nicht durch Wegdrücken. Nicht durch Kampf. Sondern durch ein anderes Verstehen. Ein anderes Wahrnehmen. Ein anderes Umgehen mit dem, was in dir passiert.

Und vielleicht ein Satz, den du mitnehmen kannst

Wenn du mitten in einer Panikattacke bist, fühlt sich alles endgültig an. Aber es ist es nicht. Es ist eine Welle. Keine Katastrophe. Und jede Welle hat einen Anfang. Und sie hat ein Ende.

Oft hilft es bereits, an der Bewertung der individuellen Körperreaktionen zu arbeiten. Wer darauf wartet, dass das Herz zu rasen anfängt, weil man vielleicht unter vielen Menschen ist oder ganz allein, weil man mit einem öffentlichen Verkehrsmittel unterwegs ist, man mit dem Aufzug fahren muss, der Arzt ein MRT verschrieben hat und so weiter und so fort, der wird dieses Herzrasen auch verspüren. Und wer davon überzeugt ist, dass dieses Herzrasen zu einer Panikattacke führt, wird diese auch verspüren. Und wer davon überzeugt ist, dass eine Panikattacke eine Katastrophe ist, der wird unweigerlich in das dunkle Panik-Loch fallen.

Die Stanford-Professorin Kelly McGonigal konnte mit einem Forschungsteam nachweisen, dass Angst und Stress vor allem auch eine Frage der Bewertung sind. Die körperlichen Reaktionen bei großer Vorfreude sind identisch mit denen bei Angst. Beides ist körperliche Erregung, die als Arousal bezeichnet wird. Hierbei muss ich immer wieder an meine Hochzeit denken. Ich stand mit meinem Bruder vor der Kirche. Mein Herz hat wie wild gerast, mein Mund war trocken, ich hatte feuchte Hände, in meinem Kopf hat sich alles gedreht. Für einen kurzen Moment dachte ich, ich würde ohnmächtig werden. Panikattacke oder unglaubliche Vorfreude auf einen der schönsten Momente meines Lebens?

Und vielleicht dürfen wir uns einen gelegentlichen Anflug von Panik ja auch einfach gönnen, weil es eine zutiefst menschliche Reaktion ist. Denn Panik ist ein Zeichen dafür, dass unser Körper funktioniert, nicht, dass er fehlerhaft ist. Und deshalb beschreibe ich in meinem nächsten Artikel einige Möglichkeiten, mit dieser aufkommenden Panik umzugehen.

Constance

Wenn die Angst plötzlich größer ist als du

Panikattacken und das Gefühl der Hilflosigkeit

Vom Schutz zur Belastung - wie Angst entsteht und zur Störung werden kann

Nachdem wir im ersten Artikel betrachtet haben, warum Angst kein Defekt, sondern eine hochintelligente menschliche Fähigkeit ist, stellt sich zwangsläufig die nächste Frage: Wie wird aus einer grundsätzlich sinnvollen Angstreaktion eigentlich eine Angststörung? Und: Warum entwickelt nicht jeder Mensch die gleichen Ängste? - Oder Angststörungen.

Die Antworten darauf sind überraschend komplex – und gleichzeitig oft entlastend. Denn Angst entsteht nicht einfach. Sie wird gelernt. Und sie ergibt – aus Sicht unseres inneren Systems – meist einen sehr guten Sinn.

Angst ist ein Ergebnis von Lernerfahrungen – nicht von Schwäche

Aus hypnosystemischer Sicht (u. a. nach Gunther Schmidt) ist Angst kein zufälliges Ereignis. Sie ist das Ergebnis von Erfahrungs- und Lernprozessen, die unser Nervensystem im Laufe unseres Lebens organisiert. Unser Gehirn speichert dabei nicht nur Fakten, sondern vor allem Bedeutungen:

  • Was ist sicher?

  • Was ist gefährlich?

  • Wann droht Ablehnung?

  • Was muss ich tun, um dazuzugehören?

Diese Bewertungen entstehen häufig früh, unbewusst und hoch emotional verankert. Ein einfaches Beispiel: Ein Kind erlebt wiederholt, dass Fehler zu Kritik oder Rückzug führen. Das System lernt: „Fehler sind gefährlich.“ Später im Erwachsenenleben kann genau daraus eine ausgeprägte Angst vor Bewertung entstehen – etwa in Meetings, Präsentationen oder Feedbacksituationen. Wichtig dabei ist, dass diese Angst keine Fehlfunktion ist. Sie ist eine logische Reaktion auf frühere Lernerfahrungen.

Jedes Nervensystem baut seine eigene „Landkarte der Gefahr“

Milton Erickson hat früh beschrieben, dass Menschen nicht auf die Realität selbst reagieren, sondern auf ihre individuelle innere Repräsentation von Realität. Oder vereinfacht: Nicht die Situation an sich macht Angst – sondern die Bedeutung, die unser System ihr gibt. Deshalb entwickeln Menschen unterschiedliche Ängste, selbst wenn sie ähnliche Dinge erleben.

Ein und dieselbe Situation kann völlig unterschiedlich bewertet werden:

  • Für den einen ist eine Präsentation eine Chance

  • Für den anderen ein massives Bedrohungsszenario

Warum?

Weil jedes Nervensystem seine eigene Erfahrungslandkarte entwickelt hat.
Eine Landkarte, die beeinflusst ist durch frühe Bindungserfahrungen, individuelle Persönlichkeitsprägungen, prägende Einzelereignisse, beobachtetes Verhalten (z. B. von Eltern oder Bezugspersonen), kulturelle und soziale Kontexte.

Aus hypnosystemischer Sicht entsteht Angst also nicht „objektiv“, sondern subjektiv sinnvoll.

Angststörungen sind oft das Ergebnis von gut gemeinten Schutzstrategien

Ein besonders wichtiger Gedanke aus der hypnosystemischen Arbeit lautet:

Symptome sind häufig Lösungsversuche des Systems.

Das klingt zunächst irritierend – trifft aber einen zentralen Punkt. Viele Angstmuster entwickeln sich, weil das System versucht, uns vor etwas zu schützen, das es als bedrohlich gelernt hat. Typische Beispiele sind hierbei:

  • Vermeidung schützt vor Überforderung oder Beschämung

  • Kontrollverhalten schützt vor Unsicherheit oder Kontrollverlust

  • Rückzug schützt vor Ablehnung

  • ständiges Grübeln versucht, Risiken vorhersehbar zu machen

Das Problem ist dabei nicht die ursprüngliche Funktion. Das Problem ist, dass diese Strategien langfristig oft immer mehr Raum einnehmen. Was als Schutz beginnt, wird irgendwann selbst zur Einschränkung.

Warum sich Angst manchmal „verselbstständigt“

Ein zentraler Mechanismus bei der Entstehung von Angststörungen ist die sogenannte Selbstverstärkung von Angst. Das Nervensystem lernt dabei nicht nur die ursprüngliche Angst – sondern auch die Reaktion auf die Angst.

Beispiel:

  • Eine Person erlebt Herzrasen in einer stressigen Situation

  • Das wird als gefährlich bewertet („Ich verliere die Kontrolle“)

  • Die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf den Körper

  • Weitere körperliche Reaktionen entstehen

  • Die Angst verstärkt sich

So entsteht ein Kreislauf, den viele Betroffene sehr gut kennen: Angst → Fokus auf Symptome → stärkere Symptome → noch mehr Angst

Aus ericksonscher Perspektive könnte man sagen: Das System gerät in eine Art Trancezustand der Bedrohung, in dem sich Wahrnehmung zunehmend verengt.

Warum nicht alle dieselben Ängste entwickeln

Eine der häufigsten Fragen lautet: Warum entwickelt der eine eine Angststörung – und der andere nicht Die Antwort liegt weniger in einzelnen Ereignissen, sondern vielmehr in der Kombination vieler Faktoren:

1. Unterschiedliche Bedeutungszuschreibungen: Was für den einen harmlos ist, kann für den anderen existenziell wirken.

2. Unterschiedliche Lerngeschichten: Nicht das Ereignis zählt – sondern die Lernerfahrung dahinter.

3. Unterschiedliche Ressourcen: Unterstützung, Selbstwirksamkeitserfahrungen und Beziehungssicherheit wirken oft stabilisierend.

4. Unterschiedliche innere Strategien: Manche Systeme gehen eher in Vermeidung, andere in Überanpassung, wieder andere in Kontrolle.

5. Unterschiedliche Aufmerksamkeitsfokussierungen: Worauf richtet sich meine Wahrnehmung – auf Gefahr oder auf Bewältigung?

All das führt dazu, dass Angst immer ein hoch individuelles Phänomen ist.

Hypnosystemisch betrachtet: Angst macht Sinn – auch wenn sie belastet

Ein zentraler Perspektivwechsel besteht darin, Angst nicht vorschnell „wegmachen“ zu wollen, sondern zunächst zu verstehen: „Wofür ist diese Angst – in meinem System – ursprünglich einmal hilfreich gewesen?“ Diese Frage verändert vieles: Sie reduziert inneren Kampf. Sie schafft Selbstmitgefühl. Sie öffnet den Blick für Alternativen. Denn wenn Angst als sinnvoller Teil des Systems verstanden wird, kann Veränderung auf einer anderen Ebene beginnen. - Nicht gegen das System. Sondern mit dem System.

Veränderung beginnt nicht mit Kontrolle – sondern mit Verständnis

Sowohl Gunther Schmidt als auch Milton Erickson betonen, dass nachhaltige Veränderung selten durch Kontrolle, Druck oder „Zusammenreißen“ entsteht. Sondern durch neue Erfahrungen, veränderte Aufmerksamkeitsfokussierung, Zugang zu Ressourcen und Erweiterung innerer Handlungsspielräume. Oder anders gesagt: Angst verändert sich nicht dadurch, dass wir sie bekämpfen. Sondern dadurch, dass unser System lernt, neue Bewertungen und Möglichkeiten zu entwickeln.

Ein erster wichtiger Schritt

Vielleicht ist einer der wichtigsten Schritte im Umgang mit Angst nicht die Frage: „Wie bekomme ich das weg?“ Sondern vielmehr: „Welche Geschichte erzählt mein System hier – und wovor versucht es mich zu schützen?“ Denn genau dort beginnt das Verständnis. - Und mit dem Verständnis oft auch die Veränderung.

Ausblick

Im nächsten Artikel werden wir einen genaueren Blick darauf werfen, was bei Panikattacken passiert – körperlich, psychologisch und aus systemischer Perspektive. Und wir werden uns anschauen, warum genau diese Zustände sich oft so bedrohlich anfühlen, obwohl sie es objektiv betrachtet nicht sind.

Bis dahin wünsche ich dir ein schönes und sonniges Pfingstwochenende. Wie immer freue ich mich über dein Feedback und deine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem Thema Angst.

Constance

Vermeidung statt Mut?

Wie Ängste zur Belastung werden..