Persönlichkeit

Wie geht Kreativität? -Aus der Rubrik "Vom Gehirnbesitzer zum Gehirnbenutzer"

Für Laura

Was braucht es, um kreativ zu sein? Diese Frage stellt sich sicher jeder von Zeit zu Zeit. Laura stellt sie sich gerade wahrscheinlich sehr intensiv. Geht es doch darum, eine Hausarbeit fertig zu bekommen! Gut soll sie sein, kreativ soll sie sein und dann leuchtet auch noch diese Deadline inzwischen fast bedrohlich groß am Horizont. “Ich muss! Ich muss…!”, schallt es da durch den Kopf. Eine innere Stimme, die wir sicher alle nur zu gut kennen. Der innere Druck steigt und steigt, aber irgendwie will das Gehirn da partout nicht mitmachen. Der Kopf macht dicht, obwohl er doch muss! -Oder vielleicht sogar, weil er muss?

Mit steigendem Stresspegel schwindet der Verstand

Eigentlich ist es ja ein altbekanntes Phänomen: Je größer der Druck, desto mehr Stress, je mehr Stress, desto mehr Stresshormone toben durch den Körper und nicht nur durch den Körper, sondern auch durch das Gehirn, wo sie allerlei Unheil anrichten können. Diese verflixten Stresshormone - angefixt durch unser Angsthirn, die Amygdala, die all diesen Druck als konkrete Bedrohung wahrnimmt - sie flitzen durch unsere Großhirnrinde, jenen Teil unseres Gehirns, den wir für rationales Denken, aber auch für Kreativität brauchen, und legen ihn erstmal weitestgehend lahm. Psychologischen Nebel nannte die großartige Vera Birkenbihl diesen Zustand, der uns weit weg von jeder Form rational-kreativer Leistung katapultiert. Anstatt innezuhalten sagen wir uns nun für gewöhnlich “ich muss aber...”, was den Druck nur weiter steigert. Das wiederum führt dazu, dass die Amygdala noch lauter Alarm schlägt und eh wir uns versehen, sind wir in einem Teufelskreis, den wir noch nicht einmal wahrnehmen, weil unsere Großhirnrinde ja im Nebel steckt! Aussteigen wird schwer, zumal diese wilden Teufelskreise in unserer dynamischen und unüberschaubaren Welt allgegenwärtig zu sein scheinen. Wir müssen noch schnell dies und das, dabei ergibt sich noch jenes und wir sind so busy, dass wir keine Zeit haben, mal darüber nachzudenken, was wir denn eigentlich tun! “Eile mit Weile!”, hat meine Oma immer gesagt. Neuhochdeutsch heißt das jetzt wohl “Haste makes waste!”. Was passiert, wenn wir tief drin stecken im Nebel? Wir machen Fehler! Wenn es richtig dumm läuft, knallt es sogar! Doch anstatt langsamer zu fahren, aufmerksamer zu sein und die Nebelscheinwerfer einzuschalten, geben wir im Business-Umfeld lieber noch zusätzlich Gas! Der Mensch ist ganz sicher viel weniger klug, als es scheint!

Bewusste Entschleunigung zur anschließenden Beschleunigung

Guter Rat ist natürlich immer teuer und sich bewusst dazu zu entscheiden, langsamer zu machen wird meist auch seitens der Chefs nicht gerne gesehen. Trotzdem kann ich als Coach nur dazu ermuntern, diesen Weg zu gehen, sich dabei gegebenenfalls Unterstützung zu holen, oder sich selbst ein wenig zu zwingen. Meistens ist unser eigener innerer Schweinehund ohnehin viel gnadenloser, als es die gnadenlosesten und leistungsorientiertesten Chefs jemals sein könnten.

In der letzten Woche habe ich im Rahmen eines eintägigen Workshops eine Hand voll Kollegen mit sanften Druck dazu gebracht, mehr oder weniger freiwillig mal einen Tag aus diesem wilden Karussell auszusteigen und gemeinsam mit mir einen ganzen Tag der Selbstreflexion, dem Lernen und der Persönlichkeitsentwicklung zu widmen. Initial kam das so “so lala” an! Natürlich wurde schon eingangs erklärt, dass man sich sehr freuen würde, wenn es nicht so lange ginge. Einer der Teilnehmer war sogar so ehrlich zu sagen, dass er überlesen habe, dass das den ganzen Tag dauere, sonst hätte er sich nicht angemeldet (Anm. d. Red.: Immer auch das Kleingedruckte lesen!). Ob man das nicht auch in kleinen “Nuggets” verpacken könne, die man dann so nebenher machen könnte? -Wenn ein Tag so losgeht, ist das immer eine besondere Herausforderung für den Coach. So schaukelte ich mich mit meinen Teilnehmern zur ersten Kaffeepause, dann weiter zur Mittagspause. Die Stimmung wurde immer gelöster und ich bildete mir ein, dass meine Teilnehmer immer mehr bei der Sache waren. Ich konnte fast spüren wie sie aus dem Karussell ausgestiegen sind, innehielten, wenn auch nur für einen kleinen Moment. Am Ende das Tages habe ich um Feedback gebeten, vor allem auch in Hinblick darauf, was man weglassen könnte, denn es stehen noch weitere dieser Tage innerhalb eben dieser Organisation an. Die Antwort war erfreulich und vielleicht auch ein wenig erhofft: Nichts! Es war alles spannend und wichtig, auch die zeitintensiven Lernzielübungen um auch erfahrungsorientiert arbeiten zu können, wurden als ausgesprochen wertvoll empfunden. Man habe jetzt verstanden, warum der Workshop einen ganzen Tag dauern muss!

Wenn man etwas Neues lernen möchte, wenn man Verhaltensweisen ändern möchte, muss man für einen Moment innehalte, um dem Gehirn den notwendigen Raum und die notwendige Zeit zu geben. Klar hätte ich die Inhalte in kleine Nuggets packen können, lustige Häppchen für Nebenbei! Diese wären jedoch ganz sicher im Nirvana verpufft, weil der Stress des Alltages, der Druck, der allgegenwärtig ist, der Großhirnrinde die Möglichkeit genommen hätte, neue zarte Strukturen zu bilden, Neues zu verankern und sich dabei selbst zu reflektieren. Dann kann man es auch gleich sein lassen und seine Zeit als Coach sinnvoller investieren!

Wer Großes leisten will, Neues lernen, oder gar erfinden will, der muss dafür in der Lage sein, sein volles Potenzial auch nutzen zu können und wenn dieses volle Potenzial im dichten Nebel steckt, wird das unmöglich! Öfter mal Stopp sagen und innehalten, ruft hier nicht nur der Resilienz-Beauftragte, sondern auch der Coach, der Teams und ganze Organisationen in die schwindelerregenden Höhen der High Performance katapultieren soll! Die Festplatten eurer Computer habt ihr damals ja auch immer mal wieder defragmentiert, damit sie dann wieder schneller und geschmeidiger laufen. Gönnt das doch auch mal eurer eigenen Festplatte. Die ist nämlich noch nicht auf SSD-Standard!

Denn auch meine Festplatte muss mal wieder defragmentiert werden

Keine Sorge, noch nicht einmal Coaches wie ich kommen drumherum, auch ihren eigenen Gehirnen mal eine Pause zu gönnen. Ich habe letzten Sonntag tatsächlich zum ersten Mal seit einer ganzen Weile gemerkt, dass ich urlaubsreif bin, dass mein Kopf eine Pause braucht, um dann wieder top-kreativ zur Tat zu schreiten. Normalerweise freue ich mich sonntags immer schon auf montags. Ich arbeite tatsächlich ziemlich gerne. Letzten Sonntag, als ich abends auf der Coach saß, war da diese Stimme in meinem Kopf, die sich wünschte, es sei erst Samstag um sich einen Tag länger ausruhen zu können. Wie gut, dass ich nächsten Freitag meinen letzten Arbeitstag habe, um dann bis Ende des Monats Urlaub zu machen! Ja, diese letzte Woche wird es noch einmal in sich haben! Zwei Workshops und eine dicke, fette Großveranstaltung! Ich freue mich schon riesig, aber ich freue mich auch, danach dem Kopf eine Pause zu gönnen, um im November wieder durchzustarten. Es stehen spannende Dinge an, für die ich mein Gehirn, meinen Verstand und all meine Kreativität brauchen werde, um auch meinen ganz eigenen Ansprüchen gerecht zu werden. Aus diesem Grund wird auch mein Blog bis Anfang November pausieren. Die meisten kennen das ja schon aus der Vergangenheit: Wer mir auf den sozialen Medien folgt, bekommt natürlich auch weiterhin sonntags sein Gedankenfutter, allerdings in recycelter Form! -Quasi das Beste aus den letzten Jahren! Den Anfang macht nächsten Sonntag ein bisschen was zum Thema Terror, da sich schon sehr bald mal wieder die Erstürmung der Landshut in Mogadischu jährt. Danach gibt es dann zwei Wochen lang meine beiden vielleicht persönlichsten Blogs, eh ich wieder ganz neu kreativ werde!

Liebe Laura,

du siehst, du bist nicht allein im Nebel! Die Besten und Tollsten, die Professionellsten und Größten sind immer wieder da, wo du gerade bist. Und auch sie können alle nicht zaubern. Druck hilft nicht weiter. Vielmehr bedarf es Achtsamkeit und Wohlwollen, gerade auch mit sich selbst, um dem Gehirn die Möglichkeit zu geben, über sich hinaus zu wachsen. Ich weiß, Deadlines sind manchmal gnadenlos. Sie machen Angst und ihnen ist auch eine Grippe völlig egal. Aber du kannst nicht mehr als dein Bestes geben und dafür musst du eben auch Pausen machen, schlafen, spazieren gehen. Du musst die Sonne genießen und mit der Sonne das Leben! Denn genau das ist es, was dein Gehirn braucht, um sich dann wieder zu konzentrieren und um glücklich und zufrieden zu arbeiten. Es ist jetzt Samstag, 18:45 Uhr. Ich sitze an meinem Laptop und tippe diese Zeilen, hoffend dass du deinen inzwischen ausgeschalten hast. Morgen ist ein neuer Tag und du darfst deinem Kopf dann eine neue Chance geben. Was soll denn schon schief gehen? Entweder das Ergebnis wird als gut beurteilt, oder du hast eben deine erste Hausarbeit verhauen. Da kommen noch viele mehr und damit auch mehr Chance, um daraus zu lernen. Wenn du dein Bestes gegeben hast, darfst du trotzdem stolz auf dich sein, denn in diesem einem Leben, das wir haben, geht es nicht nur um Erfolg an der Uni oder später im Beruf! Was wirklich zählt, ist das Leben zu genießen und immer noch genügend Kapazitäten zu haben, um die Vögel singen zu hören…

Eure Constance

…They are in my head…

Denn es reicht nicht, ein Gehirn zu besitzen! Es ist hilfreich, es auch nutzen zu können!

Ich schaff's! -Heute mal was fürs Herz

Ben Furman und die glücklichen Kinder

In der letzten Woche bin ich im Rahmen einer eigenen Weiterbildung in die Untiefen der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) eingetaucht und irgendwie war mir bereits am Montag klar, dass ich an diesem Wochenende etwas über NLP würde schreiben wollen. Winterkorn und Konsorten nehme ich mir dann nächste Woche vor! Natürlich dachte ich an irgendeinen Klassiker, irgendwas mit Refraiming oder Pacing, oder so… Dachte ich! Schaue ich jetzt allerdings auf die letzte Woche zurück ist es etwas ganz anderes, das besonders nachhaltig in meinem Kopf hängen geblieben ist. De Facto glaube ich sogar, dass es nicht nur in meinem Kopf, sondern direkt in meinem Herz hängen geblieben ist.

Dank meiner wundervollen Ausbilderin Anita durfte ich den finnischen Psychologen Ben Furman kennenlernen, der sich vor allem mit problematischen Verhaltensweisen bei Kindern und Jugendlichen auseinandersetzt. Dies tut er mit einer derart respekt- und liebevollen Art, dass mir das Herz aufgeht und ich nicht umhinkomme, seine Methode, die er “Ich schaff’s!” nennt, mit euch zu teilen. -Nicht zu Letzt auch, weil wir ja alle das Kind in uns mit durch unser Leben tragen und vielleicht deshalb auch als Erwachsene davon profitieren können.

Von zarten Kinderseelen

Im Rahmen des Seminars haben wir unter anderem einen Vortrag von Ben Furman angeschaut, in dem er von einer Reise nach Japan berichtet. Eine Mutter kam mit ihrem Sohn, der zwanghaft seine Fingernägel abgekaut hat, zu ihm. Dieses Problem galt es zu lösen. Interessanterweise interessierte sich Furman zunächst überhaupt nicht für das Problem. Vielmehr beschäftigte er sich in den ersten zehn bis fünfzehn Minuten mit dem, was der Junge schon alles gut konnte. Woraufhin der Junge seine Mama bat, am liebsten den ganzen Tag beim Therapeuten bleiben zu dürfen. Offensichtlich hat er sich wohl damit gefühlt, all das berichten zu dürfen, was er schon alles kann. Wie gut kann ich diesen kleinen Mann hier verstehen! Sicher fühlte er sich sehr stolz.

Als es schließlich darum ging, herauszufinden, was denn wohl das Problem sei, fragte Furman nicht nach dem Problem, sondern danach, was der Junge denn noch alles lernen möchte, obwohl er doch schon so viel konnte. Er wollte lernen, nicht mehr an seinen Fingernägeln zu kauen.

Während mir an dieser Stelle schon das Herz aufging, weil ich so berührt von diesem respektvollen und achtsamen Umgang mit diesem kleinen Menschen war, setzte Furman noch einen drauf: Gleich damit aufhören zu wollen, an allen zehn Fingern zu kauen, sei doch ganz schön viel auf einmal. Der Junge stimmte zu und Furman schlug vor, zunächst erstmal mit einem Finger zu beginnen. Furman nannte das “Baby-Steps” und der Junge entschied sich für einen seiner Daumen. Er durfte sich sogar noch Unterstützer suchen. Mit Hilfe dieser kleinen Schritte und seiner Unterstützer konnte der Junge schnell erste Erfolge feiern und war schließlich so motiviert, dass es ihm gelang, seine neue Fähigkeit, keine Fingernägel mehr zu kauen, voll umzusetzen! Er hat nichts aufgegeben, oder mit nichts aufgehört, sondern etwas Neues angefangen.

Ich schaff’s!

“Ich schaff’s” nennt Ben Furman seine zauberhafte Methode, die er in sieben Schritte einteilt:

  1. Die Definition eines Ziels: Dieses Ziel soll dabei positiv formuliert sein. Es geht nicht darum, etwas sein zu lassen, oder sich zu ändern, sondern darum, eine neue Fähigkeit zu lernen. Lernen fühlt sich immer positiv an, finde ich!

  2. Diese Fähigkeit bekommt sogar einen richtigen Namen, damit sie greifbarer, realer wird.

  3. Da wir im NLP sind, bekommt die Fähigkeit auch einen Anker, oder ein Symbol, dass man nutzen kann, um nicht zu vergessen, was man lernen möchte. -Der berühmte Knoten im Taschentuch!

  4. Weil alles mit Unterstützung leichter geht, wählt man sich als nächstes ein paar Unterstützer aus. Es geht darum, sein Ziel zu teilen und mit der Unterstützung anderen, nicht allein, daran zu arbeiten.

  5. Im nächsten Schritt geht es darum, seine bereits etablierten, individuellen Muster für das Erreichen seines Ziels zu nutzen. Es geht darum, bewusst zu überlegen, wann es einem schon einmal gelungen ist, ein Ziel zu erreichen, oder etwas Neues zu lernen und wie man das gemacht hat.

  6. In Ben Furmans Welt ist es gar nicht schlimm, eine kleine Ehrenrunde zu drehen. Natürlich wird man wieder in alte Verhaltensmuster zurückfallen. Es ist sogar zu erwarten, denn diese alten Muster sind selbstverständlich im Vorteil. Hat man sie doch über Jahre hinweg geübt! Deshalb darf man auch gerne großzügig mit sich selbst sein. Man darf sogar liebevoll mit sich umgehen, wenn man seine neue Fähigkeit doch einmal vergisst.

  7. Zu guter Letzt kommt die Party! Natürlich müssen Erfolge auch ausgiebig gefeiert werden, auch die kleinen! Das macht man dann am besten mit all seinen Unterstützern!

Jetzt stell dir mal vor…

Den Ansatz von NLP, mit dem ich mich gerade beschäftige, hat einen hypnosystemischen Hintergrund, angelehnt an Dr. Gunther Schmidt. Hypnosystemisch… -Hört sich befremdlich für dich an? Keine Sorge, ist alles ausgesprochen wissenschaftsbasiert! Und weil das eine so gute Basis hat, hast du ja jetzt vielleicht Lust auf ein kleines Gedankenspiel.

Stell dir mal vor, es gibt eine Seite von dir, ein Verhalten, oder ein fehlendes Verhalten, dass du gerne ändern möchtest. Oder es gibt dieses eine große Ziel, dass du erreichen möchtest. Jetzt stell dir weiter vor, das Ziele wäre nicht, etwas sein zu lassen, etwas los zu werden, sondern etwas Neues zu erreichen oder zu lernen. Ich weiß nicht, wie es bei dir ist, aber ich bin nicht so gut darin, etwas sein zu lassen, oder etwas los zu werden. Das fällt mir immer schwer. Egal ob es die zwei Kilo extra sind, die ich gerne loswerden möchte, oder meine ewige Ungeduld, die ich gerne sein lassen möchte. Dieses “Loswerden” klappt bei mir meistens nur semi-gut! Worin ich aber offensichtlich gut bin, ist darin, neue Dinge zu lernen. Immerhin habe ich in meinem Leben schon so unglaublich viel gelernt, ich muss gut darin sein, etwas Neues zu lernen. Du ja vielleicht auch! Wenn dein Ziel also so formuliert ist, dass du durch lernen daran arbeiten kannst, ist es plötzlich erreichbar! Vielleicht ist das ja bei dir ganz ähnlich. Stell dir also vor, du weißt ganz genau, was du lernen möchtest, um dein Ziel zu erreichen, weil du dieser neuen Fähigkeit sogar einen Namen gegeben hast. Vielleicht hat sie in deiner Vorstellung vielleicht sogar eine Gestalt. Jedenfalls ist das für dich kein abstraktes Etwas mehr. Damit du das auch nicht vergisst, hast du dir einen Knoten in dein Taschentuch gemacht. Das Ziel und damit die Marschrichtung liegen also glasklar vor dir. Jetzt stell dir vor, du musst diesen Weg nicht allein gehen, weil du Menschen hast, die dich dabei unterstützen. So gehst du also los, getragen von deinen Unterstützern, in kleinen, aber dafür realistischen Schritten. Die ersten Erfolgserlebnisse treten schnell ein. Das wird natürlich gefeiert! Und falls du bei all deinen Baby-Steps mal eine kleine Ehrenrunde drehst, lächelst du und bist ganz entspannt mit dir selbst, weil du weißt, dass das normal ist und passiert. Du bist ein Mensch und so funktionieren Menschen nun mal! “Die alten Muster haben immer einen Wettbewerbsvorteil!”, sagt meine Ausbilderin Anita in solchen Fällen! Und Recht hat sie!

Du darfst dich gerne kurz zurücklehnen, vielleicht machst du sogar die Augen zu und lässt dich für einen Moment ganz bewusst auf dieses Gedankenspiel ein. Fühlt sich gut an, oder?

Mit den Ressourcen im Scheinwerferlicht

Manchmal frage ich mich wirklich was mit uns Menschen los ist! Von Kindesbeinen an liegt der Fokus auf den Defiziten, dem was man noch nicht kann, was man falsch macht, oder worin man unbedingt noch besser werden muss. Ben Furman interessiert sich nicht dafür! Was hilft es ihm, sich in endlosen Schleifen um das Problem zu drehen. Er möchte Lösungen finden und dabei sind vor allem unsere Ressourcen hilfreich, die internen, wie unsere Fähigkeiten, die wir alle in uns tragen, aber auch die externen, unsere Unterstützer, die Menschen um uns herum, die nur darauf warten, uns unterstützen zu dürfen. Oder wie würdet ihr reagieren, wenn euch jemand um Unterstützung bittet, wenn euch jemand ins Vertrauen zieht? Ich fühle mich jedes Mal geehrt! Wann habt ihr eigentlich das letzte Mal Menschen um Unterstützung gebeten? Ich tue es zu selten und strample mich viel zu oft alleine ab, um meine Ziele zu erreichen. Aber wahrscheinlich ist das nur mein ganz eigenes Thema und Ben Furmans Modell “Ich schaff’s!” ist doch nichts für Erwachsene, sondern nur etwas für das Kind in mir! Als Coach muss ich ja auch nicht immer Recht haben.

Ich wünsche euch einen schönen Sonntag!

Eure Constance

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Ich schaff’s!

Denkt sich auch mein kleiner Kurt und übt lustig weiter, aufs Sofa zu klettern…

Working Out Loud - So viel mehr als nur eine Methode

Und was ist das jetzt schon wieder?

Das Wissen, besonders Hoheits- oder Exklusivwissen, Macht ist, ist altbekannt! Mit diesem Leitsatz hat mein alter Herr mich quasi durch die Schule getrieben! Später, in Business-Umfeld entwickelte sich daraus die Idee, dass derjenige, der sein Wissen für sich behält, einen Wissensvorsprung hat und sich dadurch gegenüber anderen profilieren kann. Tatsächlich ist diese Einstellung durch die zunehmende Dynamik unseres Arbeitsumfeldes, nicht zuletzt durch die immer weiter um sich greifende Digitalisierung, Vergangenheit. In Zeiten des World Wide Webs haben sich die Vorzeichen radikal geändert. Zum einen ist es so, dass durch eine immer größer werdende Dynamik die Halbwertszeit unseres Wissens stetig abnimmt. Zum anderen ist es so, dass durch das Internet nicht mehr derjenige einen Vorteil hat, der sein Wissen für sich behält, sondern derjenige, der sein Wissen teilt. Für all die offenen Fragen unserer Welt gibt es schon lange nicht mehr diese eine Lösung. Vielmehr ist es so, dass der Austausch in unserer vernetzten Welt dazu führt, dass man sich gemeinsam, über Unternehmens- oder Bereichsgrenzen hinweg, einen Lösungsweg erarbeitet, indem man Wissen austauscht, oder sich Zugang zu Personen oder Institutionen erarbeitet, die zunächst unerreichbar schienen. Im Prinzip sind wir alle “Influencer”, vernetzt mit anderen “Influencern”, die sich gegenseitig unterstützen und weiterbringen.

Der Erste, der diese Grundidee unter dem Begriff “Working Out Loud” in die Welt gekippt hat, war der IT-Berater Bryce Williams, der im Jahr 2010 einen Blogartikel unter der Überschrift “When will we start to work out loud? Soon!” veröffentlichte. Williams beschäftigte sich mit der Notwendigkeit der “Social Collaboration”, bzw. des “Collaborative Learnings” in einem komplexen und dynamischen Umfeld. Hierbei ging es ihm zunächst vor allem darum, das eigene Wissen, die eigenen Erfahrungen und die eigene Arbeit sichtbar und transparent zu machen, damit möglichst viele andere davon profitieren können. Im Prinzip steckt in diesem Ansatz auch die Grundidee der sogenannten Lernenden Organisation, mit der sich Amy C. Edmondson schon viele Jahre zuvor beschäftigt hat. Im Kern also nichts Neues, aber konsequent und sehr praxisnah auf die Welt der sogenannten New Work angewendet.

Vom Mindset zur Methode

Es war ein weiterer Berater, John Stepper, der die Idee des Working Out Loud, also der konsequenten Transparenz und Vernetzung, zu einer echten Methode ausgebaut hat. Hierzu hat er zunächst die fünf Grundprinzipien des “WOL” formuliert:

  1. Visible Work: die eigene Arbeit sichtbar zu machen und Ergebnisse zu teilen und zwar nicht der Selbstdarstellung wegen, sondern um andere weiterzubringen und zu unterstützen.

  2. Growth Mindset: die eigene Arbeit kontinuierlich verbessern, indem man Feedback und die Erfahrungen anderer aktive nutz und einbindet.

  3. Generosity: großzügig Wissen zu teilen, ohne eine Gegenleistung zu erwarten und damit das eigene Netzwerk nachhaltig zu stärken.

  4. Relationships: ein soziales Netzwerk aufbauen (wir sind wieder bei den “Influencern”) um interdisziplinäre und nachhaltige Beziehungen zu etablieren, die jeden Einzelnen im Netzwerk weiterbringen.

  5. Purposeful Discovery: eine zielgerichtete Zusammenarbeit, was so viel bedeutet, dass ich mein Ziel, meinen Purpose, kenne und weiß, wie ich die Ressourcen meines Netzwerks nutzen kann, um dieses Ziel zu erreichen und mir gleichzeitig bewusst ist, welchen Beitrag ich leisten kann, um mein Netzwerk zu stärken und voranzubringen.

Aus diesen Grundprinzipien entwickelte Stepper schließlich den sogenannte WOL-Circle, in dem sich Gruppen von etwa fünf Teilnehmenden über einen Zeitraum von zwölf Wochen einmal pro Woche für eine Stunde zusammensetzen um gemeinsam und voneinander zu lernen, wie man am effektivsten teilt und sich vernetzt. Zusätzlich geht es darum, gemeinsam die jeweils individuell für die zwölf Wochen gesetzten Ziele zu erreichen. Hierbei steht jede Woche unter einer neuen Überschrift, die von “Vertrauen schaffen” in Woche eins, über “Mache es zur Gewohnheit” in Woche zehn, bis hin zu einem bewussten Abschluss in Woche zwölf führen. -Eine wie ich finde wundervolle Struktur für ein effektives Peer-Coaching!

Von der Methode zurück zum Mindset

Die Methode hat inzwischen Einzug in die Personalentwicklung vieler namhafter Unternehmen, wie zum Beispiel IBM oder Daimler gehalten. Allerdings ist die Grundidee von WOL keinesfalls auf Großkonzerne beschränkt. Im Gegenteil! Working Out Loud unterstützt die Vernetzung der Mitarbeitenden und deren Wissensaustausch untereinander unabhängig von der Größe eines Unternehmens. Ich persönlich würde sogar weiter gehen und behaupten, dass Working Out Loud noch nicht einmal an Unternehmensgrenzen gebunden ist, oder gebunden sein sollte. Ich nehme mich selbst mal als Beispiel und schaue mir mein über die Jahre hinweg gewachsenes Netzwerk aus Trainern, Coaches, Mediatoren, (agilen) Beratern, Personalern und so weiter an und schon während ich darüber nachdenke, wird es mir ganz warm ums Herz! Ja, ich finde ich bin verdammt gut in dem was ich tue! Jedoch muss auch gesagt sein, dass ein absoluten Hauptgründe dafür, dass ich so gut in meinem Job als Berater, Coach, Trainer bin, ist dass ich mich rasant und stetig weiterentwickle und das tue ich vor allem, in dem ich mich immer wieder mit anderen austausche. Dabei bin ich wahnsinnig dankbar dafür, dass mein Netzwerk nur allzu bereitwillig Ideen, Konzepte, Tools, Ansichten, Perspektiven mit mir teilt. Das geht so weit, dass wir Arbeitsmaterial teilen und ich gebe mein Bestes, um meinen Beitrag in diesen großartigen Mastermind-Gruppen zu leisten und eben auch großzügig zu teilen. Klar sind wir irgendwie alle Konkurrenten. Klar könnte man das so sehen! Allerdings bin ich nur so erfolgreich geworden, wie ich heute bin, weil ich jeden anderen Trainer oder Coach vor allem als Kollegen gesehen habe und sehe. Ich habe immer unterstützt und ich bin heute da, wo ich bin, weil auch ich immer unterstützt wurde. Und so reite ich weiter auf meiner coolen Welle durch diesen unübersichtlichen, schnelllebigen und chaotischen Ozean der sogenannten New Work und bin dabei wirklich tiefenentspannt. Ich muss nämlich keine Angst haben etwas zu verpassen oder zu übersehen! Weiß ich doch, dass ich als einzelner Coach ohnehin nicht in der Lage bin, diesen Ozean zu überblicken. Aber gemeinsam mit meinem Netzwerk bekommen wir das hin und “empowern” uns gegenseitig, damit wir auch weiterhin in der Entwicklung und somit eben auch immer auf dem neusten Stand bleiben! Die Idee von Working Out Loud, das gemeinsame Lernen, ist hierbei ein zuverlässiger Leuchtturm, der jedem von uns dabei hilft, die Richtung zu halten, bzw. die Orientierung nicht zu verlieren.

Und was macht der Coach aus “Working Out Loud” -zurück zur Methode…

Da ich natürlich auch im Rahmen meines Blogs gerne teile, möchte ich euch zum Ende hin noch flott verraten, warum ich heute ausgerechnet über Working Out Loud schreibe. Ich verkünde ja immer wieder, dass ich in meinen Artikeln am Wochenende das zusammenfasse, was mich in meiner Arbeitswoche beschäftigt hat. In der letzten Woche hat mich das Thema Führungskräfte beschäftigt. Konkret ging es darum, Führungskräfte zu stärken und ihnen in dem Chaos, unserer dynamischen, komplexen und unübersichtlichen Arbeitswelt einen Fixpunkt zu geben, damit sie wiederum diese Sicherheit an ihre Mitarbeitenden weitergeben können. Mir geht es schon seit Langem nicht mehr nur darum, Führungskräfte zu entwickeln oder zu coachen (was auch immer das jetzt genau bedeuten soll). Vielmehr ist es meine Idee Führungskräfte in Führungsteams, bzw. Teams aus Führungskräften zu formieren, damit sie sich gegenseitig die Unterstützung und die Sicherheit geben können, die es braucht, um das Schiff sicher durch den alltäglichen Sturm zu steuern. Meine Idee ist es, Führungskräfte in Working Out Loud Circles zusammenzufassen, damit sie so zwölf Wochen lang mit einer Stunde Zeitinvest pro Woche in den Austausch und die Entwicklung als Team aus Führungskräften kommen und dabei auch gleichzeitig an ihrer ganz individuellen Sichtbarkeit und Kommunikation arbeiten. Mal schauen, ob das funktioniert. Auch in agile Strukturen erleben ich es auf Führungsebenen immer wieder, dass Wissen eben doch als Macht gesehen wird, besonders wenn einem alle anderen Machtsymbole durch eine agile Transformation genommen wurden, oder weil man völlig berechtigt vor allem auch an die eigene berufliche Weiterentwicklung denkt und glaubt sich gegen andere durchsetzen zu müssen. Die Krux ist jedoch leider, dass man es einfach nicht alleine schafft, sich durchzusetzen. - Nicht in diesem dynamischen und komplexen Umfeld, in dem wir uns inzwischen bewegen und das wir alleine beim besten Willen nicht überblicken können. Ja, Wissen ist Macht, aber nur wenn wir es teilen! Deshalb wollte ich meinen Ansatz übrigens auch “Leading Out Loud” (LOL) nennen! Ich dachte, ich hätte endlich das Konzept, das mir Ruhm und Ehre verschafft… Dachte ich! Es gibt aber schon so etwas Ähnliches! -Weiß ich dank des World Wide Webs und weil Menschen dort eben alles teilen! Mist, mal wieder zu spät!

Keine Ahnung, ob ich das mit dem “Working/Leading Out Loud Circle” umsetzen werde, bzw. ob die betreffenden Führungskräfte mitmachen! Und ich verrate euch noch ein Geheimnis: ich hab das mit dem Circle noch nie als Coach durchgezogen! Ich kenne die Theorie. Die Praxis ist mir noch fremd! Jedoch habe ich auch hierfür jemanden in meinem Netzwerk gefunden, der mir weiterhelfen kann! Natürlich könnte Heike ihre Erfahrungen mit dem Circle für sich behalten, um sich im Wettbewerb mit mir einen Vorteil zu verschaffen. Macht sie aber nicht, weil wir am Ende doch gar nicht im Wettbewerb sind und sie vielleicht ja auch davon profitieren kann, wie ich das Grundprinzip weiterentwickle, bzw. anpasse! Ich freue mich auf jeden Fall auf den Austausch und darauf von Heike zu lernen und zu gegebener Zeit meine Neuerungen mit ihr zu teilen! Ein Hoch auf die Agilität, also das agile Mindset, nicht die Methoden… Ihr wisst schon…

Teilt und lernt! Seid laut dabei! Und habt einen schönen Sonntag!

Eure Constance

Wie ein Leuchtturm

Wenn geteiltes Wissen Richtung und Struktur schenkt