Psychische Erkrankung

Wenn die Krankheit selbst zum Symptom wird - Das weite Feld der Psychosomatik

Über psychosomatische Erkrankungen und die Sprache zwischen Körper und Seele

Es beginnt oft schleichend. Ein Druck im Magen, der nicht nachlässt. Verspannungen im Nacken, die trotz Physiotherapie immer wieder kommen. Herzrasen. Die Alltagsbelastung, der Stress oder auch einschneidende Erlebnisse wirken sich auf den Körper aus, manchmal langsam, manchmal plötzlich und kraftvoll.

Viele dieser typischen „Stresserkrankungen“ kennen wir inzwischen, können erklären, wie genau Stress oder psychische Belastung unser Nervensystem triggert und wie genau sich das auswirkt. Und trotzdem ist der Weg der Betroffenen kein leichter. „Dann entspann dich halt mal!“ „Stress dich einfach nicht so!“ – Klar, gerne! – Aber wie? Da ist der Weg zu Schmerzmitteln gegen den verspannten Rücken oder die Kopfschmerzen oder diese feinen Gels gegen Sodbrennen oder Reizmagen oft die einfachere Variante. Helfen sie doch so wunderbar gegen das Symptom und schaffen schnelle Erleichterung. Ja, Medikamente helfen! – Aber eben nur kurzfristig.

Körper und Seele – keine Gegensätze, sondern ein System

Die Vorstellung, psychische Prozesse könnten körperliche Symptome hervorrufen, wirkt für manche noch immer fremd. Dabei ist der Zusammenhang längst wissenschaftlich gut belegt.

Stress verändert die Aktivität des Nervensystems. Gefühle beeinflussen Hormone, Muskelspannung, Immunsystem und Schmerzverarbeitung. Dauerhafte seelische Belastung kann so zu realen, messbaren körperlichen Beschwerden führen – nicht eingebildet, nicht simuliert, sondern tatsächlich erlebt.

Psychosomatische Erkrankungen sind deshalb kein „weniger echtes“ Leiden. Sie sind Ausdruck eines komplexen Zusammenspiels biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Der Körper spricht – oft dort, wo Worte fehlen oder Belastungen zu lange getragen wurden.

Was psychosomatische Erkrankungen kennzeichnet

Von psychosomatischen Erkrankungen spricht man, wenn psychische Belastungen wesentlich an der Entstehung, Aufrechterhaltung oder Verschlimmerung körperlicher Symptome beteiligt sind. Häufig bestehen dabei sowohl körperliche als auch seelische Anteile, die sich gegenseitig beeinflussen.

Typische Beispiele sind:

  • Reizdarmsyndrom mit Schmerzen, Durchfällen oder Verstopfung ohne klare organische Ursache

  • Chronische Schmerzstörungen, etwa Rücken- oder Kopfschmerzen

  • Migräne, die stark durch Stress oder emotionale Belastung getriggert wird

  • Neurodermitis oder Psoriasis, deren Schübe eng mit psychischer Anspannung verbunden sein können

  • Herz-Kreislauf-Beschwerden wie funktionelles Herzrasen oder Brustenge ohne strukturelle Herzerkrankung

Gemeinsam ist diesen Krankheitsbildern, dass medizinische Faktoren eine Rolle spielen – die seelische Dimension jedoch entscheidend mitwirkt.

Abgrenzung zu somatoformen Störungen (siehe meinen Artikel vom 08.02.26)

Wichtig ist die Unterscheidung zu somatoformen Störungen (heute oft als somatische Belastungsstörung bezeichnet). Hier stehen anhaltende körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung im Vordergrund – verbunden mit starkem Leiden, Sorgen um die Gesundheit und intensiver Beschäftigung mit den Symptomen.

Der zentrale Unterschied:

  • Psychosomatische Erkrankungen: Es gibt eine medizinisch beschreibbare körperliche Erkrankung, die jedoch stark durch psychische Faktoren beeinflusst wird.

  • Somatoforme Störungen: Die körperlichen Symptome bestehen, ohne dass eine ausreichende organische Ursache gefunden wird. Entscheidend ist hier vor allem die Art, wie der Körper wahrgenommen und interpretiert wird.

  • Beide Bereiche überschneiden sich in der Realität teilweise – doch die therapeutischen Zugänge können unterschiedlich sein. Deshalb ist eine sorgfältige diagnostische Einordnung wichtig.

Abgrenzung zu dissoziativen Störungen (siehe meinen Artikel vom 25.01.26)

Noch einmal anders gelagert sind dissoziative Störungen. Hier geht es weniger um körperliche Erkrankung im engeren Sinn, sondern um Abspaltungs- oder Schutzreaktionen der Psyche – etwa:

  • Erinnerungslücken

  • Depersonalisation (Gefühl, nicht wirklich im eigenen Körper zu sein)

  • funktionelle Lähmungen oder Sensibilitätsstörungen ohne neurologischen Befund

Dissoziation ist oft mit traumatischen Erfahrungen verbunden und dient ursprünglich dem psychischen Schutz. Während psychosomatische Erkrankungen also die Verbindung zwischen Körper und Seele zeigen, spiegeln dissoziative Störungen eher eine Trennung oder Unterbrechung dieser Verbindung.

Die Perspektive der Betroffenen – ein zentraler Schlüssel

Wer psychosomatische Erkrankungen verstehen will, muss vor allem zuhören. Viele Betroffene berichten von einem langen Weg durch das Gesundheitssystem: zahlreiche Arzttermine, wechselnde Diagnosen, gut gemeinte, aber verletzende Aussagen wie „Da ist nichts“ oder „Das ist nur psychisch“. Solche Erfahrungen können den Leidensdruck verstärken. Denn das eigentliche Problem ist nicht nur das Symptom – sondern auch das Gefühl, damit allein zu sein.

Eine wertschätzende Haltung bedeutet deshalb:

  • Beschwerden ernst zu nehmen, unabhängig vom Befund

  • körperliche und seelische Dimension gemeinsam zu betrachten

  • Betroffene als Expertinnen und Experten ihrer eigenen Erfahrung zu sehen

  • Heilung beginnt im Moment des Verstehens und des Verstandenwerdens.

Ein Fallbeispiel: Wenn der Körper stoppt, was die Seele nicht sagen kann

Frau M., 42 Jahre, arbeitet seit vielen Jahren in einer verantwortungsvollen Position. Sie gilt als zuverlässig, engagiert und belastbar. Über Monate hinweg entwickeln sich jedoch zunehmende Bauchschmerzen, Durchfälle und Erschöpfung. Zahlreiche medizinische Untersuchungen bleiben ohne klaren Befund. Schließlich wird ein Reizdarmsyndrom diagnostiziert. Medikamente bringen nur begrenzte Linderung. Die Symptome kommen immer wieder, sobald die Medikamente niedriger dosiert oder abgesetzt werden.

Erst in einer psychosomatischen Behandlung zeigt sich ein tieferer Zusammenhang:

  • Hoher beruflicher Druck

  • Permanente Selbstüberforderung

  • Kaum Raum für eigene Bedürfnisse

  • Eine biografische Prägung, „stark sein zu müssen“

  • Der Körper übernimmt gewissermaßen die Funktion einer Notbremse.

Im therapeutischen Prozess lernt Frau M., Belastungsgrenzen wahrzunehmen, Gefühle auszudrücken und ihr Leben schrittweise neu auszurichten. Ergänzend helfen Entspannungsverfahren, achtsamkeitsbasierte Methoden und eine angepasste medizinische Begleitung. Die Beschwerden verschwinden nicht sofort – doch sie verändern sich. Vor allem entsteht etwas Neues: ein Gefühl von Einfluss, Verständnis und Selbstfürsorge.

Wege der Behandlung – mehrdimensional statt eindimensional

Psychosomatische Erkrankungen brauchen selten nur eine Maßnahme. Erfolgreiche Behandlung verbindet meist mehrere Ebenen:

Medizinisch

  • sorgfältige Diagnostik

  • symptomlindernde Therapie

  • Zusammenarbeit verschiedener Fachrichtungen

Psychotherapeutisch

  • Verstehen innerer Konflikte und Belastungen

  • Entwicklung neuer Bewältigungsstrategien

  • Bearbeitung biografischer Erfahrungen

Körperorientiert

  • Entspannungsverfahren

  • Achtsamkeit

  • Bewegungstherapie

  • Regulation des Nervensystems

Entscheidend ist nicht die perfekte Methode, sondern das Zusammenspiel – und eine tragfähige therapeutische Beziehung.

Wenn Symptome Sinn ergeben

Ein ungewohnter, aber hilfreicher Perspektivwechsel besteht darin, Symptome nicht nur als Störung zu sehen, sondern auch als Signal. Nicht im Sinne einer Schuldzuweisung. Sondern als Hinweis darauf, dass etwas im Leben aus dem Gleichgewicht geraten ist. Manchmal zeigt der Körper Grenzen, bevor wir sie bewusst wahrnehmen. Manchmal drückt er Gefühle aus, für die es noch keine Worte gibt. Und manchmal zwingt er zu einer Pause, die wir uns selbst nie erlaubt hätten. Diese Sichtweise verändert nicht die Realität des Leidens – aber sie kann einen Weg eröffnen, der über reine Symptombekämpfung hinausführt.

Fazit: Heilung beginnt mit Verbindung

Psychosomatische Erkrankungen machen sichtbar, was im Alltag leicht verloren geht: die untrennbare Verbindung zwischen Körper und Seele. Sie erinnern daran, dass Gesundheit mehr ist als das Fehlen eines Befunds. Und dass echte Heilung dort beginnt, wo Menschen in ihrer ganzen Erfahrung gesehen werden. Wenn die Krankheit ein Symptom ist, stellt sich nicht nur die Frage „Was fehlt dem Körper?“, sondern auch „Was braucht der Mensch?“

Soweit meine Reise durch unterschiedliche Krankheitsbilder, in denen sich die Seele durch den Körper „Luft macht“. In meinen nächsten Artikeln stelle ich dir einige Coaching- oder Therapiemethoden vor, die das Zusammenspiel von Körper und Seele bewusst als Katalysator für Entwicklung nutzen. Bis dahin freue ich mich wie immer über Feedback, eigene Erfahrungen, Fragen oder Anmerkungen.

Constance

Wenn Medikamente Linderung verschaffen

… aber nur kurzfristig!

Wenn der Körper nicht zur Ruhe kommt - ein Blick auf somatoforme Störungen

Somato… – was?

Es beginnt oft unspektakulär. Ein Ziehen im Rücken, das nicht mehr verschwindet. Müdigkeit, die durch Schlaf nicht besser wird. Herzklopfen, Schwindel, Magenbeschwerden – Symptome, die real sind, spürbar, belastend. Viele Betroffene suchen ärztliche Hilfe, lassen Untersuchungen durchführen, hoffen auf eine klare Diagnose. Doch nicht selten lautet das Ergebnis: medizinisch unauffällig.

Für die Betroffenen ist das selten eine Erleichterung. Im Gegenteil. Die Beschwerden bleiben, der Leidensdruck wächst – und gleichzeitig entsteht das quälende Gefühl, nicht wirklich verstanden zu werden. Genau hier beginnt das Feld der somatoformen Störungen, die heute häufig unter dem Begriff somatische Belastungsstörung beschrieben werden.

Reale Schmerzen ohne klare organische Erklärung

Ein zentrales Missverständnis besteht darin, zu glauben, diese Beschwerden seien „eingebildet“. Das sind sie nicht. Menschen mit somatoformen Störungen leiden tatsächlich – körperlich wie seelisch. Moderne Forschung zeigt, wie eng Nervensystem, Stressverarbeitung, Emotionen und Körperwahrnehmung miteinander verbunden sind. Der Körper reagiert auf Belastung, manchmal leiser, manchmal sehr deutlich.

Für viele Betroffene wird der Körper zum Ort, an dem sich etwas ausdrückt, das keine Worte gefunden hat. Nicht bewusst gesteuert, nicht gewollt – sondern als Reaktion eines hochsensiblen Systems.

Die Symptome können dabei sehr unterschiedlich sein. Manche erleben über Jahre hinweg wechselnde Beschwerden in verschiedenen Körperregionen. Andere leiden vor allem unter anhaltenden Schmerzen, die ihren Alltag zunehmend einschränken. Wieder andere sind von intensiver Krankheitsangst geprägt, beobachten ihren Körper aufmerksam und leben in ständiger Sorge, eine schwere Erkrankung könnte übersehen worden sein.

Unabhängig von der konkreten Ausprägung verbindet viele Betroffene eine gemeinsame Erfahrung: der lange Weg durch medizinische Abklärungen, Hoffnung und Enttäuschung, Zweifel von außen – und oft auch Selbstzweifel.

Nähe und Unterschied zu dissoziativen Störungen

Somatoforme und dissoziative Störungen, die ich in meinem letzten Artikel ausführlicher behandelt habe, liegen klinisch nah beieinander. Beide können mit überwältigendem Stress, biografischen Belastungen oder traumatischen Erfahrungen zusammenhängen. Beide zeigen, dass der menschliche Organismus Wege findet, mit Überforderung umzugehen, wenn andere Ausdrucksmöglichkeiten fehlen.

Der Unterschied liegt weniger im Leidensdruck – der ist in beiden Fällen hoch – sondern eher in der Art des Erlebens.

Bei somatoformen Störungen steht der Körper mit seinen Schmerzen, Empfindungen und Funktionsstörungen im Vordergrund, während Bewusstsein, Erinnerung und Identität meist stabil bleiben. Dissoziative Störungen hingegen betreffen stärker das psychische Erleben selbst: Erinnerungslücken, das Gefühl, neben sich zu stehen, oder neurologisch wirkende Ausfälle wie Taubheitsgefühle oder Lähmungen ohne organische Ursache.

In der therapeutischen Praxis verschwimmen diese Grenzen jedoch häufig. Viele Fachleute verstehen beide Störungsbilder heute als unterschiedliche Ausdrucksformen derselben grundlegenden Dynamik: eines Nervensystems, das unter zu viel Spannung steht und nach Regulierung sucht.

Ein häufiges, aber wenig verstandenes Krankheitsbild

Somatoforme Störungen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen – auch wenn sie selten so benannt werden. Ein spürbarer Anteil der Bevölkerung ist betroffen, und in Hausarztpraxen machen körperliche Beschwerden ohne ausreichende organische Erklärung einen großen Teil der Konsultationen aus. -Studien kommen auf einen Anteil von bis zu einem Drittel der Patienten.

Trotzdem dauert es oft lange, bis Betroffene eine passende psychosomatische Unterstützung erhalten. Viele bewegen sich jahrelang zwischen Fachrichtungen, ohne dass sich ihr Zustand grundlegend verbessert. Nicht selten entsteht dabei ein Gefühl von Isolation: krank sein – ohne eine klar sichtbare Krankheit zu haben. Nicht selten mündet der Leidensdruck in Selbstmedikation, die zu Suchterkrankungen führen kann.

Wie solche Beschwerden entstehen können

Die Entstehung somatoformer Störungen lässt sich nicht auf eine einzelne Ursache reduzieren. Vielmehr zeigt sich ein Zusammenspiel biologischer Empfindlichkeiten, psychischer Erfahrungen und sozialer Lebensumstände.

Ein dauerhaft aktiviertes Stresssystem kann Körperempfindungen verstärken. Belastende Lebensereignisse oder frühe Erfahrungen können die Fähigkeit beeinflussen, Gefühle wahrzunehmen und zu regulieren. Fehlende Unterstützung im Umfeld kann Symptome zusätzlich verfestigen.

Aus dieser Perspektive erscheinen die Beschwerden nicht mehr rätselhaft, sondern sinnvoll – als Ausdruck eines Organismus, der versucht, mit innerer Spannung umzugehen.

Der schwierige Weg zur Diagnose

Für Betroffene ist die Phase der Diagnostik oft besonders belastend. Einerseits ist es wichtig, körperliche Erkrankungen sorgfältig auszuschließen. Andererseits kann genau dieser Prozess das Gefühl verstärken, „zwischen allen Stühlen“ zu sitzen.

Entscheidend ist daher, wie die Diagnose vermittelt wird. Wird sie als „Sie sind gesund, es ist nur psychisch“ dargestellt, vertieft das die Verunsicherung. Wird sie hingegen als verständliche Reaktion eines komplexen Systems erklärt, kann erstmals Entlastung entstehen.

Viele Betroffene berichten, dass allein das Ernstgenommenwerden einen Wendepunkt darstellt.

Wege der Behandlung – und der Hoffnung

Auch wenn somatoforme Störungen oft lange bestehen, sind sie behandelbar. Psychotherapeutische Verfahren können helfen, Zusammenhänge zwischen Stress, Emotionen und Körper besser zu verstehen und neue Formen der Selbstregulation zu entwickeln. Körperorientierte Ansätze, achtsamkeitsbasierte Methoden oder Schmerztherapie können ergänzend stabilisieren.

Dabei geht es selten um ein schnelles „Verschwinden“ aller Symptome. Häufig steht zunächst etwas anderes im Mittelpunkt: wieder Handlungsspielraum zu gewinnen, den eigenen Körper weniger als Gegner zu erleben und Schritt für Schritt Lebensqualität zurückzugewinnen.

Viele Betroffene beschreiben genau diesen Prozess als entscheidend – nicht die perfekte Symptomfreiheit, sondern das Wiederfinden von Vertrauen in sich selbst.

Die Bedeutung von Respekt und Verständnis

Kaum ein anderes Krankheitsbild ist so stark von Missverständnissen geprägt. Sätze wie „Da ist doch nichts“ oder „Das ist nur psychisch“ können tief verletzen. Sie übersehen, dass hier echte Schmerzen, echte Angst und echte Erschöpfung erlebt werden.

Ein respektvoller Blick bedeutet daher, die Realität der Beschwerden anzuerkennen, ohne vorschnell zu urteilen. Er bedeutet auch, Hoffnung zu vermitteln – nicht als leeres Versprechen, sondern als realistische Perspektive auf Veränderung.

Schlussgedanke

Somatoforme Störungen zeigen auf eindrückliche Weise, wie untrennbar Körper und Psyche miteinander verbunden sind. Sie erinnern daran, dass menschliches Leiden nicht immer in Laborwerten sichtbar wird – und dennoch zutiefst real ist. Vielleicht liegt gerade darin eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe: Räume zu schaffen, in denen Beschwerden verstanden werden dürfen, auch wenn sie sich nicht sofort erklären lassen. Denn hinter jedem Symptom steht ein Mensch. Und manchmal beginnt Heilung genau dort, wo dieser Mensch endlich gehört wird.

Wie immer freue ich mich über Feedback und Gedanken zum Thema. In zwei Wochen geht meine Reise durch Krankheitsbilder, die unsere Seelen durch den Körper sprechen lassen, mit dem Feld der psychosomatischen Krankheitsbilder weiter, und ich freue mich, wenn du wieder dabei bist.

Constance

Somatoforme Belastungsstörung

Wenn die Seele den Körper nicht zur Ruhe kommen lassen kann.

Ode an den Freud! - Dissoziative Krankheitsbilder und die Revolution der Psychiatrie

Eine Würdigung des Unbequemen, das bis heute wirkt

Wenn wir heute über dissoziative Störungen sprechen, über traumabedingte Abspaltungen, körperliche Symptome ohne organische Ursache oder über das „Eigenleben“ des Nervensystems, dann stehen wir – ob wir es wollen oder nicht – auf den Schultern eines Mannes, der die Medizin seiner Zeit nachhaltig irritiert hat: Sigmund Freud. Freud war nicht der Erste, der sich mit Hysterie, Konversion oder seelisch bedingten Lähmungen beschäftigte. Aber er war derjenige, der es wagte, bis dahin zwei radikale Thesen auszusprechen:

  • Der Körper kann Träger unbewusster seelischer Konflikte sein.

  • (Körperliche) Symptome haben eine tiefere Bedeutung.

Damit stellte er nicht weniger infrage als das Selbstverständnis einer Medizin, die sich gerade erst mühsam aus metaphysischen Erklärungen befreit hatte – und nun erneut mit etwas Unsichtbarem konfrontiert wurde: dem Unbewussten.

Freud und der Bruch mit der rein somatischen oder körperlichen Medizin

Ende des 19. Jahrhunderts galt: Was sich nicht anatomisch erklären ließ, war entweder Simulation oder weibliche Übertreibung. Hysterische Lähmungen, Blindheit ohne Läsion, Krampfanfälle ohne Epilepsie – all das passte nicht ins medizinische Weltbild. Die Betonung lag hierbei auf „weiblich“. Hysterie kommt von dem griechischen Wort „Hystera“, das auf Deutsch Gebärmutter heißt. Die Gebärmutter, das Ur-Weibliche, als Quelle irrationalen Verhaltens. - Eine Perspektive, die Weiblichkeit eindeutig herabgewürdigt hat. So wurde Freud trotz all seiner patriarchalen Allüren vielleicht zu einem der ersten Feministen, weil er das Weibliche durch seine Arbeit aus einem herabwürdigenden Käfig befreit hat.

Freud, zunächst selbst Neurologe, erkannte etwas Entscheidendes: Diese (hysterischen) Symptome folgten keiner neurologischen Logik, aber sehr wohl einer psychischen, und diese war keineswegs „geschlechtsgebunden“ und hing natürlich nicht mit dem Vorhandensein einer Gebärmutter zusammen.

Er beobachtete, dass Symptome symbolisch mit biografischen Konflikten verknüpft waren und oft nach emotionalen Überforderungen auftraten. Außerdem veränderten sich die Symptome unter bestimmten Bedingungen oder verschwanden einfach. Damit öffnete er den Raum für eine neue Sicht: Krankheit nicht nur als Defekt, sondern als Ausdruck innerer Dynamiken.

Das Instanzenmodell: Ich, Es und Über-Ich

Um diese Dynamiken beschreibbar zu machen, entwickelte Freud sein berühmtes Instanzenmodell.

Das Es steht für:

  • Triebimpulse

  • Affekte

  • unbewusste Bedürfnisse

  • unmittelbare Spannungsabfuhr

Es folgt dem Lustprinzip. Es kennt keine Moral, keine Zeit, keine Rücksicht.

Das Über-Ich ist die verinnerlichte moralische Instanz:

  • elterlicher Forderungen

  • gesellschaftlicher Normen

  • Verbote, Gebote, Ideale

Es ist streng, oft unbarmherzig und operiert mit Schuld, Scham und Angst vor Liebesverlust. Ein oft gnadenloser innerer Kritiker …

Das Ich steht zwischen beiden – und zwischen Innen- und Außenwelt.

Seine Aufgabe:

  • vermitteln

  • regulieren

  • Konflikte lösen

  • Realitätsanforderungen berücksichtigen

Dissoziative Symptome entstehen dort, wo das Ich überfordert ist. Wo Konflikte zwischen Es und Über-Ich weder bewusst verarbeitet noch psychisch integriert werden können.

Konversionsneurosen – wenn der Körper übernimmt

Ein zentrales Konzept Freuds ist die Konversionsneurose. Der Begriff wirkt heute antiquiert, doch das dahinterliegende Phänomen ist hochaktuell. Konversion bedeutet: Ein seelischer Konflikt wird in ein körperliches Symptom „übersetzt“, das heißt, er verleiht sich körperlich Ausdruck. Beispiele hierfür sind:

  • Lähmungen ohne neurologische Verletzungen oder Defekte

  • Sprachverlust ohne organische Ursache

  • Blindheit oder Taubheit ohne Befund

  • Krampfanfälle ohne epileptische Aktivität

Das Symptom erfüllt dabei mehrere Funktionen:

  1. Es hält den inneren Konflikt aus dem Bewusstsein fern.

  2. Es entlastet das Ich, den Vermittler zwischen Es und Über-Ich.

  3. Es verschafft dem inneren System Stabilität.

Wichtig ist zu verstehen, dass das Symptom keine Simulation ist. Es ist vielmehr eine unbewusste Lösung eines unlösbaren Problems.

Dissoziation als Schutz – nicht als Störung

Aus heutiger traumatherapeutischer Sicht würden wir viele dieser Phänomene als dissoziativ beschreiben.

Dissoziation bedeutet in diesem Kontext:

  • Abspaltung von Wahrnehmung

  • Trennung von Gefühl und Körper

  • Unterbrechung von Erinnerung

  • Fragmentierung des Erlebens

Sie tritt dann auf, wenn Flucht oder Kampf nicht möglich sind, Überforderung chronisch wird, Bindung und Bedrohung zusammenfallen. Das lässt Dissoziation zu einem hochwirksamen Schutzmechanismus werden.

Freud hatte dafür noch nicht die neurobiologischen Erklärungen, die wir heute haben. Aber seine klinische Beobachtung war präzise: Der Körper und das Unbewusste arbeiten zusammen, um Überleben zu sichern.

Der sekundäre Krankheitsgewinn – ein missverstandenes Konzept

Was hat der Organismus von seinem Krankheitsbild? Kaum ein Begriff wurde so häufig missbraucht wie der des sekundären Krankheitsgewinns.

Freud unterschied zwischen:

  • Primären Krankheitsgewinn: Die innere Entlastung durch das Symptom (Konflikt bleibt unbewusst)

  • Sekundären Krankheitsgewinn: Äußere Vorteile, die sich nachträglich aus der Krankheit ergeben

Dazu können gehören:

  • Zuwendung

  • Schonung

  • Entlastung von Pflichten

  • klare Rollen

Wichtig – und oft übersehen: Der sekundäre Krankheitsgewinn ist nicht bewusst gewählt! Er ist nicht die Ursache, sondern ein stabilisierender Faktor, der einen unbewussten Anreiz setzt, UNBEWUSST an der Symptomatik festzuhalten, obgleich das Bewusste das Symptom sehr gerne los wäre.

Wenn Symptome bleiben, dann nicht, weil jemand „nicht gesund werden will“, sondern weil das Symptom eine tragende Funktion im inneren Gleichgewicht übernommen hat. Dieses Missverständnis hat unzählige Betroffene zusätzlich beschämt und pathologisiert – obwohl Freud selbst ausdrücklich vor moralischen Zuschreibungen warnte.

Moderne dissoziative Störungsbilder – Freuds Erbe heute

Heute sprechen wir von:

  • Dissoziativer Identitätsstörung, die sich in dem zeigt, was wir häufig als multiple Persönlichkeit bezeichnen

  • Dissoziativer Amnesie

  • Depersonalisation und Derealisation, also dem Gefühl der Unwirklichkeit

  • Funktionellen neurologischen Störungen, das heißt Bewegungsstörungen und Störungen der sensorischen Wahrnehmung

Was sie eint:

  • eine Geschichte überwältigender Erfahrung

  • ein Nervensystem im Dauer-Überlebensmodus

  • Symptome, die sinnvoll sind, wenn man ihre Entstehung versteht.

Freuds Verdienst liegt hierbei nicht darin, alles abschließend erklärt zu haben, sondern darin, den Sinn in der jeweiligen Symptomatik gesucht zu haben.

Kritik – und warum sie Freud nicht entwertet

Natürlich ist Freud kritisiert worden, wird Freud bis heute kritisiert: für seine Triebtheorie, für patriarchale Deutungsmuster, für fehlende empirische Methodik. Vieles davon ist berechtigt. Aber es wäre ein fataler Fehler, Freud auf diese Kritikpunkte zu reduzieren. Er hat dem Kranken seine Würde zurückgegeben, Symptome ernst genommen, Leiden als Ausdruck innerer Logik verstanden. Ohne Freud gäbe es keine Traumatherapie in heutiger Form, kein Verständnis für Abwehrmechanismen, keine Sprache für das Unbewusste.

Eine Ode – nicht aus Nostalgie, sondern aus Respekt und Dankbarkeit

Diese „Ode an den Freud“ ist kein unkritischer Lobgesang. Sie ist ein Dank an jemanden, der den Mut hatte, dem Körper zuzuhören – und ihm Bedeutung zuzutrauen. Dissoziative Krankheitsbilder fordern uns bis heute heraus: diagnostisch, therapeutisch, menschlich. Sie zwingen uns, Komplexität auszuhalten und einfache Schuldzuweisungen aufzugeben. Und vielleicht ist genau das Freuds bleibendes Vermächtnis: Dass Heilung oft nicht im Wegmachen von Symptomen liegt, sondern im Verstehen dessen, wofür sie stehen.

Fortsetzung folgt

In meinem nächsten Artikel lade ich dich, mit mir in die Welt der sogenannten somatoformen Störungsbilder einzusteigen. Auch diese zeigen sich körperlich und auch hier sind Betroffene häufig verzweifelt auf der Suche nach einer Diagnose, einer Erklärung, nach Heilung. Allerdings sind sie anders gelagert, sind keine Schutzmechanismen der Seele mit Blick auf diesen einen inneren Konflikt, den das Ich nicht lösen kann. Es gibt Studien, die davon ausgehen, dass 20 Prozent aller Patienten in Hausarztpraxen eigentlich an einer somatoformen Belastungsstörung leiden und verzweifelt beim Arzt ihres Vertrauens nach Diagnose und Heilung suchen. - Dabei liegt der Schlüssel zu Heilung an anderer Stelle.

Ich freue mich, wenn du in zwei Wochen auch wieder dabei bist.

Constance

Richtung erkennen - Mit Freud beginnen wir Seele zu verstehen