Persönlichkeit

Der Fiebertraum vom Sinn - alles auf Anfang

Wir glauben Erfahrungen zu machen, aber Erfahrungen machen uns.
— Eugène Ionesco

Eine Reise in die Vergangenheit

Ich habe ja bereits in meinem letzten Blog davon berichtet, dass ich Euch dringend mit auf die Reise nehmen möchte, auf die mich meine fiebrigen Träume während meiner Corona-Infektion geschickt haben. Ich war selbst so erstaunt, dass ich mir alles schnell notiert habe, als ich wieder halbwegs fit war.

Ich lag also bei 40 Grad Außentemperatur und 39,5 Grad Fieber unter meiner dicken Daunendecke. Ich starrte die Wand an. Den Hund hatte ich als Wärmflasche dabei. Und plötzlich gingen meine Gedanken auf die Reise, zurück zu meinen Wurzeln, zu zwei besonderen Sehnsuchtsorten, an denen ich Erfahrungen gemacht habe, die mich und meinen ungewöhnlichen Weg stark geprägt haben. Es waren Momente, die ich selbst tief in meiner Erinnerung vergraben habe und die das Fieber plötzlich wieder nach oben gespült hat.

Der Zauber der grünen Insel

So lange ich denken kann, habe ich davon geträumt, zu reisen, die Welt in allen ihren bunten Farben zu erleben, Menschen und Kulturen kennenzulernen und alles das ganz tief in mich aufzusaugen. Kein Wunder, dass ich bei einer Airline gestrandet bin und 21 lange Jahre die Finger nicht von fliegen lassen konnte! Dabei gab es immer zwei Orte, die auf ganz besondere Weise an meiner Sehnsucht und an meinem Fernweh angedockt haben. Der eine etwas erreichbarer als der andere. -Damals, als Teenager. Ich weiß nicht warum, aber seit meiner Teenagerzeit hat es mir die grüne Insel angetan. Ich hasse Regen! Aber ich musste einfach nach Irland. Und wenn ich etwas wollte, konnte ich recht kreativ werden, um es zu erreichen. Geld hatte ich keines, aber zwei gesunde und fleißige Hände und so habe ich meine Sommerferien zwischen der 11. und 12., sowie zwischen der 12. und 13. Klasse in Irland verbracht. Im ersten Sommer habe ich in einem Hotel gekellnert und im zweiten Sommer in einem Pub hinterm Tresen gestanden. Es war eine wilde Zeit, werte Lesende, auf die ich nicht genauer eingehen möchte…

Nach meinem Abitur hat es mich natürlich wieder in die Ferne gezogen und da ich Irland mochte, habe ich meinen Rucksack gepackt und mich erstmal gen Norden aufgemacht, obwohl mein eigentliches Ziel in völlig entgegengesetzter Richtung lag.

Mein Fiebertraum hat mich wieder zurück in diese Zeit nach meinem Abi katapultiert. Ich fand mich in diesem alten hölzernen Schaukelstuhl in der Aille River Hostel in Doolin wieder, tief im irischen Westen. Draußen prasselte der Regen, drin das Feuer im Kamin. In meiner Hand hatte ich eine Blechtasse mit Tee. Den gab es im Hostel kostenlos und ich war ja quasi ohne Geld unterwegs. Ich trank damals sehr viel kostenlosen Tee.

Irischer Sommer: Ich war durchgefroren und auch ein wenig nass, da ich vorher an den benachbarten Cliffs of Moher war. Diese imposanten Steilklippen haben bei Regen einen ganz speziellen Charme. Ich stand fast allein am Rand der Klippen. Es war ein Ort, an dem die Welt einerseits aufzuhören schien, andererseits schien es jedoch so, als läge hier die ganze Welt erst vor mir. Der Horizont war unendlich. Damals, mit 19, war das ein unbeschreibliches Gefühl von Grenzenlosigkeit und Möglichkeiten. Die Möwen schrien, das Meer tobte und der Himmel war unglaublich wild. Ich weiß nicht, wie lang ich mich meinen Gedanken hingegeben habe. Sicher viel länger, als ich es mir heute gönnen würde. Damals hatte ich Zeit! Irgendwann war es dann jedoch der Regen, der mich zurück nach Doolin trampen ließ.

Als ich das Hostel betrat, wollte ich eigentlich heiß duschen, aber im Gemeinschaftraum saß eine illustre Gesellschaft Reisender, mit denen ich schon in den letzten Tagen immer wieder das Leben rauf und runter diskutiert habe. Also machte ich mir einen Tee und setzte mich dazu. In meinem Fiebertraum konnte ich den Tee, die Feuchtigkeit und das Torffeuer riechen. Ich konnte spüren, wie ich mir die Hände vorsichtig an der Tasse wärmte und langsam hin und her schaukelte. Dabei knarrte der alte Schaukelstuhl ganz leise und rhythmisch.

Wir kamen von überall her. Wir waren so bunt und unterschiedlich und wir hatte alle so unglaublich viel Lust auf das Leben.

Einer stach aus der Truppe heraus. Die graue Eminenz! Ein Amerikaner, Andrew. Er war schon ziemlich alt, Mitte dreißig (also knapp zehn Jahre jünger als ich heute!). Andrew wollte wissen, ob ich ein bestimmtes Ziel hatte. -Wo ich hinreisen möchte? Oder ob ich mich einfach treiben lassen würde? - So wie er seit 15 (!) Jahren.

Der Traum von Afrika

Ich hatte ein Ziel! Natürlich hatte ich ein Ziel! Ich habe immer ein Ziel. Seit ich Kind war, hatte ich dieses Ziel, das viel zu lange viel zu unerreichbar schien! Aber nun sollte es an der Zeit sein: Ich wollte nach Afrika. Die unendlichen Weiten, die imposante Landschaft, Wüsten, Flussdeltas, Sumpfland, Steppen, der Busch! Und all die Tiere und die Menschen. Die Farben! Afrika war für mich der Inbegriff von Magie.

Eine junge Kanadierin, Marissa Atos (oder so ähnlich), hörte uns zu und fragte schließlich, ob das nicht ganz schön gefährlich sei, also in Afrika als Frau, allein. Ich kam nicht dazu zu antworten. Es war Andrew, der lächelnd das Wort ergriff und erklärte, dass die gefährlichste Begegnung, die man auf einer solchen Reise haben könne, die mit sich selbst sei. Sich selbst in allen seinen Farben zu sehen, sei der größte Wahnsinn, der einem im Leben passieren könne. Marissa und ich fragten nicht weiter nach. Ich hatte keine Ahnung, was er meinte, aber die beiden Sätze haben sich in mein Gedächtnis gebrannt, wie als ob meine Seele schon viel mehr wusste, als mein 19-jähriges Ich verstehen konnte.

Als der Regen weniger wurde, machten wir uns alle gemeinsam auf den Weg ins benachbarte Pub, Fitzpatrick’s, tranken Guinness mit schwarzem Johannisbeersirup, lachten, hörten der Musik zu, sangen mit und genossen den Moment. Spät abends, als wir wieder zurück im Hostel waren, schrieb Andrew mir noch einen Spruch in mein Reise-Poesiealbum: “Two roads emerged from the woods. I took the one less travelled by. That made the difference.” Ich hatte damals keine Ahnung, dass Andrew meine Zukunft in nur drei Sätzen weissagen würde. Aber ich fand ihn cool, diesen Spruch.

Zeitsprung, denn der Fiebertraum macht es möglich

Im wirklichen Leben dauerte es nach diesem Abend an der wilden irischen Westküste noch eine Weile, bis ich schließlich in Afrika war. Mein Fiebertraum ermöglichte mir einen Zeitsprung. Was ich im Busch gesucht habe, habe ich schließlich und wider aller Erwartungen in einer lauten, bunten, wilden afrikanischen Metropole gefunden.

In meinem Traum fand ich mich in einem “Black Taxi”, einem Sammeltaxi mit dem vorzugsweise die farbigen und schwarzen Südafrikaner unterwegs waren, wieder. Ich reiste noch immer mit sehr kleinem Budget! Es war eng, sehr laut und stickig und trotzdem war es einer der magischsten Momente meines Lebens, als der De Waal Drive um eine langgezogene Kurve führte und plötzlich Kapstadt in all seiner Pracht vor mir lag. Links von mir thronten majestätisch der Devil’s Peak und der Tafelberg. Weiter weg konnte ich den Signal Hill erkennen. Waren das da tatsächlich grasende Antilopen? Ich war wie verzaubert und spürte trotz dieser Enge im Taxi eine riesige Weite. Rechts vor mir lag die Stadt, so wunderschön. In der Table Bay glitzerte das Wasser und Robben Island lag in der Ferne. Der Himmel war strahlend blau und ich war sprachlos. Das war er, der Ort, den ich so sehr gesucht habe. Ich glaube es war schon dieser flüchtige Moment, dieser erste Eindruck, der dazu führte, dass ich in den nächsten Jahren mein Leben darauf ausgerichtet habe, mehr Zeit in Kapstadt als in Deutschland zu verbringen. Es waren drei ausgesprochen lebendige und bunte Jahre. Dieser Schmelztiegel am Ende der Welt hat mich in seinen Bann gezogen und ich habe das Leben Schritt für Schritt aus anderen Augen sehen können.

Lange konnte ich nicht in dieser Situation verweilen. Mein Traum katapultierte mich direkt weiter.

Irgendwann, vielleicht nach ein oder zwei Jahren in Kapstadt ist es nämlich passiert; der Moment, von dem Andrew gesprochen hat, der Moment, an dem ich mich für einige Sekunden in allen meinen Farben sehen konnte. Eine wirklich gefährliche Begegnung, zu der mich meine fiebrigen Gedanken zurückgeführt haben. Es war in Camps Bay, einem Stadtteil von Kapstadt mit einer großartigen Strandpromenade mit Palmen, Restaurants und Bars, ein bisschen wie Miami! Der Strand war links und rechts von großen, abgerundeten, hellgrauen Felsen eingerahmt, die weit ins Meer führten, wie Brücken ins Nirgendwo. Die Sonne war am Untergehen und tauchte die Szenerie in ein fast unwirkliches Licht. Ich bin ganz bis ans Ende der Felsen geklettert, saß da und schaute aufs Meer hinaus, das sanft und rhythmisch rauschte. In der Ferne hörte ich Musik und Lachen. Es roch nach Salz und Sommer. Keine Ahnung, was dann passierte, aber plötzlich war da dieser Moment, in dem ich mich selbst dort sitzen sah. Nur ich, ich selbst, echt und ungeschönt, unverstellt und authentisch. Ich sah eine junge Frau mit unendlicher Neugier und Energie, mit unglaublicher innerer Stärke, Mut und Kreativität. Ich saß da in meiner hellblauen Cargo-Hose und dem beigen Sonnentop und mir gefiel extrem was ich sah. Der Fels unter mir war herrlich warm und der Wind wehte sanft. Vielleicht war das der einzige Moment in meinem Leben, in dem ich noch nicht einmal einen Hauch von Selbstzweifeln empfunden habe. Unglaublich gefährlich, denn plötzlich dachte ich, dass für mich einfach alles möglich war. Eine ganze Welt voller Möglichkeiten stand mir offen.

Wahrscheinlich ist das Unterbewusstsein ziemlich klug

Irgendwann war das Fieber weg und ich habe mir den Kopf darüber zerbrochen, warum mein Unterbewusstsein mir ausgerechnet diese Momente hochgespült hat. Es wollte mich wohl an etwas erinnern, dass ich im Alltagswahnsinn vergessen habe: Ich bin noch immer neugierig, voller Energie, ich bin stark, mutig und kreativ. Aber vor allem liegt vor mir eine ganze Welt voller Möglichkeiten. Ja, ich bin älter geworden, aber ich bin noch immer ich und vielleicht wollte mich mein Fiebertraum auch an all die ungewöhnlichen Wege erinnern, die ich bislang noch nicht beschritten habe, von denen ich aber tief in mir schon lange träume. Ganz so wie ich sehr lange von Afrika geträumt habe.

Denn so wie es war, wird es nie mehr sein…

… und so wie es ist wird es ganz bestimmt nicht bleiben. So vergingen die Jahre. Nichts ist so Gewiss wie der Wandel. Während sich alles um mich herum verändert hat, bin ich selbst zur wichtigsten Konstante in meinem Leben geworden. Afrika trage ich in meinem Herzen und habe es doch auch ein Stück weit hinter mir gelassen. Jahrelang war ich immer wieder in Urlaub dort. Noch immer ist Kapstadt die zauberhafteste Stadt der Welt, nur mein Seelenort ist Kapstadt irgendwie nicht mehr. Es war nicht der Ort, es waren die Menschen, die mich echt sein ließen, die es mir erlaubten, mich selbst zu finden.

Jürgen, Rolz, Shane und Elias halten noch immer die Stellung in Kapstadt, Vee ist in Texas, Mel in New Orleans, Saul ist in Neuseeland, Tracey ist schon lange tot - scheiß Krebs - , Cass ist in Qatar, Paul ist in London, Sylvia lebt in Amsterdam, Ivan ist verloren gegangen, James hat sein Glück in Australien gefunden, Svenja habe ich aus den Augen verloren, Delme hat Corona nicht überlebt, Arthur ist mal hier, mal da, Tim scheint auf einem anderen Planeten zu sein, Bronie passt aufs Zebra Crossing auf, Avril wandelt auf den Weltmeeren, Philippe ist irgendwo in Belgien... Ich bin zurück zuhause und trage sie alle in meinem Herzen. Das, was ich in den entlegensten Ecken diese Welt gesucht habe, habe ich schließlich tief in mir gefunden.

So stehe ich heute also wieder da, an den Klippen meiner Gedanken, am Meer meiner Träume und eine ganze Welt voller Möglichkeiten liegt vor mir. Natürlich riecht der Wind nach Veränderung… Und ja, ich habe ein Ziel! Ich habe immer ein Ziel! Eines das viel zu lange unerreichbar schien. Aber vielleicht ist es nun an der Zeit.

Genießt Euren Sonntag, den Moment und das Leben.

Eure Constance

Seelenort

Two roads emerged from the woods. I took the one less travelled by. That made the difference.

Wie Stanislaw Petrow einfach so einen Atomkrieg verhinderte...

Wie? Ihr kennt Stanislaw Petrow nicht? Und das obwohl er anno 1983 quasi im Alleingang einen Atomkrieg verhinderte! Ihr solltet Euch unbedingt fünf Minuten nehmen und mit mir auf Zeitreise gehen. Denn von diesem heimlichen Helden der Geschichte können wir so einiges lernen!

Warum Dynamik und Komplexität nur zu managen sind, wenn alle Akteure Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen

Während wir Coaches, Change Agents und HRler nicht müde werden, zu predigen, dass unsere immer dynamischer und komplexer werdende Welt vor allem eines braucht; Menschen die eigenverantwortlich handeln, Entscheidungen treffen und so unsere (Arbeits-) Welt proaktiv mitgestalten, stellt sich mir manches Mal die Frage, wie lange es wohl dauert, bis wir Menschen so weit sind, dies dann auch vollumfänglich zu tun. Ich träume von lernenden Organisationen, von einer Kultur der psychologischen Sicherheit und an manchen Tagen komme ich mir vor, wie der gute alte Sisyphos: Zwei Schritte vor und drei zurück… Dabei gibt es sie und es gab sie schon immer, diese Menschen, die unauffällig vor sich hinarbeiten und just in diesem Moment, in dem sie wirklich gebraucht werden, reißen sie sich das weiße Shirt oder die weiße Bluse vom Leib und sind für eine kurze Zeit Wonder Women oder Superman, ehe sie sich wieder in die Unauffälligkeit zurückziehen.

Einen solchen Superman möchte ich Euch heute vorstellen. Denn wer glaubt, die Welt hätte während der Kubakrise an der Grenze zum Atomkrieg gestanden, der hat keine Ahnung, was in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1983 passiert ist.

Lasst uns gemeinsam auf Zeitreise gehen

Spätsommer 1983: Ich wünschte, ich könnte wirklich von damals erzählen, aber ich war noch im Kindergarten und meine Erinnerung ist halbwegs verschwommen. Mein kleiner Bruder war noch nicht geboren und es war noch vor Tschernobyl. Deshalb bin ich mir sicher, dass ich zu dieser Zeit häufig mit meinem Papa im Wald war, um Steinpilze zu sammeln. Nach Tschernobyl war das ja erstmal nicht mehr möglich. Neben Pilze suchen und Drachen steigen lassen habe ich den Kindergarten wirklich geliebt. Tante Eva war toll! Nach dem Kindergarten war ich oft mit meiner Oma im Garten. In regelmäßigen Abständen donnerten US-Kampfflieger über uns, die so laut waren, dass sie mir jedes Mal Angst machten. Meine Oma beruhigte mich immer und erklärte mir, dass die Amerikaner uns vor den Russen beschützten und wir dankbar sein müssen, dass sie hier sind. Oma war Kriegsflüchtling und hatte leider offensichtlich mehr als nur eine Idee davon, zu was die russische Armee im Zweiten Weltkrieg fähig war. Kindheit im Kalten Krieg! Ich denke dieser Tage immer wieder an meine Oma und an ihre große Angst. -Und daran, was es bedeutet, Flüchtling zu sein.

Vielleicht war ich auch am 25. September mit Oma im Garten oder mit Papa Pilze sammeln. Vielleicht donnerten auch an diesem Tag Kampfflieger über uns und ich zuckte in dem Moment, in dem sie knallend die Schallmauer durchbrachen, zusammen. Ich weiß es nicht. Allerdings weiß ich, dass ich auch an diesem Abend zu Bett ging, mein Kindergebet sprach, in dem ich darum bat, auch am nächsten Morgen wieder vom Herrn Jesus geweckt zu werden und schließlich einschlief. -Wie jeden Abend. Wie groß das Wunder war, dass meine Welt am 26. September noch immer die gleiche war, das wussten weder meine Oma, meine Mama, mein allwissender Papa noch ich selbst. Während wir alle friedlich schliefen, zog sich im Raketenabwehrzentrum in Moskau der diensthabende Offizier Stanislaw Petrow für einen kurzen Moment das Superman-Shirt über und rettete klammheimlich die Welt.

Was war passiert? Um 00:15 Ortszeit meldete ein Alarm den Start einer US-Amerikanischen Interkontinentalrakete. Dem diensthabenden Offizier blieb nur ein geringes Zeitfenster zur Beurteilung der Lage. Petrow bewahrte die Nerven und kam zur Entscheidung, dass es sich um einen Fehlalarm in Folge eines Computerfehlers handelte. Noch während er am Telefon war, um diese Einschätzung weiterzugeben, meldete das System den Start einer zweiten, dritten, vierten und fünften Rakete…

Gemäß der damals geltenden Logik des Kalten Krieges “Wer als erstes schießt, stirbt als zweites!” hatte die Sowjetunion etwa 30 Minuten Zeit, den alles vernichtenden Gegenschlag zu initiieren. Doch Petrow behielt erneut die Nerven und kam erneut zu der Entscheidung, dass es sich um einen Computerfehler handeln müsse. Eine endlose halbe Stunde später wusste schließlich auch Petrow, dass er mit seiner Einschätzung richtig lag. Die vernichtende Detonation blieb aus.

Es war in der Tat ein Fehlalarm, hervorgerufen durch eine außergewöhnliche Konstellation von Satellitensystemen und der Sonne direkt über einer Militärbasis in den USA, die von den sowjetischen Abwehrsystemen als Raketenstarts interpretiert wurde.

Nicht auszudenken, wäre Petrow zu einer anderen Einschätzung gekommen, die aus sowjetischer Perspektive durchaus naheliegend gewesen wäre. Nur drei Wochen zuvor wurde ein südkoreanisches Passagierflugzeug über der russischen Insel Sachalin abgeschossen. Eine Vergeltungsmaßnahme? Zusätzlich sollten in naher Zukunft US-Mittelstreckenraketen in Europa stationiert werden. Der Kalte Krieg war eiskalt. Aber Petrow behielt die Nerven, übernahm Verantwortung und hat die Welt gerettet, als die hochpotente Technik versagte.

Danach zog Petrow das Helden-Shirt wieder aus und wurde unsichtbar. Er beendete seinen Armeedienst und verbrachte seinen Ruhestand in bescheidenen Verhältnissen in seiner Plattenbauwohnung in der russischen Stadt Frjasino, wo er 2017 im Alter von 77 Jahren verstarb. Kein Friedensnobelpreis! Bestenfalls eine Randnotiz der neueren Geschichte. Anlässlich einer Veranstaltung in Baden-Baden im Jahr 2012 wurde er gefragt, ob er ein Held sei. Petrow verneinte das. Er habe einfach nur seinen Job richtig gemacht. Als der Moderator nachhakte und anmerkte, dass Petrow immerhin die Welt vor einem dritten Weltkrieg bewahrt habe, entgegnete Petrow, dass das doch nichts Besonderes gewesen sei.

Danke Stanislaw Petrow, dass Sie ihren Job einfach nur richtig gemacht haben. Sie haben mir meine Kindheit, Jugend und vielleicht sogar mein Leben gerettet. Ich schreibe diesen Blog, weil Sie den Mut hatten, zu entscheiden und Verantwortung zu übernehmen. Nein, das ist vielleicht nichts Besonderes, aber es ist groß!

Der Mensch als Schlüssel zu Erfolg unserer Systeme

Unabhängig davon, dass Stanislaw Petrow (ich hoffe, ich erwähne diesen Namen so oft, dass er im Kopf bleibt) gefühlt mein Leben ermöglicht hat, damals in der Nacht vom 25. auf den 26. September 1983, bedeutet er auch für mich als Coach und Human Factors Trainer unendlich viel. Für mich ist er der Beweis für alles, was ich tue. Ich glaube daran, dass unsere Zukunft nicht nur trotz, sondern vor allem auch wegen der um sich greifenden Technisierung menschlich ist. Technik kann mit der Dynamik und Komplexität, mit der Unberechenbarkeit unserer Zeit nicht annähernd so kompetent umgehen, wie der Mensch. Selbst mit dem Wissen, dass Menschen Fehler machen und immer machen werden, weiß ich, dass der Mensch alleine der Schlüssel zu Erfolg unserer Systeme ist. Dazu muss er jedoch eigenverantwortlich agieren, Entscheidungen treffen und proaktiv die Dinge in die Hand nehmen. -Seinen Job richtig machen, wie es Petrow ausdrückte. Dass der Mensch selbst unter extremsten Bedingungen dazu in der Lage ist, dass er auch unter größtem Stress kognitiv und analytisch vorgehen kann, hat Stanislaw Petrow vorbildlich, still, leise und bescheiden bewiesen. Was die Welt braucht, um mehr Stanislaw Petrows hervorzubringen? Organisationen und Gesellschaften, die Menschen Raum und Sicherheit geben; Raum sich zu entfalten und die (psychologische) Sicherheit, die es braucht, um angstfrei Verantwortung zu übernehmen. Denn nur so können wir alle unseren Job richtig machen.

Zurück in die Zukunft

Und so klettere ich auch in dieser Woche wieder in meinen DeLorean und reise zurück in die Zukunft, um festzustellen, dass 1983 gefühlt sehr präsent ist. Kalter-Heißer Krieg reloaded? Alleine schon deshalb braucht es unendlich viele Stanislaw Petrows. Es gibt also eine Menge zu tun für Coaches wie mich.

Genießt das Wochenende.

Eure Constance

PS: Sisyphos war übrigens sein Leben lang damit beschäftigt, seinen Stein den Berg hinauf zu rollen, weil er sich bewusst dazu entschieden hat. Er wurde gefragt, ob er lieber sein Leben lang den Stein bergauf rollen wolle, oder den Menschen Frieden und Vernunft beibringen wolle… Er hat sich für den Stein entschieden! -Ich mich für die Menschen! Ich frage mich, ob mein Kollege seine Entscheidung jemals bereut hat.

Sisyphos und ich

Ich bin oben angekommen und habe trotzdem noch einen endlosen Weg vor mir! Sisyphosarbeit! - Und ich liebe sie.

Warum ich heute keinen Blog schreibe: Über die Leere nach der Lehre

Diese sonderbare Leere, wo doch nur Freude sein sollte

Es ist Samstag, 18:40 Uhr, ich hatte eine tolle Woche, mit zwei für mich ausgesprochen wertvollen Meilensteinen und sollte zutiefst glücklich und zufrieden sein. -Beste Voraussetzungen, um einen wirklich guten Artikel zu schreiben. Doch da, wo eigentlich die pure Freude sein sollte, ist irgendwie nur Leere. Keine unangenehme Leere, ehrlich! Mehr so wie ein leeres, weißes Blatt und ein klein wenig Wehmut. Vielleicht kommt Euch dieses sonderbare Gefühl ja bekannt vor, wenn ich ein wenig darüber berichte.

Der Zauber des Besonderen

In letzter Zeit gab es zwei besondere Events, denen ich sehr entgegengefiebert und für die ich intensiv gearbeitet habe. Eines davon war ein großer zweitägiger Workshop mit einer tollen Gruppe von Menschen in einer super coolen Location über den Dächern Frankfurts. Am ersten Tag lag der Fokus auf Teamfindung, Definition der Identität als Team, der gemeinsamen Werte und dem Auftritt nach außen. Es handelte sich um ein Team von über dreißig Menschen, das während Corona stark gewachsen ist und sich am Donnerstag zum ersten Mal gemeinsam getroffen hat. Welch eine Ehre und welch eine Verantwortung für einen Coach, einen solchen Tag begleiten zu dürfen. Im Prinzip habe ich das Event seit Oktober letzten Jahres vorbereitet, da wir es auf Grund von Corona und Termin-Gedöns immer wieder verschieben mussten. Am zweiten Tag wurde die Gruppe noch größer, weil an diesem Tag auch die wichtigsten internen Stakeholder eingeladen waren, da der Fokus auf einer “silofreien” One-Team-Culture liegen sollte. Und was soll ich sagen, die Kollegen haben toll gemeinsam gearbeitet, mit Spaß, Respekt, Ehrlichkeit und Leichtigkeit. Hier und da durfte ich das wilde Treiben einfach nur aus der Distanz beobachten und war super happy und sehr stolz auf die Kollegen. So war auch ich dann weitestgehend mit meiner Leistung zufrieden. Natürlich werde ich nächste Woche nochmal in eine Manöverkritik mit mir selbst gehen. Jedoch war das Feedback gut und am Ende habe ich als Dankeschön einen wunderschönen Blumenstrauß, abgestimmt auf die Nagellackfarben meiner Zehen bekommen! Wie achtsam und wertschätzend. Ich war etwas verlegen, habe ich doch einfach nur meinen Job gemacht. - Den Job, den ich über alles liebe!

Zum Abschluss habe ich mir schließlich ganz in Ruhe einen Drink mit Blick auf die Frankfurter Skyline gegönnt. Die Sonne ging langsam unter und hüllte die Stadt in ein Licht, das die Hochhäuser wie Märchenschlösser aussehen ließ, von drinnen hörte ich Musik und Stimmen. Ich war so zufrieden, aber auch wehmütig, weil es nun vorbei war. Was kommt als nächstes? Das weiße Blatt war plötzlich leer und wartet darauf, neu bemalt zu werden.

Frau Master und ihre Träume

Das zweite Event, auf das ich noch deutlich länger hingearbeitet habe, als auf diesen wundervollen Workshop, war der Abschluss meiner NLP-Master-Ausbildung. Tja, und was soll ich sagen? Heute habe ich meine Arbeit abgegeben und morgen werde ich mein Master-Zertifikat in Händen halten. Eigentlich wollte ich and dieser Stelle inhaltlich von meiner Masterarbeit berichten, allerdings habe ich während der Supervision heute gemerkt, dass sich das nicht passend anfühlt. Diese Masterarbeit, mein Leading out Loud Circle, ist während der letzten eineinhalb Jahre zu meinem liebsten Baby geworden und jetzt ist es offiziell auf der Welt. Ich werde es im Rahmen meines Masters nicht mehr revidieren, nicht mehr abändern und auch nicht mehr weiterentwickeln können. Es ist fertig und draußen in der Welt. Es wird sich beweisen müssen, aber ich bin sicher, es wird erfolgreich dabei sein, mein Baby. Und die Mama hat gemerkt, dass in dem Moment, in dem ich die Arbeit meiner Ausbilderin in die Hand gedrückt habe, etwas zu Ende ging. Was zurückgeblieben ist, war ein leeres, weißes Blatt, das wartet, neu bemalt zu werden und diese Portion Wehmut, die bei mir jedes Mal gemeinsam mit der Frage “und was jetzt?” aufkommt. Ich muss wohl in die Vermarktung gehen und als ersten Schritt dachte ich mir, ich schreibe einen Blog über mein Baby. Aber im Moment ist da nur Leere… Leere und die Gedanken, die zurück zum Anfang meiner Reise gehen, als ich meine Ausbilderin Anita zum ersten Mal angerufen habe: Ich brauche diesen NLP-Master, weil ich das mit den Glaubenssätzen lernen muss. Ich habe so viel mehr gelernt, als nur Glaubenssatzarbeit. Klar, dieser Moment, in dem ich tatsächlich damit anfangen konnte, am wahrscheinlich toxischsten meiner Glaubenssätze zu arbeiten ist und bleibt das Highlight dieser Reise. Nein, der Glaube, als Mensch nicht gut zu sein, ist noch nicht ganz weggezaubert, aber er rückt von Tag zu Tag in ein neues, weicheres Licht und ich traue mich immer größere Träume zu träumen. Wenn mich NLP eines lehrt, dann dass man alles, was man träumen kann, auch erreichen kann, in “Baby-Steps”, wie es der wundervolle Ben Furman erklärt. Dieses Wissen möchte ich nicht nur als Coach in der Arbeit mit meinen Coachees nutzen, sondern auch in der Arbeit mit mir selbst!

Alles ist möglich, wenn aus Träumen Visionen werden. Deshalb freue ich mich darauf, nach einer kurzen Kreativpause das Blatt neu zu bemalen (und ja, ich bemale es anstatt es zu beschreiben!). Ideen und Pläne habe ich schon. Allerdings muss ich zugeben, dass es auch an der Zeit ist, etwas neue Kraft zu sammeln! Ich glaube ich werde mir den ein oder anderen Moment auf dem heimischen Sofa gönnen und nichts tun! Aus diesem Grund habe ich mir selbst zum Master-Abschluss Hausschuhe von Karl Lagerfeld geschenkt! Dekadent aber cool! Diese Schuhe werden mich jetzt erstmal unter die die Dusche und dann auf die Couch führen, eh es morgen in die finale Supervision geht. Und dann ist es wirklich vorbei…

Habt einen wunderschönen Sonntag.

Eure Constance

Ab auf die Couch

Denn wenn die Leere nach der Lehre kommt, braucht es eine Pause!