Vulnerabilitäts-Stress-Modell

Wenn die Kraft nach innen verschwindet - Wie Depressionen entstehen können

Im letzten Artikel ging es um Menschen, die trotz einer Depression lange erstaunlich gut funktionieren. Sie arbeiten, kümmern sich um ihre Familie, übernehmen Verantwortung und halten nach außen vieles aufrecht. Irgendwann stellt sich dabei fast zwangsläufig eine Frage: Wie kann es überhaupt so weit kommen? Warum wird ein Mensch depressiv?

Auf diese Frage wünschen sich Betroffene und Angehörige häufig eine klare Antwort. War es die Arbeit? Die Trennung? Die Kindheit? Eine genetische Veranlagung? Dauerhafter Stress? Oder habe ich schlicht zu lange nicht auf mich aufgepasst?

Die vielleicht unbefriedigende und gleichzeitig entlastende Antwort lautet: Meistens gibt es nicht die eine Ursache. Depressionen entstehen in einem komplexen Zusammenspiel biologischer, psychischer, sozialer und biografischer Faktoren. Und gerade aus hypnosystemischer Perspektive interessiert mich noch eine andere Frage: Was, wenn wir eine Depression nicht nur danach betrachten, woher sie kommt, sondern auch danach, was ein Mensch sehr lange getan hat, bevor sein System irgendwann nicht mehr konnte?

Die Suche nach dem einen Grund

Wenn Menschen depressiv werden, beginnt häufig eine Ursachenforschung. Für Betroffene kann sie quälend werden. Denn manchmal scheint es im eigenen Leben überhaupt keinen ausreichenden Grund zu geben.

„Ich habe doch eigentlich alles.“

„Andere haben viel Schlimmeres erlebt.“

„Warum schaffe ich mein Leben plötzlich nicht mehr?“

Gerade solche Gedanken können das depressive Erleben zusätzlich verstärken. Zur Erschöpfung kommt Selbstkritik. Zur Hoffnungslosigkeit kommt Scham. Und aus der Frage „Warum geht es mir so schlecht?“ wird irgendwann die Schlussfolgerung: „Mit mir stimmt etwas nicht.“

Dabei kann grundsätzlich jeder Mensch an einer Depression erkranken. Belastende Erfahrungen, Verluste oder chronischer Stress können das Risiko erhöhen, erklären aber nicht jede Erkrankung. Manche Depressionen treten nach deutlich erkennbaren Belastungen auf, andere scheinen für Betroffene nahezu aus dem Nichts zu kommen.

Deshalb ist es wichtig, Depressionen nicht als mathematische Gleichung zu verstehen: schwierige Kindheit plus Stress gleich Depression. So einfach funktioniert die menschliche Psyche nicht.

Das Vulnerabilitäts-Stress-Modell: Warum nicht jeder gleich reagiert

Ein hilfreiches Modell zum Verständnis ist das sogenannte Vulnerabilitäts-Stress-Modell. Vereinfacht gesagt geht es davon aus, dass Menschen unterschiedliche Verletzlichkeiten mitbringen und gleichzeitig unterschiedlichen Belastungen ausgesetzt sind.

Man kann sich das vielleicht wie ein persönliches Belastungsgefäß vorstellen. Genetische Faktoren, frühere Erfahrungen, körperliche Erkrankungen, chronischer Schlafmangel oder bestimmte Beziehungserfahrungen können dazu beitragen, dass dieses Gefäß schneller gefüllt ist. Gleichzeitig kommen aktuelle Belastungen hinzu: Konflikte, Verluste, Einsamkeit, beruflicher Druck, Pflege von Angehörigen oder eine lange Phase der Überforderung.

Aber auch das ist nur ein Modell. Zwei Menschen können dieselbe Situation erleben und vollkommen unterschiedlich darauf reagieren. Eine Depression ist deshalb weder Ausdruck persönlicher Schwäche noch ein Hinweis darauf, dass jemand weniger belastbar ist als andere.

Wenn Anpassung zur großen Stärke wird

Aus hypnosystemischer Perspektive wird an dieser Stelle etwas besonders interessant. Menschen entwickeln im Laufe ihres Lebens Strategien, mit denen sie Herausforderungen bewältigen. Viele davon sind zunächst ausgesprochen kompetent. Ein Kind, das früh lernt, keine zusätzlichen Probleme zu machen, kann später ausgesprochen zuverlässig sein. Wer gelernt hat, Stimmungen anderer sehr genau wahrzunehmen, kann eine außergewöhnliche soziale Sensibilität entwickeln. Wer Anerkennung vor allem für Leistung erfahren hat, entwickelt möglicherweise enorme Leistungsfähigkeit. Und wer schwierige Situationen lange allein bewältigen musste, wird vielleicht zu einem Menschen, auf den sich alle verlassen können.

Das Problem ist nicht die Kompetenz. Das Problem entsteht dann, wenn aus einer Möglichkeit eine Notwendigkeit wird. Aus „Ich kann Verantwortung übernehmen“ wird „Ich muss Verantwortung übernehmen.“ Aus „Ich kann durchhalten“ wird „Ich darf nicht aufgeben.“ Aus „Ich kann mich auf andere einstellen“ wird „Was ich brauche, ist weniger wichtig.“ Und aus „Ich schaffe das alleine“ wird irgendwann „Ich darf niemanden brauchen.“

Genau hier liegt für mich ein wichtiger hypnosystemischer Gedanke: Manche Probleme entstehen nicht, weil Menschen zu wenig Kompetenzen besitzen, sondern weil sie bestimmte Kompetenzen zu lange und zu ausschließlich einsetzen mussten.

Wenn der Zugang zu den eigenen Bedürfnissen verloren geht

Wer über Jahre funktioniert, merkt möglicherweise irgendwann gar nicht mehr, dass er erschöpft ist. Nicht weil die Erschöpfung nicht da wäre, sondern weil es kaum noch eine innere Erlaubnis gibt, sie wahrzunehmen.

Was brauche ich gerade?

Was tut mir gut?

Worauf habe ich Lust?

Was möchte ich eigentlich?

Für viele depressive Menschen sind genau diese scheinbar einfachen Fragen erstaunlich schwer zu beantworten. Der Blick ist stattdessen häufig darauf gerichtet, was noch erledigt werden muss, was andere erwarten, was man versäumt hat oder worin man nicht gut genug war. Aus hypnosystemischer Sicht können wir hier wieder von einer Problemtrance sprechen. Bestimmte Wahrnehmungs-, Denk- und Bewertungsmuster werden so dominant, dass andere Möglichkeiten immer schwerer zugänglich werden. Das Schwierige daran: Der Mensch bemerkt häufig nicht, dass sich sein Wahrnehmungsraum zunehmend verengt. Für ihn fühlt es sich nicht an wie: „Ich sehe im Moment keine Perspektive.“ Sondern wie: „Es gibt keine Perspektive.“ Das ist ein entscheidender Unterschied.

Warum „Denk doch positiv“ nicht funktioniert

Für Angehörige gehört genau das zu den schmerzhaftesten Erfahrungen im Umgang mit einer Depression. Sie sehen Möglichkeiten, die der Betroffene nicht mehr sehen kann. Der Partner sagt: „Aber wir haben doch auch schöne Momente.“ Die Freundin sagt: „Du hast doch schon so viel geschafft.“ Der Vater sagt: „Es wird bestimmt wieder besser.“ Alles gut gemeinte Versuche, eine andere Wirklichkeit anzubieten. Doch beim betroffenen Menschen kommen sie häufig nicht an. Manchmal machen sie die Situation sogar schwieriger. Denn zusätzlich zur Depression entsteht das Gefühl: „Alle anderen können sehen, dass mein Leben eigentlich gut ist. Warum kann ich es nicht?“

Deshalb hilft es meist wenig, gegen die depressive Wirklichkeit anzudiskutieren. Hypnosystemische Arbeit versucht etwas anderes: Sie nimmt das gegenwärtige Erleben zunächst ernst. Nicht: „Du siehst das zu negativ.“ Sondern: „Wenn sich die Welt für dich gerade so anfühlt, lass uns verstehen, wie dieses Erleben zustande kommt.“ Diese kleine Veränderung nimmt Druck heraus.

Hat eine Depression also einen „Sinn“?

Hier ist mir eine Unterscheidung besonders wichtig.

Zu fragen, welche Funktion ein Symptom haben könnte, bedeutet nicht, eine Depression zu romantisieren. Eine Depression kann eine schwere Erkrankung sein. Sie kann Beziehungen zerstören, Menschen arbeitsunfähig machen und im schlimmsten Fall lebensbedrohlich werden.

Und trotzdem kann therapeutisch die Frage hilfreich sein: „Wovor könnte dieses System versucht haben, dich zu schützen?“ Vielleicht vor weiterer Überforderung. Vielleicht vor einem Konflikt, der lange nicht lösbar erschien. Vielleicht vor der permanenten Überschreitung eigener Grenzen. Vielleicht gibt es darauf aber auch überhaupt keine eindeutige Antwort.

Die therapeutische Aufgabe ist dann nicht, eine möglichst elegante Erklärung für die Vergangenheit zu konstruieren. Entscheidend ist vielmehr, wieder Wahlmöglichkeiten für Gegenwart und Zukunft entstehen zu lassen.

Therapie bedeutet nicht, wieder der Alte zu werden

Viele Betroffene kommen mit einem verständlichen Wunsch in Therapie: „Ich will einfach wieder so sein wie früher.“ Doch manchmal lohnt es sich, bei diesem Satz kurz innezuhalten. Denn vielleicht war genau dieses „Früher“ von sehr viel Funktionieren, Durchhalten, Verantwortungsübernahme und Selbstüberforderung geprägt. Dann wäre eine Therapie, die lediglich das frühere Leistungsniveau wiederherstellt, möglicherweise zu kurz gedacht.

Die interessantere Frage könnte lauten: „Wie möchte ich leben, wenn ich nicht mehr genauso leben muss wie vor meiner Depression?“

Hypnosystemische Therapie versucht deshalb, den Wahrnehmungsraum wieder zu erweitern. Ressourcen und Bedürfnisse sollen wieder zugänglich werden. Menschen können lernen, frühe Warnsignale wahrzunehmen, Grenzen zu erkennen und zwischen unterschiedlichen inneren Bedürfnissen flexibler zu wechseln. Es geht nicht darum, nie wieder traurig, erschöpft oder überfordert zu sein. Es geht darum, wieder mehr Wahlmöglichkeiten zu bekommen.

Vielleicht ist die falsche Frage: „Warum ich?“

Menschen mit Depressionen stellen sich häufig die Frage: „Warum passiert ausgerechnet mir das?“ Vielleicht können wir sie irgendwann vorsichtig durch andere Fragen ergänzen:

„Was habe ich möglicherweise sehr lange geleistet?“

„Was hat mir geholfen, so lange durchzuhalten?“

„Welche Bedürfnisse hatten dabei zu wenig Platz?“

Und vor allem: „Was brauche ich heute, damit mein Leben nicht nur wieder funktioniert, sondern sich auch wieder nach meinem Leben anfühlt?“

Damit verändert sich die Perspektive. Der Betroffene ist nicht länger der defekte Mensch, dessen Psyche plötzlich versagt. Er wird zu einem Menschen, dessen System unter bestimmten Bedingungen bestimmte Strategien entwickelt hat. Manche davon waren lange ausgesprochen hilfreich. Manche sind heute zu teuer geworden. Und genau dort kann Veränderung beginnen. Nicht indem wir die Vergangenheit bekämpfen. Sondern indem wir den Handlungsspielraum für die Zukunft erweitern. Denn vielleicht bedeutet Genesung am Ende nicht einfach, wieder so zu werden, wie man früher einmal war. Vielleicht bedeutet sie, wieder Zugang dazu zu bekommen, wer man sein kann.

Im nächsten Artikel dieser Reihe könnte sich der Blick noch einmal verändern: weg von der Frage, wie Depression entsteht, hin zu einer Erfahrung, die für Betroffene und Angehörige besonders schwer auszuhalten ist: Warum Rückzug, Antriebslosigkeit und scheinbare Passivität bei einer Depression so wenig mit Faulheit oder mangelndem Willen zu tun haben.

Constance

Wie entstehen Depressionen?

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